Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Unser 1:0 war doch gar nicht so schlecht

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Was für ein Mittwochabend! Ich hatte auf ein 2:1 für uns getippt. Dass dann nur ein 1:0 daraus wurde, nehme ich aber nicht so schwer.

Was für ein Mittwochabend im Mestalla-Stadion! Ich hatte auf ein 2:1 für uns getippt. Dass dann nur ein 1:0 daraus wurde, nehme ich aber nicht so schwer. Am Anfang der Saison sagten sie, José Mourinho sei ein Siegertyp, und das ist es, was sie jetzt haben: einen Sieger, der nach achtzehn Jahren Dürre für Real Madrid den Sieg im Finale der Copa del Rey geplant und miterrungen hat. Irgendwie scheinen ihm Triumphe wie von Zauberhand zu gelingen, natürlich nicht in jedem Spiel und mit jeder Mannschaft (etwa nicht mit Chelsea, das bis heute auf die Champions League wartet), aber doch in solcher Häufigkeit, mit so unterschiedlichen Teams, dass man dahinter nur sehr harte Arbeit und viel Inspiration vermuten kann. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass die reichlich unattraktive Version von Inter Mailand den wunderbaren Fußball des FC Barcelona im Halbfinale aus dem Wettbewerb werfen würde? Und wie es dann so kommt, stimmen am Ende auch die Details, die ein Spiel in die eine oder andere Richtung kippen lassen. Ich denke an das Abseitstor von Diego Milito bei Inters 3:1.

Die Sportpresse hat begreiflicherweise ihre Freude an der angeblichen Gegensätzlichkeit von José Mourinho und Pep Guardiola, aber man könnte auch einmal die umgekehrte Rechnung aufmachen, wie ich sie am Tag des Copa-Finales in der valencianischen Zeitung Las Provincias las. Beide Trainer, so hieß es dort, seien Perfektionisten und besessene Arbeiter, arbeiteten intensiv an der Psychologie, glaubten eisern an ihr jeweiliges Handbuch, beide seien guapos und stünden elegant in Maßanzügen an der Seitenlinie, beide hätten ihre Jugendliebe geheiratet und schirmten ihr Privatleben gut ab, und weil beide wissen, was der andere leistet, respektieren sie einander. Das glaube ich sofort.

Was wir erst später erfahren werden, wenn überhaupt, ist, ob Pep Guardiola mit demselben oder ähnlichem Erfolg eine andere Mannschaft als Barcelona trainieren könnte. Ein schlechter Coach wird er natürlich nicht sein, weil er Fußball denkt und lebt; aber wäre er in einem anderen Biotop als dem katalanischen Fußballuniversum mit seiner fortgeschriebenen Philosophie und seinen heiß verteidigten Glaubenssätzen vorstellbar? Das müssen wir abwarten. Ich hatte immer das Gefühl, die Flamme verzehrt ihn von innen, irgendeines nicht allzu fernen Tages wird er alles hinwerfen und sagen: Ich habe genug, es reicht, ich kann nicht mehr, ich habe euch meine Kraft, meine Zeit, meine Nerven und mein Haar geopfert und Barça zu den höchsten Höhen der Vereinsgeschichte geführt! Was wollt ihr denn noch?

Bei Mourinho ist das kaum zu erwarten. Der Mann ist der bestbezahlte Söldner des internationalen Fußballgeschäfts und dient dem Kaiser, der ihn bezahlt. Anders als ein Söldner will er aber auch seinen Spaß haben, den special kick, und den geben ihm nur die großen Fußballkulturen und am Ende wohl am ehesten die englische. Weil er so viel herumzieht und Trophäen sammelt, hat er für sich selbst die Mourinho-Maske erfunden, mit der er in der Öffentlichkeit auftritt, an intensely public man. Tatsächlich schützt er damit den intensely private man, der er auch ist, und das, was er dort verbirgt, muss so stark zentriert, von so harten Fasern sein, dass José Mourinho als moralisches Wesen die unbarmherzige, nicht aufhebbare Trennung zwischen diesen beiden Existenzformen nicht nur leben, sondern auch über die Jahre hinweg – in Triumphen, Niederlagen, Anfeindungen, Beschimpfungen -, ertragen kann. Zum Beispiel muss er die Schauspielerei lieben, die Inszenierung, die ihm allein gehört, auch um den Preis, einen Teil der Welt vor den Kopf zu stoßen oder alte Loyalitäten in Sekundenschnelle aufzukündigen. Ich denke etwa an den Abend im vergangenen Jahr, als er mit Inter Mailand gegen Bayern München die Champions League gewonnen hatte und, statt mit Inter zum Feiern nach Italien zurückzufahren, kurzerhand in Madrid blieb, um mit Florentino Pérez über seinen Vereinswechsel zu verhandeln. Abschiednehmen, das scheint ihm zu liegen. Genau wie der Neubeginn, die Aussaat.

Ich weiß, dass echte Fußballfans die exponierten Figuren des Gegners gern niedermachen; ich weiß auch, dass Shakira, die Freundin Piqués, letzten Samstag im Bernabéu als puta beschimpft wurde, sicherlich von denselben Leuten, die demnächst wieder achtzig Euro für ein Ticket zum Shakira-Konzert ausgeben; und vielleicht muss das alles so sein, weil Fußball diese Emotionen freisetzt und uns für Momente oder Stunden von unseren guten Manieren beurlaubt. Schön aber sind diese aggressiven Gesänge und Sprechchöre nicht. Zu Piqué ein interessantes Detail. Gestern nach Mitternacht, als auf dem Rasen des Mestalla-Stadions alles vorbei und seine Kameraden schon in der Kabine verschwunden waren, ging er durch die Reihen der Madrider Spieler, um ihnen zu gratulieren. Eine Tat, die mich an die noch größere Geste Mourinhos erinnerte, der vor knapp zwei Wochen, nach der ersten Heimniederlage von Real Madrid in der laufenden Saison, in die Kabine des Gegners ging und jedem Spieler von Sporting Gijón die Hand schüttelte.

Zum Spiel: Natürlich hätte Real Madrid schon in der ersten Halbzeit führen können; oder müssen; Barcelona dagegen nicht, denn es gab keine einzige wirkliche Torchance. Noch nie habe ich einen so weit aufgerückten Abwehrblock gesehen wie den der Madrilenen in diesem Spiel. Der Anblick war spektakulär. In der zweiten Halbzeit wiederum hätte Barça gewinnen können. Messi war mehr nach rechts gerückt und hatte ein paar wunderbare Szenen, Iniesta ebenso, Xavi sponn ein immer dichteres Netz von Pässen, und ein paar Minuten lang kamen die langen, müden Beine der Madrider Mittelfeldspieler immer zu spät. 

In dieser zweiten Halbzeit war Ronaldo schwach, übrigens auch in der Ballannahme, er wirkte lustlos und ungefähr so, wie wir ihn im November beim 0:5 im Camp Nou gesehen hatte. In dieser Phase waren es einerseits die Paraden von Iker Casillas, die das 0:0 sicherten, andererseits die nicht in Topform spielenden Villa und Pedro, denn von den Flügeln kam viel zu wenig. Allmählich könnte sich rächen, dass Messis neue Torrekorde an der Moral seiner Angriffskollegen zehren: Seine Starrolle geht zu ihren Lasten, und wenn das Solidarprinzip nicht durch ständig neue Erfolge geschmiert wird, könnte die Motivation leiden. Nur ein Gedanke.

Ich war überrascht, wie stabil Real Madrid dann in der Verlängerung stand. Der Verschleiß zehrte auch an Barça, sie hatten ihre Chancen gehabt und nicht genutzt. Dann das Tor. Über so ein Tor diskutiert man nicht, es war eine traumhafte Flanke und ein Weltklassekopfkall, was soll man mehr sagen? In dieser Art Spiel, einem echten Finale eben, reicht so etwas, zumal bei diesen Mannschaften, die sich längst wieder auf Augenhöhe begegnen. 

Später in der Mixed Zone standen wir da und sahen Messi mit hängendem Kopf herauskommen. Er sagte kein Wort. Xavi gab kurze Interviews. Dann kam Zidane und wurde von den französischen Kollegen gekapert, und natürlich strahlte er. Mourinho hat ihn gebeten, bei den großen Spielen mitzufahren, und das macht er jetzt, als Talisman und sichtbare Verbindung zwischen den verschiedenen Traditionslinien von Real Madrid.

Noch später, schon in Richtung zwei Uhr, saßen wir zu dritt in einer chinesischen Bar und tranken ein paar Bier und aßen acht kleine Tüten Kartoffelchips und ein labberiges, aber warmes Käse-Schinken-Sandwich. Meine Kollegen Javier Cáceres und Cordt Schnibben sind Barça-Fans, aber warum sollte ich Mitleid mit ihnen haben? Ich hatte solche Abende auch schon, bei anderen clásicos, aber ich nenne jetzt keine Endergebnisse, weil das Unglück bringt.

Cordt Schnibben kommt übrigens irgendwann todsicher auf Werder Bremen zu sprechen, seine alte Liebe, und das tat er auch am Mittwochabend. Es ist schön für einen Kölner, gelegentlich etwas aus der reichen Geschichte Werder Bremens zu erfahren, die mir ja nicht so präsent ist. Als wir das Stadion verließen, sagte er zum Beispiel: „Hier hat Werder Bremen einen der beeindruckendsten Siege seiner Geschichte errungen.“ (Ich will mich nicht für das Wort „beeindruckend“ verbürgen, aber „Geschichte“ kam vor.)
„So?“, sagte ich. „Und welcher Sieg war das?“
„Das 2:0 gegen den FC Valencia“, sagte er, „in der Gruppenphase der Champions League. Nelson Valdez hat beide Tore gemacht. Kommt erst in der 80. Minute rein und schießt Valencia aus dem Wettbewerb.“

Wir haben den großen Sieg dann an Ort und Stelle rekonstruiert, wie man das im Fußball immer tun soll, stießen auf das Datum (Dezember 2004) und viele andere Details. Dem Spielbericht bei kicker nach zu urteilen, war das Ganze eher eine Rumpelpartie, aber darauf kommt es wirklich nicht mehr an, wenn man dafür in die Geschichte eingeht. Die zweite Hälfte von Madrid gestern war ja auch zum Vergessen. Übrigens gilt das leider auch für Özil.
„Das war mit ihm schon bei Werder Bremen so“, sagt Cordt Schnibben. „Manchmal ist Özil einfach abgetaucht.“
Ja, denke ich bei mir, aber jetzt spielt er bei Real Madrid!
„Man sah das schon an der Körpersprache“, sagt er.

Er ist übrigens nett, unser Özil. Nach dem Match kam er den Gang in der Mixed Zone hinunter und blieb stehen, als er merkte, dass Javier Cáceres und ein weiterer Kollege ihm Fragen stellen wollten. Und ich kann sagen: Noch nie habe ich ihn so eloquent erlebt. Mesut Özil strahlte. Er sprach öfter vom Trainer, der ihm sage, was er zu tun habe, und davon, dass die Mannschaft „wie eine große Familie“ sei, in der einer für den anderen kämpfe. Das gefiel mir gut. Und wie er das so sagte, dachte ich: Die Körpersprache stimmt auch wieder, wie schön, was so ein Sieg doch alles bewirkt.


54 Lesermeinungen

  1. Hola, dejo un par de...
    Hola, dejo un par de comentarios.
    Sobre Piqué sus comentarios en referencia a la copa y la nacionalidad.
    Sobre el partido, quedan otros dos y veremos lo grande que resulta el Circo „Romano“.
    Y no se olvide de la Semana Santa, que en España no solo se vive de Fútbol, tambien de Toros y procesiones. Sin contar la feria de Abril.
    Mallorca lo dejo, como siempre, como un asenamiento alemán.
    Buenas noches.

  2. turpia
    No entiendo nada de sus...

    turpia
    No entiendo nada de sus comentarios… ¿podria explicarse algo más detallado?
    Muchas gracias.

  3. Lieber "Sanchos Esel"
    Ein...

    Lieber „Sanchos Esel“
    Ein absolut erstklassiger Abend. Leider hat die „Copa“ die Feierlichkeiten nicht überlebt. Jetzt freue ich mich auf die nächsten zwei Spiele und hoffentlich einen nächsten Blog über Real – Barca in unserem Sinne. Liebe Grüße

  4. jose.calderon, mit Vergnügen...
    jose.calderon, mit Vergnügen schreibe ich in unserem Sinne! Sofort! Wenn das Spiel in unserem Sinne ist. Wer wagt eine Wette für Partien drei und vier?

  5. Nach Unentschieden und...
    Nach Unentschieden und Niederlage werden wir ja nun doch einmal gewinnen, glauben Sie nicht? Im Bernabéu … da muß ich noch darüber nachdenken. Zu Hause aber gewinnen wir, und es wird reichen. Daran glaube ich!
    *
    Ihre Analysen zu Mou und Pep finde ich sehr treffend, Don Paul. Daß Guardiola zu einer anderen Mannschaft gehen könnte, kann ich mir auch nicht recht vorstellen. Außer vielleicht zur Nationalelf. Er würde sich ja auch nicht „the special one“ nennen. Seine Rolle ist eine andere. Das stimmt. Und ich wäre nicht Dulcinea, wenn sie mir nicht sympathischer wäre.

  6. <p>Zur...
    Zur selección, Dulcinea? Pep? Das würde mich aber sehr wundern. Nun, man weiß nie. Was die Champions League betrifft, ist alles offen. Beide Seiten haben Ausfälle oder angeschlagene Leute. Ich glaube natürlich daran, dass wir es schaffen. Knapper Sieg im Bernabéu, ein Unentschieden im Camp Nou. So ungefähr stelle ich mir das vor.

  7. Ja, ich mir nicht!...
    Ja, ich mir nicht!

  8. Nun, der Barça hat seine...
    Nun, der Barça hat seine „cura de humildad“, Mou einen Titel, einer muss ihm reichen, und jetzt ist Schluss. Er kann gehen. Ich habe mich umgehört, und keine einzige „copa“ will mehr nach Madrid, nach dem sich herumgesprochen hat wie ihre Schwester da behandelt wurde.
    Mein Freund bitte mich gerade, ich solle ausrichten, dass Zidane der einzig wahre, von ganzem Herzen, und glaubwürdiger Ex-Madrid-Spieler der sich dem Club verpflichtet fühle, weil er auf das Geld verzichtet hat. Nicht so Raúl und Guti, die bis zum letzen cent vom Club kassiert haben. Auf meinen Einspruch, ich würde meinem Arbeitgeber auch keinen cent schenken, meint er, ich würde auch keine kompromisslose Liebe zum Gastgeber zur Schau stellen. Nun ja, er mochte beide Spieler nie.
    Das nächste Derbi das ansteht, und von dem bisher leider nichts berichtet wurde, ist: https://www.canalathletic.com/noticias/2011-04-22/derbi-pasion-20110422.html
    Wir verhandeln gerade mit der Nachbarprovinz wo wir uns das Spiel ansehen werden, ob im feindlichen Umfeld, also unter giputxis, oder halt doch mitten unter leones y leonas.

  9. Und wie es sich gehört, sind...
    Und wie es sich gehört, sind alle Bilbaínos über andere Regionen eingefallen. Früher tat man dies, um einer aus reliogiösen Gründen völlig geschlossenen Stadt zu entkommen. Jetzt sind wir so modern, dass selbst 86% der Kneipen und Restaurantes geöffnet haben. Für die Touristen, denen wir die Stadt bis zum Dienstag, samt Sonnenschein, überlassen haben.
    https://www.elcorreo.com/vizcaya/v/20110422/vizcaya/bilbao-queda-manos-turistas-20110422.html

  10. HenryCharms, ich verstehe ja...
    HenryCharms, ich verstehe ja den Sinn des „emotionalen Absicherns“. Igenwie ist es ja auch verwandt mit dem polnischen Sprichwort das roleur zitierte „Wenn man nicht hat, was man liebt, dann liebt man, was man hat“. Gut, das klingt nach akzeptieren der Realität, was ja gesund sein mag. Aber wo bleibt die Leidenschaft? Der Mensch braucht doch Hochs und Tiefs. Weshalb wurden Kathedralen überhaupt gebaut? Weshalb wird gewettet? Und als Fan, HenryCharms, sind sie auch verpflichtet mit ihrem Club zu leiden, Häme der Gegner gelassen zu akzeptieren und auch stolz wie ein gallo oder eine gallina clueca die Siege ihrer Mannschaft hoch zu jubeln. So wie unser Gastgeber.

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