Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Kleine Gemeinheiten aus dem Betrieb (7): Grobheit und Sentimentalität

| 62 Lesermeinungen

Irgendetwas ist in die Spanier gefahren, aber niemand weiß, was. Ist das eine zulässige Verallgemeinerung?

Irgendetwas ist in die Spanier gefahren, aber niemand weiß, was. Ist das eine zulässige Verallgemeinerung? Kürzlich jedenfalls amüsierte sich der Bürgermeister von Valladolid in einem Radiogespräch über das Äußere der neuen spanischen Gesundheitsministerin Leire Pajín und fügte hinzu: „Immer, wenn ich ihr Gesicht und dieses Mündchen sehe, denke ich an dasselbe, aber das sage ich jetzt nicht.“ Der Aufschrei über die sexistischen Äußerungen des älteren Herrn war noch nicht ganz verhallt, da schrieb der Schriftsteller Arturo Pérez-Reverte auf Twitter über den ehemaligen spanischen Außenminister: „Habe Moratinos weinen sehen. Nicht einmal beim Abgang hat er Mumm.“ Ja, Miguel Ángel Moratinos hat geweint, als er verabschiedet wurde. Ein harter Junge wie Pérez-Reverte, Bestsellerautor von Mantel-und-Degen-Romanen und Mitglied der Königlich-Spanischen Akademie, findet das zum Brüllen. Seine Verachtung gipfelt in der Beschimpfung, Moratinos sei gegangen wie ein „perfecto mierda“, was wohl keiner Übersetzung bedarf.

Im Nu hatten die Online-Zeitungen die Sache verbreitet. Eine erstaunliche Reaktion überrrollte das Land. Im Twitter-Universum bildeten sich Gruppen, die Parodien des enthemmten Schriftstellers erfanden. Zugleich abonnierten sich Tausende auf seinen Tweed und erhöhten die Zahl der Pérez-Reverte-Anhänger auf mehr als dreißigtausend. Irgendwann erreichte die Kommentarlawine auch die Politiker und rührte sie gnadenlos unter. Einer sagte, selbst der „hervorragende Schriftsteller“ Pérez-Reverte dürfe es nicht an Respekt fehlen lassen. Ein anderer fragte, was denn so schlimm daran sei, wenn ein Politiker Gefühle zeige? Empfindsamkeit sei doch kein Vergehen. Ein weiterer meinte, die Sätze des Schriftstellers seien gewiss nicht nett, aber so schlimm wie das Mündchen der Gesundheitsministerin seien sie auch wieder nicht.

Währenddessen wurde Moratinos im Internet als Heulsuse verhöhnt und Pérez-Reverte mal als großer Stilist gefeiert, dann wieder zum billigen Lohnschreiber degradiert. Am Ende zankten sich auch die Kommentatoren in den Online-Medien. Das Internet ist die Verrohungsmaschine unserer Tage. „Diesen Erfolg hatte ich gar nicht erwartet“, twitterte der Schriftsteller, noch immer berauscht von seiner Wirkung. Wäre er sich über die Folgen klargewesen, hätte er mit den Beleidigungen viel früher angefangen! Wie gesagt, irgendetwas ist in die Spanier gefahren. Aber auch ich weiß nicht, was.

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Das Obige habe ich in unserer Zeitung geschrieben. Es erschien am Samstag unter der Glossenüberschrift „Nicht nett“. Ein paar Anmerkungen möchte ich hinzufügen. Erstens, mit welch schlechtem Gewissen ich das Obige geschrieben habe. Denn nicht nur ist es peinigend, ja demütigend, so viele Dummheiten in einer einzigen Schreibsitzung paraphrasieren und dann auch noch kommentieren zu müssen. Es sind die Augenblicke, da unser Beruf fragwürdig wird, denn dienen wir dem Bürgermeister von Valladolid (der seine Frechheiten zuerst im Radio verbreitete) und dem Herrn Pérez-Reverte (der die seinen in jeweils 140 Buchstaben packte) nicht unfreiwillig als Verstärker? Verschaffen wir den Beleidigern nicht genau das, worauf sie es abgesehen haben, wenn wir ihre Sätze weitertragen und in den großen allgemeinen Nachrichtenstrom leiten, der unsere Ohren mit Getöse erfüllt, sobald wir den Computer hochfahren? Mehr: Verschärfen und verschlimmern wir die Beleidigung nicht gerade dadurch, dass wir sie bis in die letzten Winkel (lassen Sie es mich pathetisch formulieren:) fremder Länder tragen?

Meine vorläufige Antwort heißt: ja.

Aber, könnte man einwenden, normalerweise schreibt ein Pérez-Reverte doch Romane! Und seine Romane bleiben doch ein würdiger Gegenstand! Darauf muss ich antworten: Ich weiß es nicht. Hier jedenfalls hat er nicht von seinen Romanen und der Kunst des Schreibens gesprochen. Er hat den spanischen Außenminister angerempelt, der nach mehr als sechs Jahren sein Amt abgeben musste. Ein paar unschöne Assoziationen stellten sich deshalb bei mir ein, darunter die Gebote landläufiger Macho-Pädogogik: Schmerz runterschlucken! Jungs weinen nicht! 

Mit wirklicher Haltung, mit wahrer Tapferkeit haben diese Slogans nicht viel zu tun.

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Umgekehrt verbitte ich mir aber auch den Opportunismus der spanischen Kulturministerin Ángeles González-Sinde, die ein großes Geschrei um die sexistischen Äußerungen des Bürgermeisters von Valladolid veranstaltet hat (sie konnte vor solidarischer Aufgewühltheit nicht mit ihm sprechen, sie konnte ihm bei der Eröffnung des Kinofestivals von Valladolid nicht einmal die Hand schütteln!), den Fall Pérez-Reverte jedoch wie folgt kommentierte: Die Tränen ehrten Moratinos; und der Schriftsteller habe nur frei seine Meinung geäußert.

Wie bitte? Die spanische Kulturministerin glaubt, sich hinter die Grobheit eines Schriftstellers stellen zu müssen, nur weil er kein öffentliches Amt bekleidet? Vielleicht hat sie einfach nicht den Mut, den Mann, der ihren Kollegen Moratinos mit Gratisbeleidigungen überzieht, zu kritisieren? Dann sollte sie schweigen. Sie hätte sich auch zu den Emotionen des ehemaligen Außenministers bei seiner Verabschiedung nicht zu äußern brauchen. Die Tränen nämlich, wie ich finde, „ehren“ Moratinos überhaupt nicht. Genauso wenig, wie sie ihn anklagen oder belasten. Sie sind geflossen, nichts weiter. Unwillkürlich. Und wenn eines die Geschichte dieser spanischen Verhöhnungen vollends unangenehm macht, dann ist es, zur Grobheit auch noch deren Kehrseite zu erleben, die Sentimentalität. 

                                                          [ Fotos aus Günter Schwaigers Film Arena ]


62 Lesermeinungen

  1. pardel sagt:

    Tolle Sache, so ein...
    Tolle Sache, so ein Kulturministerium. In Deutschland fällt es nicht so auf, da Kultur Ländersache ist und die Minister sich vorrangig über Lehrpläne streiten. Aber in Spanien kommen sie zum Kern der Sache: den (politischen) Gegner beschimpfen und ideologisch, menschlich und moralisch durch den Kakao ziehen. Aber vielleicht meinen sie es gar nicht so? Eine Bekannte von mir, eine Spanierin, die perfekt wie eine Muttersprachlerin Deutsch spricht, hat bei manch einem Deutschen den Ruf, recht ungehobelt zu sein: Direkt, grobschlächtig, taktlos, ungehörig ungezogen. Mir fiel es zunächst nicht auf, bis man mich darauf aufmerksam machte. Da merkte ich, dass sie sehr gut Deutsch spricht, grammatikalisch einwandfrei, ganz ohne Akzent (bzw. mit einem leichten rheinischen Einschlag) aber – sie denkt und fühlt Spanisch! Deswegen fiel es mir nicht auf, mir kam es natürlich vor. Ihr Problem ist, dass ihr Deutsch so gut ist, dass der gemeine Deutsche nicht auf den Gedanken kommt, sie würde nicht Deutsch denken.
    Bei Politikern kommt das Medium erschwerend hinzu. Genauso, wie sich die Kommentarfunktion (und öfters – leider! – auch die e-mail) nicht eignet, um ironisches auszudrücken, genauso taugt Fernsehen als Medium nicht, um differenziert, subtil und ausgewogen zu sein. Das Passt nicht alles in einem „soundbite“. Vielleicht sind die spanischen Politiker nicht schlimmer geworden, sondern vertrauen immer mehr auf das Medium Fernsehen?
    Egal! Los Nr. 1 ist im Sack, die anderen folgen, unsere Chancen steigen. Auch mit den falschen Nummern werden wir gewinnen.

  2. Bei einer bestimmten Art...
    Bei einer bestimmten Art Politikern wundern mich diese Äußerungen nicht: Sie passen ins gesamte Bild der Unverschämtheit, die sich bestimmte Politiker in Spanien straflos leisten können. Von einem Schriftsteller, von einem Mitglied der RAE würde ich mehr Eleganz erwarten. Aber auch von einem Kollegen von Ihnen hätte ich erwartet, dass er über etwas Besseres zu schreiben gehabt hätte als die Modepüppchen des Kabinetts Zapateros. Der Artikel war vielleicht lustig, satirisch oder ironisch gemeint. Meiner Meinung nach war er einfach unnötig. Und auch wenn der Ton dieses Artikels mit der Grobheit der in Ihrem Eintrag zitierten Worte nicht zu vergleichen ist, kann es sein, dass manch kopfloser Politiker sich dazu ermutigt fühlt, ein paar Schritte weiter zu gehen, denn der Artikel hatte in der spanischen Presse eine große Resonanz. Nicht dass Ihr Kollege für die Dummheit anderer verantwortlich ist, natürlich nicht. Wir sollten aber den enormen heutigen Einfluss der Medien auf unsere Meinungsbildung auch nicht unterschätzen.
    Dulcinea, die Spanier sagen „Buena suerte“. Die Deutschen, „Viel Erfolg“. Die Sprachen „verraten“ uns.

  3. mugabarru sagt:

    pastora-marcela, ich glaube...
    pastora-marcela, ich glaube nicht, dass das deutsche „viel Erfolg“ so radikal anders ist als das spanische „buena suerte“. Erfolg kann schliesslich auch ganz unverdient und eher ein Glückstreffer sein. Amatxu testete meine Lehrleistung vor einer Prüfung immer mit der Frage „¿justicia ó suerte?“. Wenn ich Gerechtigkeit verlangte, konnte sie sicher sein, dass ich mich wirklich angestrengt hatte. Bei „suerte“ hatte ich eher Selbstzweifel.
    Da ich schon bei „dichos“ und „refranes“ bin, kann ich es nicht lassen den Vater einer Freundes zu zitieren: „Salamanca no da lo que la naturaleza no otorga“. Dieser Herr ist ein sehr konservativ eingestellter, aber auch sehr gebildeter Mann, mit feinem Humor der nie beleidigend ist. Er ist ein richtiger Humanist. Und er wäre bereit mit Vargas Llosa auzugehen. Er lacht immer und meint ich könne mich einem gemeinsamen Abend mit Vargas Llosa verweigern solange ich nicht die wirkliche Chance hätte.

  4. mugabarru sagt:

    Doch pardel, ich glaube schon...
    Doch pardel, ich glaube schon dass spanische Politiker schlimmer geworden sind, und überhaupt, dass in der gesamten spanischen Gesellschaft die Hemmschwelle gesunken, und die Spanier dadurch agressiver geworden sind. Auch Ironie kann ganz schön gemein sein, wenn der Wunsch den „Anderen“ zu beleidigen oder zu verletzten die wahre Grundlage ist. Fernando Savater weist immer darauf hin, dass der Mensch unantasbar ist, nicht aber seine Ideen. Doch leider wird der Mensch, also sein Geschlecht, seine sexuellen Neigungen, seine Reaktionen angegriffen, aber dessen Ideen werden nicht einmal zur Kenntnis genommen.

  5. mugabarru sagt:

    Übrigens passt zu unserem...
    Übrigens passt zu unserem Thema auch Javier Marias Artikel https://www.elpais.com/articulo/portada/acoso/razonamiento/elpepusoceps/20101024elpepspor_18/Tes.

  6. Madrid sagt:

    Ja, mugabarru. Der passt...
    Ja, mugabarru. Der passt leider sehr gut. Ruhen Sie wohl.

  7. Dulcinea sagt:

    Liebe WG. Ich muß gestehen,...
    Liebe WG. Ich muß gestehen, daß ich sehr berührt bin von unserem gemeinsamen Lotteriespiel. Im Grunde sind wir sehr romantische Naturen. Der romantischste unter uns dürfte allerdings mein lieber mugabarru sein. In der Nähe der Metro-Station Prosperidad https://picasaweb.google.com/zehn.nuesse/DritterNovember#5535298672272054210 nämlich befindet sich ein kleiner Teeladen: https://picasaweb.google.com/zehn.nuesse/Ubergabe#5535298802403764914. Und in diesem kleinen Teeladen wartete ein großer Umschlag auf mich. Darauf stand: El Toboso Aurrera! Er enthielt Lotteriegeld sowie einen Gutschein für Tee. Danke, mein lieber mugabarru. Gleich sehen Sie, was ich davon gekauft habe. Hier habe ich dann absprachegemäß unser Glück versucht: https://picasaweb.google.com/zehn.nuesse/Cartagena#5535298874406461218. Eine unbekannte Freundin dieser WG, der ich gestern abend von unserem Lotteriespiel erzählte, war so begeistert, daß sie auch ein Los mit derselben Nummer kaufen wollte. Daher sieht mein baskischer Weihnachtsbaum, der auf meiner Terrasse nun schon zum zweiten Mal übersommert hat, so schön findet er es bei uns, derzeit so aus: https://picasaweb.google.com/zehn.nuesse/Weihnachtsbaum#5535298981055786050. Mugabarru hat noch einen ganzen décimo bei mir offen. Und ein Anteil für 3 Euro wäre auch noch frei am Gemeinschaftslos. Wer möchte den haben? Melibea?
    Meine Glücksader ist nun erschöpft. Uff.
    *
    Lieber Don Paul. Ich glaube, Sie sollten wirklich in Cartagena kaufen. Ich meine, im Ort Cartagena. Und, wenn es geht, vielleicht mit einer 4 oder 5 vornedran. Das fände ich schön. Und darf ich mich, ich als Dulcinea, an dieser Nummer, die Sie dort kaufen werden, auch mit einem décimo beteiligen? Ich würde Ihnen die 20 Euro gern zukommen lassen. Dürfte ich das tun? Ich selbst kann jetzt keine Lose mehr kaufen. Ich… bin am Ende. Ich brauche dringend einen Tee. Vielen lieben Dank mugabarru. Vielen lieben Dank, Don Paul. Vielen lieben Dank, pardel. Und vielen lieben Dank auch an pastora-marcela und an HenryCharms. An… alle. Wie wir die etwaigen Gewinne später aufteilen… keine Ahnung. Das muß pardel übernehmen.
    Es grüßt Sie herzlich
    Dulcinea

  8. pardel sagt:

    Lieber mugabarru: Wenn Ironie...
    Lieber mugabarru: Wenn Ironie verletzen will, nenne ich sie Sarkasmus. Vereinfacht ausgedrückt: Ironie – gut. Sarkasmus – doppelplusungut. Aber vermutlich bist du näher am Puls der spanischen Zeit als ich, der seit Jahren Spanien so gut wie nur aus dem Fernseher kennt. Daher vielleicht mein Gedanke (Hoffnung?), es läge am Fernsehen als Medium, nicht an den Menschen. Eigentlich schaue ich gar nicht mehr, seit vor einigen Monaten die spanischen Sender die Satellitenfrequenzen geändert haben, habe ich mich nicht aufraffen können, einen neuen Kanalsuchlauf auf meinem Sat-Empfänger durchzuführen. Eigentlich vermisse ich nur ARTE und Phoenix, die zeitgleich die Frequenz gewechselt haben.
    Dennoch, wer weiss? könnte ich demnächst einen Grund haben, Madrid zu besuchen. Um zu feiern. Herrliches Wetter haben Sie gestern gehabt, Dulcinea, und die U-Bahn prosperidad konnte kaum besser passen. Nochmals vielen Dank!

  9. mugabarru sagt:

    Keine Sorge pardel, dein...
    Keine Sorge pardel, dein spanisches ethnisches Teil ist noch zu retten! Und da wir sowieso mal Getxo und Berlin verbrüdern wollten, warum nicht in Madrid? Das wäre doch eine grosszügige Geste von Toleranz und praktischer Völkerverständigung. Ich vertraue voll auf Dulcineas Feingefühl, wie pastora-marcela. Und sollte es die von HenryCharms angekündigte Schlagzeile „Virtuelle Blog-WG gana El Gordo“ wirklich geben, müssten wir – auf freiwilliger Basis, selbstverständlich – erst mal Madrid leer trinken. Und der einzig zugelassene Journalist dabei wäre dann unser lieber Gastgeber, aber erst wenn er ein Verschwiegenheitsgelübde ablegt, und vor Beginn der Tour schon etwas verwhiskyt ist. Reine Sicherheitsmassnahme.
    Als guter Baske kann ich natürlich nicht weniger grosszügig als pardel und unser Gastgeber sein. Also die Spieler des gemeinsamen Loses, die die so abenteuerlich sind, dass sie sich auf unser Spiel eingelassen haben, die lade ich auch zu einem weiteren Los ein. Dulcinea hat schon die entsprechenden Anweisungen erhalten und wir, netterweise, die Logistik und die Pressemitteilungen übernehmen. Vielen Dank dafür und für ihre nette Fotoreportage.

  10. Dulcinea sagt:

    Richtigstellen muß ich noch,...
    Richtigstellen muß ich noch, daß mugabarrus erstes Los, das vom Weihnachtsbaum mit der WG-Nummer, nicht nur ihm allein gehört, sondern auch Virtudes, Melibea und Chus. Ich vermerke das auf meinen nun schon fast zahlreich zu nennenden Weihnachtsunterlagen! Virtudes, Melibea und Chus… danken Sie einem edlen Basken!

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