Sanchos Esel

Ist José Mourinho ein böser Mann?

Der eine ist klein, bescheiden, aber ein Genie am Ball. Der andere groß, laut, ein Superego und auf völlig andere Weise genial. Grandiose Stürmer und Torjäger sind sie beide, und ihre Vereine haben gut daran getan, ihnen auf dem Platz nicht nur die unumschränkte Führungsrolle zu geben, sondern gleichsam ein Biotop einzurichten, auf dass es ihnen an nichts fehle. „Die Stille gegen den Lärm“, überschrieb die Tageszeitung El País vor ein paar Tagen das Duell zwischen Leo Messi und Cristiano Ronaldo in der spanischen Liga. Am kommenden Montag, beim Schlagerspiel FC Barcelona gegen Real Madrid, findet es seinen ersten Saisonhöhepunkt und könnte darüber entscheiden, welche der beiden Mannschaften die Führung in der Primera División an sich reißt.

Doch die symbolische Wirkung dieses Spitzenspiels reicht weit darüber hinaus. Als wäre die Sache noch nicht prickelnd genug, messen sich auf den 7 704 Quadratmetern des Camp Nou zwei völlig gegensätzliche Spielauffassungen und zwei grundverschiedene Trainer. Hier das schöne Kombinationsspiel von Pep Guardiola, dem weltweit erfolgreichsten Vereinstrainer der letzten Jahre. Dort der überfallartige Angriffsfußball von José Mourinho, der zwar immer noch auf kompakte Defensivkräfte setzt, aber mit Real Madrid so attraktiv spielen lässt, wie man es weder bei Chelsea noch bei Inter Mailand gesehen hat. Überhaupt sind vorauseilende Nörgler (auch der hier schreibende Esel) ziemlich leise geworden. Mit dieser Mannschaft, die gerade erst dabei ist, sich zu finden, scheint einiges möglich. „Wir sind der Favorit“, sagt Barcelonas Mittelfeldspieler Xavi, um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen. Ein überraschendes Wort aus dem Munde eines so scheuen Mannes. Fast klingt es, als wollten die Gastgeber das Reden nicht allein dem überaus gesprächigen Mourinho überlassen – wer weiß, ob die markigen Sprüche aus Madrid nicht untergründige psychologische Wirkung tun?

Während die Wettbüros dem amtierenden Meister aus Barcelona einen leichten Vorteil einräumen, sprechen die Zahlen von ungefährem Gleichstand, was soviel heißt wie: Hellseher sind gefragt. Denn beide Mannschaften erreichen den clásico in Bestform, haben sich mit klaren Auswärtssiegen als Gruppenerster für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert und ihre wichtigsten Spieler alle beieinander, wenn man von Madrids Dauerverletztem Kaká absieht. In der Primera División haben beide 33 Tore erzielt. Mit nur einem Punkt Vorsprung liegt Real Madrid vor dem Konkurrenten und ist nach zwölf Spielen noch ungeschlagen, während Barça einen Schönheitsfleck in der Bilanz hat, nämlich die Heimniederlage gegen Aufsteiger Hércules Alicante. Seitdem haben sich die Heere formiert und allen anderen ihre überlegene Stärke demonstriert: Auch in diesem Jahr wird die spanische Liga ein reiner Zweikampf werden, und das lenkt die Scheinwerfer wieder auf die beiden Protagonisten im Angriff, Messi (dreizehn Ligatore) und Ronaldo (fünfzehn). Es wäre Zeit, dass jemand mit poetischen Gaben ein Gedicht darüber schreibt.

Das wundersame Wesen mit einem Rest an Rätsel wäre zweifellos Leo Messi. Sein Spiel wirkt kindlich, dem Vergnügen hingegeben, Ausdruck reiner Freude am Dribbeln, Kombinieren und Toreschießen. Drei Jahre nach dem legendären 3:3, bei dem er gegen die damals von Fabio Capello trainierten Madrilenen alle Treffer erzielte und Barça vor einer Heimniederlage bewahrte, ist der Argentinier das magische Zentrum einer perfekten Fußballmaschinerie geworden, die ihre Gegner durch erstickende Ballkontrolle und zentimetergenaues Kurzpassspiel beherrscht. Cristiano Ronaldo, Mädchenschwarm und Popidol, gibt dagegen den siegeshungrigen Ausnahmeathleten mit schauspielerischen Sondereinlagen und schier unerschöpflicher Ichliebe. Dass er in fremden Stadien gnadenlos ausgepfiffen wird, scheint ihn eher zu motivieren. Er will kein lieber Junge sein. Und nimmt es an schlechten Tagen in Kauf, dass seine frustrierenden Schussversuche von Hohn und Spott aus zehntausend Kehlen begleitet werden. Eines Tages, so muss man befürchten, könnte ihm wieder mal die Sicherung durchbrennen. Für ihn spricht, dass er sich in den letzten Spielen, als ihm schon mal ein klarer Elfmeter verweigert wurde, nicht mehr darüber aufgeregt hat, als es auch andere Stürmer tun würden.

Die neue Madrider Stärke verdankt sich mehreren Faktoren. Erstens hat Meistertrainer Mourinho in überraschend kurzer Zeit eine verschworene Einheit geformt, in der sich auch die Ersatzspieler wichtig fühlen. Leuten wie Benzema, Lass Diarra, Albiol oder Arbeloa streut er Blumen, weil sie den Wettbewerbsgeist lebendig halten und an ihre Chance glauben. Zweitens gibt es in diesem Team keinen Spieler, der nicht aggressiv verteidigen würde. Und drittens sind mit Ángel Di María und Mesut Özil zwei junge Offensivkräfte in die Mannschaft gekommen, deren Naturell für Kreativität und technische Finessen sorgt. Allein Özils Hackenrückgabe gegen Ajax Amsterdam, die Benzema mit einem satten Schuss in den Winkel abschloss, war das Eintrittsgeld wert. Zur Zeit könnte Benzema übrigens ein interessanterer Sturmpartner für Ronaldo sein als Higuaín. Der Mann hat seine Beweglichkeit wiedergefunden, kann den Ball abschirmen und setzt seine Mitspieler viel besser in Szene als Pipita.

Die Uefa hat unterdessen eine Untersuchung wegen der Gelb-roten Karten eingeleitet, die Xabi Alonso und Sergio Ramos in Amsterdam provozierten und die es ihnen theoretisch erlauben, in der bedeutungslosen Gruppenpartie gegen Auxerre bequem eine Spielsperre abzusitzen. Doch Mourinho hat bei seinem unsportlichen Manöver einen Fehler gemacht. Laut Reglement hätte Ersatztorwart Dudek, der mit der Instruktion des Trainers zum Tor von Iker Casillas eilte, die Zone nahe der Bank nicht verlassen dürfen. Eine Entscheidung der Uefa über Reals stille Post wird nach dem Schlagerspiel ergehen.

Für Kritiker der portugiesischen Doppelspitze Mourinho-Ronaldo wirken solche Tricks wie der Beweis, dass Real Madrid alles tut, um in diesem Jahr einen oder mehrere Titel nach Hause zu bringen. Nicht nur der übliche Nervenkrieg, auch die Charakterfrage trägt also diesmal zum epischen Reiz des Spitzenduells bei. Selbst José Luis Rodríguez Zapatero, ein bekennender Barça-Fan, der das Spiel aus Termingründen nicht einmal am Fernseher verfolgen kann, äußerte sich zum Thema. Aufgrund ihrer „Persönlichkeit“ schätze er Guardiola höher als Mourinho – und Messi höher als Cristiano Ronaldo. Sein Tipp: 4:2 für Barcelona. Dem kann sich Sanchos Esel natürlich nicht anschließen. Er rechnet mit einem 2:1 für Real Madrid.

                                                                                [ Fotos: Sanchos Esel ]

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