Sanchos Esel

Unverlangt erhaltene Elektropost (2): Erbauliche und andere Tiergeschichten

Natürlich könnte ich jetzt wieder die frische Elektropost zeigen, die ich von unseren Airbus-Freunden erhalten habe. Die mit den Trocken- und Nasskontakten. Sie erinnern sich. Die Bildanhänge, welche die Airbus-Presseabteilung mir schickt, werden immer größer. Ich weiß zum Beispiel, wie die sechs Piloten heißen, die den Apparat kommende Woche in Sevilla fliegen werden, und ich weiß, wie sie aussehen. Aber lassen wir das. Denn eigentlich hatte ich mir für die Adventszeit und den Vortag zum Nikolausfest etwas anderes vorgestellt. Nämlich einige rührende Gedanken zu Tieren, die nicht das Glück haben, Sanchos Esel zu sein. Es war vor zwei Jahren um dieselbe Jahreszeit, als ein geschätzter Kollege unserer Zeitung mich fragte, ob ich nicht etwas über Knut schreiben wolle. Knut, den Eisbären. Aus Anlass seines ersten Geburtstags.

„Wieso sollte ich etwas über Knut schreiben?“ fragte ich. „Ich habe Knut doch noch nie gesehen.“
„Ich kann Ihnen Bildmaterial nach Madrid schicken“, sagte der Kollege. „Daran soll es nicht scheitern. Es gibt zwei DVDs über ihn.“
Zwei DVDs? Alle Achtung.“
„Ja. Knut ist sehr berühmt.“
„Aber warum ich?“ wiederholte ich.
„Haben Sie nicht einen Roman über einen Schüler in der Pubertät geschrieben? Über die Schwierigkeiten des Aufwachsens und so? Wir dachten uns, da hätten Sie vielleicht auch etwas über den aufwachsenden Knut zu sagen.“
„Ja, aber… kommt Knut denn in die Pubertät? Wann beginnt die denn bei Eisbären?“
„Das ist ja das Interessante. Wir glauben, er steckt mittendrin. Schon ist die Rede davon, wie lange sein Pfleger sich noch an ihn herantrauen kann, ohne einen Tatzenhieb abzubekommen. Und auch von möglichen Partnerinnen wird gesprochen. Knut, könnte man sagen, befindet sich in einem ganz kritischen Alter. Und in wenigen Wochen wird er ein Jahr alt. Verstehen Sie?“

Ich verstand. Und ich ließ mich darauf ein. Im späten November 2007 schrieb ich eine Phantasie über Knut. Zu seinem ersten Geburtstag. Der, nebenbei gesagt, auch heute wieder gefeiert wird. Knut, ein richtig großer Eisbär, wird schon drei! Damals jedoch stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn er… nun, wenn es Sie interessiert, lesen Sie selbst.

Bevor ich es vergesse. Ich habe noch weitere Elektropost bekommen, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Diesmal etwas wirklich Kulturelles, wie Sie es in diesem Blog gewohnt sind. Das Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC), ein sehr schönes Museum, das Sie unbedingt einmal besuchen sollten, hat das Gemälde Toros (estesa de cavalls) o A l’estiu, tota cuca viu von Ramon Casas gekauft. Der Kaufpreis betrug 410.000 Euro.

Auf diese Mitteilung dürften die Menschen sehr unterschiedlich reagieren. Meine spontane Erstreaktion war: Ach, für läppische 410.000 Euro kann man schon einen Ramon Casas kaufen? Vielleicht sollte ich mal anfangen zu sparen.

Für alle, die nicht wissen, wer Ramon Casas war, sage ich einfach: ein wunderbarer Maler des katalanischen Modernismus. Geboren 1866 in Barcelona, gestorben 1932 ebendort. Enger Freund von dem ebenfalls wunderbaren Santiago Rusiñol; die beiden haben sich gegenseitig dabei gemalt, wie sie sich gegenseitig malen. Das gibt es nicht oft. In Deutschland ist Casas weitgehend unbekannt, weil bis zum Jahr 2000 (so weit überschaue ich es) nur zwei seiner Bilder jemals in deutschen Ausstellungen zu sehen waren, eines in München, das andere in Berlin. In Barcelona hatte ich schon mehrmals das Vergnügen, von Adela Rocha, der Presseverantwortlichen des Liceu, in die Klubräume des Opernvereins geführt zu werden. Dort hängt ein Dutzend seiner Bilder, geschmackvoll illuminiert, zum ewigen Ruhm des katalanischen Bürgertums.

Über die Kunst von Casas möchte ich allgemein nur zweierlei sagen. Einmal, dass er in vielen Genres großartig war – Porträt, Akt, Interieur, Landschaft, sozialkritische Massenszenen, dazu Zeichnungen und Werbegrafik, insbesondere für Anisschnaps. Und dann, dass er nach dem obligatorischen Aufenthalt in Paris – Picasso, den er 1900 mit dem Kohlestift porträtierte, war in denselben Jahren dort – nicht die Karriere des Avantgardisten einschlug, der er hätte werden können, sondern sich in Barcelona, auf dem Passeig de Gràcia, ein schönes Atelier einrichtete, wo sich die wohlhabende Schicht der Stadt von ihm in Öl malen ließ.

Casas liebte Zigarren und Wein, heißt es, und ihm gefiel das gute Leben. Mir wiederum gefällt der Gedanke, er habe um dieser nicht gerade trägen, aber doch angenehm gepolsterten Existenz willen auf eine größere Karriere verzichtet, die er sich durch das Durchbeißen auf dem Markt in Paris und den Aufstieg in die Champions League des Modernismus hätte erkämpfen können. Ramon Casas war offenbar einer, der nicht kämpfen wollte und sich mit seinem lokalen Ruhm begnügte. Und dafür wünscht man ihm einen viel größeren, als er ihn außerhalb Kataloniens hat. Dürfte ich zwei spanische Ölbilder um 1900 stehlen und bei mir aufhängen, die Wahl könnte auf einen Sorolla und einen Casas hinauslaufen, bei letzterem übrigens auf dieses Werk von 1892.

O je. Unversehens bin ich von der erbaulichen Tiergeschichte in die hartgesottene Tiergeschichte geraten. Denn Ramon Casas hat, wie Sie oben sehen, auch Stierkampfszenen gemalt. Ein Blick auf die Details lohnt immer. Dort spüren Sie, wie erschütternd die einzelnen Bildteile sind. Zu Casas‘ besten Zeiten trugen die Pferde der Picadores übrigens noch keinen Schutzmantel, die kamen erst später auf und brauchten Jahrzehnte, bis sie so dick waren, dass die Pferde nicht mehr starben. Dafür wiegen diese petos heute so viel, dass die Pferde nach ihrem Einsatz, wenn sie müde im Hof der Plaza de toros stehen, manchmal umfallen. Gut, ich mache hier Schluss. Große Kunst ist selten lieb und noch seltener weihnachtlich. Denken wir einfach daran, dass Knut in Berlin drei Jahre alt geworden ist und nach meiner Rechnung schon ein richtiger Mann genannt werden kann.

(Fotos: Museu Nacional d’Art de Catalunya)

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