Sanchos Esel

Unser 0:2 sollte uns zu denken geben

Inzwischen habe ich mir das Videomaterial des dritten clásico rauf und runter angesehen, habe mich etwas beruhigt sowie zur Kenntnis genommen, dass im Netz allerhand Foto- und Filmmontagen kursieren. Unter den jeweils vereinsnahen Medien ist eine ziemlich hässliche Schlacht um die Deutungshoheit im Gange. Die beiden beherrschenden Madrider Sportblätter zum Beispiel machten sich am Tag nach der Partie zum Echo der Frage von José Mourinho: Por qué? Die katalanischen Zeitungen dagegen feierten Barcelonas 2:0-Sieg im Bernabéu-Stadion als Triumph des weltbesten Spielers und zeigten den jubelnden Messi. Auch drei Tage später halten die Debatten an.

Fußball lädt nicht gerade zur Überparteilichkeit ein und kann mit Dialektik im allgemeinen wenig anfangen, schon gar nicht auf den Rängen, wenn unten der Ball rollt und die Fetzen fliegen. Aber mit Abstand, upon reflection und nach dem Studium der Fernsehbilder, kann man sich kühlere Urteile erlauben, und das Wichtigste an ihnen scheint mir, dass sie das Ergebnis nebeneinander existierender, sich nicht gegenseitig ausschließender Sachverhalte sein können. 

Die erste Erkenntnis ist, dass Real Madrid in den Spielen gegen den FC Barcelona eine Strategie verfolgt, die der Mannschaft und der Vereinsgeschichte unwürdig ist. Sie ist obendrein falsch, denn sie weicht vom üblicherweise gespielten Stil ab: un Madrid desnaturalizado. Die ganze Saison hindurch spielt Real Madrid seine besondere Form des steilen Angriffsfußballs, mit rascher Überbrückung der Räume und ohne tiqui taca , aber unzweifelhaft offensiv. Man gewinnt in der Champions League nicht 4:0 gegen Ajax Amsterdam, 4:0 gegen Auxerre und 4:0 gegen Tottenham Hotspurs, wenn man keine Tore schießen will. Oder 6:3 beim FC Valencia. Oder 8:0 in der Copa gegen Levante.

Die Mannschaft mag nicht so eingespielt sein wie Barça, der Trainer ist ja noch in seinem ersten Jahr; aber sie liegt in der Torstatistik nur wenig dahinter. Doch in den Spielen gegen den Rivalen verkriecht sich Real Madrid, verzichtet komplett auf den Ball und gibt die Fähigkeiten der eigenen Leute – man könnte auch sagen: des teuersten Kaders des Erdballs – dem Gespött preis. Der Sieg in der Copa war das Ergebnis starker Defensivarbeit und eines genialen Spielzugs; wenn man den nicht unternimmt, weil man nicht nach vorn spielt, fallen keine Tore. Insofern war Mourinhos Taktik im Halbfinalhinspiel hasenherzig, spekulierend, ja wesensfremd: Real Madrid war nie Inter Mailand und will es hoffentlich nicht werden. Und wenn es stimmt, was mein Kollege Diego Torres heute in El País schreibt, dann regt sich unter den Spielern allmählich Widerstand gegen Mourinhos Betondefensive.

Die zweite Erkenntnis ist, dass die Spieler des FC Barcelona im dritten clásico eine Strategie verfolgt haben, die der Philosophie dieses Vereins unwürdig ist. Dani Alves hat sich theatralisch und mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen gewälzt, obwohl Pepe ihn bei seinem Angriff mit gestrecktem Bein möglicherweise nicht einmal berührt hat. Busquets und Pedro simulierten Schläge ins Gesicht, die es nie gegeben hat. Bei jedem angeblichen Foul des Gegners stürzte eine blaurote Spielertraube klagend und gestikulierend auf den Schiedsrichter zu wie Fliegen auf den Dunghaufen. Der FC Barcelona war an diesem Abend ohne jeden Zweifel die bessere Mannschaft; doch die einstudierte Opferrolle rückwärts war eine peinliche Darbietung, die hoffentlich nicht zur Regel wird. Ich denke auch an das mögliche Champions-League-Finale gegen Manchester United.

Zu den Äußerungen von José Mourinho in seiner unseligen Pressekonferenz ist alles gesagt; der Mann ist unbelehrbar und ein kompromissloser Demagoge. Warten wir das Nachspiel in den Gremien der Uefa ab. Doch das Foul von Pepe verdient, jenseits der schauspielerischen Einlage von Alves, einen Kommentar. Es ist bei den konkurrierenden, teils frisierten Bildern schwer zu entscheiden, ob Pepe seinen Gegenspieler wirklich getroffen hat; dass sein Angriff unter anderem auf den Ball ging, ist nicht zu bestreiten. Doch er galt eben auch den Knochen von Alves und nahm gravierende Folgen „billigend in Kauf“, wie die entsprechende Formulierung lautet. Mein Eindruck ist, dass der Verteidiger von Barça sich durch blitzschnelles Zurückziehen des rechten Schienbeins vor einer schweren Verletzung bewahrt hat. Das heißt, die Form der Attacke, unabhängig vom Ergebnis, ist ahndungswürdig. Hier hatte der deutsche Schiedsrichter Wolfgang Stark laut Uefa-Reglement die Wahl zwischen Gelb und Rot. Er hat Rot gewählt. Eine harte, aber vertretbare Entscheidung. Ende der Debatte und sämtlicher Madrider Opfertheorien. Es wird eine Weile dauern, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Erst müssen die Beteiligten ja den kommenden Dienstag überstehen. Und dann haben wir alle eine Pause verdient.

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