Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Zwischenbilanz: Das zähe Leder der wahren Stars

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Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich noch einmal auf das weltumspannende Ereignis zu sprechen komme, durch das ein beträchtlicher Teil der Menschheit in diesen Tagen seine Existenz betrachtet. Wie hieß es gerade aus Holland? Mehr als sechzig Prozent der niederländischen Arbeitnehmer hätten sich am Freitag freigenommen, um das Spiel ihrer Mannschaft gegen Brasilien zu verfolgen.

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich noch einmal auf das weltumspannende Ereignis zu sprechen komme, durch das ein beträchtlicher Teil der Menschheit in diesen Tagen seine Existenz betrachtet. Wie hieß es gerade aus Holland? Mehr als sechzig Prozent der niederländischen Arbeitnehmer hätten sich am Freitag freigenommen, um das Spiel ihrer Mannschaft gegen Brasilien zu verfolgen.

Das bringt mich zum ersten Gedanken. Wir sollten nicht so tun, als wäre der Ausgang der WM das Ergebnis einer tieferen Wahrheit. Es sei denn, man wollte als tiefere Wahrheit schon die Erkenntnis gelten lassen, dass afrikanischen Mannschaften immer noch das letzte Bisschen Kaltschnäuzigkeit fehlt, um in der 120. Minute den entscheidenden Elfmeter zu verwandeln. Nein, im Fußball – und erst recht bei einem Turnier wie diesem, das Mannschaftsgeist und professionelle Einstellung besonders hoch belohnt – liefert das Endresultat immer die Substanz des zu Beweisenden.

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Beispiel: Brasilien. Beispiel: Holland. Von Brasilien hieß es nach dem lockeren 3:0-Sieg gegen Chile, jetzt sei die Mannschaft von Trainer Dunga zum Topfavoriten aufgestiegen, sie beherrsche viele Register, sei torgefährlich, habe eine stabile Verteidigung und so weiter. Solche Theorien gelten aber nur bis zu dem Spiel, in dem sie widerlegt werden. Und die Niederlande schafften die Widerlegung mit vergleichsweise einfachen Mitteln. Sobald Brasilien im Rückstand lag, verloren die angeblich begabtesten Fußballer der Welt ihre Magie. Wie sie dem fehlenden Tor hinterherrannten, machte einen ziemlich hilflosen Eindruck.

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Die Niederländer wiederum erwiesen sich nicht nur als wahre Turniermannschaft, sondern nahmen die demütigende Erfahrung der ersten dreißig Minuten, in denen sie vorgeführt wurden, ersichtlich zum Ansporn, etwas gegen den drohenden Untergang zu tun. Sie begannen, sich stärker zur Wehr zu setzen. Ein wenig hat mich das Ganze an den 3:1-Sieg von Inter Mailand gegen den FC Barcelona erinnert, nicht nur, weil Wesley Sneijder in beiden Spielen die Schlüsselfigur war. Nein, es wurde auch wieder dieselbe Lehre erteilt. Favoriten gibt es nur auf dem Papier, und das Führungstor, das alle Welt erwartet, ist wenig wert, wenn es nicht mit Zähnen und Klauen verteidigt, möglichst sogar aufgestockt wird. „Entscheidend ist aufm Platz“ lautet eine Fußballweisheit, die man in der Gegend, aus der ich stamme, gern zitiert. Man muss hart sein, geduldig, diszipliniert, zäh wie Leder, um sich den Sieg zu verdienen. Der Brasilianer Felipe Melo demonstrierte das Gegenteil dieser Einstellung, als er das wohl hässlichste Foul dieser Weltmeisterschaft beging und dafür zu recht vom Platz flog.

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Eine weitere Schlussfolgerung drängt sich auf. Die beiden vergangenen Wochen haben abermals bewiesen, dass Florentino Pérez, der Präsident von Real Madrid, sich bei seiner Transferpolitik übel vergriffen hat. Die für insgesamt zweihundert Millionen Euro angekauften Stars der letzten Saison haben bei dieser WM entweder eklatant versagt (Cristiano Ronaldo), ziemlich enttäuscht (Kaká) oder wurden gar nicht erst nominiert (Benzema). Der Triumph dagegen gehört den – gegen vielfachen Rat – ausgemusterten Spielern, die in der neuen Florentino-Ära keinen Platz fanden: Wesley Sneijder und Arjen Robben. Das sollte uns dazu bringen, unseren Begriff vom spielentscheidenden Star, dem Vorbild, der Leitfigur zu überdenken. Selten habe ich einen so deplazierten hochkarätigen Stürmer gesehen wie Cristiano Ronaldo im Achtelfinalspiel gegen Spanien. (Die Bilder vom public viewing dieser Begegnung in Madrid schmücken den heutigen Eintrag.) Er schien wirklich allein zu spielen und von seinen Kameraden auch noch Unterstützung dafür zu verlangen. Vielleicht kann sein neuer Trainer ihm ja bei Gelegenheit eine andere Einstellung beibringen; an der sprachlichen Verständigung sollte es nicht scheitern.

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                                                                                       [ Fotos: Alexander Roßbach ]


54 Lesermeinungen

  1. Heute abend aber wohnen wir...
    Heute abend aber wohnen wir einem wirklich historischen Ereignis bei, dem Einzug ins Halbfinale. Ich glaube daran!

  2. Wir haben hier keine Wetten...
    Wir haben hier keine Wetten laufen, soweit ich sehe. Was das 16-Uhr-Spiel betrifft. Alles scheint möglich. Es gibt keinen klaren Favoriten. Mertesacker allerdings macht mir Sorgen. Hoffentlich sind sie grundlos.

  3. Ad10s, Maradona, Ad10s, Messi!...
    Ad10s, Maradona, Ad10s, Messi! Dulcinea, ich glaube auch daran. Aber die Gefahr hat man heute gesehen, und Don Paul erinnert uns auch daran: Werden wir nicht wie Brasilien (vs. NL), wie Barça (vs. Inter, naja, da bin ich differenzierter, aber als Abmahnung ist gut) oder, wie eben gesehen, wie Argentinien. Jetzt ist es hier wieder laut, ich gehe mir das Spnienspiel aushäusig anschauen, mich durch die hupenden Massen durchkämpfend.
    Oh, ich bekomme gerade die SMS eines Freundes, der das Finale Uruguay vs Paraguay prognostiziert… Mein Wunschfinale wäre es nicht, aber lustig wäre es schon. Guay gegen Guay, sozusagen. Superguay.

  4. Vielen Dank für diesen...
    Vielen Dank für diesen klarsichtigen Beitrag, der uns am Beispiel Brasilien versus Holland daran erinnert, wie misslich die Rolle des Favoriten ist, wenn er sie nicht erwartungsgemäß erfüllen kann.
    Ich komme gerade aus der deutschen Botschaft in Peking, wo das Spiel Deutschland-Argentinien in einer Art Mini-Public-Viewing zu bestaunen war. Die Deutsche Bank spendierte Freibier, Orangensaft, Wasser und Brezen, womit sie auf die zweite Hälfte des Wirtschaftsjahres einstimmte, das wahrscheinlich im Zeichen neuer Frugalität und „Rausch ist unser Schicksal“ steht. Es hat Spaß gemacht! Wie Tintenfisch Paul hatte ich übrigens keinerlei Zweifel gehegt, dass die deutsche Mannschaft die Partie gewinnen würde, allerdings hätte ich eher auf 3:2 in regulärer Spielzeit getippt. Aber ich bin ja auch das blinde Huhn des Fußballs, das über jedes zufällig erworbene Korn unbändig frohlockt … . Auch weiterhin soll gelten, dass mein Geschmack ein einfacher ist: ich folge immer der besseren Mannschaft und schätze faire Verlierer. Pars pro toto gesprochen war Löw ein guter Sieger und Maradona ein begabter Verlierer. Das ist nicht wenig.

  5. Das Gesicht Maradonas in der...
    Das Gesicht Maradonas in der Niederlage hatte einen Anflug von Größe. Ansonsten nämlich hatte ich mit dem grauen Anzug, dem kompakten Mann darin, dem Ohrknopf, dem Haarschnitt und dem unermüdlich demonstrierten telegenen Enthusiasmus meine Schwierigkeiten. Wie der faire Verlierer zu Hause behandelt wird, muss man in der argentinischen Presse studieren.

  6. Ja, das 16-Uhr-Spiel habe ich...
    Ja, das 16-Uhr-Spiel habe ich hier in Madrid über einen argentinischen Kanal im Internet verfolgt. Das war schön. Die Kommentatoren waren sehr fair, ja. Das kann man nicht anders sagen. Sie waren auch sehr lustig. Man weiß ja, daß ausländische Kommentatoren mit Namen wie Schweinsteiger manchmal Probleme haben können. Diesmal schwankte der Kommentator zwischen Wenténger, Swenténger und einmal, ganz deutlich, Schwainstaiger. Sonst spielten im deutschen Team auch Quedirá, Osíl, Podolki, Newer und, natürlich, LAN.
    Und das andere Spiel! Uff! Ich sage nur, daß ich bei Villas Tor Tränen in den Augen hatte! Und daß ich in der vierundneunzigsten Minute halb auf den Boden gesunken den Fernseher angebrüllt habe: Pfeif ab! Pfeif doch endlich ab! Das zeigt die Seelenlage.

  7. spaete fussballsozialisierung:...
    spaete fussballsozialisierung: in madrid waren wir gestern von argentinischen freunden zum fussballschauen eingeladen. trotz der fruehen deutschen fuehrung wurden meine interessierten fragen – wie lange denn so ein spiel dauere, was eine gelbe karte und was die zweite bedeute – in der ersten halbzeit noch geduldig beantwortet.
    mal schaun, wo wir am mittwoch das naechste spiel sehen. vielleicht tatsaechlich auf einer spanischen fanmeile. vielleicht sogar in deutschem trikot. das waere ein interessanter selbstversuch, denke ich. – fruehling im herbst.

  8. Dulcinea, großartig war die...
    Dulcinea, großartig war die Übertragung des Deutschlandspiels in einer Bar in Roma Bella: Neben den von Ihnen Beschriebenen spielte dort noch Filippo Lama mit…..

  9. abdelfeldmann: Das war ja...
    abdelfeldmann: Das war ja wahrer Bildungsurlaub für Sie. Wären Sie nicht eingeladen worden, könnten Sie es glatt von der Steuer absetzen…..

  10. Oh je, liebe WG. Wie halten...
    Oh je, liebe WG. Wie halten wir nur den Mittwoch aus? Im antiken Griechenland wären wir die wahren Tragöden und Tragödinnen.

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