Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

7500 Artikel

| 50 Lesermeinungen

Selbst wer schon viele öffentliche Hommagen mitgemacht hat, eine spanische Spezialität, konnte bei dem Abend im Goethe-Institut Madrid zu Ehren von Walter Haubrich das Gefühl haben, etwas Besonderes zu erleben. Ich versuche immer noch zu ergründen, worin es bestand.

Selbst wer schon viele öffentliche Hommagen mitgemacht hat, eine spanische Spezialität, konnte bei dem Abend im Goethe-Institut Madrid zu Ehren von Walter Haubrich das Gefühl haben, etwas Besonderes zu erleben. Ich versuche immer noch zu ergründen, worin es bestand. Erst einmal der Abend selbst, nicht das Wetter, sondern die Luft, die Stimmung: mild, nach einem schönen Spätsommertag, so angenehm und gewichtslos, wie Tage in der kurzen Madrider Übergangsjahreszeit sein können. Es ist, als öffnete man eine Tür, die von der Hitze der vergangenen Monate in den Herbst hineinführt, aber man spürt im Rücken noch die Sonnenstrahlen und denkt noch nicht daran, sich Socken anzuziehen.

Wir trugen natürlich welche, denn der Anlass war durchaus feierlich. Auf der Einladung stand, wir sollten mit Walter Haubrich seine zehn Bücher begehen, seine vierzig Jahre als Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, fünfzig Jahre Leben in Spanien und Iberoamerika, seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag und die 7.500 Artikel, die er in seiner langen journalistischen Laufbahn geschrieben hat.  Man schaut sich solche Zahlen an, ist pflichtschuldigst beeindruckt und merkt doch sofort, dass sie die Substanz dieses Lebens verfehlen. Das ist nicht schlimm, denn es entspricht dem Wesen des Mannes, der am Mittwochabend gefeiert wurde. Nichts an ihm lässt sich statistisch gut erfassen, seine Bedeutung liegt im Gelebten, Erzählten, Geteilten und am Ende Geschriebenen. Walter Haubrich ist der Auslandskorrespondent, der am längsten, tiefsten und umfassendsten über die letzten vier Jahrzehnte der spanischen Geschichte berichtet hat. Und da offizielle Quellen, wie jeder weiß, in Zeiten des Machtmissbrauchs unzuverlässig sind, dienen seine Berichte längst als Zeitdokumente.

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An die aufregenden Jahre der transición, die Haubrich aus nächster Nähe geschildert hat, wurde an diesem Abend oft erinnert. Felipe González war gekommen, dessen Aufstieg Haubrich früh beschrieben hat, der EU-Politiker Enrique Barón, der Journalist Miguel Ángel Aguilar und Klaus-Dieter Frankenberger, bei der FAZ zuständig für Außenpolitik. Die Direktorin des Goethe-Instituts, Margareta Hauschild, muss sich gut überlegt haben, wie so ein Abend ablaufen könnte. Zuviel konzentriertes und gestapeltes Lob hätte man ja weder geglaubt noch ertragen. 

So, wie es dann war, mit vier eher kurzen Reden, wurde es witzig, warmherzig, unfeierlich und ließ den Charakter der Männerfreundschaften ahnen, die dort über Jahrzehnte entstanden sind. Felipe González, der in seiner Funktion als elder statesman gern krawattenlos auftritt, sprach über die Leistung dieses demokratischen Übergangs, besonders die fundamentale Rolle des UCD-Ministerpräsienten Adolfo Suárez, und erlaubte sich bühnenreife Verwunderung darüber, wie irgend jemand heute den Wert der transición in Zweifel ziehen könne. (Haubrichs historische Rolle in jenen Jahren war, auch das zu berichten, wovon seine spanischen Kollegen nicht schreiben durften.) Nein, man kann sich nicht vorstellen, Felipe González käme zurück in die Politik, er will ja auch nicht, er weiß sich ganz gut zu beschäftigen und scheint Zeit für ein paar wichtige Dinge des Lebens zu haben; aber für ein paar Minuten daran erinnert zu werden, was politisches Charisma ist, war schön. 

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Der Geehrte selbst bewegte sich in seinem Auftreten, mit jeder Geste und jeder Miene auf der Höhe seiner eigenen Verlegenheit. Walter Haubrich sprach nur wenige Sätze, die Hälfte davon unhörbar, weil er das Mikrofon lieber in die Luft hielt, wo es die Saalatmosphäre auffing. Seine technische Hilflosigkeit steht symbolisch für eine seiner größten Qualitäten: Er vertraut nicht dem verkündeten oder verstärkten, sondern dem privat geäußerten Wort. Er hält wenig von E-Mail und Internet, und selbst vor den Zeiten allgemeiner Online-Verfügbarkeit unzähliger Quellen griff er lieber zum Telefonhörer, um mit den Menschen direkt zu sprechen, oder ging mit ihnen essen, wie es sich in Spanien gehört. Walter Haubrich wollte immer dabei sein, wenn es um Politik, Kultur, Gesellschaft, Fußball oder Stierkampf ging, und er war dabei. Für einen, der mit allen sprechen und die Dinge aus erster Hand erfahren will, ist körperliche Teilnahme die erste Voraussetzung. Zeugenschaft, so könnte man die Anforderung an sich selbst nennen. Er stellt Fragen, aber ohne Ungeduld oder Sensationslust, lässt sich Zusammenhänge erläutern, registriert, fragt weiter, und irgendwann schreibt er es auf. Er wäre unfähig, eine sinnvolle Google-Recherche durchzuführen; aber er könnte mit vier Politikern eine halbe Nacht lang trinken und dann unter dem Tisch, mit dem Kugelschreiber, seinen Bericht formulieren und mit letzter Kraft durchtelefonieren. Das solcherart Erfragte, Gewusste, Geprüfte und Aufbewahrte ist inzwischen zu einem Fundus an Kenntnis und Einfühlung angewachsen, der unter Korrespondenten ohne Beispiel ist. 

Die Zahl 7500 ist übrigens gerundet, ob auf- oder abgerundet, weiß ich nicht. 7500 Artikel, heißt das. Von der Meldung bis zum Leitartikel, der Reportage bis zum Fußballbericht. Ein Teil – der kleinere – ist in Buchform gesammelt. Und wo immer man blättert und liest, wird man einen unverwechselbaren Ton finden, nicht wegen der Feinheit des Stils, sondern wegen Klarheit, Aufrichtigkeit, Urteilssicherheit. Walter Haubrich ist das seltene Exemplar eines Schreibers ohne Eitelkeit. Der Mensch mag sich auf seine Lebensleistung etwas zugutehalten, seine Sprache ist voller Neugier und Demut. Deswegen glaubt man ihm auch, wenn er von „den Spaniern“ spricht. In seinen Artikeln steckt ein Begriff vom „Volk“ im besten Sinn, dem sprichwörtlichen Mann auf der Straße, dem leibhaftigen Durchschnitt, den ganz normalen Leuten oder ein wenig darunter. Dieses Zugehörigkeitsgefühl teilt sich mit. Aus diesem Blickwinkel schreibt er. In Walter Haubrichs Artikeln zählen die Armen und Schwachen immer mehr als die Reichen und Starken.

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Ein letztes Detail, das mir durch den Kopf ging, als ich ihn an diesem schönen Abend unter seinen Freunden, Bekannten und Kollegen sah. Wenn man Walter Haubrich gegenüber den Namen eines wichtigen Menschen nennt, ist es sehr wahrscheinlich, dass er anmerkt, er sei mit ihm an diesem oder jenem Tag – meistens kürzlich – essen gewesen. Nennt man ihm dagegen eine spanische Landschaft, eine Stadt, ein Dorf, spricht einiges dafür, dass er sagt, man könne dort gut essen. Manchmal erwähne ich solche Dinge nur, um ihn das sagen zu hören. Er ist wirklich ein sehr verlässlicher Mann, nicht nur in dieser Beziehung. Ich könnte noch weitererzählen, unter anderem von den Spielfilmen, in denen er mitgewirkt hat und von deren Dreharbeiten er uns gern erzählt, aber diese Anekdoten aus einer wilderen Zeit wären eine ganz andere Geschichte. Um sich eine Vorstellung davon zu machen, reicht ein Blick auf die Leinwand, die auf den Fotos unten und oben zu erkennen ist. Der Mann rechts ist niemand anders als Walter Haubrich. Hätte Sergio Leone ihn gekannt, wir hätten ihn sicherlich in Für eine Handvoll Dollar gesehen, ein Film, der wenige Jahre zuvor in Almería gedreht wurde und mit Clint Eastwood vorliebnehmen musste.

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                                                           [Fotos : David Sirvent / Goethe-Institut Madrid ]


50 Lesermeinungen

  1. Dulcinea sagt:

    Herzlichen Glückwunsch,...
    Herzlichen Glückwunsch, Sanchos Esel! Fertig! Was für Sommerweiden! Ich freue mich!

  2. pardel sagt:

    Oh, Sie sind wieder hier! Ihr...
    Oh, Sie sind wieder hier! Ihr Buch haben Sie auch fertig geschrieben! Gratuliere ganz herzlich, das ist sicher ein großartiges Gefühl gewesen! Wie gerne würde ich in meiner Neugierde, wenn das Buch erscheint, wissen, was Ihr Sohn genau vorgeschlagen hat, um es mit dem, was tatsächlich veröffentlicht wird zu vergleichen! Nun, das wird natürlich nicht gehen, dennoch freue ich mich auf das Erscheinen und ich freue mich auch ganz besonders für Sie. Viel Erfolg!
    An alle anderen WG-Mitglieder: Seien Sie ganz herzlich gegrüßt, auch auf Sie alle freue ich mich. War ein langer Sommer voller lustiger Menschen und Worte: Serendipity! (Mein Lieblingswort, immer noch) Diversion! (Steht an jeder Umleitung! Welch herrlich semantischer Humor!) Punting! (Platsch! Musste an dich denken, mugabarru! Aber die meisten Punter haben das Gleichgewicht prima gehalten, dein Onkel war wohl nicht dabei. Und ich? Ich kauerte ganz tief im Boot und habe den Schwerpunkt so tief gelegt, wie ich nur konnte) Gravy! (Ja, das Essen in England… man kann nicht alles haben…) Superciliousness! Und nun? Back in Berlin, Motorrad geparkt, es regnet. Das richtige Wetter für die vielen Bücher, die auf der Rückreise wundersamerweise nicht naß geworden sind.

  3. Dulcinea sagt:

    Haben Sie etwa eine Neue,...
    Haben Sie etwa eine Neue, pardel?

  4. Dulcinea sagt:

    Manchmal drücke ich mich...
    Manchmal drücke ich mich wirklich recht ungeschickt aus. Zum Glück schreibe ich keine Bücher! Ich meinte: eine neue Encyclopedia Britannica?

  5. Madrid sagt:

    Danke für die guten Wünsche,...
    Danke für die guten Wünsche, pardel. Ich denke noch darüber nach, ob es ein großartiges Gefühl war. Ich bin mir nicht sicher. Kurz darauf setzt ja eine gewisse Trauer ein. Man wird sich irgendwann etwas Neues suchen müssen. Aber erzählen Sie doch bei Gelegenheit von Ihrer Motorradreise nach England.

  6. mugabarru sagt:

    Hallo pardel, mein Onkel war...
    Hallo pardel, mein Onkel war doch bis letzten Montag in Cambridge. Und er plumpst nicht mehr ins Wasser weil er von mir gelernt hat. Hat dir die Brücke gefallen? Auch ich habe mich gefragt wass der Sohn wohl für Vorschläge gemacht hat, wagte aber nicht zu fragen.
    Lieber Gastgeber diese leise Trauer auf die sie deuten kommt auch, bei allem Respekt vor dem Schaffungsprozess, auf anderen Ebenen des Lebens vor. Wahrscheinlich ist es nur eine Erinnerung an unsere eigene Vergänglich- und Verwundbarkeit, an … nein, heute abend will ich niemandem auf den Wecker fallen. Diversion.
    Dulce Dulcinea gute Freunde von mir haben mir vom „Gin Tonic molecular“ (gelatina de ginebra, caviar de tónica y aire de lima) erzählt. War es das was die schönen Frauen gegen Mitternacht für ihre 4-jährige Tochter im Teatro Alcázar mixten? Marlango mag ich auch. Und Leonor Watling.
    Pardel, bitte beweise endlich deine technischen Fähigkeiten und zeig uns deine Bilder, mit tiefem oder hohen Schwerpunkt. Wir sind ja tolerant.

  7. Dulcinea sagt:

    Ich habe Sie alle sehr...
    Ich habe Sie alle sehr vermißt, das muß ich schon sagen. Jetzt fällt es mir auf. Mein lieber mugabarru, die Töchter schlafen natürlich zu Hause um diese Zeit. Das ist doch klar. Und ich trinke prinzipiell nichts, wo „molekular“ daraufsteht. Ich habe mehr die Gläser bewundert und Melibeens (und Ihrer) gedacht.

  8. pardel sagt:

    Ich habe das Wort...
    Ich habe das Wort procastination vergessen. Kommt bei mir gleich hinter serendipity. Morgen erzähle ich gerne über Motorradreisen und versuche vielleicht wieder Bilder hochzuladen (ich verstehe bis heute nicht, warum es bisher nicht geklappt hat). Heute freue ich mich über drei Punkte meiner Mannschaft und gehe müde ins Bett.
    Nein, Dulcinea, ich habe keine neue EB, aber für bescheidene 50 ₤ eine winzige Ausgabe (kleiner als eine Postkarte, aber 397 Seiten dick) von Gullivers Reisen aus dem Jahr 1883 antiquarisch erstanden. Noch nicht gelesen. Procastination eben.
    Die Brücke, mugabarru, ist gut durchdacht. Ich habe kurz darunter und eine ganze Weile darauf und daneben/davor gestanden. Prima Beispiel von „si non è vero…“.

  9. mugabarru sagt:

    Auch ich habe die WG vermisst....
    Auch ich habe die WG vermisst. Es war ein langer Sommer. Internet war richtig „agostado“, was für ein herrliches und bildliches Wort. Ihre Vorurteile gegen „nuclear“, „molecular“ sorgen mich ein bisschen. Haben sie den Adria Ferra Trend verpasst? Ich auch. Bin aber bereit, für einen Gin-Tonic immer, nach zu holen.
    Nun, über die Freizeit und deren Nutzung seitens ihrer Töchter bin ich nicht informiert. Vergessen sie bitte nicht, dass ich ein Provinzler bin. Ich weiss nur wann mein Patensohn ins Bett kommt. Aber in der Grosstadt ist ja alles anders.
    Glauben sie Melibea hat schon angefangen in Madrid zu backen? Wie befürchtet habe ichvorletztes Wochenende sehr viel über die Veränderungen der letzten 30 Jahre in Spanien mithören müssen. Amatxus italienischer Freund, sie wissen….. Doch seine 13-jährige Tochter war/ist sehr lustig, und seine Frau ist ganz klar die bessere Hälfte. Aber amatxus und seine These stimmt: kein spontanes Gesang in ganz Madrid während des ganzen Wochenendes. Aber laut war es, doch weniger laut als in Sevilla. Die Sevillaner sin die absoluten Sieger was Lärm betrifft. Wir, die Nachbarprovinz und ich, haben sie im herrliche und normalerweise ruhigem „Valle de los Pedroches“ erlitten. Es bestätigt nur eines meiner kaum vorhandenen Vorurteile.

  10. Dulcinea sagt:

    Ich stelle mir beim Kochen und...
    Ich stelle mir beim Kochen und Backen auch viele philosophische Fragen, mein lieber mugabarru. Aber vielleicht sind es nicht dieselben Fragen, die sich Ferran Adrià stellt?

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