Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Wir Männer täuschen alle den Orgasmus vor (und andere Nachrichten aus der Zeitung)

| 124 Lesermeinungen

Letzten Samstag, nach dem Gang zum Kiosk, legte ich mir El Mundo auf den Frühstückstisch und freute mich auf eine anregende Lektüre. Ich weiß, dass diese Zeitung Feinde hat. Aber mir geht es damit meistens so wie mit Haribo-Goldbären oder Toffifee: Ich freue mich darauf, Süßes zu naschen, obwohl ich weiß, dass es schädlich für mich ist.

Letzten Samstag, nach dem Gang zum Kiosk, legte ich mir El Mundo auf den Frühstückstisch und freute mich auf eine anregende Lektüre. Ich weiß, dass diese Zeitung Feinde hat. Aber mir geht es damit meistens so wie mit Haribo-Goldbären oder Toffifee: Ich freue mich darauf, Süßes zu naschen, obwohl ich weiß, dass es schädlich für mich ist. Wenn ich zum Beispiel ein paar Tage lang nicht El Mundo gelesen habe, sehe ich fröhlich dem Moment entgegen, wenn ich wieder El Mundo aufschlagen kann und darin alles genauso vorfinde, wie ich es zurückgelassen habe. Jeden dritten Tag zum Beispiel kann man lesen, dass in Katalonien wieder ein Ladeninhaber eine Geldbuße zahlen musste, weil er vergessen hat, seine Ware auf katalanisch auszuzeichnen. Und im Baskenland gibt es dauernd Ehrungen für die Opfer des Terrorismus. Und auf der letzten Seite stehen die heißesten Artikel Spaniens.

Ich mache keine Witze. Erinnern Sie sich daran, was am Samstag auf der letzten Seite von El Mundo stand? Überschrift: „Wir Männer täuschen alle den Orgasmus vor.“ Im Ernst. Natürlich musste ich darüber lachen. Es war ein Interview mit dem Komiker José Mota. Ich überflog es aber nur, um mich sofort dem Innenteil zuzuwenden, gewissermaßen dem innersten Innenteil, dem Herzen aller Dinge. Dieser Teil nennt sich „La otra crónica“ und bringt manchmal auch interessante Sachen. Manchmal, sage ich. Diesmal schwirrte mir noch dieser Satz im Kopf herum: „Wir Männer täuschen alle den Orgasmus vor…“ Und ich sah überall nur noch Klatsch, Oberflächlichkeit, Lügen und die typischen grobkörnigen Fotos des Diffamierungsgeschäfts.

Bild zu: Wir Männer täuschen alle den Orgasmus vor (und andere Nachrichten aus der Zeitung)

Um es genauer zu sagen: Seiten 1 bis 3 handelten von einem verführerischen polnischen Prinzen, der ein Hochstapler sein soll. Man sah die angeblich betrogene und misshandelte Frau im seidenen Abendkleid und in der rechten Spalte die Fotos dreier weiterer mutmaßlicher Opfer des polnischen Prinzen. Seite 4 brachte neuen Klatsch über die Scheidung der Infantin Elena von Jaime de Marichalar. Auf Seite 5 reckte sich der Tennisspieler Fernando Verdasco in Calvin-Klein-Unterwäsche. Überraschenderweise musste ich bis Seite 11 blättern, bis ich das Echo auf die Story der Woche fand: Dort standen die beiden Frauen des englischen Fußballers John Terry, seine Geliebte und seine Gattin, im Bikini. Auch er selbst war zu sehen, mit nacktem, schweißglänzendem Oberkörper.

Tja. Und plötzlich wurde mir das alles zu viel, die schlechten Fotos, die schlechten Artikel, die hässlichen Menschen und all die klebrigen Details, die über sie ausgebreitet wurden. Vielleicht bin ich ungerecht. Aber der Medienreflex auf die Privatangelegenheiten so vieler verschiedener Leute schien mich als Zeitungskäufer zum Komplizen dieser unerwünschten Vertraulichkeiten zu machen. Dabei kann ich noch nicht einmal sagen, dass ich mich mit solchen Geschichten überfüttern würde. Ich lese selten die Klatschpresse und gucke kein Klatschfernsehen. Ich sollte wohl einsehen, dass viele Seiten von El Mundo längst Klatschjournalismus geworden sind.

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Wie ich es in solchen Fällen gern tue, wandte ich mich dem Sportteil zu. Auch dort war von John Terry und seinen Frauen die Rede, aber immerhin hatten die abgebildeten Menschen im Sportteil etwas an. Unter dem Foto, auf dem sich Fabio Capello und Terry die Hand schüttelten, fiel mein Blick auf einen kleinen Artikel mit der Dachzeile „Der andere Skandal“. Dort war zu lesen, der ehemalige Chelsea-Trainer Avram Grant sei von der Presse beim Bordellbesuch ertappt worden, doch seine Frau habe ihn öffentlich verteidigt. Wie sie als Paar lebten, so die Frau, gehe niemanden etwas an. Ihrem Mann gefielen eben Massagen, sie könne das gut verstehen. Wer so eine miese Mannschaft wie Portsmouth trainiere, brauche täglich zwei Massagen.

Das gefiel mir. Die Frau ist nicht auf den Mund gefallen. Alle, die diesen schrecklichen Klatschreportern eine hübsche Frechheit um die Ohren hauen, haben meine Unterstützung.

Später las ich dann noch „El correo catalán“ von Arcadi Espada, seine Briefkolumne an Pedro J. Und worüber sprach der gute Arcadi Espada? Über die angeblich gefilmten sexuellen Aktivitäten von Gabriel García Márquez in Havanna. Das Gerücht gab es ja schon länger. Diesmal jedoch, in seinem nächsten Buch, wolle der Exilkubaner Norberto Fuentes (der es wesentlich GGM verdankt, dass er 1994 aus Kuba herauskam) wohl einige Details nennen. Espada seinerseits will in seiner nächsten Kolumne verraten, wie Gabo hinter die Schnüffelei des kubanischen Geheimdienstes kam und was er dann tat. Die Seite ist übrigens mit einer TDK-Audiocassette illustriert, deren Beschriftung lautet: „Memoria de tus putas tristes“. Das ist immerhin lustig. Und so lachte ich zum zweitenmal an jenem peinigenden sonnigen Samstagmorgen.

Dann nahm ich einen Schluck Tee, faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den Zeitungsstapel. Wieder fiel mein Blick auf die Überschrift „Wir Männer täuschen alle den Orgasmus vor“. Diesmal lachte ich nicht. Denn oben links auf der Seite, über dem Logo von El Mundo, steht allen Ernstes die Eigenwerbung der Zeitung: „Líder mundial de la información en español“. Wie es dazu kam, das muss ich ein andermal erzählen.


124 Lesermeinungen

  1. mugabarru sagt:

    Ach schuschuman ale...
    Ach schuschuman ale organisierten Ideologien oder Interessengemeinschaften versuchen ihre Leute in entsprechene hohe Positionen zu hieven. Das kann als „social networking“ interpretiert werden, oder als Verschwörungstheorie. Beides ist mir fremd. Ich stehe eher, und weiss dass dies naiv ist, auf angelsächsische meritocracy. Und keine Sorge, Ablenkungen vom Thema gibt es in unserem Blog eigentlich nicht. Wir verstehen uns auch als offene und einladende WG, also wenig formell.

  2. mugabarru sagt:

    Virtudes, sie sind ja heute in...
    Virtudes, sie sind ja heute in Madrid. Habe gerade im Wetterbericht gesehen, dass heute Nacht -5ºC angesangt sind. Da kann ich ihnen nur viel Rotwein wünschen und das entsprechende Vergnügen. Den Gin-tonic dürfen sie heute gegen einen Irish Coffee tauschen. Ich habe Verständnis, denn ich bin ja bekanntlich ein Mensch fast ohne Vorurteile.

  3. sanjandro sagt:

    Don Paul, ist das, was Sie...
    Don Paul, ist das, was Sie über El Mundo schreiben, nicht ein genereller Trend in Spanien? Ich wundere mich schon seit langem über die Berichterstattung auch z.B. in den Nachrichten im Fernsehen. Da wird nach einführenden Berichten aus aller Welt (mit einer deutlichen Vorliebe für Überschwemmungen und sonstige Unglücke) fast ebenso lang über den vom Ehepartner Erstochenen berichtet mit Exklusivinterviews aller vecinos. Politischer Journalismus, vielleicht mal ein Interview mit einem Minister, oder auch ein Kommentar wie in D üblich scheinen völlig fremd zu sein. El Mundo sucht vielleicht aus wirtschaftlichen Zwängen neue Leser, und die scheint man am ehesten mit heissen Storys über Terrys Affären zu erreichen.
    Mugabarru (mugaburra oder heisst es nicht sogar megaburra? Sorry schuschumann und mugabarru, sie wissen, es ist nicht böse gemeint, aber ich musste schon lachen), das mit den Socken haben Sie falsch verstanden. Das hat auf den Orgasmus keinen Einfluss. Das hat etwas mit dem Geschlecht des Nachwuchses zu tun: Wenn man die Socken anlässt, dann wird es ein Junge. Ich selbst kann mich im Falle meines Sohnes nicht daran erinnern, aber ich habe es irgendwo gelesen.
    Das mit dem Whisky ist eine Wissenschaft an sich, ich verbinde damit -ähnlich wie mit den Gerüchen – Erlebnisse. Ein Oban schmeckt immer nach der Hafenkneipe in Oban, in der ich ihn das erste Mal probiert habe. Der Glengoyne schmeckt nach einem regnerischen Vormittag in den schottischen Highlands. Ich bin kein Kenner, ich würde blind allenfalls einen Laphroig erkennen, der schmeckt, als ob man in seifigen Moorboden beisst. Aber darauf kommt es nicht an. Für mich ist es der Whisky, bei dem mich mein Schwiegervater in seine Familie „aufgenommen“ hat. Daher vebinde ich mit diesem Whisky immer die überraschende Offenheit, die damals ein erzkonservativer katholischer galizischer „cabezon de familia“ einem protestantischen Deutschen entgegengebracht hat, der seine Tochter „entführen“ wollte.

  4. Virtudes sagt:

    Danke. muggabarru. Und ich...
    Danke. muggabarru. Und ich hatte mich auf frühlingshafte Temperaturen eingestellt! Aber mein Herz wird warm sein. Das größere Problem wird die Fahrt nach Zürich zum Flughafen werden: Schnee, Schnee, Schnee, schon die ganze Nacht!

  5. Virtudes sagt:

    Was das OPUS DEI anbelangt:...
    Was das OPUS DEI anbelangt: Vor Jahren gratulierte der zuständige (junge) Priester einem Elternpaar zum Unfalltod einer sechsjährigen Schülerin. Bis heute haben weder die Eltern noch ich uns davon erholt. Auf meine fassungslose Nachfrage gab er mir zur Antwort: „Weil sie jetzt ein Engel ist“. Ist diese Haltung typisch für die genannte Organisation? Oder gibt es auch andere Fanatiker, die diese Haltung zeigen? Die Antwort ist wichtig für mich.

  6. Madrid sagt:

    <p>sanjandro, ich verstehe...
    sanjandro, ich verstehe Ihre Seifigkeitsempfindungen bei Laphroaig nicht! Aber gut. Ich werde heute abend noch einmal ein Schlückchen nehmen und alle Geschmacksassoziationen hereinlassen.
    *
    Ja, die Boulevardisierung in Presse und Fernsehen ist sehr wahrnehmbar. Bei El País leider auch. Nachrichtensendungen wie heute oder Tagestehmen mit zugeschalteten Politikern gibt es hier nicht. Dafür sind die Gesprächsrunden in tiefer Nacht da. Andererseits beziehen die Spanier, wie Sie sicherlich wissen, mehr Information aus dem Radio. Und dort kann man sehr bequem die Äußerungen der Politiker aus Pressekonferenzen einspielen.

  7. Madrid sagt:

    Virtudes, ich will versuchen,...
    Virtudes, ich will versuchen, mich der Wichtigkeit der Frage würdig zu erweisen. Nach allem, was ich gehört oder gelesen habe, ist die von Ihnen beschriebene Haltung im Opus Dei nicht selten. (Auch der Film „Camino handelt davon.) Die Mehrheit der Menschen, selbst unter Gläubigen, empfindet diese Haltung wohl als bizarr, lebensfeindlich, ja grausam. Eine Religion, die an das ewige Leben glaubt, also ein himmlisches Leben nach dem irdischen, könnte das aber anders sehen. Wie dieser „Trost“ den Trauernden vermittelt wird, ist wieder eine ganz andere Frage.

  8. pardel sagt:

    Sehen Sie, Don Paul, ich bin...
    Sehen Sie, Don Paul, ich bin nicht der einzige, der bei Laphroaig eine seifige Note wahrnimmt. Sehr gute Seife, zugegeben, und sehr subtil, bestens umrahmt von anderen torfigen und rauchigen Aromen, aber nicht desto weniger Seife. Vielen Dank für den geschmacklichen Beistand, sanjandro!
    Virutdes: Diese Haltung gibt es meiner Erfahrung nach bedauerlicherweise öfter. Der Pfaffe den ich im Allgäu erlebte war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Mitglied des Opus, er war nur bigott, selbstgerecht und grausam. Die Wünsche, die er bei mir aufkommen liess, habe ich schon skizziert. Ich hoffe, mein Karma erholt sich davon irgendwann.
    Zur Presse in Spanien wollte ich noch anmerken, dass im Foto mit den Titelbildern man gut sehen kann, dass El País, El Mundo und ABC dasselbe Motiv zeigen. La Razón tanzt aus der Reihe.

  9. Virtudes sagt:

    Danke, Don Paul, für Ihre...
    Danke, Don Paul, für Ihre Antwort. Meine Frage zielte in die andere Richtung: gibt es auch Menschen außerhalb des Opus Dei mit dieser Einstellung? Aber wer weiß das schon. Die Welt ist so bunt.
    Zeitungen und Fernsehen in Spanien: Was passiert mit den Menschen, die sich regelmäßig dem aussetzen? Und – bis aufs Radio – keine Ausweichmöglichkeiten haben? Wie bildet sich bei der von Ihnen zitierten Lektüre ein politisches Bewusstsein und welches? Ich denke jetzt mal an Menschen, die regelmäßig zur Arbeit gehen und nicht viel Zeit mit Informationsbeschaffung verbringen können. Gibt es Untersuchungen zu dem Thema?
    Besonders irre finde ich den Wochenendbericht, ob der Rekord an Verkehrstoten diesmal neu aufgestellt wird.

  10. Madrid sagt:

    <p>Virtudes, dass es diese...
    Virtudes, dass es diese Haltung auch außerhalb des Opus Dei gibt, nehme ich an. Was früher „glühende“ Gläubigkeit war, nennt man heute „fanatisch“.
    *
    Was die Qualität der Presse betrifft, ist der Niedergang nicht nur in Spanien zu beobachten. Die Möglichkeiten des Internets erlauben aber an anderer Stelle sehr differenzierte Recherchen. Dass die Summe vernünftiger Informationen abnimmt, wage ich zu bezweifeln; die uns abverlangte Sortierleistung könnte allerdings höher sein als früher.
    *
    Zu den Verkehrstoten ein Hinweis: Neben einer gewissen morbiden Faszination am Tod spiegelt sich in der Zahl eine wirkliche spanische Besorgnis. In den letzten fünf Jahren ist es durch Strafpunktsystem, stärkere Alkoholkontrollen und höhere Bußgelder gelungen, die Zahl der Verkehrstoten signifikant zu senken. Das ist ein großer Erfolg.

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