Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Verweile doch: Bilder des kollektiven Glücks

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Seit es in allen größeren und kleineren Städten lärmende, johlende, grölende, Grimassen schneidende Fangruppen in organisierten Versammlungen gibt; seit kein Fernsehsender mehr ohne Liveberichterstattung von diesen ewig gleichen und ziemlich albern herumhopsenden Menschen auszukommen glaubt; seit das Feiern der Fans vom sekundären Begleitphänomen zum Event selbst aufgerückt ist, das sich nachrichtentauglichen Ereignischarakter anmaßt; seit man diesen weitgehend inhaltsleeren und restlos gedankenfreien Fernsehbildern wirklich nicht mehr entgeht, denke ich darüber nach, warum mir bewegte Aufnahmen der Fans durchweg peinlich sind, Fotos von Fans dagegen oft beeindruckend erscheinen.

Seit es in allen größeren und kleineren Städten lärmende, johlende, grölende, Grimassen schneidende Fangruppen in organisierten Versammlungen gibt; seit kein Fernsehsender mehr ohne Liveberichterstattung von diesen ewig gleichen und ziemlich albern herumhopsenden Menschen auszukommen glaubt; seit das Feiern der Fans vom sekundären Begleitphänomen zum Event selbst aufgerückt ist, das sich nachrichtentauglichen Ereignischarakter anmaßt; seit man diesen weitgehend inhaltsleeren und restlos gedankenfreien Fernsehbildern wirklich nicht mehr entgeht, denke ich darüber nach, warum mir bewegte Aufnahmen der Fans durchweg peinlich sind, Fotos von Fans dagegen nicht. Es ist wohl die Künstlichkeit, das Gefrorene, der angehaltene Augenblick, der zu Deutung einlädt. Alles zusammen jedenfalls macht den Fußballjubel plötzlich zu etwas Schönem. Nichts anderes will ich heute sagen.

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Leider habe ich mich nicht genug mit der Theorie der Fotografie beschäftigt, um meine Sätze gut begründen zu können. Aber wenn Sie das obenstehende Bild anschauen, sehen Sie viele Menschen, deren Freude sich ähnelt, und einen einzigen, der ganz anders in die Welt guckt. Sofort möchte man sich fragen: Was hat der eine gesehen, was den anderen verborgen blieb? Woran mag er gedacht haben? Gefällt ihm die spanische Mannschaft nicht? Hat er nur um seiner Freundin willen Kriegsfarben angelegt? Ist er ein unheilbarer Skeptiker? Erwartet ihn ein Nobelpreis für Astrophysik? Das alles sind Fragen, die ich mir stelle.

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Was mich ebenfalls beeindruckt und zum Innehalten zwingt, sind die Momente der Angst. Fotos von Fans werden fast immer frontal aufgenommen, so dass uns die zweifelnden, bangenden Menschen in die Augen zu sehen scheinen. Doch das Geschehen, das sie so aufwühlt, befindet sich meistens hinter dem Fotografen. Wir erleben den Fan in einem ziemlich schwachen, ja intimen Augenblick. Wann kommt es schon einmal vor – von Tragödien wie Brückeneinstürzen oder spektakulären Naturkatastrophen abgesehen -, dass eine ganze Menschengruppe so aus der Wäsche schaut? Das ist ein Verdienst des Genres, das ich Fanfotografie nennen möchte.

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Man kann sich das Ganze auch aus der Nähe ansehen, dann werden die Menschen noch interessanter. Kleine Soziologien blättern sich auf, nähere Lebensumstände, Paargeschichten, Gesten, die zugleich privat und öffentlich sind. Haben Sie schon einmal beobachtet, wie ein Mädchen in schwierigen Situationen seinen Freund tröstet? Oder umgekehrt? Das ist sehr interessant.

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Besondere Freude beim Hinschauen bereiten natürlich las chicas. Damit sage ich nichts Neues. Ich habe auch keine tiefergelegte Theorie dazu anzubieten. Las chicas sehen eben auch im Jubel gut aus. Mehr kann ich nicht sagen.

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Wenn alles vorbei ist, bietet sich ein Bild wie nach einer Straßenschlacht. Nur, dass es keine Opfer zu beklagen gibt – außer der gegnerischen Mannschaft – und die Menschen überaus friedlich nach Hause gehen. Übrigens habe ich eine Erklärung für soziologische Phänomene wie public viewing, angemalte Gesichter bei Mädchen, die von Fußball nichts verstehen, und enthemmtere Manifestationen der Anhängerschaft. Es gibt, zumindest in Europa, immer kleinere Heere, die auf europäischem Boden agieren, folglich auch keine Truppenaufmärsche, Paraden, Flugschauen und generell immer weniger Bereitschaft in der Bevölkerung, dem Militär in nennenswerten Gruppen zuzujubeln. Man wird das als zivilisatorischen Fortschritt werten dürfen. Auch Kriege finden in unseren Breiten seit längerem kaum noch statt. Das Maximum der Auseinandersetzung ist das stellvertretende Kräftemessen auf dem Rasen, genannt Fußball, und das Um-die-Wette-Jubeln der Fußballbegeisterten. Gesellschaftsanalytiker werden zugeben müssen, dass sich auf den Fanfotos eine ungewöhnlich hohe Zahl glücklicher Menschen entdecken lässt.

                                                                                        [ Fotos: Alexander Roßbach ]


13 Lesermeinungen

  1. ... glueckliche menschen...?...
    … glueckliche menschen…? … – irgendwie sicherlich. nur mir is es nie klar, woher das glueck der fussballfreunde kommt, woraus es sich speisst. – allenthalben mir nachvollziehbar waere dieses happeninghafte, was grossereignisse wie die wm begleitet. das ist dann halt karneval, entwickelt ein gewisse kraft des moments, zieht einen rein und laesst nicht zurueck.
    aber sonst: was fuer ein glueck soll ich da sehen auf den gesichtern der gesichtslosen meute?

  2. Beim Wechsel zwischen...
    Beim Wechsel zwischen Deutschland und Spanien fällt die Austauschbarkeit der Symbole und Ausdrucksweisen auf. Letzten Freitag bin ich nach Spanien zurückgekehrt und sah mich mit zwar im Detail durchaus unterschiedlich ausgeprägter Begeisterung (eben dem spanischen Temperament entsprechend), aber doch im Grunde frappierend ähnlichen und mir daher beliebig erscheinenden Begeisterungsstürmen ausgesetzt. Ja selbst die McDonalds-Fernsehwerbung ist statt mit deutscher Flagge mit der bandera nacional hinterlegt.
    Warum nun sogar bis dato völlig Unbeteiligte und an diesem Sport desinteressierte Zeitgenossen die Symbole des jeweiligen Fussballvolkes tragen, dürfte einzige und allein mit dem bis auf wenige Aussenseiter fast alle umfassenden, allgegenwärtigen Gemeinschaftsgefühl zu tun haben. Das Gruppengefühl reisst uns alle mit, ja sogar ich bin gerührt, im Berliner Wedding die Jugend eine deutsche Fahne auf der Backe tragen zu sehen. Und obschon wir meist nur überschwengliche Zeichen eines Pop-Patriotismus beobachten, benötigt doch auch diese eine Wir-Die-Dichotomie, ohne die das „Wir“ einfach nicht entstehen will. Beim Betrachten mancher Auswüchse des gemeinen Fantums, der schlechthin unbedingten Parteilichkeit, sind dann durchaus anthropologische Grundkonstanten zu beobachten, die in anderem Zusammenhang besorgniserregend wären.
    Skeptische Grüße
    Don Ben

  3. Sehen Sie sich die Frau auf...
    Sehen Sie sich die Frau auf dem zweiten Bild, bei Regen, etwas genauer an. Ich glaube, das ist Angela Merkel. Sie muss ihrem Personenschutz geschickt entwischt sein.

  4. Ich glaube nicht, dass Fr. M....
    Ich glaube nicht, dass Fr. M. über so viel Fußballgeschmack verfügt, um für Spanien im Regen mitzufiebern.

  5. Ja, abfeldmann, da sprechen...
    Ja, abfeldmann, da sprechen Sie von den beiden Gruppen, in die wir Menschen uns einteilen lassen. Die einen lieben Fußball. Die anderen nicht. Man kann es wohl nicht erklären.

  6. Wieso tragen diese Menschen...
    Wieso tragen diese Menschen alle rote Armbänder? Musste man Eintritt zahlen? Sich ausweisen? Gab es eine Sicherheitskontrolle? Woher kamen die Hyundai-Ballons her? Regnet es noch in Madrid?
    Das sind die Fragen, die mir spontan einfallen.

  7. pardel, es handelt sich hier...
    pardel, es handelt sich hier um den „Hyundai Fan Park“ am Bernabéu-Stadion, wo zwei Riesenleinwände installiert sind. Man muss wohl keinen Eintritt zahlen, braucht aber ein Zugangssymbol, und die Hyundai-Artikel spendiert das Unternehmen. Gestern übrigens gab es am späten Abend ein Gewitter. Die Fotos jedoch entstanden am Tag des Spiels gegen Chile.

  8. Vielen Dank für die Auskunf....
    Vielen Dank für die Auskunf. Wissen Sie übrigens, woran mich Ihre Überlegungen zu den Gesichter der Fans von vorne, die man so sonst nicht sieht, erinnert hat? Es gab das eine Geschichte, ich glaube, wenn die Erinnerung mich nicht täuscht, von Aldecoa, über einen dieser Wachmänner, die während des Spiels die Zuschauer beobachten müssen, seitdem ich die gelesen habe, fallen mir immer diese Menschen um das Spielfeld herum auf, mit dem Rücken zum Spiel. In Südafrika dürfen sie sitzen, oft müssen die das ganze Spiel über stehen. Bei besagter Geschichte hat der Ich-Erzähler über seine Gefühle gegenüber dieser Masse geschrieben, die etwas sieht, was ihm verborgen bleibt. Dann fährt er nach Hause und hört im Bus der Unterhaltung der Fans zu, die über das, was er verpasst hat, debattieren. Aber Sie waren sicher nicht im Hyundai-Fan-Park, Sie ziehen es ja vernünftigerweise vor, mit unbemaltem Gesicht bequem und im trokenen bei einem guten Drink zu geniessen. In diesem Sinne: Viel Vergnügen noch! Die WM kommt in die interessante Phase!

  9. Frau Merkel habe ich auch...
    Frau Merkel habe ich auch gleich erkannt, aber sehen Sie auch Xavis Schwester? Sie befindet sich auf Foto Nummer eins (vorne, blaue Kappe, Arme hochgeworfen)?

  10. pardel, hochinteressant. die...
    pardel, hochinteressant. die position mit dem ruecken zur show und dem gesicht zum spiegel des geschehens kenne ich gut. ich hatte mal einen ferienjob als security bei rockkonzerten – red hot chili peppers und son quatsch in ihrer fruehzeit. das ist in der tat ganz toll, langhaarige tattoorocker durch die augen anderer zu sehen. werden dann ziemlich sexy. – nur fussball nicht. und tennis auch nicht. ich schlafe selbst bei federer ein und den mag ich und den sport eigentlich auch.

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