Sanchos Esel

Jelenas Rücken bei der Preisverleihung von Oviedo (2)

Das Schöne an der Preisverleihung von Oviedo ist, dass man nie vorher weiß, was einen beeindruckt und begeistert (wenn denn etwas dabei ist) und was einen eher ernüchtert, gar enttäuscht. In unangenehmer Erinnerung blieb zum Beispiel 2003 der Auftritt von Susan Sontag, die sich gegenüber der Frau, mit der sie den Preis teilte, arrogant und geringschätzig verhielt. In ausgezeichneter Erinnerung blieben die Beine von Steffi Graf.

Womit wir beim Thema wären, dem überraschenden Anblick des nackten Rückens der russischen Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa. Ich sollte vorausschicken, dass ich mich bis dahin weder mit diesem Sport noch mit der Dame – und noch weniger mit ihrem Rücken – eingehend beschäftigt hatte. Als ich nach Asturien flog, wusste ich nur, dass Jelena, wie ich sie jetzt der Einfachheit halber nennen möchte, eine der erfolgreichsten Sportlerinnen der Erde und vielmalige Weltrekordhalterin in ihrer Disziplin ist. Entsprechend hatte ich mich auch nicht gefragt, wie es aussieht, wenn sich ein solcher Mensch in feierlicher Garderobe präsentiert. Ich kannte sie ja kaum im Sportdress. Dass sie als erste und einzige Frau die fünf Meter überwunden hatte, war an mir vorbeigegangen. Noch weniger hatte ich einen Gedanken an die Frage verschwendet, wie weit Jelena in der Wahl ihres Kleides gehen würde. Nun, sie ging sehr weit. Sie hatte ein Kleid an, das man wohl nur fleischfarben nennen kann und das, wie ich später aus Gesprächen heraushörte, einige Betrachter in Zweifel darüber stürzte, was denn an Jelenas Anblick Kleid und was Fleisch gewesen war. Namentlich die Gesäßpartie ließ Ungewissheit darüber entstehen, ob die Sportlerin überhaupt etwas unter ihrem Kleid trug. Ich sage das als Beobachter von einem hinteren, aber mittig gelegenen Platz aus. Meine Vermutung ist, dass Jelenas Kleid diese Zweifel wecken sollte, in Wahrheit aber recht züchtig war, sofern man das noch sagen darf, wenn ein Kleid solche Zweifel weckt. Sie wissen ungefähr, was ich sagen will.

Der Rücken war etwas ganz anderes. Jelenas Rücken lag frei. Und da Jelena groß ist, kann man dasselbe von ihrem Rücken sagen. Außerdem ist dieser Rücken außerordentlich muskulös. Als sie unter Beifall nach vorn an den Tisch des Kronprinzen ging, um ihre Urkunde in Empfang zu nehmen, konnten wir das unglaubliche Muskelspiel auf der Rückseite ihres Torsos auch aus größerer Entfernung erkennen. Es erinnerte an eine junge Tigerin, wenn Sie den Vergleich gestatten. Nicht, dass ich schon viele Tigerinnen bei Preisverleihungen gesehen hätte. Egal. In dieser Sekunde wurde uns klar, dass Jelenas tägliches Leben ganz anders aussieht und jedenfalls nichts mit Fräcken, Zeremonien und alten Herren in Krawatten zu tun hat. Später, bei der Bildersuche im Internet, habe ich dann Fotos entdeckt, auf denen man sie mit diesem schwarzen Schmier an den Händen sieht, von dem ich vermute, dass er das Packen und Festhalten des Stabs erleichtert. Andere Fotos, die sie in Aktion zeigen, enthüllen die ungeheure Muskelkraft dieser Athletin. Aus der Nähe besehen, ist sie durchaus zum Fürchten. Also, mich wunderte gar nichts mehr. So einen Menschen in ein Abendkleid zu packen musste einen gewaltigen Eindruck machen.

Die Blicke der Betrachter habe ich übrigens nicht studiert. Ich blickte ja selbst. Ich hatte keine Zeit für etwas anderes. Als Jelena die Preisurkunde in Empfang genommen hatte, ging sie mit gedämpfter Anmut (ihr Schritt hat naturgemäß etwas von Sportplatz und Spandex) nach vorn an die Rampe und warf mit schwungvollen Bewegungen Kusshände ins Publikum. Darauf steigerte sich der schöne Beifall noch einmal beträchtlich. Man könnte sagen, er brandete auf. Und in dieser Sekunde war allen klar, dass Jelenas Kleid, ihr Rücken, die Kusshände in den Zeitungen des nächsten Tages einen privilegierten Platz beanspruchen würden. Ich will aber nicht verschweigen, dass ich später auch Kritik hörte. Und las. Etwa in einem Blog der Gratiszeitung 20 minutos (Sie müssen dort etwas herunterscrollen), der Jelenas Kleid als völlig unmöglich bezeichnete. Ich will mich nicht zum Richter über Garderobenetikette aufschwingen, bin auch kein Experte in diesen Dingen. Ich beschränke mich auf den Hinweis, dass Jelenas Rücken ohne dieses Kleid nicht denselben Eindruck hervorgerufen hätte. Und dass die meisten von uns für diesen Eindruck dankbar waren. 

Da Sie sich daran gewöhnt haben, in diesem Blog die schlechtesten Fotos zu sehen, die man im Netz zu Gesicht bekommt, will ich Sie auch heute nicht enttäuschen. Ich habe im Gedränge Bilder gemacht. Natürlich halten die Leute nicht still, was die Aufgabe kompliziert, denn mein Telefon ist nicht das beste. Außerdem will ich nicht, dass die Gäste merken, dass ich fotografiere. Es ist zum Beispiel sehr leicht, diskret eine Damenfrisur von hinten aufzunehmen. Ich habe ein paar davon in meiner Sammlung. Allerdings schaue ich sie mir nicht so oft an, weil sie wenig vom Reiz des gesellschaftlichen Ereignisses verraten.

Viel schwieriger ist es, an den Prinzen heranzukommen. Lassen Sie mich um des Lokalkolorits willen aus einer älteren Reportage zitieren, die ich über die Preisverleihung des Jahres 2001 schrieb. Damals war der Prinz noch nicht verheiratet und galt als begehrtester Junggeselle Spaniens. Seinen Auftritt bei der Verleihung der Prinz-von-Asturien-Preise erlebte ich so:

„Dass die Veranstaltung einen besonderen Reiz hat, liegt an der Begeisterung, mit der Oviedo dem Kronprinzen und den Preisträgern huldigt. Auch das Madrider Establishment, das einen Tag lang die aufregendsten Kleider, elegantesten Krawatten und duftigsten Parfums und Haaröle nach Asturien gebracht hat, weiß die entspannte Atmosphäre zu würdigen. Rund vierzig Dudelsack- und Folkloregruppen, insgesamt tausend Musiker aus der ganzen Provinz, ziehen durch die Innenstadt. Sie begleiten die berühmten Leute auf dem Weg vom traditionsreichen Hotel de La Reconquista zum Teatro Campoamor, und sie spielen ihnen auf, bevor sie zur Zeremonie ins Theater einziehen.

Wenn dann alles vorbei ist, strömen die geladenen Gäste zum Empfang ins Hotel zurück. Man steht im großen Patio, wo es angenehm kühl ist, oder wandelt durch die alten Gänge und Festsäle. Es ist voll, die Häppchen sind unaufregend, aber die Parfüms und Haaröle kommen jetzt richtig zur Geltung. Auch Königin Sofía gibt sich die Ehre. Jeder weiß um ihr Interesse an Kultur und Politik und dass dies für sie kein beliebiger Pflichttermin ist. Beobachtet man sie im Gespräch, versteht man sofort, warum die Spanier sie lieben.

In einem schönen hohen Saal, der einmal die Kapelle war, steht der Kronprinz, größer als alle anderen. Er darf angesprochen werden, deshalb herrscht in seiner Nähe Gedränge. Es ist witzig, wie sich alle verwandeln in seiner Gegenwart. Dass Mädchen und junge Frauen ihn anhimmeln, ist begreiflich. Junge Männer jedoch sind kaum anders – auf rauhere Art. Wenn junge Männer herantreten, um ihm die Hand zu geben, drehen sie sich in der Bewegung fast schon wieder ab, als erkennten sie seine Überlegenheit an (auch sie müssen zu ihm aufschauen), wollten aber nicht auf das kameradschaftliche Zeichen, das in einem Händedruck liegt, verzichten. Dadurch bekommt die Geste etwas von sportlicher Demut.

Eine große junge Frau mit dunklem Haar steht in einiger Entfernung da und verspeist den Prinzen mit den Augen. Sie sieht zauberhaft dabei aus, sie lacht, sie schmachtet, scheint aber keine Eile zu haben, die Kampfzone wirklich zu erreichen. Ohne den Blick vom Prinzen zu wenden, sagt sie etwas zu ihrer Mutter. Jetzt hat sich eine kleine Freche vor den Prinzen geschoben, schüttelt seine Hand und spricht ein paar rasche Sätze zu den luftigen Höhen hinauf, dort, wo die hoheitsvollen Ohren sind. Die wartende Dunkle achtet nicht auf die kleine Freche. Als sie selber an die Reihe kommt (sie hat sich mit wahrnehmbarer Entschlossenheit vorgeschoben, nachdem sie sich mit ihrer Mutter ein letztesmal beraten hat), streckt sie dem Prinzen ihre große, blasse Hand entgegen, lächelt ein Lächeln, das entwaffnend wäre, wenn der Prinz sich Zeit dafür nähme, und geht nach links ab. Warum glaubt man, in dieser Szene ein Argument für die Monarchie zu sehen?“ 

An diese wunderbaren Minuten musste ich in diesem Jahr beim abendlichen Empfang wieder denken, als in meiner Nähe plötzlich Gedränge zu spüren war. Ich schaute in einen angrenzenden Saal und entdeckte den Prinzen, groß wie ein Leuchtturm, im Gespräch. Er und Doña Letizia (welche ich nicht sah) waren offenbar im Begriff, sich zurückzuziehen. Solche Rückzüge gehen nicht ohne Gefechte ab, vergleichbar einem Musketier, der mit dem Rücken zur Treppe fechten muss und sich, letzte Degenstöße austeilend, langsam nach oben arbeitet, um seine Verfolger abzuschütteln und von einem Zimmer im ersten Stock aus auf den Rücken des unten wartenden Pferdes zu springen.

Ich beschloss, im Gedränge auszuharren und ein paar diskrete Bilder zu machen. Das Ergebnis sehen Sie hier. Was meine Fotos an Qualität nicht aufweisen, gewinnen sie an innerem und äußerem Drama. Sie sehen die Anspannung in den Zügen der Sicherheitsbeamten. Doch keine Sekunde lang verliert der Prinz die Haltung. Sein Gesicht bleibt aufmerksam, verbindlich und freundlich.

Auch Doña Letizia hat sich an diese Kämpfe an seiner Seite gewöhnt. Sie ist benachteiligt, weil sie nicht so groß ist wie er und zu den Menschen keinen natürlichen Abstand halten kann. Insofern wäre die muskulöse Jelena im Vorteil, zumal, wenn sie ihren Stab mitbringen würde. Mit dem Stab ließen sich die Menschen schön auf Abstand halten. Aber Doña Letizia hat keinen Stab. Man sieht es auf diesen Bildern.

Und natürlich können wir uns leicht vorstellen, wie erschöpft sie nach dem (irrigerweise so genannten) „Bad in der Menge“ gewesen sein muss. Keine Frage, sie hat den schwierigeren Teil der Aufgabe. Ich bin froh, dass sie aus Asturien stammt und das Ganze als Heimspiel betrachten kann.

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