Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Szenen aus dem wirklichen Leben: Die Frau

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Die Frau weiß nicht, dass ich jetzt über sie schreibe, und ich werde es ihr nicht erzählen. In ein paar Tagen, wenn mein Steuerfreistellungsantrag bearbeitet ist, sehe ich sie wieder, am Schalter der Madrider Steuerbehörde, und sie wird wie immer pampig schauen, schlecht gelaunt die erforderlichen Bewegungen ausführen und am Ende der Operation einen mürrischen finalen Stempel auf das Formular drücken.

Die Frau weiß nicht, dass ich jetzt über sie schreibe, und ich werde es ihr nicht erzählen. In ein paar Tagen, wenn mein Steuerfreistellungsantrag bearbeitet ist, sehe ich sie wieder, am Schalter der Madrider Steuerbehörde, und sie wird wie immer pampig schauen, schlecht gelaunt die erforderlichen Bewegungen ausführen und am Ende der Operation einen mürrischen finalen Stempel auf das Formular drücken. Womit ich nicht sagen will, die Frau machte diese Sachen nicht gut. Im Gegenteil. Sie erledigt alles mit einer gewissen missgelaunten Effizienz. Ihre miese Stimmung strahlt so stark nach außen, dass sie jeden, der sich ihr nähert, zur Eile treibt, ohne ein Wort zu sagen. Ich muss schon bis in sehr frühe Schultage zurückgehen, um mich an eine ähnlich starke Vibration zu erinnern, die durch die eigenwillige Mischung aus Misanthropie und Amtsmacht entstand.

Dennoch sage ich mir seit Jahren: Vielleicht ist die Frau im Privatleben sehr nett. Sie wird Angehörige haben, auch wenn ich mir ihren Ehemann weder ausmalen kann noch in seinen Schuhen stecken möchte. Vielleicht hat sie ja eine erwachsene Tochter, die immer noch bei ihr wohnt und um die sie sich kümmert, weil ihr Eheman vor vielen Jahren eine besser gelaunte Lebenspartnerin wollte? Das könnte doch sein. Ja, sie wird eine Tochter haben. Und diese Tochter, da bin ich sicher, wird die Frau „Mama“ nennen und ihr gelegentlich einen Kuss auf die Wange geben. Eine abwegige und gerade deshalb sehr schöne Vorstellung.

Ich kenne die Frau seit sechs Jahren, wenn „kennen“ das richtige Wort ist. Steuerfreistellungsaufträge wollen erneuert sein, man muss zum Amt, und da sitzt sie, zuverlässig wie vor drei Jahren. Ihren Namen kenne ich nicht. Sollte ich ihn erfragen? Im Lauf der Zeit hat die Frau ihre Frisur geändert. Das pechschwarz gefärbte Haar ist sorgfältig gefönt, Spanish style, bestimmt gibt es für das Kunstwerk auf ihrem Kopf einen klingenden Namen aus dem Friseurhandwerk. Fast hätte ich sie diesmal für eine andere gehalten, wenn der griesgrämige Blick mich nicht an den Menschen von damals erinnert hätte. In der Zwischenzeit haben sie in der Behörde auch umgebaut, alles schöner und heller gemacht und ein paar Felder im Publikumsbereich mit Mirófarben angemalt, damit die Räume vergessen lassen, wozu die Menschen hierherkommen. Doch was die Frau betrifft, könnte ich mir denken, dass sie sich gegen den Umzug gewehrt hat. Die Frau, da bin ich mir sicher, mag keine Umzüge. Die Frau mag auch keine Veränderungen. Außer an ihrer Frisur. Alle fünf bis sieben Jahre.

Als ich den Antrag eingereicht hatte, tat ich etwas, was ich an mir nicht mag. Ich sagte überflüssigerweise: „Die Angaben müssten vollständig sein.“ Ich wollte verbindlich klingen. Die Frau ignorierte die Bemerkung. Sie traut nur ihren eigenen Augen, und ihre Augen waren dabei, zu prüfen, ob meine Angaben vollständig waren. Als sie mit der Prüfung fertig war (die Angaben waren vollständig), nahm sie einen Stift und schrieb das Abholdatum in ein Feld. Der bezeichnete Tag war sieben Tage später. Nur sieben Tage! dachte ich.
„Das geht ja schnell“, sagte ich unwillkürlich. Und um der Frau eine kleine Freude zu bereiten, wer weiß, vielleicht auch, um sie doch einmal lächeln zu sehen, ein einziges Mal nur, fügte ich an: „Wirklich erstaunlich.“
Die Frau sah nicht einmal auf. „Manchen geht es noch immer nicht schnell genug“, sagte sie.
„Oh“, sagte ich. „Ich finde das sehr schnell.“
„Manchen geht es aber immer noch nicht schnell genug.“
Ich ging.

Ich kam sieben Tage später wieder.
Ich erhielt meine Steuerfreistellung.
Und ich dachte: Drei Jahre. Vielleicht probiere ich es in drei Jahren noch einmal.


81 Lesermeinungen

  1. Dulcinea sagt:

    Um Gottes willen, mugabarru!...
    Um Gottes willen, mugabarru! Träumen Sie doch lieber von Ihrer Frau! Aus der Nachbarprovinz! Ich bitte Sie. Sonst überlege ich mir das mit dem Schreiben nochmal.

  2. pardel sagt:

    And now for something...
    And now for something completely different: https://www.sueddeutsche.de/,tt8m1/sport/568/501819/text/ Bei den Kommentaren habe ich mich herzlich gefreut. Sie unterstützen zwar die falsche Mannschaft, Don Paul, haben dafür einen guten Ruf.

  3. Madrid sagt:

    Danke, pardel. Im sogenannten...
    Danke, pardel. Im sogenannten Fußballsachverstand kann man keinen guten Ruf haben, fürchte ich. Es gibt solche und solche. Die einen mögen einen, die anderen beschimpfen einen. Mein geschätzter Kollege Javier Cáceres versteht übrigens viel vom Fußball, er hat das Geschehen jahrelang in kalten Bundesligastadien verfolgt und unzählige Male darüber geschrieben. Leider ist er Anhänger Ihrer und Dulcineas Mannschaft. Die letzten cláscos haben wir zusammen gesehen, und seine Laune war stets besser als meine.

  4. Madrid sagt:

    pardel, es war die...
    pardel, es war die Online-Redaktion! Höre ich gerade. Sie können dort Iniesta und Piqué nicht unterscheiden.

  5. pardel sagt:

    Also ich weiss nicht, warum...
    Also ich weiss nicht, warum ich immer noch gelegentlich bei der SZ nachschaue. Jetzt kommen die auch noch mit dem Video des armen überfordeten Einzelsynchrondolmetschers von dem Sie uns schon Mitte des letzten Blogeintrags berichtet haben! Das nennen die Aktualität? Kann es sein, dass die SZ bei Ihnen abschreibt?

  6. Madrid sagt:

    <p>Sie sind sehr freundlich,...
    Sie sind sehr freundlich, pardel. Aber ich habe seinerzeit lediglich zu dem Blog von Stefan Niggemeier verlinkt. Wenn die Leute also abschreiben, dann bei ihm. Allerdings glaube ich auch das nicht. It’s news we share, don’t you think?

  7. mugabarru sagt:

    Dulcinea, keine Sorge, ich...
    Dulcinea, keine Sorge, ich habe keinen Einfluss auf meine Träume. Die Bemerkung war ausserdem als Kompliment gemeint. „Y el verbo se hizo carne y habitó entre nosotros“. Dieser Bibelvers, den ich nur auf spanisch kenne, hat meine jugendliche Fantasie (auch schon einige Jahre her) sehr beflügelt. Ich nutze es gern, aber selten, wenn ich den Eindruck habe, dass das was ich gelesen habe real und echt ist. Für mich ist es nicht tragisch. Im Gegenteil. Die Frau aus der Nachbarprovinz ist dadurch nicht benachteiligt worden.
    Pardel, die Berlinale steht ja vor der Tür. Sind sie als armer und überforderter Einzelsynchrondolmetscher dabei? Können sie uns etwas davon erzählen?

  8. pardel sagt:

    Nein mugabarru, ich bin kaum...
    Nein mugabarru, ich bin kaum noch bei der Berlinale dabei, auch als Zuschauer nicht mehr. Die Motivation ist mir abhanden gekommen, ich brauche Distanz zum Rummel. Vielleicht nächstes Jahr. Oder übernächstes. Ich dürfte als Mitarbeiter ohnehin nicht davon erzählen.

  9. pardel sagt:

    Aber Ihr Bibelzitat kann ich...
    Aber Ihr Bibelzitat kann ich Ihnen übersetzen, wenn Sie es wünschen. Es handelt sich um das Evangelium des Johannes, 1: 14 „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ bzw. in the New International Version: „The Word became flesh and made his dwelling among us. We have seen his glory, the glory of the One and Only, [alternative: the Only Begotten] who came from the Father, full of grace and truth.“ Denken Sie aber jetzt bitte nicht, ich würde die Bibel auswendig in mehreren Sprachen kennen! So gute Lehrer waren meine curas nicht! Ich habe nachgeforscht.

  10. mugabarru sagt:

    Danke pardel. Ich sehe auf sie...
    Danke pardel. Ich sehe auf sie ist Verlass. Ich bin zu faul. Aber genau dieser Satz: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“, (über den Rest schweige ich mich aus), ist für mich die die Definition der Literatur. Wenn das Wort lebendig wird, wenn ich die erfundenen Personen als ebenbürtig wahrnehme und daran glaube. Deshalb lese ich. Das Volk der Denker und der Dichter müsste dies doch ähnlich empfinden, oder? Dagegen verblasst das Golem. Aber das sind ganz persönliche Empfindungen. Ich möchte keinerlei religiösen Sensibilitäten verletzen.
    Übrigens schade, dass sie der Berlinale abhanden gekommen sind. Ich hoffte sie könnten mir den Eintritt zu tollen Parties ermöglichen. Ich war ein Mal, als Jugendlicher, in Donostia bei der Party einer Kosmetik Firma die das Festival sponserte, und ich begeistere mich heute noch wenn ich daran denke. Na, vielleicht überlegen sie es sich für nächstes Jahr wieder.

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