Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Bevor wir die Flaschen öffnen…

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Er ist irgendwie weich, aber auch fest. Wiegt mehr als eine Feder, aber weniger als Holz. Er hat eine glatte, liebliche Oberfläche, eine natürliche Farbe, spendet Kühle oder Wärme, er bricht selten, tropft nicht und macht keine Flecken.

Er ist irgendwie weich, aber auch fest. Wiegt mehr als eine Feder, aber weniger als Holz. Er hat eine glatte, liebliche Oberfläche, eine natürliche Farbe, spendet Kühle oder Wärme, er bricht selten, tropft nicht und macht keine Flecken. Seine Geburtsurkunde wurde geschrieben, als ein Benediktinermönch namens Dom Pérignon im siebzehnten Jahrhundert auf die Idee kam, Weinflaschen mit ihm zu verstöpseln. Und damit war die Ära des Korkens eingeläutet. Jenes kleinen zylindrischen Objekts, das wir nur wahrnehmen, wenn wir es mit dem Korkenzieher aus der Flasche drehen und zur Seite legen. Oder gleich wegwerfen. Oder neuerdings recyceln.

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Máximo García García ist ein Anhänger des Naturkorkens. Der Chemiker ist zuständig für Qualitätssicherung bei IPROCOR, Spaniens einzigem Forschungsinstitut für die Korkindustrie in Mérida, Extremadura. Don Máximo trägt seinen Laborkittel, er spricht emphatisch und deutet auf große Diagramme, die den Zellaufbau der Korkeichenrinde nach der Behandlung zeigen. Was für eine wunderbare Substanz, sagen seine Gesten. Was diese Zelle alles kann, wenn aus einem Stück Rinde ein Korken geworden ist! Naturkorken sind elastisch, so dass sie sich dem Flaschenhals anpassen, sind beständig und gehen kaum kaputt, und schließlich haben sie die wunderbare Eigenschaft, fest zu verschließen und dabei gleichzeitig einen minimalen Sauerstoffeintritt zuzulassen, etwa bei der Flaschengärung von Qualitätsweinen. Und das alles leistet diese erstaunliche Zelle. Neunzig Prozent des Korkens bestehen aus Luft.

Ich verstehe nicht viel von den Feinheiten der Biologie, aber der wesentliche Teil der Botschaft kommt an: Der heutige Korken wird in der Extremadura, Spaniens großer Korkregien neben Andalusien und Katalonien, nicht mehr wie ein simpler Naturstopfen behandelt, sondern mit komplexer Hochtechnologie untersucht, analysiert und getestet. Denn der Korken steht vor dem Kampf seines Lebens: Er muss sich gegen die Angriffe konkurrierender Flaschenverschlüsse wehren. Gegen Plastik. Synthetik. Aluminium. Glas. Und gegen den Schraubverschluss. Sie alle haben dem traditionellen Stopfen in den letzten fünfzehn Jahren Marktanteile abgenommen, vor allem in weinproduzierenden Weltgegenden, in denen keine Korkeichen gedeihen, von den Vereinigten Staaten, Australien, Neuseeland und Chile bis zu Deutschland und der Schweiz.

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„Fragen Sie mich nicht, ob der Naturkorken diesen Kampf gewinnt“, sagt Don Máximo. „Eines ist sicher: Es gibt zu wenig Korkeichen auf der Welt, um den steigenden Weinkonsum zu bedienen.“

Zumindest will der Naturwissenschaftler dafür sorgen, dass die Korkindustrie ein untadeliges Produkt abliefert und durch Qualität von sich reden macht, nicht durch muffigen Geschmack. Das gefürchtete Trichloranisol (TCA), die faulige Fehlfarbe, die durch den Korken in den Wein gelangen und ihn ungenießbar machen kann, hat in den neunziger Jahren so viele Erzeuger verschreckt, dass sie in Scharen zu neuartigen Schraub- und Plastikverschlüssen überliefen. „Eine Verleumdung unseres Produkts“, findet Andrés Gilo Morera, Vorsitzender des Korkindustrieverbands ASECOR in San Vicente de Alcántara, einem Dorf nahe der portugiesischen Grenze, in dem sich mehr als siebzig Firmen dieser Branche niedergelassen haben. „Der Kork selbst riecht nach gar nichts. Er hat auch keinen Geschmack. Er ist nur leider das Transportmittel für Bakterien.“

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Als die Verfechter des Korkens begriffen, dass sie erst das TCA-Problem lösen und dann etwas für ihr Image tun mussten, war der Wettbewerb schon in vollem Gange. Von 19 Milliarden Naturkorken jährlich sank der weltweite Verkauf auf dreizehn. Die schrumpfende Nachfrage bedrohte vor allem Portugal und Spanien. Die Iberische Halbinsel besitzt sechzig Prozent des Korkeichenlandes dieser Erde und produziert zusammen achtzig Prozent des Korkenkonsums weltweit. Mehr als fünfzig Prozent entfallen auf Portugal, wo es neben dem Weltmarktführer Amorim auch zahlreiche Familienunternehmen gibt.

Doch erst 1996 wurde ein internationaler Kodex zur Herstellung von Korken (CIPR) entwickelt, der detailliert die materiellen und hygienischen Bedingungen der Produktion festhält. Durch Forschung, hohe Investitionen und schärfere Kontrollen konnte die Branche die TCA-Fälle deutlich reduzieren. Im vergangenen Jahr befand der amerikanische Önologe Christian Butzke, TCA sei für die Weinindustrie „kein wichtiges Thema mehr“. Auch der angesehene Weinkritiker Robert Parker lobte auf einem Kongress in La Rioja, die Qualität des Naturkorkens sei spürbar verbessert, und schätzte die Möglichkeit, in einer Flasche den unangenehmen TCL-Geschmack zu erwischen, auf unter ein Prozent.

Man kann die verschlafene Reaktion dieser Industrie fast verstehen. Sie hat es im historischen Sinn mit langer Dauer zu tun und denkt in Zeitabschnitten, die ein einzelnes Menschenleben übersteigen. Andrés Gilo Morera fährt mich durch die Landschaft von San Vicente de Alcántara, um mir Korkeichenhaine zu zeigen. Dreißig bis vierzig Jahre dauert es bei der Spezies Quercus suber, bis eine Rinde geschält wird, die industriell nutzbar ist. Danach ist alle neun bis zehn Jahre Ernte. Ein einzelner Mensch erlebt also nur eine Handvoll Ernten; der Baum wird dreimal so alt wie er. Kommt ein Waldbrand, hat die Korkeiche zwar viel bessere Überlebenschancen als jeder andere Baum, weil sie in den Hainen meist vereinzelt steht und die Rinde das Innere wirkungsvoll schützt; aber die verkohlte Rinde taugt nicht mehr zur Korkgewinnung, und wenn es so weit gekommen ist, kann der Landwirt neun Jahre abhaken. Neun Jahre! Man will gar nicht daran denken.

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Die Gewinnung selbst hat sich über die Jahrzehnte kaum verändert: zwei Männer, eine langstielige Axt, ein Messer, eine Leiter, ein Traktor. Bei Mischbestand in hügeligen Gegenden müssen Esel ran, wie zu Großvaters Zeiten. Die Axt dient zum Schlagen und Schneiden der Rinde, der abgeflachte Schaft zum Heraushebeln. Da viel Erfahrung nötig ist, um die Aufgabe schonend zu erledigen, verdienen Korkschäler rund neunzig Euro am Tag und zählen in der iberischen Landwirtschaft zu den Besserverdienern. Die Arbeit wird nur in den Sommermonaten verrichtet; den Rest des Jahres müssen sich die Männer anderweitig verdingen. Warum ich diese Fahrt in die Welt des Korkens im Spätherbst mache und nicht im Sommer, weiß ich selbst nicht; aber egal. Der Korken hat meinen Besuch längst verdient.

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Auf dem Gelände der kleinen Firma von Florentino Borrega verfolge ich die Verarbeitungsschritte. Nachdem die geernteten Planken bis zu sechs Monaten auf Zementboden gelagert haben, um Feuchtigkeit zu verlieren, kommen sie für eine Stunde in kochendes Wasser. Zu Ballen geschnürt, muss der Kork dann noch einmal mehrere Monate warten, bevor er ein zweites Mal gebadet wird. Jetzt ist er flexibel und verarbeitungsbereit. Je nach Dicke der Rinde verwandelt er sich in Stopfen oder Scheiben. Diese benutzt man bei Champagnerflaschen, aber auch als Endstück für Agglomeratkorken, also Stopfen aus Korkbrei und Bindemitteln. Auch Abfall oder ausgesondertes Material ist nicht verloren. Junge oder einfachere Weine bekommen einen Granulatkorken verpasst, und die allerniedrigste Qualität, der gemahlene Kork, dient zur Herstellung von Böden und Isolierungen.
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Bei Borrega wird das Ausstanzen noch von Hand erledigt. Ein Arbeiter führt ein Stück Rinde am Stanzbohrer vorbei, und die Korken fliegen in den Korb. Die Einzelstücke werden in Qualitätsklassen eingeteilt. Ein paar Straßen weiter, bei der Firma Augusta Cork, die Kork zubereitet, um ihn an die katalanische Mutterfirma Trefinos zu schicken, beansprucht der Sortierprozess eine große Halle. Augusta Cork produziert täglich eine Million Scheiben, die in Katalonien zu Sekt- und Champagnerkorken verarbeitet werden. Flüchtigsten TCA-Spuren wird mit einem Dampfbad zu Leibe gerückt. Ob kleiner Betrieb oder großer: Ein hoher Hygienestandard ist heute das einzige Mittel, um konkurrenzfähig zu bleiben. Selbst einer gewissen Unberechenbarkeit des Endprodukts ist die französische Firma Diam mit einer patentierten Lösung Herr geworden: Diam fertigt hochwertige Stopfen aus Korkbrei, die untereinander völlig identisch sind, verlässliche Eigenschaften garantieren und die naturgegebenen Fehler des Echtkorkens ausschließen. Es ist also noch Kork, aber nur irgendwie. Wenn man so will: Kurz und klein geschlagen und zermahlen, um ihn neu zusammenzusetzen, man könnte fast sagen, digitalisiert.

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Das Umdenken in der Branche betrifft jedoch nicht nur die Makellosigkeit der Arbeitsabläufe. In den letzten Jahren haben sich die Verbände der Korkindustrie länderübergreifend zusammengeschlossen, um Aufklärung über ein einzigartiges „grünes“ Produkt zu betreiben, das Kernstück eines ganzen Ökosystems ist. Besonders der Marktführer Amorim finanziert teure Laborforschung und unterwirft sich jedem nur erdenklichen Test, um den Konsumenten zu beweisen, dass der Naturkorken anderen Weinverschlüssen überlegen ist.

Es beginnt beim Eichenhain, in Spanien dehesa genannt. Bisher hat die Europäische Union zwar Aufforstungsprogramme subventioniert, doch die dehesa als Kulturlandschaft musste hinter Straßen- und Eisenbahnbau zurückstehen. Dabei ist die Korkeichenindustrie in fast allen Abteilungen ein ökologischer Musterbetrieb: Sie praktiziert einen ausgesprochen schonenden Umgang mit dem Rohstoff, kommt mit wenigen Arbeitsgängen aus, hinterlässt kaum Abfall und achtmal weniger CO₂ als die Aluminiumstopfenproduktion. Außerdem ermöglicht sie den Fortbestand der Eichenweiden, die wiederum mehreren vom Aussterben bedrohten Tierarten wie dem Königsadler und dem Schwarzen Geier sowie einer bunten Truppe von Störchen, Eidechsen, Schmetterlingen und Bienen ein Habitat gewähren. Hinzu kommt die Fähigkeit der Korkeiche, Wasser zu binden und der Versteppung entgegenzuwirken.

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Der Kampf um den korrekten Stopfen, so scheint es, ist also längst über das Wirtschaftliche hinausgewachsen. Er könnte zu einer Frage der Haltung werden. Sinkende Nachfrage und schmerzhaft fallende Preise mögen die Korkbranche zwar immer wieder heimsuchen. Doch wenn es nach ihr geht, wird die künftige Debatte auch auf dem Feld des Umweltbewusstseins ausgetragen. Das Argument lautet so: Ja, ein guter Naturkorken mag beim Preis für eine Flasche Wein bis zu einem Euro ausmachen. Aber sollte uns das die Rettung der Weinkultur, des Eichenhains und des Iberischen Luchses nicht wert sein? „Alle Korkeichenwälder zusammen“, heißt es in einer Broschüre, die vier Branchenverbände und der Entwicklungsfonds der Europäischen Union gemeinsam herausgegeben haben, „binden jährlich rund vierzehn Millionen Tonnen des Treibhausgases CO₂.“

Man hofft also darauf, dass die Kunden nicht nur trinken, sondern auch mitdenken. Mehr als 53 Prozent der Konsumenten, so der deutsche Verband „Natürlich Kork“, wären tatsächlich bereit, für den Naturstöpsel tiefer in die Tasche zu greifen. „Nachhaltigkeit“, lautet das Zauberwort dieser ehrwürdigen Branche, die spät aufgewacht ist und sich jetzt anschickt, an die Spitze der sanften Industrien zu preschen. Wenn die Wirtschaftskrise sie nur lässt. Es soll Weintrinker geben, die sparen müssen. Und dann gibt es auch noch Leser unserer Zeitung, die keine Lust mehr haben, das Korkrisiko einzugehen. Ihnen sei gesagt, dass ich ihr Votum für den Schraubverschluss respektiere und ihnen höchsten Weingenuss wünsche. Dass ich nicht im Sold der Korkindustrie stehe. Dass jeder seines Glückes Schmied und seines Gaumens unabhängiger Versorger ist. Und so weiter. Oh, noch etwas. Trinken Sie maßvoll! Besonders in den kommenden Tagen.

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                                                                  [ Fotos: ASECOR ]


30 Lesermeinungen

  1. Ich wünsche der WG heute viel...
    Ich wünsche der WG heute viel Glück!

  2. Ich auch....
    Ich auch.

  3. Sehr schöner Artikel, schöne...
    Sehr schöner Artikel, schöne Bilder, sozusagen aus meiner weiteren Nachbarschaft.
    Eines habe ich vermisst, vielleicht geht Ihnen das auch anders als mir: Ich finde – vollkommen frei von rationalen Erwägungen – dass ein Korken schöner aussieht, sich schöner anfühlt, und mir schlicht und einfach ein behagliches Gefühl vermittelt.
    Jedes Jahr verbringe ich eine gewisse Zeit im Rheingau, und ich mag die dortigen Weine sehr. Aber die Glas- und Schraubverschlüsse reissen mich nicht wirklich vom Hocker. Das hat aber nichts mit dem Geschmack zu tun.
    Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch – lassen Sie de Korken knallen!

  4. Schön, von Ihnen zu hören,...
    Schön, von Ihnen zu hören, Albero-Amarillo. Nein, das geht mir nicht anders als Ihnen. Ich glaubte, es im ersten Absatz ausgedrückt zu haben.

  5. Wir haben alles gegeben, aber...
    Wir haben alles gegeben, aber mit dem Gordo hat es leider nicht geklappt. Im nächsten Jahr aber ganz sicher. Gerade lese ich, dass jeder Spanier 2010 knapp sechzig Euro für die Lotterie ausgegeben hat. Da frage ich mich natürlich, ob unser Einsatz hier wirklich auf der Höhe der Anforderungen war. Wir werden Zeit haben, darüber nachzudenken. Wie heißt es immer in der Politik? „Erst einmal müssen wir das Ergebnis analysieren.“

  6. Virtudes! Herzlichen...
    Virtudes! Herzlichen Glückwunsch an Sie! Sie haben etwas gewonnen, wenn ich das richtig sehe. Wir anderen… nun ja. Da gibt es wohl nicht viel zu analysieren. Schade.
    Fröhliche Weihnachten, und einen annehmbaren Umzug für Sie, mugabarru. Ich bin traurig, daß es nicht geklappt hat.

  7. Lieber Herr Ingendaay,...
    Lieber Herr Ingendaay, gewinnen ist nicht eine Frage des ge(ver)spielten Einsatzes sondern wirklich nur Glück. Der Mann meiner Lieblingscousine hat nur eine participación von 10 euro gespielt, weil ihn als Banker die statistischen Chancen abschrecken….. und er hat die zwei Endziffern… Ist zwar nicht viel Geld, aber für gerade mal 10 euro und nach jahrelanger Hetze gegen alle die an irgendeinem Glückspiel teilnehmen. Er lädt mich zum Abendessen ein. Ich darf wählen: Arzak oder Martin Berasategui.
    Gratuliere auch Virtudes. Gut gemacht! Aber verprasseln sie das gewonnene Geld nicht im Casino.
    Frohe Weihnachten an alle.

  8. Danke, mugabarru, ich will...
    Danke, mugabarru, ich will darüber analysierend nachdenken.

  9. Korkeichen, das wollte ich...
    Korkeichen, das wollte ich noch gesagt haben, sind wirklich wunderschöne Bäume. Vielen Dank dafür.

  10. Gerade sehe ich, dass die...
    Gerade sehe ich, dass die Leute eine Hellseherin engagiert haben, um den Gordo zu gewinnen. Und es hat geklappt!
    https://www.publico.es/espana/352974/la-administracion-de-alcorcon-que-vende-el-gordo-contrato-a-una-medium

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