Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Wer?

| 62 Lesermeinungen

Wenn jemand jung ist und alte, kaputte, heruntergekommene Sachen fotografiert, dann sagt er damit höchstwahrscheinlich etwas über die ihn umgebende Welt. Was sonst?

Wenn jemand jung ist und alte, kaputte, heruntergekommene Sachen fotografiert, dann sagt er damit höchstwahrscheinlich etwas über die ihn umgebende Welt. Was sonst? Wenn jemand das in einem Land wie Kuba tut, könnte man außerdem verführt sein, darin eine Aussage über das Castro-Regime zu sehen. Doch das Thema ist zweischneidig. Denn die Armut, das Elend und das Kaputte des heutigen Kuba werden verschärft durch das amerikanische Wirtschaftsembargo, dessen Sinn von kaum jemandem zu begreifen ist und dessen Daseinszweck amerikanische Touristen sowieso nach Belieben unterlaufen. Es ist allenfalls unpraktisch, dieses Embargo, eine gigantische Belästigung für alle, es geht einem auf die Nerven und verhindert eine gewisse Linderung der Not, die möglich wäre. Kann heute noch jemand allen Ernstes nach vorn treten und sagen, wozu dieses Überbleibsel einer versunkenen historischen Epoche dient?

Bild zu: Wer?

Bevor Alejandro González die Serie „Wo?“ fotografierte, schuf er im Jahr 1999 die Serie „Wer?“ Warum ich sie hier nach, nicht vor der später entstandenen Serie zeige, weiß ich selbst nicht. Vielleicht, weil die Gebäude und ihr Verfall in Havanna so ins Auge springen, dass man den Menschen darüber zunächst vergisst und erst später zu ihm zurückkehrt.

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Aber natürlich geht es um ihn, den Menschen inmitten dieses Verfalls, den kein Land erfolgreicher ästhetisiert als Kuba. Und da sind diese frühen Bilder von Alejandro erstaunlich: Sie bringen den Menschen nur als Schemen, als undeutliche Silhouette oder davonhuschenden Schatten ins Bild, ein Ding ohne persönliche Züge, ohne fassbare körperliche Wirklichkeit und erst recht ohne Individualität. Alejandro González, damals fünfundzwanzig Jahre alt und erst seit kurzem als freischaffender Fotograf unterwegs, zeigt Menschen, die nicht in die Welt zu gehören scheinen, die sie bewohnen. Ein Wesen – meistens nur eins, ein Wesen allein! -, das mit jeder Bewegung weniger zu werden scheint und sich schon halb aufgelöst hat, bevor wir es klar ins Auge fassen können.

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War dieser Mensch überhaupt da? Hat ihn jemand bemerkt, gar beobachtet? Hat er Spuren hinterlassen? Sind überhaupt welche da, die ihn beobachten könnten? Oder sind diese anderen auch nur Schatten und Schemen, von denen nichts bleibt? In diese Richtung gehen die Fragen, die ich mir vor diesen Fotos stelle.

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Wer sich für fotografische Techniken interessiert, könnte Alejandro einiges zu fragen haben, denn diese Serie verlangt mehr handwerklichen Aufwand als die andere, die auf diesem Blog zu sehen war. Doch ich habe beim Betrachten der Fotos nie das Gefühl, die Technik sei zum Selbstzweck geworden. Ich sage mir zum Beispiel nicht: Wie clever hat er das hinbekommen! Irgendetwas an diesen Bildern verrät mir, dass es darum nicht geht, dass die Technik nur das Mittel ist.

Bild zu: Wer?

Natürlich sagen auch diese Fotos etwas über das städtische Mobiliar. Umso mehr, als sich die Menschen in die Erkennungslosigkeit zurückziehen.

Bild zu: Wer?

Jeder andere Fotograf hätte uns die Gesichter dieser kleinen Mädchen gezeigt!

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Die letzte Frage muss unbeantwortet bleiben: Wie es kommt, dass ein junger kubanischer Fotograf gerade die Menschen – ein pittoreskes und ausdrucksstarkes Element der klassischen Havanna-Fotografie – auf seinen Bildern zum Verschwinden bringen wollte? Dass er sie als sich Auflösende, fast Verdunstende, als Verschwindende oder Fliehende zeigt?

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Und wer sind wir als Betrachter vor diesen Bildern? Wahrscheinlich glauben wir, dass man uns besser erkennt. Dass wir deutlicher und markanter sind. Mit einem Wort: vorhandener.

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Es wäre schön, ganz sicher zu sein.

                                                            [ Fotos : Alejandro González, ¿Quién? ]


62 Lesermeinungen

  1. Dulcinea sagt:

    Das sind schon wieder so...
    Das sind schon wieder so beeindruckende Aufnahmen, Sanchos Esel. Immer ist ein Bein da, das andere schon nicht mehr. Oder noch nicht. Unglaublich! Schauen Sie sich die Beine an! Der Schritt ist ja keiner, wenn ein Bein fehlt! Oder wenn ein Bein abhanden gekommen ist! Es muß erst mühsam wieder herbeigezogen werden! Der Fortschritt wird gewissermaßen verweigert! Oder er läßt sich nicht ablichten. Oder es gibt ihn gar nicht! Wann fotografiert Alejandro die Serie „Wann?“
    *
    O! Natürlich herzlichen Glückwunsch an alle corazones tan blancos! Dort waren die Beine wohl mehr oder weniger beieinander heute. Gut!

  2. HenryCharms sagt:

    Danke fuer die tollen Bilder,...
    Danke fuer die tollen Bilder, Don Paul. Mehr als die Serie „Wann?“ wuerde mich allerdings noch die Serie „Warum?“ interessieren.
    Dulcinea, danke auch Ihrer Nachfrage, aber ich werde ueber Ostern hierbleiben. Ich fuerchte, dass trotz crisis (Crisis? Que crisis?) wieder gefuehlt alle 44 Mio Spanier auf der Autopista unterwegs sein werden. Und da moechte ich mich nicht einreihen. Ich war aber gerade schon in Sevilla und habe ein paar Bilder gemacht. Die werde ich am Wochenende in ein Album einstellen.

  3. Madrid sagt:

    Sie sind weise, HenryCharms....
    Sie sind weise, HenryCharms. Auch Sanchos Esel reiht sich nicht ein, um auf die Autobahn zu kommen, sondern wird zu Ostern in Madrid bleiben. Heute abend allerdings tritt er eine kleine Bildungsreise an.
    *
    Gestern habe ich mich lange mit dem Mann unterhalten, den man den Schöpfer des Bonsai-Bäumchens nennen darf. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, wird kommende Woche ein Blogeintrag von ihm handeln. Es gibt das eine oder andere zu erzählen.

  4. Dulcinea sagt:

    Das "Warum?" dürfte im Auge...
    Das „Warum?“ dürfte im Auge des Betrachters liegen.

  5. Dulcinea sagt:

    Auf Ihre sevillaner Fotos...
    Auf Ihre sevillaner Fotos freue ich mich, HenryCharms!

  6. HenryCharms sagt:

    So Dulcinea, jetzt habe ich...
    So Dulcinea, jetzt habe ich das Sevilla Album fertig. https://picasaweb.google.com/Henry.Charms/Sevilla#
    Und weil ich einmal dabei war, habe ich auch gleich die Bilder von Soria zusammengestellt. Dort bin ich vor ein paar Wochen gewesen, wie man am Schnee noch erkennen kann. https://picasaweb.google.com/Henry.Charms/Soria#
    Und zu guter Letzt habe ich festgestellt, dass der link zur Bar von Melibea offenbar falsch gesetzt war. Daher hier nochmal. https://picasaweb.google.com/Henry.Charms/Madrid#

  7. Dulcinea sagt:

    Heute abend allen viel Glück!...
    Heute abend allen viel Glück! Ganz besonders uns, aber natürlich auch allen anderen! Versteht sich!

  8. Madrid sagt:

    Also eher uns. Das ist nett,...
    Also eher uns. Das ist nett, vielen Dank.

  9. Madrid sagt:

    Meine Lage stellt sich heute...
    Meine Lage stellt sich heute allerdings dramatisch dar. Ich bin in Rom. Tja. Vorhin habe ich einen Elfmeter in der italienischen Liga mitbekommen. Und heute abend gehen wir essen. Die anderen drei Klassiker sind längst gebucht (mit Presseausweis, mugabarru!), aber dieser, der Liga-Klassiker, wird ohne Sanchos Esel stattfinden. Vorhin stand ich in der Sixtinischen Kapelle und habe mich gefragt, ob die Ewigkeitswerte der abendländischen Kunst die Bedeutung des Fußballs nicht relativieren. Aber als ich das Jüngste Gericht sah, musste ich doch wieder an Fußball denken.

  10. pardel sagt:

    1:1! Beim ersten Spieltag von...
    1:1! Beim ersten Spieltag von vieren lag ich mit mienm Tipp daneben. Deswegen werde ich nie Fußballtrainer: Ich habe im voraus nicht erkannt, um wie viel geschickter deises Ergebniss ist, bei vier Spielen hintereinander, als ein Sieg gleich von Anfang an. Bei 8 Punkten Vorsprung in der Liga obendrein. Darum ging es doch heute, nicht wahr? Ja, doch: Besser so. Seufz! Der Rest meiner porra halte ich aufrecht, auch wenn sich Puyol verletzt haben sollte. Das wäre allerdings ein Jammer! Auch, wenn man nicht gewinnt, ist es vorzuziehen, besser zu spielen. Das ist Fußball für mich.
    Ach, Rom…! hmmm… gemischte Gefühle. Und das hat ausnahmsweise mal nichts mit Fußball zu tun… sondern eher, um zwei oder drei Ecken, mit der EB… Also Rom. Haben Sie, Don Paul, das Colosseum besichtigt? Sieht es jetzt bereits anders aus, wo es von B. gerade „privatisiert“ worden ist? Aber essen kann man in Rom dennoch sicherlich immer noch sehr gut, hoffe ich.

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