Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Von Büchern und Eseln

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Sie ist gross, schwer, unhandlich, und sie hinterlässt braune Flecken auf dem hellen Sofa, denn aus dem rissigen Lederrücken rieselt feiner Staub. Die Schrift ist winzig, besonders bei bibliographischen Angaben, ohne Lupe ist da gar nichts zu machen. Die Rede ist von der neunten Auflage der Encyclopaedia Britannica, amerikanischer Nachdruck, Philadelphia 1875 ff.

Sie ist gross, schwer, unhandlich, und sie hinterlässt braune Flecken auf dem hellen Sofa, denn aus dem rissigen Lederrücken rieselt feiner Staub. Die Schrift ist winzig, besonders bei bibliographischen Angaben, ohne Lupe ist da gar nichts zu machen. Die Rede ist von der neunten Auflage der Encyclopaedia Britannica, amerikanischer Nachdruck, Philadelphia 1875 ff. Ein Freund zeigte mir die fünfundzwanzig Bände vor fünf Jahren in einer Buchhandlung in Seattle, Washington. Das monströse Werk stand so weit oben, dass kein Kunde mit den Händen herankam. Es wollte auch keiner. Auf dem mit Filzstift gemalten Preisschild war zu lesen: $ 300. Etwas weiter oben waren $ 500 durchgestrichen. 
„Sie steht schon seit über einem Jahr da und geht einfach nicht weg“, sagte mein Freund. „Du solltest sie dir ansehen.“

Acht Wochen später holte ich in Madrid drei schwere Postsäcke ab. Das Porto hatte gut hundert Dollar betragen, ein bescheidener Preis für den bibliophilen Schatz, den die neunte Auflage der Encyclopaedia Britannica darstellt. (Borges benutzte zeitlebens die elfte.)

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Man muss sich bei Fragen historischer Wissensüberlieferung über die eigenen Motive klarwerden. Will man die schönen alten Bände haben, weil sie schön und alt sind? Weil man den Geruch nach verblichenem Papier mag? Weil man den Stil des neunzehnten Jahrhunderts gern liest? Oder weil einen interessiert, was das neunzehnte Jahrhundert über die vorhergehenden Jahrhunderte dachte?

Für manche Menschen gilt alles zugleich. Dass wir eine vergleichbare stilistische Eleganz oder Unabhängigkeit des Urteils kaum noch irgendwo antreffen, dieser Schluss ist nach wenigen Stunden mit diesem Werk unausweichlich. Nicht einmal die neueste Encyclopaedia Britannica mit ihren dreissig schwarzen Lederbänden, das beste Konversationslexikon der Welt, kommt an die alte Auflage heran. Natürlich war Darwin im Jahr 1875 noch nicht mit einem eigenen Eintrag erfasst (obwohl er allein unter dem Stichwort „Esel“ zweimal erwähnt wird). Die letzten hundertdreißig Jahre muss man einfach streichen. Aber was sind schon hundertdreißig Jahre im Vergleich zu ein paartausend Jahren Menschheitsgeschichte? Allein der brillant geschriebene Eintrag zu Shakespeare enthält auf 35 doppelspaltigen Seiten mehr als die Textmenge einer Rowohlt-Monographie. 

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Wie alle großen Wissensprojekte setzte das „Dictionary of Arts, Sciences, and General Literature“, wie es sich im Untertitel nennt, einen Maßstab, der ein paar Jahre vorhielt und dann von technischen Innovationen, dem Wandel der Geisteswissenschaften und ständigen Überarbeitungen beiseitegedrückt wurde, vergleichbar der Encyclopédie im Jahrhundert zuvor. Viele Einträge sind deshalb obsolet. Doch nur in der Sache, nicht im Stil. Zu den Mitarbeitern zählten Schriftsteller von weltliterarischem Format wie Robert Louis Stevenson, und aus den Einträgen kann man soviel literarisch kondensiertes Wissen ziehen, dass es unsere gesammelte Wikipedia-Kultur beschämen müsste.

Denn während heute an der mit ständig neuen Rekordzahlen protzenden Online-Enzyklopädie ein Heer von Amateuren mitschreibt, weil Wissen angeblich in demokratische Verwaltung gehört, bietet die Encyclopaedia Britannica von 1875 das genaue Gegenteil: einen größtmöglichen Querschnitt durch die Gelehrtenkultur ihrer Zeit. Und diese Zeit war nicht irgendeine, sondern die Blüte des englischen Essayismus, der allen Gegenständen ein unverwechselbares Flair verlieh. Nein, hier durfte nicht jeder mitmachen. Bei den Olympischen Spielen darf ja auch nicht jeder die hundert Meter laufen.

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Ich weiß, dass man den meisten Menschen nicht mit alten Tierbeschreibungen kommen kann. Aber heute, aus Anlass des hundertsten Eintrags in diesem Blog, erlaube ich mir den Spaß. Ich habe Ihnen abgeschrieben, was in meiner Encyclopaedia Britannica von 1875 über den Esel steht. Den Esel allgemein, nicht Sanchos Esel. Doch zuvor möchte ich zitieren, was die EB, wie wir sie jetzt einmal nennen wollen, über Cervantes‘ Tod und Begräbnis schreibt:

„In 1633 the nuns moved to a new site in the Calle de Cantarrenas, and having exhumed and brought away their dead with them, the bones of Cervantes were mingled with others in a common ossuary, so that Spain, who had shown herself so careless of him in life, has lost all trace of him in death. So closes a record as glorious and as calamitous as any in literary history, of one of the world’s greatest benefactors, whom the world knew not – of the best of all Spaniards, the very type and perfect embodiment of the highest Castilian nature, whom his country starved and who has made her immortal.“

Hübsch, dieser antispanische Zungenschlag, nicht wahr? Die mingled bones, die große Knochenvermischung also, scheinen eine spanische Spezialität zu sein, reserviert für besondere Geistesgrößen. Auch die sterblichen Überreste von Velázquez und García Lorca liegen ja so verstreut, dass alle bisherigen Grabungen erfolglos waren.

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Ah, der Esel. Ich suchte ihn zunächst unter „donkey“, aber dort grenzte Donizetti an John Donne. Kein donkey. Da probierte ich es mit „ass“ und hatte Glück. Hier ein kleiner Ausschnitt des langen, gut dokumentierten und stellenweise wohlwollenden Eintrags:

„The marked aversion of the domestic ass to cross the smallest streamlet, an aversion which it shares with the camel, and the evident delight with which it rolls itself in the dust, seem to point to arid deserts as its original home.“
Verstehen Sie jetzt, warum ich in die Sahara musste?
„The ass has generally been the object of neglect and ill treatment; and attempts have seldom been made to improve the breed by selecting and matching the finer specimens. It has thus gradually sunk into the dull and obstinate creature which we are accustomed to see.“
Also, ich weiß nicht…
„Its reputation for stupidity is not, however, of recent origin…“
Das überspringe ich mal.

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„That the ass possesses qualities which, if developed by careful selection and humane treatment, would make it a worthy companion of the horse as the servant of man, is seen in the too rare instances in which it has received proper attention.“

Interessant, nicht wahr? Im weiteren Verlauf des Eintrags zeigt sich, dass die feinsten Esel in Asien gehalten werden. Dort ist es ihnen erlaubt, zu einer Zierde ihrer Spezies zu avancieren. Wie Sanchos Esel es schaffte, sich zu ähnlichen Höhen asininer Charakter- und Herzensbildung aufzuschwingen, wird in der Encyclopaedia Britannica von 1875 leider nicht behandelt. Man müsste eigene Forschung betreiben. Aber dazu mehr an einem anderen Gedenktag.

                                                                          [ Fotos: Reuters (3), AP, AFP ]


47 Lesermeinungen

  1. Da möchte ich gleich doppelt...
    Da möchte ich gleich doppelt gratulieren: Erstens dazu, dass Sie diesen Schatz gefunden und gehoben haben und zweitens zu Ihrem köstlichen Beitrag darüber. Und ich hoffe, Sie nehmen einige der Charakterisierungen des „stellenweise (?!) wohlwollenden Eintrags“ nicht zu schwer ….

  2. Herzlichen Glückwunsch! Ich...
    Herzlichen Glückwunsch! Ich gratuliere. Zum Blog, zum hundertsten Eintrag, zu den Fotos, zum Text, zu den Zitaten und zu allem! Auch uns als WG! Ich vermute fast, historisch gesehen ist der Esel fast so verkannt worden wie das Schwein. Als solches. Das sind ja alles intelligente, empfindsame Tiere! Ich habe es schon immer gesagt, aber auf mich hört ja keiner! Vielen Dank, Don Paul.

  3. hallo sanchos esel
    ich bin...

    hallo sanchos esel
    ich bin nicht sicher ob irgendjemand bei olympischen spielen die 1000m laufen darf…
    https://de.wikipedia.org/wiki/1000-Meter-Lauf
    beste gruesse

  4. <p>Dafür bin <em>ich</em>...
    Dafür bin ich sicher, schuschumann. Niemand darf! Danke für den Hinweis.

  5. Vielen Dank für die...
    Vielen Dank für die freundlichen Worte, Dulcinea und derast. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wieviel Freude diese Enzyklopädie bereitet. Wir haben doch fast alles im Leben, Komfort, Fortbewegung, ein Dach über dem Kopf, nahezu unbegrenzten Zugang zu Wissensquellen… Aber wo findet man soviel unfreiwillige Poesie?

  6. Very british. Da kann man mal...
    Very british. Da kann man mal sehen was das Wort „Encyclopädisches Wissen“ ausmacht.
    Vor einigen Jahren hatte ich einen Versuch mit einem Esel in seinem Gehege gemacht. In etwa der Versuchsanordnung von Buridan folgend. Er hatte, um es abzukürzen, in Nullkommanichts heraus, dass ich ihn mit der Linken „tüten“ wollte und forderte energisch den wahren Obulus von meiner Rechten. Gestern ging ich wieder nach so langer Zeit an seinem Gehege vorbei, in gestrecktem Galopp kam er auf mich zu und untersuchte mich.
    Daraus ist zu lernen, dass ein Esel allen Versuchsanordnungen überlegen ist und durchaus weiss wo der Bartel den Most zu holen beliebt. Neurobiologen, Linguistiker, Semiotiker etc. aufgepasst!

  7. Auch von mir Herzlichen...
    Auch von mir Herzlichen Glueckwunsch, Don Paul! Der Text ist herrlich und die Bilder, wie immer hervorragend ausgewaehlt. Gibt es diesen Esel auf dem sonstigen Toro-Gestell wirklich, und wenn ja, wo steht er?
    Viel Spass beim weiteren Schmökern in der EB und beim weiteren bloggen.

  8. Danke, Henry Charms. Ihren...
    Danke, Henry Charms. Ihren Dank gebe ich gern an unsere Bildredaktion weiter, die ja die Bilder für mich heraussucht. (Das erste Kriterium: Die Verwendung muss kostenfrei sein.) Ich treffe dann die Endauswahl. Manchmal inspiriert das Bild auch zu bestimmten Schreibideen. Das erste Foto des heutigen Eintrags musste natürlich im Zusammenhang mit dem Transport der EB von einem Kontinent zum anderen stehen, als trüge der Esel meine 25 Lederbände auf dem Rücken – jene Bände, in denen wiederum von ihm die Rede ist.

  9. Ach ja, der Esel, HenryCharms....
    Ach ja, der Esel, HenryCharms. Ich weiß nicht, wo er steht. Ich habe sehr viele Osborne-Stiere und eine Menge Tío Pepes gesehen, aber noch keinen Esel.

  10. Der Roc catalan steht...
    Der Roc catalan steht komischerweise e in El Carpio, Cordoba

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