Sanchos Esel

Wer ich sein will (und wer nicht): Eine baskische Lektüre

Mit dem Begriff „Identität“ kann man sich in Spanien hübsch amüsieren. Normalerweise sollte man denken, Identität sei etwas, was einer habe, weil er etwas Bestimmtes sei, um es einmal möglichst schlicht auszudrücken. Sagen wir etwa, einer ist Baske, Madrilene, Toledaner, Agnostiker, Vegetarier, Nichtraucher und so weiter, all das kann Teil seines alltäglichen Seins bilden. Natürlich kann er sich vom Nichtraucher zum Raucher entwickeln (und umgekehrt), woraus hervorgeht, dass es veränderliche und unveränderliche Bestandteile dieses Seins gibt. Und natürlich kann einer, der früher nur Rockmusik hörte, plötzlich dem Gregorianischen Choral verfallen, auch das kommt vor (und umgekehrt).

„Identität“ bezieht sich aber häufig auf unveränderliche Merkmale, die gewissermaßen ein einzigesmal zugeteilt werden, selbst wenn sie sich später durch einen bürokratischen Akt verändern oder annullieren lassen wie die Staatsangehörigkeit. So gesehen, kann ein Toledaner nie zum Barcelonesen werden, weil sich der Geburtsort nachträglich nicht ändern lässt; der Toledaner kann allenfalls nach Barcelona ziehen und sich dort gut assimilieren und heimisch fühlen. So wie sich auch Briten in Frankreich oder Deutsche in Spanien heimisch fühlen können. 

In einer erweiterten Definition dürfte man allerdings von einer „kulturellen Identität“ sprechen, einem nicht einmalig vergebenen, sondern lebenslang erworbenen Gut. Mario Vargas Llosa, der als Peruaner stets die spanische Sprache geschrieben hat, war nicht immer spanischer Staatsbürger; insofern hat seine Identität etwas hinzugewonnen, als er lange Jahre in Barcelona lebte und später den spanischen Pass annahm (ohne dadurch seinen peruanischen aufzugeben). Vergleichbar könnte man von wechselnden politischen und sozialen Identitäten sprechen. Ich weiß nicht, ob hier noch weitere definitorische Klimmzüge erforderlich sind, Sie verstehen ungefähr, was ich meine. Identität ist ein fließendes Kompendium zahlreicher Attribute des Individuums, und alle zusammengenommen – kleine und große, zugeteilte und erworbene, öffentliche und verschwiegene – machen den Menschen aus: vor sich selbst, vor seiner Mitwelt und im Austausch mit ihr. 

Doch inzwischen muss man die Definition wohl abermals erweitern. „Identität“ bezeichnet in Spanien nicht mehr nur, was einer ist, sondern zunehmend, was einer sein will. Der Schriftsteller Fernando Savater gibt dafür in seiner Kolumne in El País ein erhellendes Beispiel. Er berichtet von einer Tagung in Minnesota, an der er vor vielen Jahren teilgenommen habe und auf der durch verschiedene Vertreter dieser Sprachen von der Marginalisierung des Katalanischen, Baskischen und Galicischen die Rede gewesen sei. Bis sich ein Poet aus Andalusien erhob und sagte, er sei viel schlimmer dran als die anderen. Er habe nämlich gar keine eigene Sprache

Man kann sich denken, welchen Spaß Fernando Savater mit diesem Satz hat. Wie? Der andalusische Dichter hat keine eigene Sprache? Und was ist mit dem Spanischen, das er spricht und schreibt? Oh, er will eine abweichende Sprache. Etwas neben dem Spanischen, was ihn als Minderheit mit einer besonderen Identität auszeichnet. Tja. Da kann man wohl leider nichts machen. 

All das braucht Savater nicht hinzuschreiben. Er suggeriert es mit zwei Zeilen. Um sich dann ausführlicher mit einem offenen Brief des baskischen Physikers Martín Guruceaga zu beschäftigen, der letzten Monat in der Zeitung Deia zu lesen war. Guruceaga reagierte darin auf einen Artikel des ehemaligen PNV-Politikers Joseba Arregui im Diario Vasco. Der Fall ist interessant, weil die Sprache darin eine herausgehobene Rolle spielt. Joseba Arregui spricht Baskisch und bezeichnet sich als Basken, kritisiert jedoch die Politik der Baskisch-Nationalistischen Partei (PNV) und versichert in seinem Zeitungsartikel nicht nur, von einem Niedergang des Baskenlandes durch die Politik der Sozialisten und Konservativen, also „gesamtspanischer“ Parteien, könne nicht die Rede sein; nein, er schlägt außerdem vor, sich an verschiedene Formen und Spielarten baskischer Identität zu gewöhnen, plädiert also für einen entspannten Pluralismus des Baskischseins. Darauf antwortet Guruceaga mit einer scharfen Kritik, die in einen Mantel netter persönlicher Worte gehüllt ist. Dann folgt der Satz, der Fernando Savaters Spott hervorgerufen hat und auch in seiner aktuellen Kolumne zitiert wird: „Ich für meinen Teil [schreibt Guruceaga an Arregui] spreche zwar nicht meine eigene Sprache – das Baskische -, doch ich versichere Dir, mein ganzes Berufsleben hindurch dafür gearbeitet zu haben, dass viele sie lernen.“ 

Der Arme! Er spricht seine eigene Sprache nicht! Sondern nur Spanisch? Aber dann ist doch das Spanische seine eigene Sprache. Professor Guruceaga ist doch nicht Kaspar Hauser. Er hat als Kind Spanisch gelernt, seine Muttersprache. Warum verleugnet er sie jetzt, obwohl er sie täglich in seinen Vorlesungen benutzt? Das sind abermals die Fragen, die Savater, direkt oder indirekt, seinen Lesern stellt. Müßig zu sagen, dass der Philosoph den Hang, Sprache als identitätsdefinierendes Merkmal, ja Ausschlusswerkzeug zu benutzen, ganz und gar nicht teilt. 

Für uns ist Guruceagas offener Brief aber noch aus anderen Gründen erhellend, die Savater – vermutlich aus Überdruss und Melancholie – gar nicht mehr erwähnt. Im weiteren Verlauf und besonders gegen Ende liefert Guruceaga ein Beispiel für einen leutselig auftretenden, demokratisch maskierten Rassismus. Ja, die Menschenrechte sollten geachtet werden, natürlich. Niemand soll im Baskenland diskriminiert und verfolgt werden. Jedoch… Aber lassen wir Guruceaga selbst sprechen (die Hervorhebungen sind meine):

„Conozco a personas residentes en Gipuzkoa que se consideran albaneses, alemanes, catalanes, flamencos, egipcios, colombianos, ecuatorianos… muchísimos españoles e incluso vasco-españoles. Son de otras familias – diferentes a la que yo pertenezco y tan respetables como la mía – conviviendo en el mismo territorio. Sus intereses no coinciden con los que tengo. Vibran con acontecimientos que me dejan indiferente. Y, probablemente, ellos no entiendan lo que a mí me motiva. Pero ¡ojito! que no pretendan cercenar mis raíces, que no pretendan extirpar mis valores, que no pretendan aniquilar mi memoria histórica, que no pretendan sustituir los criterios de vida que recibí de quienes me precedieron, que no pretendan educar a los hijos e hijas de mi familia en una cultura diferente… Los sentimientos de pertenencia a un pueblo son inviolables. Y me indigno y protesto cuando impiden expresarlos. Los míos y los de los demás.“ 

Dass die Interessen der anderen (Albanier, Deutschen, Ägypter, Katalanen…) sich nicht mit seinen (denen der Basken) decken würden, ist zumindest eine überraschende Mitteilung. Man würde denken, dass sie es sehr wohl tun. Fragen der Bildung, der Familien-, Umwelt- und Steuerpolitik, des Kulturwesens und der öffentlichen Sicherheit und so weiter betreffen alle. Wie kommt er darauf, er – der Baske – hätte andere Interessen? Man ist gut beraten, hier auf den Ton zu achten. Martín Guruceaga betont nicht das, was in einem Gemeinwesen allen gemeinsam ist – Rechte und Pflichten -, sondern das, was den wahren Basken von seinen (albanischen, deutschen, ägyptischen, katalanischen) Nachbarn trennt. Er besteht auf den Unterschieden. Die anderen, wie ich sie einmal nennen möchte, „beben vor Erlebnissen“, die den Professor Guruceaga „gleichgültig lassen“, weil es die Erlebnisse von Fremden sind. Das Unverständnis, das der Autor den anderen entgegenbringt, schreibt er auch ihnen in bezug auf ihn, den Autor selbst, zu. Vielleicht kommt daher die Angst, die anderen könnten ihm seine (baskischen) „Wurzeln beschneiden“, seine (baskischen) „Werte ausrotten“, seine (baskische) „historische Erinnerung zerstören“ und vieles mehr. Ich zitiere wörtlich und versuche nur zu verstehen, was um alles in der Welt der Herr meinen könnte. 

Doch sehr ich mich auch bemühe, Guruceagas Argumente von ihrer völkischen Rhetorik zu trennen und auf rational fassbare Kategorien herunterzurechnen, es gelingt mir nicht. Weil es hier ziemlich wabert und dräut, statt konkret zu werden. Was genau fürchtet er denn, dieser Professor, der seine eigene Sprache nicht spricht? Er sagt es in den letzten Absätzen seines Artikels und bietet die Begriffskeulen seines politischen Denkens – Stamm (tribu), Clan, Kollektiv – gegen die größte Gefahr auf, die den Basken von außen drohe: „Assimilierung“. Früher hätte man das „Überfremdung“ genannt. Abermals verrät Guruceagas Wortwahl, dass er nicht vereinen, sondern trennen und ausschließen möchte. Ideen wie die seinen könnten am heimischen Herd, im Kulturverein, im Kochklub, in der Kneipe umherschwirren, und dort lassen wir sie. Dass sie aber noch immer allen Ernstes in die politische Debatte geworfen werden, mag miterklären, warum die Baskisch-Nationalistische Partei zur Zeit nicht die Mehrheitsoption ist, in deren Hände die Basken die Zukunft ihres Gemeinwesens legen wollten.

[Fotos AFP, dpa]

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