Sanchos Esel

The times are out of joint

Die Tage sind noch warm, aber nicht mehr heiß, die Dunkelheit kommt früher, die Schule hat wieder angefangen – die spanischen Schulen sind erst Mitte September dran -, und heute morgen durfte ich erleben, dass sich manche Merkwürdigkeiten nicht nur über die Ferien gerettet, sondern sich im Laufe der letzten Wochen noch verstärkt und vertieft haben.

Beim Schwimmtraining zum Beispiel haben wir eine große Uhr an der Wand. Ich kann sie wegen Kurzsichtigkeit nicht lesen, also trage ich beim Schwimmen eine Armbanduhr. Doch die Wanduhr an der Stirnseite der Schwimmhalle greift in meine Tagesgestaltung ein. Im Laufe der Monate nämlich ist sie im Vergleich zur korrekten Zeit so weit in Rückstand geraten, dass sie inzwischen fast eine Viertelstunde nachgeht. Der Trainer sagt nun, wir könnten erst mit dem Training beginnen, wenn die nachgehende Uhr exakt die Zeit des Trainingsbeginns anzeigt. Genauer, wenn die falschgehende Uhr die Markierung der korrekten Stunde erreicht hat, es aber eigentlich schon eine Viertelstunde später ist. Und wenn 45 Minuten um sind, hören wir wieder auf. Im Grunde fangen wir eine Viertelstunde zu spät an und hören dafür eine Viertelstunde zu spät wieder auf. Also musste ich heute morgen eine Viertelstunde warten. Ich habe die Zeit genutzt, um über mein Leben nachzudenken.

Ich war noch nicht weit damit gekommen, da zeigte mir der Trainer seine Armbanduhr. „Schau mal“, sagte er.
„Aber sie geht eine Viertelstunde vor“, sagte ich.
„Genau“, sagte der Trainer. „Sie geht eine Viertelstunde vor. Auf diese Weise komme ich immer pünktlich oder sogar ein paar Minuten früher.“
„Ja, aber die anderen kommen nicht früher.“
„Aber ich“, sagte der Trainer. „Ich komme gern pünktlich. Und dafür ist es gut, ein bisschen früher da zu sein.“
„Aber zusammen mit der Verzögerung durch die Wanduhr hast du vor Arbeitsbeginn schon fast eine halbe Stunde vertrödelt.“
„Nein. Wir haben eine Stechuhr.“
„Sag mir jetzt nicht, die Uhrzeit der Stechuhr folgt auch einem eigenen System.“
Der Trainer sah mich an und verstand nicht, was ich sagen wollte. Also sprachen wir über andere Dinge. Wir mussten vor dem Training noch gut zehn Minuten herumkriegen.

Als ich heute morgen die E-Mails sichtete, fand ich eine Einladung zu einer Ausstellungseröffnung im Oktober. Sie klang sehr interessant. Gezeigt wird, erstmals in Madrid, eine Retrospektive des Werks von Alexandr Deineka, einem Vertreter des sowjetischen sozialistischen Realismus mit den schönen Lebensdaten 1899 bis 1969, sofern sie nicht auch nachgehen, und der Name der anhängenden Datei mit weiteren Informationen lautete „77. September“. Das kam mir nach meiner morgendlichen Erfahrung in der Schwimmhalle nicht weiter sonderbar vor. Erst, als ich das biographische Material durchgelesen hatte, war mir klar, dass der 77. September im Leben Deinekas keine auffällige Rolle gespielt hat.

Da fiel mir wieder mein Besuch bei der westgotischen Ruine in der Provinz Cádiz ein, von dem ich hier schon früher erzählen wollte, doch die Trägheit wollte es anders. Die Westgoten hielten gegen Ende des sechsten Jahrhunderts, wie sicherlich allgemein bekannt ist, die gesamte Iberische Halbinsel besetzt. Später kamen die Araber, aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls kann man in Spanien noch hübsche westgotische Ruinen finden, manche erstaunlich gut erhalten, andere fast nur noch Geröll.

Bei der Ruine, von der ich am zweiten Urlaubstag im Diario de Cádiz las, handelt es sich um die Einsiedelei des hl. Ambrosius und angeblich um eines der „Kleinode“ westgotischen Bauens in Südspanien. Doch die Geschichte, die ich dem langen Artikel entnahm, war unglaublich. Offenbar war die Einsiedelei von 1998 bis 2000 und dann noch einmal zwischen 2002 und 2004 restauriert und gesichert worden, was immer das bei westgotischer Ruinenarchitektur heißt, und danach völlig vergessen worden. Die Fotos, die den Bericht illustrierten, zeigten massive Stahlträger, die Bogen und Gewölbe vor dem Zusammenbruch bewahren und so das Begehen der Einsiedelei ermöglichen sollten, dazu einen Stahlzaun, ein Stahltor und ein Stahlgeländer, alles von außerordentlicher Hässlichkeit. Angeblich hat sich seit 2004 niemand mehr um die Einsiedelei gekümmert. Niemand außer den Kühen, die von den benachbarten Weiden herüberkommen und im Schatten der Ruine Gras rupfen. Wozu hatte man dann aber diesen Aufwand getrieben?

Die Ermita de San Ambrosio liegt in einer wunderschönen Landschaft zwischen Barbate und Los Caños de Meca, kaum zwei Kilometer von der Atlantikküste entfernt. Doch die Häuser, Wiesen und Weiden hier haben nichts mit dem sommerlichen Strandbetrieb zu tun. Als ich mich schließlich zu dem Bauwerk durchgefragt (die Beschilderung wird sehr spärlich, wenn man näherkommt) und den Wagen abgestellt hatte, stieß ich nach einem kurzen Marsch auf ein Monster der Plan- und Gedankenlosigkeit. Es blieb mir nichts anderes übrig, als das Telefon zu zücken und ein paar Bilder zu machen. (Der Weißabgleich ist nicht immer ideal, aber das dürfte durch den dokumentarischen Wert aufgewogen werden.)

Ich bin mir nicht sicher, welchen historischen, kulturellen oder archäologischen Wert man 1500 Jahre alten Steinen zusprechen sollte oder ob das überhaupt erforderlich ist; ich weiß nur, dass ich mich gern unter 1500 Jahren Steinen bewege, sofern sie halbwegs sinnvoll angeordnet sind und irgendetwas von den Schönheitsvorstellungen oder Lebensgewohnheiten der Menschen, die sie aufeinanderschichteten, ahnen lassen. Und das war bei der Einsiedelei des hl. Ambrosius eindeutig einmal der Fall gewesen. Jetzt jedoch nicht mehr. Fehlgeleiteter Aktionismus und Renovierungswut hatten das Gebäude und seine Umgebung mit der scheußlichen Nullästhetik unseres dummen, ahnungslos didaktischen Zeitalters überzogen. Was immer von diesen Steinen einmal zu sehen gewesen war, jetzt sah und erspürte man gar nichts mehr.

Deprimierend war nicht nur der Anblick als solcher, etwa bei Formen wie diesen:

Schlimm war auch der Umstand, dass die angebrachten Metallungetüme innerhalb weniger Jahre auf eine Weise verrostet und heruntergekommen waren, wie es bei Stein unter vergleichbaren Umständen niemals zu beobachten wäre. Das hat natürlich auch mit der aggressiven Salzluft zu tun. Jeder, der in der Nähe ein Häuschen hat, weiß, wie oft man streichen und entrosten muss, damit die Sachen nicht vor die Hunde gehen. Zu der gleichsam inhärenten Barbarei (durch Form und Material) kommt also die das Ganze noch verschlimmernde Folge, dass das Stützgerüst schon jetzt korrodiert ist und älter aussieht als die Ruine selbst. Auch Pflanzen werden nie daraus wachsen.

Traurig wurde ich, als ich Räume sah, die vielleicht einmal als Küche oder Schlafzimmer gedient hatten, selbst Einsiedler müssen ja essen und ruhen. Ich spähte also hinein, und was sah ich? Die Herren des Renovierungsprojekts hatten nicht nur jeden Geschmack vermissen lassen, sie hatten auch ihren Müll nicht fortgeräumt. Gips- und Zementreste lagen noch genauso da, wie sie vermutlich im Jahr 2004 nach der letzten Benutzung zurückgelassen worden waren.

 

Im Ernst: Wie gern wäre ich in einer ollen westgotischen Ruine herumgelaufen! Egal, in welchem Zustand sie sich befunden hätte. Ich hätte es auch akzeptiert, das Gebäude wegen Einsturzgefahr nicht zu betreten. Alles klar, wissen wir doch! Nichts hält ewig. Ein bisschen westgotische Atmosphäre bei untergehender Sonne, und die Fahrt hätte sich doch schon gelohnt.

An diesem malerischen Fleckchen jedoch hatte irgendein Kulturbeauftragter der Region befunden, dass man die alten Steine nicht in Ruhe lassen dürfe, dass man sanieren, renovieren und aufhübschen müsse, was die Zeit in fünfzehn Jahrhunderten langsam abgetragen hatte, womöglich mit dem üblichen Gedanken an Belehrung für Schulklassen und Touristengruppen, als hätte die allererste Belehrung nicht an die aus öffentlichen Mitteln bezahlten Kretins der Kulturbürokratie gehen müssen. So war in wenigen Jahren für einen Haufen Geld alles unwiderruflich zugrundegerichtet worden. Nicht einmal der neue Zaun war zu irgendetwas gut. Vandalen haben ein paar Stangen herausgebrochen und einer nützlicheren Verwendung zugeführt:
 

Nur in einem einzigen Punkt stimme ich nicht mit der Meinung des Zeitungsartikels im Diario de Cádiz überein. Die Vegetation, die inzwischen die schrecklichen Absichten der örtlichen Kulturvernichter überzieht, ist in meinen Augen kein Zeichen von Vernachlässigung, sondern eher ein gnädiger Vorhang und als solcher noch längst nicht kräftig genug. Erst wenn die Vegetation die Schande vollständig bedeckt wie das Grün, das hundert Jahre braucht, um ein Märchenschloss zu verhüllen, ist die Rache der vergehenden Zeit an uns zeit- und erinnerungslosen Ochsen vollendet.

                                                                                [ Fotos : Sanchos Esel ] 

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