Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Los indignados

| 50 Lesermeinungen

Inzwischen war ich drei Mal an der Puerta del Sol - nachmittags, abends und nachts. Wenn es dort voll wird, kann man sich eigentlich nur in die Reihe der Heringe stellen und nach hier- und dorthin drücken lassen. Aber es war nett.

Inzwischen war ich drei Mal an der Puerta del Sol – nachmittags, abends und nachts. Wenn es dort voll wird, kann man sich eigentlich nur in die Reihe der Heringe stellen und nach hier- und dorthin drücken lassen. Aber es war nett. Über die sieben Tage des Protests hinweg hat sich eine gewisse Disziplin entwickelt, die Friedlichkeit der Aktion steht ohnehin außer Frage. Also alles in Ordnung? Das denn doch nicht. Und ich meine nicht die fundamentale Berechtigung des Protests, auch wenn man sich fragen müsste, wie es denn weitergehen soll. Die Leute werden sich dort ja keine Badezimmer bauen. Hier ein paar Anmerkungen zu Dingen, die mir aufgefallen sind.

1.  Um sich über die Ziele der indignados und ihre Regierungsform zu informieren, sollte man Público lesen. Ich wundere mich darüber, dass in anderen Zeitungen so wenig konkrete Informationen zu den Entscheidungsprozessen zu lesen sind. Natürlich verstehe ich, dass ABC nicht besonders geübt darin ist, auf die Straße hinabzusteigen, es sei denn, es handele sich um Wahlveranstaltungen der Volkspartei; dennoch hätte ich mir mehr pure Berichterstattung und weniger Wertung gewünscht. Um es also schnell zusammenzufassen: El Gobierno de la República del Sol hat eine Vollversammlung (Asamblea), das höchste Organ für Debatten und Beschlüsse. Von dort gehen zehn Ausschüsse (Comisiones) aus, deren Aufgabenfelder lauten: Alimentación – Infraestructura – Respeto y Cuidados – Comunicación – Extensión -Acción – Coordinación interna – Legal – Sonido. Ich will nicht vorgeben, Genaueres zu wissen. Nur, dass die Regierungsform horizontal angelegt ist und es rotierende „Sprecher“ geben soll, das Ganze erinnert im Kleinen an die Anfänge der Grünen, die ja auch einmal angetreten waren, die Personalisierung und den Starkult der Politik zu durchbrechen, bis sie in Joschka Fischer ihre größte Führungsfigur fanden. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Abstimmungen laufen per Handheben ab, mit sicherlich unvermeidlichen Ungenauigkeiten. Für weiter entfernt Stehende ist nicht immer erkennbar, wo die Vollversammlung aufhört und der Pulk von Neugierigen, Sympathisanten, Touristen, Taschendieben und Undercover-Agenten beginnt. Aber gut.

Bild zu: Los indignados

2.  Soziologisch ist dieses kleine Universum sehr interessant, und zwar aus mehreren Gründen. Bei all den getroffenen Entscheidungen müsste man nämlich fragen, wer sie denn umsetzen und im Zweifelfall ihre Umsetzung erzwingen soll. Wer genau ist der Adressat dieser Forderungen? Mal dieser, mal jener. Und was geschieht, wenn irgendwann nach der Wahl wirklich die Polizei kommt und morgens um fünf Uhr mit dem großen Besen ausfegt? Und wer wird für die indignados sprechen, wenn sie nicht mehr an der Puerta del Sol kampieren dürfen? Ungelöste Fragen.

3.  Der Beschluss des Zentralen Wahlrats, keine Versammlungen am „Tag der Reflexion“ zuzulassen, hat der Regierung stark zugesetzt. Unter den gegebenen Umständen war die Entscheidung, die Menge zu dulden, vernünftig. Aber es war eben auch ein opportunistisches Einknicken vor der schieren Masse der Wähler, die zu den Protestierenden zählen oder mit ihnen sympathisieren. Wie überhaupt alle Sätze, die vor der Wahl gesprochen wurden, nach der Wahl auf ihre Ernsthaftigkeit zu überprüfen wären.

4.  Es ist kein „rechtes“ oder rein ordnungspolitisches Gedankenspiel, wenn man sich fragt, was in Zukunft passiert, wenn eine gut organisierte Gruppe unbehelligt einen öffentlichen Platz besetzt und die Erfüllung des Gesetzes unmöglich macht. In diesem Licht ist das Kokettieren Zapateros mit den indignados besonders unangenehm. Er will nicht gemeint sein, ist es aber. Er vor allem.

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5.  Der wichtigste Gedanke – die Lehre, wenn man so will – dieser Tage könnte sein, dass die Bevölkerung Formen demokratischer Beteiligung einfordern kann, die in der Routine der Parteiendemokratie nicht vorgesehen sind. Plötzlich entwickelt „die Straße“ einen Druck, der über Volksbefragungen und genehmigte Demonstrationen hinausgeht. Unter den Soziologen, die sich in den Zeitungen dazu äußerten, war keine Einigkeit zu erkennen, wie es denn weitergehen könnte. Der eine fand den Vorgang aufregend, belehrend, ein Modell für irgendetwas Zukünftiges, für das es noch keinen Namen gibt. Ein anderer meinte, der Protest werde bald verpuffen.

6.  Wichtige Erkenntnis: Wir wissen nicht, was sich entfalten kann, wenn sich eine größere Zahl Menschen darüber einig ist, was sie fordern oder bekämpfen will. Die selbstauferlegte „horizontale“ Form der Beschlussfassung dürfte aber wohl verhindern, dass die hier entwickelten Ideen zu tiefgreifenden Veränderungen führen. Die Leitfiguren (die es immer gibt – wenn nicht jetzt, dann demnächst) werden sich irgendwann vom Willen der Menge absetzen oder vereinnahmt werden. Der homo politicus als solcher ist nicht gut. Entscheidungen entstehen durch Reibung, Debatte und Kampf, nicht durch gutherzige Parolen, wie sie die freien Flächen an der Puerta del Sol bedecken. Ein Teil der Sympathie für diese Bewegung gilt auch der Naivität und Nettigkeit ihrer Anhänger.

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7.  Dass der Staat mit großen Augen auf diese meist jungen Leute starrt und sich aus Unsicherheit kleinmacht, ist falsch. Die Parteien sollten einerseits eine Debatte über Formen direkterer Teilnahme beginnen, andererseits geschlossen fordern, dass die Zeltlager möglichst bald abgebrochen werden. Rubalcabas Versäumnis liegt auf der Hand: Am letzten Montag hätte er räumen lassen müssen, und wenn jeder Demonstrant von je vier Polizisten hinausgetragen worden wäre. Ein demokratischer Staat darf das. Wollte Rubalcaba aber nicht, denn das hätte Wahlstimmen gekostet.

8.  Um einmal staatstragend zu werden: Demokratie kann nicht so funktionieren, dass sich eine bestimmte Gruppe eine Minidemokratie innerhalb der Demokratie bastelt und deren Beschlüsse dann den weiter draußen Lebenden aufzwingt. Dazu fehlt es an Legitimation. Die indignados sollten eine Partei gründen oder andere Formen der Bürgerbeteiligung finden.

9.  Das Großsprechertum über die angeblichen Wirkungen des Protests im Ausland finde ich einigermaßen peinlich. „#spanishrevolution“! ¡Por favor! Was ist denn daran eine „Revolution“? Überhaupt das ganze Gezwitschere in den sogenannten sozialen Netzen. Hat sich mal jemand angesehen, was da kommuniziert wird? Vorwiegend heiße Luft. Sagen wir es offen: Die ganze Sache ist auch verdammt unterhaltsam. Man fühlt sich besser, wenn man sich den Ärger mal von der Seele brüllt. Der Festivalcharakter des Protests steht jedenfalls außer Frage. Aber das allein kann ja wohl nicht gemeint sein.

So viel für heute.

                                                                       [ Fotos : AFP, AP, dpa ]


50 Lesermeinungen

  1. Madrid sagt:

    Dulcinea, wenn Sie es...
    Dulcinea, wenn Sie es zurückverfolgen wollen: Von der Arbeiter-und-Bauern-Diktatur sprach zuerst HansMeier555. Ich sagte darauf: „Ein demokratischer Staat darf das [= die Lager an der Puerta des Sol räumen lassen], weil über die Entscheidungen seiner Funktionsträger in regelmäßig abgehaltenen freien Wahlen abgestimmt wird. Das ist der Unterschied zur Arbeiter-und-Bauern-Diktatur.“
    *
    HansMeier555, Ihre Vorbehalte gegen Demonstrationen teile ich nicht. Nur, damit kein Missverständnis aufkommt. Ich finde es auch nicht „dumm“, was dort artikuliert wird. Und ich gebe wenig auf die „Eliten“, die sich als so elitär ja nicht erwiesen haben. Was in Spanien gerade geschieht, ist sicherlich keine Revolution, sondern etwas Neues und Anderes, das die demokratischen Institutionen vor ungenau definierte Aufgaben stellt. Allein das macht es spannend zu beobachten, wie eine Bewegung, die sich eine Woche vor der Wahl zu erkennen gegeben hat, in den Wochen und Monaten nach der Wahl handelt. Wohin sie sich entwickelt, was sie sein will.

  2. Dulcinea sagt:

    Was mich daran stört, jetzt...
    Was mich daran stört, jetzt wiederhole ich mich, ist genau das: wenn einem Wahlen alle vier Jahre nicht genug sind, hat man andere Möglichkeiten, sein Recht auf Meinungsäußerung geltend zu machen. Leider sehe ich solche Bürgerbewegungen hier kaum. „Das hat alles keinen Sinn“, „uns hört ja niemand“ stimmt auch nicht, ich kann mich beispielsweise daran erinnern (auch, wenn mein Erinnerungsvermögen gering sein mag), daß einmal ein (Auto-)Parkhaus unter den Parque de Berlín gebaut werden sollte. Zum Teil war es den anhaltenden Protesten damals zu verdanken, daß das nicht geschehen ist. Genau vor der Kommunalwahl vor vier Jahren hat Bürgermeister Gallardón auf der Plaza de Prosperidad versprochen, die Baupläne zurückzuziehen. Damals dachten wir: nur ein Wahlversprechen, und in einigen Monaten rücken die Bagger an. Sie sind aber nicht angerückt. Entsprechend gäbe es fünfzigtausend konkrete Mißstände, für die es sich lohnen würde. Allerdings bin auch ich gespannt darauf zu sehen, was aus der Bewegung werden wird. Wenn der lange Atem gefragt ist.

  3. Madrid sagt:

    Sie haben recht, Dulcinea. Ob...
    Sie haben recht, Dulcinea. Ob man es Bürgerbewegung oder Stadtteil-Initiative nennt, dergleichen gibt es in Spanien wenig. Der Nukleus, auf den man sich bezieht, ist die Familie. Die ist für dergleichen Pläne aber nicht geeignet.

  4. Diesmal hatte ich belustigt...
    Diesmal hatte ich belustigt erwartet, zugereister Rucio, wie du jetzt zu der Bewegung schreiben würdest und was. Und wieder hast du nicht enttäuscht. Der gute Rucio hat genau so reagiert, wie man es erwartet, wenn man nur ein paar Artikel von ihm gelesen hat, bei denen man ein bisschen mehr Kenntnis über Spanien, über Spanier braucht. Aber was kann man wissen, wenn man nicht aus den Stall nicht hinauskommt und nur mit seinesgleichen umgeht, wenn man einfach in einer spanischen Kulisse lebt, in Sicherheit vor den Spaniern – ja, vor den gleichen Spaniern, die „spät essen, laut reden, […] die Mülltrennung vergessen“ – nicht man de heimischen Fußballvereine dürfen gut sein, sondern eher nur „berühmt“! Man könnte ja denken, du bleibest nur unter diesen zwar in Europa lebenden Unterentwickelten, um einen Vorwand zu haben deine Landsleute zu empören und ihnen das Gefühl zu verleihen, um wie viel besser sie alle sind. Und du mit ihnen. Nur du tapferer, Rucio, mit deinen langen Eselohren… „Die ganze Sache ist auch verdammt unterhaltsam“ (aber natürlich, Rucio, hast du noch nicht gelernt, dass so etwas möglich ist?), „Die indignados sollten eine Partei gründen oder andere Formen der Bürgerbeteiligung finden“: Rucio, lass das. Du hast nichts kapiert. Kannst auch nicht.
    RocinanteReal

  5. Gatamad sagt:

    Herr Ingendaay, Normen...
    Herr Ingendaay, Normen und/oder Gesetze respektieren nur weil sie immer noch existieren, hat doch keinen Sinn. Glauben Sie wirklich, dass im Zeitalter des Internet (blogs, Facebook, Twitter usw.) ein „Tag der Reflexion“ noch Sinn hat? Vor allem wenn in der friedlichen Versammlung auf öffentlichen Plätzen KEINE Wahlkampagne gemacht wird? Darüber müsste auch mal nachgedacht werden. Gesetze sollten das Zusammenleben regeln, und nützlich sein, sind aber nicht ein Sinn an für sich. Vielleicht gibt die vernünftige Entscheidung, die indignados in Sol zu dulden, den Anstoss mal wieder zu denken, und nicht einfach alles als Gegebnen zu akzeptieren, so frei nach dem Motto: schalte den Fernseher aus, und dein Gehirn ein.“
    Die Bezeichung „spanische Revolution“ halte ich auch für, nun, einfach für bescheuert. Ich war diese Woche da wegen der Forderung „democracia real ya“, mit all meinen Zweifeln und meiner Prise Zynismus. Aber der Versuch etwas zu ändern, wie all das auch ausgehen mag, war es mir wert.
    Dulcinea, es stimmt, dass in den letzten Jahrzehnten die Nachbarschafts Vereinigungen, Bürgerinitiativen u.ä. fast verschwunden sind. Ich frage mich aber, ob sie nicht durch mangelnde, reale Möglichkeiten im politischen Leben mit zu wirken, abgestorben sind. Die Parteien, alle, haben das politische Leben exklusiv für sich beschlagnahmt. Obwohl es auch wahr ist, dass der spanische Nihilismus, und manchmal auch fehlende Zivilcourage, existiert. Sie leben ja auch in Madrid. Erinnern Sie sich noch an die verschiedenen Bürgerinitiativen gegen das megalomane Projekt M-30? Vor wenigen Monaten kam endlich das Gerichtsurteil wegen des fehlenden „estudio de impacto medioambiental“. Jahre danach, als alles schon fertig ist, und Madrid für über 35 Jahre verschuldet ist.
    Was die Reaktion von Medien, Parteien, Politiker und tertulianos gegenüber den indignados anbelangt, da war es ein Paradebeispiel von Ignoranz, Arroganz, Frechheit und sogar Verleumdung. Die Revolution ist nicht ausgebrochen, stimmt, aber die Blindheit und mangelnde Sensibilitat gegenüber den vielen Gründen zum empört sein, erinnert schon fast an Marie Antoinette und ihr „S’ils n’ont pas de pain, qu’ils mangent de la brioche!“, oder der Tagebucheintrag ihres Gatten am 14.7.1789: „Rien“.
    Marcos de Quinto, Oberboss von Coca Cola Spanien und Portugal, also wahrlich weder ein perroflauta noch ein verdächtiger Systemgegner, wurde auch verhänselt, weil er mit seinem Firmenwagen nach Sol fuhr. Ihm wurde vorgeworfen, er wäre nur dahin gefahren, um zu sehen wie er sein Geschäft mit seiner Zielgruppe, der Jugend, sichern könne. Ich finde, er ist hellhörig und intelligent genug, um sich wenigstend mal um zu schauen. Seine Ansichten dazu bestätigen meinen ersten Eindruck: „die Bewegung 15. Mai ist nicht gegen das System, sondern gegen die, die es inffizient und korrupt verwalten“, und dass die Leute „von Parteien und Gewerkschaften enttäuscht sind.“ Der Korporatismus der Parteien, und die Toleranz gegenüber der Korruption in den eigenen Reihen, hat ein wesentliches zur Verärgerung der Bürger beigetragen. Einfach wählen, wie bisher, hat für viele von uns daher keinen Sinn mehr. Die Frage ist jetzt, wie bringen wir unsere Politiker dazu die notwendigen Veränderungen durch zu setzen. Was in den nächsten Tagen und Wochen geschehen wird? Ich weiss es nicht. Aber ich hoffe, dass es ein Anfag ist, um etwas oder vieles zu verändern.

  6. Dulcinea sagt:

    Uh, Rocinante! For real?...
    Uh, Rocinante! For real?

  7. Madrid sagt:

    Vielleicht möchte uns...
    Vielleicht möchte uns RocinanteReal seine Gedanken mitteilen und war nur etwas scheu. Auf! Andere haben sich auch getraut.

  8. Madrid sagt:

    <p>Gatamad, der <em>día...
    Gatamad, der día de reflexión hat seinen Sinn, nehme ich an. Ob er ihn heute noch auf dieselbe Weise hat, müsste man prüfen. Ich komme gerade von der Puerta del Sol zurück. Der Grad an Organisation ist erstaunlich. In der Hauptversammlung um 18 Uhr wurde bekanntgegeben, dass am Dienstag die asambleas de barrio Kontakt aufnehmen sollten, also die Anwohner mit den Organisatoren. Sie wissen vielleicht, dass am kommenden Samstag die entsprechende Hauptversammlung geplant ist. Insgesamt empfinde ich die letzten Tage ähnlich wie Sie: Mal sehen, was sich Politiker und Institutionen einfallen lassen, um auf gewaltfreien Protest und Gegenentwürfe von der Straße zu reagieren. Francisco Camps und Dominique Strauss-Kahn, um nur zwei Vertreter aus Politik und Finanzwelt zu nennen, sind keine Beispiele, die sich empfehlen lassen.

  9. Gatamad sagt:

    Zu DSK kann ich nur sagen:...
    Zu DSK kann ich nur sagen: USA, was für ein grossartiges Land!
    Vorläufige Wahlergebnisse. Wie vorgesehen, stürzt die PSOE total ab, PP, allen vor an der korrupte Camp in Valencia, bekommen mehr Stimmen. Wird er aus dem Knast regieren? Peinlich!
    Doch die allergrösste Überrraschung kommt aus dem Baskenland. Die PP hat ja BILDU so eine grossartige Wahlkampagne geliefert, dass sie die wirklichen Sieger sind. Ich bin ziemlich überrascht.

  10. pardel sagt:

    Von der Ferne aus gesehen,...
    Von der Ferne aus gesehen, sind die Ereignisse in Spanien verwunderlich und widersprüchlich. Leider ist die Information in den deutschen Printmedien nicht sehr brauchbar gewesen: oft mehr Bilder als Text, sogar in Zeitungen wie das Handelsblatt, und der Text zu den Bildern war nicht immer sehr analytisch. Mitunter war auf den Bildern mehr Text in Form von Transparenten zu lesen als in der Bildunterschrift dazu. Vielleicht erwarte ich zu viel von der Presse.
    Und von der protestierenden Jugend, was ist von der zu erwarten? Es fällt mir schwer, es zu beurteilen. Der Unterschied zu den Revolten in Nordafrika ist evident, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Aber auch der Unterschied zu den deutschen Wutbürgern fällt mir auf: In Spanien wird nicht um Besitzstände gekämpft, sondern um elementare Menschenrechte. Vor allem das recht auf Würde. Man liest, diese spanische Generation sei eine verlorene. Diese? Ich zähle mindestens drei! Eine verlorene? Nein. Nicht verloren, sondern betrogen. Ihrer Chancen beraubt. Auf ihre Zukunft lasten mehrere Hypotheken, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinn. Die Bedrohung, die diese Generation empfindet, scheint diffus zu sein. Daher vermutlich ihre diffusen Forderungen. Immerhin bleiben die Proteste friedlich. Fast feierlich, den Bildern nach zu urteilen.
    Aber was liest man auf den Transparenten? „Rebelde sin casa“ Da musste ich lachen! Schöne Anspielung auf den Film „Rebel without a cause“ mit James Dean (1955). Nach dem Schmunzeln setzt aber das Denken ein: Was will uns das junge Paar unter dem Transparent sagen? Dass, wenn sie eine Wohnung hätten, sie nicht demonstrieren würden? Dass Grundeigentum der erste Schritt zum „aburguesamiento“ ist? Oder vielmehr, dass man ihnen ihr Leben lang erzählt und vorgemacht hat, dass man (sprich: sie!) ein Recht auf Wohnungseigentum hat, und sie nun erwarten, dass dieses Recht eingelöst werden kann? Diese falschen Erwartungen sind ein Teil dessen, was ich oben als Betrug an dieser Jugend bezeichnet habe. Dieses Recht auf Wohnungseigentum gibt es nicht, nirgends. Da fällt mir übrigens auf, dass besagter Film auf Deutsch mit „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ übersetzt wurde. Sicher nur Zufall.
    Auf einem anderen Transparent lese ich: „Tenemos derecho a nuestros sueños y a que éstos se hagan realidad“. Mit dem ersten Teil der Aussage kann man nur einverstanden sein. Aber der zweite Teil ist schlicht falsch, und da die beiden Halbsätze mit „und“ logisch verbunden sind, wird der gesamte Satz falsch. Was soll man diesen Menschen sagen? Dass sie die spanischen Klassiker, z.B. Calderón lesen sollten? Dass Pangloss Unrecht hatte? Diese falsche Erwartung wäre ein weiteres Mosaiksteinchen dessen, was ich als Betrug – nicht nur an dieser Jugend – bezeichne. Wie kam es dazu, dass so eine Erwartung geweckt werden konnte? Oder war das Transparent ironisch gemeint?
    Das waren nur zwei beliebige Beispiele unter vielen. Vielleicht waren sie nicht räpresentativ.
    Die Elterngeneration dieser Jugend hat in Spanien politisch großartiges geleistet. Ebenfalls (alles in allem) friedlich. Mugabarrus amatxu etwa. Wir hatten Glück, Fortüne (und der Zeitgeist, und viel Geld und Unterstützung aus dem Ausland…) war auf unserer Seite. Aber dann „nos hemos dormido en los laureles“. Viele Weichen, vor allen wirtschaftlich, sind falsch gestellt worden. Die Politik ist selbstgerecht, selbstgefällig und sehr, sehr korrupt geworden – und wir haben es zugelassen. Ich wüsste nur zu gerne, was sowohl mugabarru samt Nachbarprovinz als auch seine amatxu dazu meinen. Zeltest du gerade auch, mugabarru?

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