Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Ein einziger zahlender Gast in Pastrana

| 22 Lesermeinungen

Das Convento del Carmen, wo ich gerade wieder fünf Tage war, liegt auf einer Anhöhe und kehrt dem einen Kilometer entfernten Dorf Pastrana seine weniger pittoreske Seite zu. Der schöne Blick „nach vorne", wie ich es nennen würde, geht auf ein langes Tal hinaus, das wie geschaffen wäre für einen Fluss. Ortskundige bezweifeln allerdings, dass es hier jemals so etwas gab, denn nicht weit entfernt fließt der breite Tajo, und Hügelfalten wie jene, die man vom Fenster aus sieht, gibt es in diesem Teil der Provinz Guadalajara viele.

Das Convento del Carmen, wo ich gerade wieder fünf Tage war, liegt auf einer Anhöhe und kehrt dem einen Kilometer entfernten Dorf Pastrana seine weniger pittoreske Seite zu. Der schöne Blick „nach vorne“, wie ich es nennen würde, geht auf ein langes Tal hinaus, das wie geschaffen wäre für einen Fluss. Ortskundige bezweifeln allerdings, dass es hier jemals so etwas gab, denn nicht weit entfernt fließt der breite Tajo, und Hügelfalten wie jene, die man vom Fenster aus sieht, gibt es in diesem Teil der Provinz Guadalajara viele.

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Pastrana in diesem Monat war anders als sonst, nicht nur wegen der großen Kälte. Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit haben hart zugeschlagen, und obwohl man Restaurant und Hotel von Madrid aus in weniger als anderthalb Stunden erreichen könnte – genau die Entfernung, die Spanier gern für ihre escapada zum Wochenende nutzen -, nahm dort am vorletzten Samstag keine einzige Menschenseele Platz. Kein einziges Mittagessen! Vom Abend mal zu schweigen. Am Sonntag kam ich.

Einen Tag vor meiner Ankunft hatte ich einen Anruf erhalten, der Heizkessel sei ausgefallen, es gebe im Convento del Carmen kein warmes Wasser. Der Handwerker sei wegen der Feiertage erst am Mittwoch zu erwarten. Ob ich meine Reservierung stornieren wolle.

Ich wollte nicht. Bei großer Kälte wäscht man sich ohnehin nicht so gern. Und da ich keine sportliche Betätigung geplant hatte, dachte ich: Das überstehen wir.

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Um durch die schweren Zeiten zu kommen, hat der Hotel- und Restaurantbetrieb in Pastrana seinen Personalbedarf sehr weit nach unten gefahren. Der einzige Mensch mit Anwesenheitspflicht rund um die Uhr ist Miguel, ein neunzehnjähriger Rumäne, der das Telefon bedient, allein durch die kalten, endlos langen Flure läuft und nebenbei auch noch kocht, wenn sich jemand bis in den Speisesaal verirrt. Über den Tag kommt ein zweiter Miguel, Spanier und deutlich älter, sowie Celia an der Rezeption. Damit die Belegschaft mal etwas Nettes hörte, lobte ich die überirdische Ruhe, die im Klostergebäude herrsche. Tatsächlich konnte ich völlig ungestört schreiben, da ich die zweite Etage ganz allein bewohnte, allein beim Frühstück saß und mutterseelenallein auch die beiden anderen Mahlzeiten einnahm. Mein Zimmer, wie Sie wissen, ist immer die Nummer 211, die auch vom ehemaligen spanischen Verteidigungsminister Federico Trillo genutzt wird. Immer, wenn ich komme, wird mir von ihm erzählt. Doch dass ihm immer, wenn er kommt, von mir erzählt würde, wage ich zu bezweifeln.

Miguel der Jüngere stammt aus Transsylvanien und sagte, ihm gefielen Vampirfilme, was ich lustig fand, vermutlich, weil ich nicht mit Vampiren aufgewachsen bin. Am ersten Tag wollte er sehr viel reden, er hatte Nachholbedarf; das legte sich später, und zur besseren Verteidigung führte ich immer ein dickes Buch mit, in dem ich las, während ich seine sopa castellana löffelte. Am Dienstag nachmittag schleppten Miguel und Miguel einen großen Kessel heißen Wassers aus der Küche in mein Badezimmer hinauf, damit ich die Wanne füllen und mit den wesentlichen Teilen des Körpers untertauchen konnte. Das tat gut. Danach fühlte ich mich nicht nur äußerlich gesäubert, sondern auch seelisch erquickt und geradezu geläutert. In diesem Zustand relativer Sauberkeit sah ich am Mittwoch, in eine Wolldecke gehüllt, im bitterkalten großen Versammlungssaal die zweite Hälfte des Spiels des FC Barcelona. Von dieser Art waren meine unschuldigen Freuden.

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Im Lauf der Tage gingen die Obstvorräte zur Neige, doch das überraschte mich nicht. Erst die Äpfel, dann die Kiwi. Nur die Melonen hielten bis zum Schluss. Zwischendurch fehlte es auch einmal an Milch. Rindfleisch gab es in den ersten drei Tagen, dann nicht mehr. Ich hatte Verständnis dafür. Es wäre lächerlich gewesen, für eine einzige Person einzukaufen. Man sollte Gäste, meine ich, überhaupt viel stärker in die wirtschaftlichen Erwägungen (und Engpässe) des Hotelbetriebs einbeziehen, damit sie Solidarität entwickeln und Verständnis für die allfälligen Einschränkungen aufbringen; vielleicht könnten sie – die Gäste – ja durch Holzhacken oder das Verrichten leichterer Arbeiten im Haus zur Überwindung punktueller Notsituationen beitragen.

Durch Miguels (des Älteren) Freundin Gisela, die aus der Dominikanischen Republik stammt, erhielt ich Einblick in die Situation der Menschen hier. Gisela lebt seit anderthalb Jahren in Spanien; im ersten Jahr hatte sie in Pastrana Arbeit im Haus einer alten Frau, die sich ganztägig betreuen ließ, Putzen und Einkaufen inbegriffen. Dafür gab sie Gisela fünfhundert Euro im Monat. Vor sechs Monaten wurde das Arbeitsverhältnis beendet. Seitdem ist Gisela arbeitslos und wartet darauf, dass es besser wird.

Bald wird die Arbeitslosenquote in Spanien mehr als zwanzig Prozent betragen. Im Zweitausendseelendorf Pastrana, wo fast nur Alte wohnen, sind natürlich keine Jobs zu finden. Wer kann, verschwindet von hier; der Bus nach Guadalajara fährt einmal am Tag. Wer bleiben muss, duckt sich und trinkt nicht einmal mehr das Glas Wein in der Kneipe, sondern lieber zu Hause. Wieder einmal fiel mir auf, dass sich die Menschen nicht beklagen, obwohl sie bereitwillig von ihrer Not erzählen. Womit ich meine, dass sie nicht maulen, nicht jammern, nicht nörgelig und pessimistisch werden, obwohl sie bei den gegenwärtigen Aussichten allen Grund dazu hätten.

Celia erzählte mir, der unselige Heizkessel habe dem Hotel die letzten paar Gäste genommen, die es an jenem Wochenende hätte haben können; acht, neun Personen wollten nicht ohne heiße Dusche sein und annullierten ihre Reservierung fürs Wochenende.

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Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass in diesem Gebäude einmal der Orden der barfüßigen Karmeliter zu Hause war. Einer von ihnen, genannt „der heilige Taube“ (Sie sehen ihn hier auf einem Bild aus dem siebzehnten Jahrhundert), nahm die Gebeine seiner verstorbenen Mitbrüder und fügte sie in den Altar ein (Bild darüber), der in einem kleinen Gewölbe unterhalb des Gemüsegartens steht, von dem ich letzten Winter schon einmal erzählt habe. Wieviel Mörtel die folgenden Generationen hinzugefügt haben, weiß ich nicht; wie alt die verbleibenden Knochen sind, auch nicht. Die Franziskaner, die hier bis vor einigen Jahren ansässig waren, erzählten mir aber, dass Touristen ganze Totenschädel aus dem Stein herausgebrochen und als morbides Souvenir mitgenommen haben. 

In dem kleinen Gewölbe soll übrigens auch San Juan de la Cruz (der heilige Johannes vom Kreuz) einige Jahre seines Lebens verbracht haben. Die heilige Theresa von Ávila nannte ihn, seiner geringen Körpergröße wegen, den „halben Mönch“. Ich kann mir nicht denken, dass er ein Heizöfchen dabeihatte.


22 Lesermeinungen

  1. sanjandro sagt:

    Nun ja, zumindest Zapatero /...
    Nun ja, zumindest Zapatero / Solbes könnte doch für eine Fortsetzung von „Warum Du mich verlassen hast“ dienen, oder?

  2. donalphonso sagt:

    Wenn es bei der Atmosphäre...
    Wenn es bei der Atmosphäre der drohenden Abwesenheit wie in dieser Geschichte hier bleibt, braucht es keine Blutsauger, das trägt so, wie es ist, viel besser.

  3. mugabarru sagt:

    Nach meinem Geschmack sind...
    Nach meinem Geschmack sind Vampire auch nicht. Zu trendy. Ich würde mich eher auf Gespenster in der alten, ehrwürdigen Tradition halten. Die Totenschädel, oder die Überbleibsel wenigstens, sind ja noch erhalten.
    Eine interessante und literarisch vielleicht ergeibige Kombination wären ja ihre Aguirre und unser alter Arzallus.

  4. Madrid sagt:

    Zumal die alten Flure, Don...
    Zumal die alten Flure, Don Alphonso, diskret mit alter Musik beschallt werden. Und im dummen kleinen Dorf nebenan nur alte Menschen wohnen.

  5. Dulcinea sagt:

    Das ist Spanien, nicht wahr?...
    Das ist Spanien, nicht wahr? Wo sich ein einziger zahlender Gast auch in wirtschaftlich ungünstigen, kalten, apfelarmen Zeiten auf den langen Fluren die, sagen wir, Symphonies pour les Soupers du Roy anhören darf, während er seiner dünnen Suppe entgegenstrebt? Wie schön ist das! Das gibt es am Tegernsee eher nicht, glaube ich.

  6. Madrid sagt:

    Nun, Dulcinea, dafür hat der...
    Nun, Dulcinea, dafür hat der Tegernsee seine eigenen Reize, wie ich lese. Ich selbst brauche wenig Wasser, um glücklich zu sein. Kein Meer. Keinen See. Nur alle zwei Tage ein heißes Bad. Und ein bisschen sauberes Wasser für den grünen Tee.

  7. abfeldmann sagt:

    die "drohende abwesenheit",...
    die „drohende abwesenheit“, wie der nennspanier don alphonso sagt, ist ebenso typisch fuer spanien wie die draengende fuelle in ihren metropolen. – wer jetzt versucht, in einem madrider restaurant einen tisch zu bekommen, oder sich um die mittagszeit im wagen zu wieder einem weihnachtsessen bewegen moechte, der wuenscht sich – vergeblich freilich – ein bischen mehr abwesenheit und ein bischen mehr trendig konsumaversen krisenvibe. – nein, hier wird gefeiert, wie eh und jeh, dass die schwarte kracht. – party like it s 2007, heisst die devise. – zumindest 2009. – und 2010 auch wieder. – 20% arbeitslosigkeit, 27%…. – come on. – wo gefeiert wird, wird gefeiert. und das ist – ganz offensichtlich – hier. und sicher auch in pastrana. der spanische wein, hochpreisig oder weniger, schenkt seinen segen ueberall. dazu braucht es dann auch keinen zahlenden gast, sondern nur einen befreundeten winzer mit ueberkapazitaet. und wer haette den nicht in dieser zeit der flauen exporte.

  8. Dulcinea sagt:

    Soeben fand ich - rein...
    Soeben fand ich – rein zufällig – einen sehr schönen Zeitungsartikel über die Musik oder vielmehr über Orchestermusiker, den Ernst des Lebens und britische Städte mit B. Und auch wenn er nichts mit Pastrana zu tun hat, möchte ich diesen Bericht aus dem Jahr 2005 gern mit Ihnen allen teilen: https://www.andante.com/article/article.cfm?id=26181. Ich finde, er paßt sehr gut in unsere besinnliche Vorweihnachtszeit.

  9. pardel sagt:

    Wir vs Stuttgart, Sie vs...
    Wir vs Stuttgart, Sie vs Lyon… ob sich jemand aufrafft, mit mir nach Stuttgart zu fahren? Von Berlin aus muss es doch Billigflüge geben. Werd´ mal nachfragen müssen.
    mugabarru: Es gibt in der Tat nicht nur Barcelona und Madrid in Spanien, und irgendwie sind Ihre leones (in diesem Fall eher: cachorritos de leones, so jung waren sie) auch weitergekommen. Gratuliere. Aber wirklich gut sah das, was sie gegen Bremen geboten haben, nicht aus. Das ist steigerungsfähig. Dann schaffen Sie auch Anderlecht.
    Vorerst allerdings haben culés anderes im Kopf. Morgen wissen wir mehr.
    abfeldmann: Meine Generation tanzte eher zu Prince Let´s dance like it´s 1999 oder noch älteres, natürlich. Damals wäre Ihre Analyse genauso zutreffend gewesen. Our favourite dance was the decadance. Besinnlich war das nicht, aber Spaß hat´s gemacht!

  10. mugabarru sagt:

    Dulce Dulcinea danke für den...
    Dulce Dulcinea danke für den netten link. Der Artikel hat mich an ein Interview mit Mascóerinnert. Sie erzählte von ihrem ersten Auftritt auf einem Catwalk. Sie war so stolz und glücklich, dass sie die ganze Zeit nicht nur gelächelt sondern richtig gestrahlt hatte. Daraufhin wurde sie ermahnt, dass dies nicht professionell sei, sie solle gefälligst ernst auftreten. Als ich noch ein Junge war habe ich amatxu gefragt warum alle Models (in den Modezeitschriften) so böse blickten. Ich verstehe es heute noch nicht. Kann sein dass dies profesionell ist, ich sehe aber nur verärgerte Gesichter.
    Bitte kann mir jemand den Begriff „Nennspanier“ erklären? Ich verstehe es nicht.
    Abfeldmann sie verstehen einen Teil der Spanier (Katalanen und das ländliche Kastillien selbstverständlich ausgenommen) einfach nicht. Egal wie knapp man bei Kasse ist, egal worauf man sonst verzichtet, auf das Ausgehen wird nicht verzichtet. Die ganze Woche über war ich übergeschäftigt mit dem Wahrnehmen sozialer Verpflichtungen: Abendessen und anschliessende copas mit Mitgliedern meiner ehemaligen Pfadfindergruppe, mit ehemaligen Kollegen (die, die im Sommer und im Oktober gefeuert wurden), mit den Kumpels mit denen ich Fussball spiele, mit ehemaligen Schulfreunden, mit meinen Arbeitskollegen….. Es ist einfach unumgänglich, und auch ein Vergnügen. Wowon sollten die Restaurants und Bars denn sonst leben bis zu den Pfingstferien oder bis im Mai Kommunionen, Hochzeiten usw. beginnen, wo man „la casa por la ventana“ wirft? Ein Spanier, die genannten ausgenommen, können auf Vieles verzichten, doch nicht auf das Ausgehen. Der Kühlschrank hält noch einige Monate, gespart habe ich sowieso nie, Aktien na ja nach dieser Krise wer traut schon den Geldinstitutionen…, Reisen nur wenn ich bei Freundne oder Bekannten unterkomme, aber meine Freunde und Bekannten nicht treffen weil ich weniger cash habe? Nie und nimmer! Carpe Diem!!
    Pardel danke für ihre Feinfühligkeit. Aber es gibt bestimmte Themen die nur zu Hause gestanden werden. Jeder Spanier der nicht in Madrid oder Barcelona lebt und sich für Fussball interessiert, identifiziert sich zu Hause mit einem equipo und der dazugehöigen Feindschaft (was könnte ich über die Real lästern) und dann noch mit einem der Grossen…
    Hier ein paar links zu baskischem Fussball. Eines ist schon ein paar Jahre alt, aber immer noch gültig. Ausserdem passt es zu meiner jetzigen Lektüre des ersten Teil von Pinillas Trilogie (bin fast am Ende…. der Lektüre)
    https://www.eltxokodeigorsanroman.com/2009/06/crisis-en-los-equipos-vascos-de.html
    https://www.elpais.com/articulo/deportes/futbol/vasco/desploma/elpepidep/20070311elpepidep_7/Tes
    Also besinnlich sind meine Weihnachten nie. Trotzdem wünsche ich allen Mitlesern und schreibenden Mitgliedern, dass sie diese Zeit so verbringen wie es ihnen passt.

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