Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Wie es aussieht, wenn acht Zigeunerinnen Lorca spielen

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Es war brechend voll. Freie Platzwahl. Die vergangene Woche hindurch spielten in Sevilla acht Zigeunerinnen García Lorca. Was ich dazu sagen möchte, stand auch in der Zeitung. Aber für die Bilder war kein Platz. Hier kommen ein paar. Einige gute. Und dann, wie gewohnt, meine unübertroffen schlechten Telefonfotos aus dem Barbereich.

Es war brechend voll. Freie Platzwahl. Die vergangene Woche hindurch spielten in Sevilla acht Zigeunerinnen García Lorca. Was ich dazu sagen möchte, stand auch in der Zeitung. Aber für die Bilder war kein Platz. Hier kommen ein paar. Einige gute. Und dann, wie gewohnt, meine unübertroffen schlechten Telefonfotos aus dem Barbereich.

Bernarda Albas Haus lässt sich auf viele Arten verstehen – als bitterböse Dorfgeschichte, Karikatur des spanischen Matriarchats, Lehrstück über unterdrückte Sexualität oder Studie zur Hysterie später Mädchen. Federico García Lorca hat sein letztes Theaterstück, das er Drama, nicht Tragödie nannte, mit Bedacht in reinen Schwarzweißtönen gehalten. Weiß wie die Wände, hinter denen die diktatorische Mama ihre fünf Töchter wegsperrt, oder das Bettlaken, aus dem das Blut der erwiesenen Jungfrau herausleuchten soll. Schwarz wie die Trauerkleidung, die Bernarda Alba ihren nach Männern dürstenden Mädchen acht Jahre lang aufzwingen will.

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Das Theater Atalaya TNT im Norden Sevillas hat die Sache jetzt einmal anders aufgezäumt. Aus einem Workshop im vergangenen Jahr ging die Idee hervor, Lorcas Stück von acht Zigeunerinnen aus dem Elendsviertel El Vacie spielen zu lassen, angeblich die älteste Hüttensiedlung Europas. Einerseits verkörpern die Frauen die lebendige gitano-Tradition, auf die der Dichter und Dramatiker sich besonders in Frühwerken wie den Zigeunerromanzen bezog, und warum sollte man den Stoff nicht einmal dem Volk zurückwerfen, aus dem er so erkennbar gekommen ist? Andererseits brachten die acht Ausgewählten eine ernsthafte Einschränkung mit: Sechs von ihnen können weder lesen noch schreiben. Bis letztes Jahr hatten sie auch noch kein Theater von innen gesehen. „Ich wusste nicht, was das ist“, sagt Rocío Montero Maya, die mit hartem Blick und dem Stock in der Hand die Bernarda Alba spielt. Natürlich wusste auch niemand von ihnen, wer Lorca war.

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Drei Monate lang kamen die Darstellerinnen jeden Tag zur Probe und lernten den Text. Der Fußweg ist nicht weit; ein paarhundert Meter trennen das Theater von der Hüttensiedlung, die anständige Sevillaner niemals betreten würden. Um sich an die Sätze erinnern zu können, warfen die Frauen sich Bälle zu und sprachen dabei ihren Part. Es ist nicht der vollständige Lorca; doch dafür läuft die kurzweilige Szenenfolge der Regisseurin Pepa Gamboa nie Gefahr, der klaustrophobischen Enge der Bernarda-Alba-Tyrannei zum Opfer zu fallen. Immer wieder gibt es Szenenapplaus.

Die Bühne ist leer bis auf eine sechsstufige graue Metalltribüne und den Hühnerstall, in den die Großmutter gesperrt wird, wenn sie wieder mal im Weg steht. Bernardas Töchter könnten unterschiedlicher nicht sein. Manche sind sehr mächtig, und ihre Oberarme haben den Umfang junger Bäume. Die Schönste von ihnen sagt etwas, und man sieht, dass ihr zwei Zähne fehlen. Nein, sie werden in diesen sechzig Minuten nicht zu Profis, doch sie spielen die bockigen, mauligen oder verträumten Töchter, wie es die Situation erfordert, und manche der Platitüden, in denen sich ihre Gefangenschaft ausdrückt, sprechen sie im Chor. Stark sind sie im Leichten, Derben und Burlesken, eine Seite, die auch zu Lorca gehört. Dann singen sie die Zigeunerschöpfung Flamenco, und es passt, denn Sängerinnen und Gesungenes fallen in eins. Die einzige Nichtzigeunerin, Marga Reyes als Dienerin Poncia, ist zugleich die einzige professionelle Schauspielerin. Wie ein guter Geist schwebt sie über dem Bühnenwirken der anderen und zeigt, dass Lorca auch dem Schimpfen Poesie abzugewinnen wusste.  

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Durch Frische und Unmittelbarkeit gelingt es den Zigeunerinnen, an Wurzeln von Lorcas Kunst zu rühren, die hinter der sinnsuchenden Abstraktion erfahrener Ensembles leicht verborgen bleiben. Das persönlichste Tondokument, das von ihm erhalten ist, führt ihn 1931 als ausgelassenen Musiker vor, der die Sängerin La Argentinita (mit Kastagnetten) auf dem Klavier begleitet. Der Dichter sah in der Kultur der gitanos eine Quelle der Poesie, aber auch den stärksten Ausdruck für ein Leben am Rand der Gesellschaft. Diesen fundamentalen Tatbestand machen die Akteurinnen spürbar, und das Publikum im ausverkauften Saal begreift, dass es dabei um mehr geht als Theaterpädagogik. Es ist Rollenspiel als Rettung und Chance auf einen Neubeginn. Die Zigeunerinnen sagen es selbst. „Früher haben uns die Leute nicht einmal angesehen. Jetzt grüßen sie uns und laden uns sogar zum Kaffee ein, denn wir sind nicht mehr dieselben. Wir haben uns verändert.“

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Viele Kinder scharen sich um die Frauen, als sie sich nach der Aufführung im Foyer an die lärmende Bar stellen, wo es Flaschenbier und Hühnchenstreifen gibt. Auch die jüngste Schauspielerin ist mit zwanzig schon zweifache Mutter. Das Publikum besteht aus Kulturbeflissenen, Abgerissenen und gepiercten Punkmädchen mit rasierten Köpfen. Glückwünsche und schmatzende Wangenküsse fliegen umher. Wenn die Seligkeit nach dem Schlussapplaus sich nicht verflüchtigt und noch keiner gehen will, muss es etwas zu bedeuten haben.

Im Dezember geht Bernarda Albas Haus in Spanien auf Tournee, und auch andere Städte werden begreifen, wieviel Theater ausrichten kann. Ich stelle mir vor, wie fremd sich die Schauspielerinnen unterwegs fühlen werden, wenn irgendwelche Kulturmenschen auf sie einreden. Sie sind nicht daran gewöhnt, beobachtet, gemustert und kommentiert zu werden. Zumindest nicht so. Oben sehen Sie einen fröhlichen Moment nach der Aufführung. Das Bild unten macht den Eindruck, als wäre den Frauen der ganze Rummel zuviel. Eine von ihnen erzählte mir aber, sie wollten unbedingt wieder Theater spielen. Jetzt, wo sie wüssten, wie es geht! 

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Fotos: Luis Castilla (1), Javier Pineda (2, 3), Sanchos Esel (4, 5)


46 Lesermeinungen

  1. Lieber Herr Ingendaay,
    Wenn...

    Lieber Herr Ingendaay,
    Wenn ich Sie etwas interpretieren darf: Ihre Bemerkung, dass es „dabei um mehr gehe als Theaterpädagogik“ assoziiere ich mit dem Unterschied zwischen gut gemeint und gut und ich verstehe Sie so, dass das eine wirklich gute, eine gelungene Aufführung war. Vielleicht weil sich da Poesie und Wirklichkeit getroffen haben? Schön, dass Sie dabei sein konnten – wobei ich sagen muss, so richtig beneidet habe ich Sie eigentlich eher um Ihren Sitzplatz im Camp Nou (auch da Poesie und Wirklichkeit ?)
    Übrigens (und entschuldigen Sie, falls ich das wissen sollte): wo findet sich denn Ihre „ordentliche“ Rezension des Abends in Sevilla?

  2. Ja, Stoeffler, das stimmt....
    Ja, Stoeffler, das stimmt. Danke für Ihre Deutung. Und ich kann verstehen, dass Sie gern im Camp Nou gewesen wären. Es war ein außergewöhnlicher Abend. Ich habe schon einige clásicos gesehen, aber das war der beste.
    *
    Die Rezension für die Zeitung (manche Artikel werden im Netz freigeschaltet, manche nicht – diese wurde es wohl nicht) unterscheidet sich von dem Blogeintrag dadurch, dass Sie etwas kürzer ist und keine Bilder hat. Der wesentliche Teil ist identisch. Sie wissen jetzt also das, was ich für die Zeitung geschrieben habe, und etwas darüber hinaus. Hin und wieder erlaube ich mir, Zeitungsartikel für den Blog zu erweitern und mit Bildern zu versehen.

  3. Noch etwas. Hier können Sie...
    Noch etwas. Hier können Sie lesen, was ich im Camp Nou gesehen habe:
    https://www.faz.net/s/Rub5666FDF1E760432F8F8515A5C4F1543A/Doc~E28411D8CC46748AB9E9C34F3A4B54E3D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  4. Um es gleich vornweg zu...
    Um es gleich vornweg zu nehmen: ich bin ein absoluter Verehrer Lorcas. Meines Erachtens spiegelt er das dunkle und negative von Andalusien, Kastillien…. das ländliche und katholische Spanien mit seiner patriarchalischen Ordnung und Macht – die ebenso von Frauen verinnerlicht und ausgeübt werden kann – perfekt wieder. Wann immer ich Lorca lese oder aufgeführt sehe, habe ich das Gefühl des Erkennens. Logischerweise ist es weder meine Generation noch mein Leben. Doch da pulsiert „la España negra“, nicht die Zigeuner, obwohl auch diese – aufgrund ihrer ebenfalls autoritären und patriarchalischen Sozialstruktur -. Aber Lorca ist Spanien. Soviel ich weiss gab es Aufführungen in denen Bernarda Alba von einem Mann gespielt wurde, warum auch nicht mit Zigeunerinnen die vielleicht selbst von ihren Töchtern verlangen dass man bei ihrer Hochzeit die „drei Rosen aus ihrem Körper holen kann“. Denn das ist – leider – immer noch üblich (habe ich erst vor wenigen Monaten von einer 13-jährigen baskischen (??) Zigeunerin gehört, und wird als Stolz auf ihre Kultur ausgegeben. Und einen grösseren Widerspruch zu Lorca kann ich mir nicht vorstellen. Deshalb sind die Schauspielerinnen vielleicht auch so verwirrt, dennn im Grunde genommen sind sie näher an der hartherzigen Bernarda Alba denn an ihren lebenssüchtigen Töchtern. Theater ist etwas grosses beeindruckt immer, deshalb hat sich Lorca ja auch so mit „La Barraca“ begeistert. Aber ob Theater etwas die Menschen ändert, daran zweifle ich sehr. Wenn der freie Geist und die Neugier fehlen, hilft alles nichts. Zweigelsohne muss der Schauspieler sich nicht mit der Rolle identifizieren. Das wäre nicht nur naiv, sonder direkt blöd. Aber es gibt Widersprüche die es zu gross sind für alle, auch für die Zuschauer.

  5. Lorca hat mich übrigens ganz...
    Lorca hat mich übrigens ganz unvorbereitet getroffen. Eigentlich wollte ich von Málaga erzählen, wo ich das Wochenende verbracht habe weil ich amatxu hingefahren habe. Sie hat ein „puente foral“, also nicht nur frei zwischen dem 6. und 8.12 (wie ganz Spanien), sondern da sie in Navarra lebt, wo der 3.12. ebenfalls Feiertag ist, hat sie schon letztes Wochenende feste Positionen in milderen Gefielden eingenommen.
    Málaga ist nicht unbedingt die schönste Stadt Andalusiens, aber sie hat einen Reiz der mich immer wieder beeindruckt. Ich glaube es ist die spanische Stadt die mehr Literaten und Künstlern, auch ausländischen, in ihren Strassennamen nennt. Ich weiss nicht so genau wer eigentlich die Strassen benennt, aber es muss in Schüben geschehenn, so dass es gut möglich ist, dass ein und die selbe Person für viele Strassen verantwortlich ist. Nun, in Málaga muss es wirklich ein sehr gebildeter und künstlerisch sensibler Mensch gewesen sein. Die Strassen die ich meine liegen so ziemlich im Stadtkern, also nicht in neu und künstlich gewachsenen Vierteln. In welcher anderen spansichen Stadt haben Freud, Franz Kafka oder Thomas Mann Strassen oder Plätze? Wo sonst werden Grieg, Hemingway, Tagore, Oscar Wilde, Moliere, Saint Exupery, Mark Twain, Kant, Kandinsky, Hermanas Bronte, Pirandello oder James Joyce geehrt? Und nicht nur die schaffenden Künstler werden – auf Zeit – verewigt, sondern auch ihre Geschöpfe: Max Estrella (Valle-Inclán), Quasimodo, Shanti Andia (Pío Baroja), Robinson Crusoe, selbst Rocinante hat eine eigene Strasse. Demnächst sollte also Sanchos Esel auch, mindestens, einen kleinen Platz bekommen. Ich denke da an die dulce Dulcinea und ihr Gänse-Märchen (Danke dafür), und stelle mir vor, dass ein wenig erfolreicher Künstler der den Durchbruch nicht geschafft hat, sein Leben als grauer Beamter der Gemeinde Málagas fristet, und sein einziger Trost besteht darin denen die er verehrt und liebt – Schöpfer und Geschöpfe – seinen Dank dafür, dass sie sein Leben bereichern, auszudrücken in dem er Strassen durch die er täglich läuft nach ihnen zu benennen. Das sind seine Perlentränen.

  6. Die Straßennamen von Málaga...
    Die Straßennamen von Málaga wären eine Geschichte wert, mugabarru. Danke für den Hinweis.

  7. Hallo.

    Neu hier als...
    Hallo.
    Neu hier als „Kommentator“ ihrer Einträge, wollte ich mich nur bedanken für die nette Beurteilung und Zusammenfassung des Stücks. Ich bin derzeit aufgrund eines Auslandssemesters in Sevilla und werde mir dieses Stück nicht entgehen lassen. Letzte Woche war ich leider verhindert.
    Danke für ihre guten Beiträge, Paul Ingendaay, ich bin schon länger fleißiger Leser.

  8. Danke, Taero. Mit dem Stück...
    Danke, Taero. Mit dem Stück könnten Sie Pech haben. Am 4. Dezember ist es in Valladolid zu sehen, wenn ich mich richtig erinnere. Schauen Sie mal auf der Webseite des Teatro Atalaya TNT nach.

  9. nicht ganz unproblematisch. -...
    nicht ganz unproblematisch. – mir wurde beim ersten ueberfliegen des artikels etwas mulmig – und beim zweiten lesen bestaetigt es sich nur. – ich erinnere mich an theaterstuecke in den 90ern, die von einer truppe geistig behinderter gegeben wurden. ganz aehnlich haben die rezensionen dort geklungen – ganze passagen koennte man einfach copy/pasten – es bliebe dasselbe. – – nur, das ist es natuerlich nicht. – und hier liegt beim lesen ihres artikels – und beim leben in spanien ganz generell auch – eine spannung die ein egalitaergesinnter – egalitaergetrimmter – humanist aushalten muss.
    ist mir nicht angenehm. – und angenehm ist es mir beispielsweise auch nicht, mit welcher radikalverachtung ich der penetranz telefonterrorisierender callcentersklaven mittlerweile begegne.

    in was fuer einer blase wir faz-sozialisierten leben, das wurde mir auch bei diesem blick in den guardian klar https://www.guardian.co.uk/world/2009/nov/16/drug-clans-shanty-town-madrid
    ist das das gleiche stadt, in der ich auch zu hause bin? – wohl kaum. – ist das die gleiche erde, der gleiche planet auf dem auch ich lebe? – muss wohl sein. ganz schmerzfrei erklaeren kann ich mir das – mitten in europa zudem – allerdings nicht.

  10. Glauben Sie nicht, abfeldmann,...
    Glauben Sie nicht, abfeldmann, dass Ihre copy/paste-Formulierung gedankenlos ist? Wenn sie Ihren eigenen Text einmal nicht überfliegen, sondern lesen?

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