Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Die schönsten Noten zum Ende des Jahres

| 30 Lesermeinungen

Letzten Sommer fuhr ich an einem wunderbaren Tag im späten August durch Kastilien. Im CD-Spieler lag Bellinis Sonnambula in einer Aufnahme von 1952 mit dem Turiner Radiosinfonieorchester unter Franco Capuana. Ich war auf die Platte durch eine Kundenrezension bei einem amerikanischen Versandhändler aufmerksam geworden. Er empfinde „besondere Zuneigung" zu dieser Aufnahme, schrieb der kenntnisreich und genau argumentierende Kunde, und weil die Sonnambula zu jener speziellen Gruppe von Opern mit einer schwächlichen Story, aber hinreißender Musik gehört, bestellte ich sie. Damals, auf einer Landstraße Richtung Ávila, hörte ich in der Arie „Prendi, l'anel ti dono" zum ersten Mal bewusst die hellsamtene, geschmeidige und überirdisch schöne Stimme des Tenors Ferruccio Tagliavini.

Letzten Sommer fuhr ich an einem wunderbaren Tag im späten August durch Kastilien. Im CD-Spieler lag Bellinis Sonnambula in einer Aufnahme von 1952 mit dem Turiner Radiosinfonieorchester unter Franco Capuana. Ich war auf die Platte durch eine Kundenrezension bei einem amerikanischen Versandhändler aufmerksam geworden. Er empfinde „besondere Zuneigung“ zu dieser Aufnahme, schrieb der kenntnisreich und genau argumentierende Kunde, und weil die Sonnambula zu jener speziellen Gruppe von Opern mit einer schwächlichen Story, aber hinreißender Musik gehört, bestellte ich sie. Damals, auf einer Landstraße Richtung Ávila, hörte ich in der Arie „Prendi, l’anel ti dono“ zum ersten Mal bewusst die hellsamtene, geschmeidige und überirdisch schöne Stimme des Tenors Ferruccio Tagliavini.

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Seitdem bemühe ich mich darum, jede Note von ihm kennenzulernen. Dank Internet ist einiges verfügbar, doch gemessen an der musikalischen Qualität dieses lyrischen Tenors bleibt es überraschend wenig. Eine Teilerklärung liegt darin, dass Tagliavini seine beste Zeit in den vierziger und fünfziger Jahren hatte, bevor seine überanstrengte Stimme Zeichen von Erschöpfung zeigte. Auch der Zweite Weltkrieg kam seiner Karriere in die Quere. Später dann in New York, so las ich, verstellte ihm Jussi Björling den Weg, und in Italien war sein zurückhaltender, poetischer Gesang offenbar nicht ganz so stark gefragt wie das Schmelzen und Schluchzen des späten Gigli und die Bravourtaten des jungen Corelli oder des immer noch populären Giuseppe di Stefano. 

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Aber vielleicht sind Sie ja kein Opernfreund oder keine Opernfreundin? Dann müssen Sie natürlich nicht weiterlesen. Vielleicht machen Sie einen kleinen Test mit Tagliavinis italienisch gesungener Version der Arie „Je crois entendre encore“ aus Bizets Perlenfischern, die ebenfalls jener speziellen Gruppe von Opern mit haarsträubender Story, aber hinreißender Musik angehört. Achten Sie auch auf die kleine Diashow mit Tagliavini-Fotos, die uns der Opernfreund namens musique0308 auf Youtube liefert. Man findet diese Arie zum Beispiel auf einer Kompilation von Cetra-Aufnahmen von 1940 bis 1948, die sie hier abgebildet sehen.

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Die Tonqualität ist begrenzt, wie man es auch von einigen der besten Callas-Aufnahmen kennt. Übrigens hatte ich Tagliavini schon vor einigen Jahren als Partner von Maria Callas gehört, doch er hatte in der dritten und letzten Callas-Einspielung von Lucia die Lammermoor bei EMI (1959) nicht mit derselben Intensität auf mich gewirkt: Das Himmlische seiner Stimme war weg, und sechs Jahre später zog er sich vom Opernbetrieb zurück. Sicherlich wissen Sie, dass auch Lucia de Lammermoor jener speziellen Gruppe von Opern mit einer reichlich schrillen Story, aber hinreißender Musik angehört, doch das nur nebenbei. 

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Oh, noch ein paar Empfehlungen, wenn Sie mehr von Tagliavini hören oder mehr über ihn erfahren wollen. Der deutsche Wikipedia-Eintrag ist nützlich und verblüffend gut geschrieben. Reichhaltige Information und viel Ton- und Bildmaterial über große Stimmen der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es auf dem ausgezeichneten Opernblog von Edmund St. Austell, auch über Ferruccio, wie wir ihn heute einmal nennen dürfen. Wer gern stöbert, findet auf Youtube außerdem Szenen aus Filmen, in denen Ferruccio mitgespielt hat, oder einen wunderbaren Mitschnitt seines Auftritts bei der RAI mit „Una furtiva lagrima“. 

Wobei ich nicht verhehlen will, dass die nächstbeste Aufnahme der weiter oben erwähnten Arie aus den Perlenfischern wohl von Alfredo Kraus stammt, dessen Auftritt in Köln 1970 nicht nur der Stimme wegen, sondern auch aufgrund seines empfindsamen Augenspiels ein Genuss ist. Wer wenig Geduld hat, kann bis Minute 1:30 springen, dort beginnt die Arie selbst. Wenn Sie bis zum Ende dabeibleiben, erleben Sie noch den Applaus der jungen Kölnerinnen in ihren very seventies outfits, man könnte Eintritt dafür nehmen. Ich höre jetzt auf. Danke, dass Sie dem Bekenntnis eines aficionados Gehör geschenkt haben. Kommen Sie gut ins neue Jahr. Bleiben Sie gesund! Dann werden wir sicherlich einen Weg finden, im nächsten Dezember den gordo zu gewinnen.

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                                                             [ Fotos: amazon.uk ]


30 Lesermeinungen

  1. Ein schöner Ausklang zum Ende...
    Ein schöner Ausklang zum Ende des Jahres
    ¡Feliz Año Nuevo 2011!

  2. Die Linsen sind gegessen, der...
    Die Linsen sind gegessen, der Ardbeg getrunken. Ich bin natürlich wieder dabei! Danke, mugabarru, pardel! Danke dem Gastgeber! Und danke, pastora-marcela! Für Ihre wunderbar aufmunternden Worte. Dies wird unser Jahr. Ich bin sicher! Und viel Glück allen Büchern!
    https://www.youtube.com/watch?v=2_e5RZNGFlA

  3. Liebe WG-Freunde, etwas spät...
    Liebe WG-Freunde, etwas spät und aus der Kälte kommen meine guten Wünsche zum Neuen Jahr. Die Trauben sind verschlungen, meine Flaschen Champagner vom Gewinn in den Keller geschleppt…. dort warten sie nun auf den WG-Tisch, auf dem im nächsten Dezember die ertragreicheren Gewinne geteilt werden. Sie sehen, lieber mugabarru, dass ich – machmal- ein Glückspilz bin, auch wenn ich Ihre Yacht in Davos verspielt habe.
    Dem WG-Chef auch meinen herzlichsten Dank für diesen feinsinnigen, herzerfrischenden, vielseitigen und lebendigen Blog. Der Tenor ist wunderbar. Ich habe die Stimme schon als Geburtstagsgeschenk weiter gereicht.

  4. Danke, Virtudes. Ich will...
    Danke, Virtudes. Ich will versuchen, mich das ganze Jahr hindurch so zu fühlen: feinsinnig, herzerfrischend, vielseitig, lebendig!

  5. Virtudes, einverstanden: unser...
    Virtudes, einverstanden: unser Gastgeber ist feinsinnig, herzerfrischen, vielseitig, lebending (hoffentlich, und hoffentlich noch lange)……. doch die Flaschen Champagner vom Gewinn in den Keller schleppen….. das geht wirklich nicht. Die armen Korken zu weiterer Zwangsarbeit zu verpflichten…. das können sie denen, und uns, nicht antun. Carpe Diem!!! Feiern sie ganz pflichtbewusst, oder hedonistich, je nach Geschmack, und erzählen sie es uns. Ich freue mich auf die Fotos. Ich freue mich, dass sie ein Glückspilz sind, und teilen sie die Freude darüber mit uns. Davos werde ich nur noch ein, zwei oder zwanzig mal nur nebenbei erwähnen. Wenn es nächsten Dezember klappt, noch schöner. Aber Freude und Feiern sparen und lagern hat keinen Sinn. Glauben sie mir. Also, bitten, leeren sie die Flaschen in guter Gesellschaft und lassen sie uns an ihrer Freude teilhaben.

  6. Danke, mugabarru, fuer Ihre...
    Danke, mugabarru, fuer Ihre netten Worte im vorigen Beitrag. Ja, ich versuche das Land so gut wie moeglich kennenzulernen. Wir waren auch letztes Jahr in Katalonien, Galizien und zuvor auch schon in Andalusien. Das Valle de los Pedroches kenne ich leider noch nicht. Aber beim naechsten Besuch steht es jetzt auf der Liste. Bei Gelegenheit werde ich auch mal wieder ein paar Bilder aus der Extremadura einstellen.

  7. sehr fein. ferruccio ist ein...
    sehr fein. ferruccio ist ein spass. ich darf mich revangieren mit bobby short, jean goldkette, gidon kremer zusammen mit astor piazzolla und – ganz zeitgenoessisch und im werbefernsehn wie ich hoerte rauf und runter gehypt aber nicht minder gravitaetisch – der wunderbaren melody gardot. sollte fuer fast jeden etwas dabei sein.

  8. Sei vorweg gesagt, dass ich...
    Sei vorweg gesagt, dass ich Nichtraucher bin. Dass mich der Geruch von Zigarren und Zigaretten anekelt. Raucher sind sich oft nicht bewusste wie sehr sie, ihre Klamotten, Haare, Haut usw. STINKEN. Für mich war es eine Erlösung als Nicht-Raucher-Abteilungen in spanische Restaurantes eingeführt wurden. Natürlich taten mir die Leute leid, die auf ihre Zigarette verzichten mussten. Doch gleichzeitig haben mein Geruchs- und Geschmacksinn wahre Feste der Freude gefeiert. Amatxu raucht, und ich habe nicht einmal durchsetzen können, dass sie sich – nach dem Rauchen – die Hände wäscht, bevor sie Hunde oder Katzen streichelt, obwohl der Tabakgestank auf den Fellen der wehrlosen Tiere besonders lange haftet. Dafür durfte sie in meiner Wohung nie rauchen!…. Nach dieser kurzen Einführung wird wohl jedem Spanienkenner einleuchten, dass ich es hier nicht leicht hatte. Für meine Empfindlichkeit gab es selten Toleranz, Veständnis noch weniger. Doch irgenwann wurde die Präpotenz der Raucher eingeengt. Soweit ich weiss ging es, step by step (über Jahrzehnte), doch gleichzeitig ziemlich unproblematisch los: zuerst der Rauchverbot in Bussen, Zügen, Flügen, Arbeitsplätzen, Restaurants…. Doch 2011 scheinen die Trompeten Jericho erneut zu bedrohen: es geht gegen die Quintessenz des Spanischtums: Bars, Discos und letzte Restaurants! Auf der Gegenseit staatsreicherische Resistenz-Bars in Andalusien, Macker made in Baraka(ldo) der eine Krankenschwestern bedroht haben soll (obwohl rauchen in den Krankenhäusern schon länger verboten ist), der Bürgermeister von Valladolid und dessen wilde Sexfantasien mit (und eindeutig gegen den Willen von) Leire Pajín der jetzt auch Brecht vergewaltigt, alle rufen zum Aufstand. Also wirklich: hat Spanien keine anderen Probleme? Warum gehen „die Leute“ nur auf die Barrikaden für Thekendiskussionen, nicht aber für die wahren Probleme? Einverstanden, verbieten ist … unästhetisch, viele können sich sich dadurch provoziert und herausgefordert fühlen, aber bitte, es ist kein Armageddon. Viele andere geniessen die rauchfreien öffentlichenb Plätze. Warum fragen sich so viele Raucher nicht einfach warum sie Jahrzehnte lang so verhätschelt waren. Warum sind sie sich nicht bewusst, dass es eine absolute PR-Masche war. Der dernier crie klingt jetzt eben anders. Die Raucher werden sich damit abfinden müssen. Und zu guter Letzt will ich einen Vergleich anbringen, von dem ich im vornherein weiss, dass er teilweise ungerecht ist: „früher“ war das Prügeln der eigenen Frau auch nicht verboten oder verpönt. Neue Zeiten, neue Sensibilitäten.

  9. Ich kann Ihnen nur zustimmen,...
    Ich kann Ihnen nur zustimmen, mugabarru. Ich bin jetzt auch froh, dass ich mein Essen in Restaurants richtig geniessen kann und es nach dem schmeckt was drin ist. Und nicht mehr nach dem was drumherum in der Luft schwebt. Und endlich muss ich meine Kleidung nicht mehr in einem separaten Raum lagern, wenn ich danach nach Hause komme.
    Aber ich bin ueberzeugt, dass sich die Diskussion in ein paar Tagen gelegt haben wird, genau wie in jedem anderen Land auch, das dieses Gesatz zuvor umgesetzt hat. Nirgendwo hat es ein Massensterben von Bars, Restaurants oder Hotels gegeben und das wird es hier auch nicht. Gestern morgen habe ich beim Kaffee den Wirt gefragt, wie es denn bei ihm aussieht. Kein Problem, hat er geantwortet. Die Leute kommen genauso wie zuvor, sie rauchen halt jetzt danach draussen.
    Bei Wikileaks ist ueberigens durchgesickert, dass unser Gastgeber heute ausgiebig feiern kann. Hoeren Sie eine schoene Oper, entkorken Sie guten Wein und lassen Sie sich hochleben, Don Paul. Herzlichen Glueckwunsch!

  10. Vielen Dank, HenryCharms. Die...
    Vielen Dank, HenryCharms. Die Musik oben habe ich natürlich für mich selbst ausgewählt, das werden Sie ahnen.

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