Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Zerstreuung gegen Versenkung

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Ein geschätzter Kollege erzählte mir im vergangenen Jahr, er lese kaum noch Bücher, er habe dafür keine Zeit. Ich sagte, das gehe mir phasenweise ähnlich.

Ein geschätzter Kollege erzählte mir im vergangenen Jahr, er lese kaum noch Bücher, er habe dafür keine Zeit. Ich sagte, das gehe mir phasenweise ähnlich. Wir sahen uns an, wir fanden es beide schlecht, wir fühlten uns unwohl, dass die Bücher in unserem Leben auf der Strecke geblieben waren, wobei ich gleich hinzufüge: in meinem Fall wirklich nur phasenweise. Denn in anderen Phasen lese ich viel.

Mein Kollege schien aber in gar keiner Phase mehr zu lesen. Dann sagte er, demnächst wolle er sich ein iPad zulegen.
Ob er damit mehr zu lesen hoffe, fragte ich ihn.
– Nicht direkt, antwortete er. Obwohl man mit dem iPad auch prima lesen könne.
– Ja, aber man schafft sich kein iPad an, um darauf zu lesen.
– Nein, sagte er, das tut man wohl nicht.
– Wer lesen will, sagte ich, bleibt beim Buch oder schafft sich einen E-Reader an.

Inzwischen hat mein Kollege sein iPad und ist, soweit ich höre, damit zufrieden. Bei mir hat aber seit jenem Gespräch das Nachdenken nicht aufgehört. Und vor zwei Monaten stand mir der Konflikt glasklar vor Augen: Will ich Zerstreuung oder Versenkung? Wenn ich Zerstreuung will, brauche ich ein iPad. Wenn ich aber auf Versenkung aus bin, dann könnte ich mir einen E-Reader zulegen. Seitdem ich die Sache unter diesen beiden Begriffen abgeheftet habe, hat sich nichts Wesentliches daran geändert. Neulich stellte ich dann auf diesem Blog die Frage, ob jemand Erfahrung mit dem E-Reader habe, und der eine oder andere meldete sich. Die Erfahrungen waren positiv bis gemischt. Don Alphonso sprach sich natürlich für das echte Buch aus. The real thing. (Ein andermal muss ich von der Lengfeld’schen Buchhandlung erzählen, dem ältesten Buchhaus von Köln. Auch dort schwört man auf Papier und die Kunst des Buchbindens. Oder die Buchhandlung zur Heide in Osnabrück. Aber das nur nebenbei.) 

Der spanische Markt für E-Reader ist bisher ziemlich schwach entwickelt. Ich habe mir die Geräte angesehen. Keines von ihnen überzeugt in Anmutung oder Ästhetik, die Preise nähern sich den 200 Euro, und der Textfundus, aus dem man in Spanien schöpfen kann, ist nicht besonders groß und außerdem teuer. Was mich dazu bewegt hat, vor sechs Wochen den Kindle von Amazon anzuschaffen, waren folgende Motive:

– Ich lese gern und viel Englisch.
– Ich lese gern und viel alte, rechtefreie Bücher (vor 1923).
– Ich möchte günstige Abonnements von Zeitschriften beziehen.
– Ich bin viel unterwegs.
– Ich habe gern eine kleine Bibliothek dabei.

Wer seine Lesebedürfnisse in diesem oder einem ähnlichen Katalog ausdrücken kann, landet am Ende zwangsläufig beim Kindle. Natürlich ist es etwas irritierend, dass Amazon jetzt den Kindle Fire auf den Markt gebracht hat, um Apples iPad mit Dumpingpreisen und einer gigantischen Backlist von Filmen, Spielen und Musik anzugreifen. Doch lassen wir uns nicht ablenken. Die eigentliche Stärke der Firma sind die Lesegeräte.

Das meine ist der sogenannte Kindle 2. Er ist dunkelgrau, wiegt 220 Gramm und mit der schwarzen Lederhülle 460. Sämtliche Werke von Henry James haben mich $ 5.74 gekostet, der komplette Shakespeare und alle Romane von Dickens jeweils dasselbe. Das heißt, für eine Handvoll Dollar kann man sich eine große Bibliothek aufbauen, die ansprechend funktioniert. Konkret heißt das: Die Kapitel müssen separat ansteuerbar sein; ein table of contents (TOC) ist wichtig; und die Texterfassung sollte gut, also möglichst fehlerfrei sein.

Neulich, als ich viel mit dem Zug unterwegs war, habe ich 500 Seiten in Middlemarch gelesen, meine erste Lektüre liegt ein Vierteljahrhundert zurück. Das ging prima. Den fetten Leinenband des Romans mitzunehmen verbot sich von selbst. Natürlich gibt es in E-Books meistens ein paar Druckfehler mehr als in Printausgaben, und um manche Kindle-Editionen sollte man einen großen Bogen machen, wie den Kundenberichten auf der Amazon-Seite zu entnehmen ist. Andererseits sind sehr viele Texte auch völlig kostenlos. Man lädt sich die Sachen für $ 0.00 innerhalb von einer Minute drauf, Die Wahlverwandtschaften oder Deutschland, ein Wintermärchen oder Bleakhouse, vielleicht sogar ein paar exotischere Texte wie Briefe von Karl August Varnhagen von Ense, die man sich als Buch nicht kaufen würde und schon gar nicht mit auf die Reise nähme. Ich meine nur. Der Kindle wird so zu einer eigenen, bisweilen etwas verschrobenen Handbibliothek, und gerade die interessanten Titel darin kosten wenig oder gar nichts. (Seit ein paar Tagen ist ein neues, billigeres, noch leichteres Modell ohne Tastatur und mit etwa der Hälfte des Speicherplatzes erhältlich; die Hundert-Euro-Marke ist damit unterschritten.)

Aus Urheberrechtsgründen spielt es eine Rolle, in welchem Land man sich anmeldet. Bestimmte Zeitschriften (The New York Review of Books etwa) sind nur bei der amerikanischen Amazon-Seite zu beziehen. Man kann aber wechseln. Die Preise der Abos sind erstaunlich niedrig. Ein Magazin würde man das natürlich nicht mehr nennen, was man da vor sich hat, denn beim Spectator etwa fehlen sämtliche Cartoons und jegliche Graphik; doch wem es vor allem auf die Texte ankommt, der ist gut bedient, denn die neue Nummer wird per whispersync (was für ein Name!) automatisch auf das Gerät gespielt – as soon as the magazine hits the newsstand.

Das Lesen selbst geht sehr angenehm. Erst las ich im Hochformat wie auf einer Buchseite – bei meiner Schriftgröße enthält die Kindle-Seite etwa soviel Text wie eine Manesse-Seite -, danach wechselte ich ins Querformat, weil ich die längere Textzeile wichtiger finde als die Simulation der Proportionen einer authentischen Buchseite. Jeder nach seinem Geschmack. Die Akkuleistung beträgt viele Stunden, besonders, wenn man nicht ständig Wi-Fi eingeschaltet hält. Blättern im Text geht schnell, Unterbrechen ist ein Kinderspiel, und man hat Lesezeichen in so vielen Büchern, wie man will. Das Gerät erinnert sich immer an die letzte gelesene Seite des jeweiligen Textes und kehrt auch nach Wochen zuverlässig an diese Stelle zurück.

Manche finden, der gräuliche Ton der Seite sei nicht hübsch, da helfe auch die Randschärfe der elektronischen Tinte nichts. Das geht mir anders. Natürlich ist eine mattgelbe, fein gedruckte Buchseite immer schöner als die Fläche des E-Readers! Es geht nichts über ein echtes Buch. Doch das Lesen mit dem Kindle verläuft leicht und anstrengungsfrei, und wenn sich dann noch der Fall ergibt wie bei mir neulich – meine uralte vierbändige Taschenbuchausgabe von Krieg und Frieden in der Übersetzung von Werner Bergengruen war für den Schüler einmal lesbar, für den älter gewordenen Brillenträger aber nicht mehr -, dann stellt sich die Frage völlig neu. Neues Lesealter, neue Bedürfnisse. Flexible response!

Überhaupt war die überraschendste Erfahrung folgende: Der E-Reader ist nicht in Konkurrenz zu den echten Büchern getreten, sondern eine Ergänzung. Man könnte sagen: Buch und E-Book stützen sich gegenseitig. Auf Reisen nehme ich ein echtes Buch und den E-Reader mit. Dann kann nichts passieren. In der Metro, im Wartezimmer, am Gepäckband oder sonstwo: Der E-Reader liegt bereit. Meine Lederhülle hat sogar ein integriertes Leselicht! Vielleicht sollte ich die Langzeiterfahrung abwarten, das mag sein. Aber schon jetzt glaube ich, dass ich durch den E-Reader im Alltag weniger Zerstreuung erlebe und mehr Versenkung. Heute abend lese ich übrigens in der zwölfbändigen Gesamtausgabe der Schriften von Edmund Burke. Wenn die jemand von Ihnen zu Hause hat, bitte melden.


16 Lesermeinungen

  1. Welch ein Zufall: vor vier...
    Welch ein Zufall: vor vier Wochen hat mir meine Frau einen Kindle geschenkt und meine Erfahrungen sind sehr, sehr ähnlich. Erstmal war auch ich skeptisch und natürlich bietet ein schönes Buch den zusätzlichen sinnlichen Genuss, der diesem Bildschirm fehlt. Aber ich habe den Eindruck, dass der Bildschirm ein Test für Texte sein kann: wirklich gute Texte brauchen anscheinend keine Hardware, um zu wirken. Speziell für unterwegs erscheint mir das Konzept sehr überzeugend (die Koffer bzw. Taschen werden leichter), aber die gute Bildschirmdarstellung bringt mich dazu, auch zuhause zu lesen. Überrascht war ich über das große kostenlose Angebot der Klassiker in den großen Sprachen (habe auf diese Weise gerade Slocums „Sailing alone around the world“ und Flauberts „Madame Bovary“ im Original gelesen). Vermutlich werde ich nur wenig Geld für Neuerscheinungen ausgeben …
    Leider habe ich für Französisch keine ähnlich gute Wörterbuchfunktion gefunden wie die kostenlosen Oxford dictionaries (anscheinend gibt es nichts, dass genauso gut integriert ist und auch die vielen veränderten Wortformen unterstützen würde – falls jemand doch einen Tip hat, bitte melden!). Auch die Stromabhängigkeit ist sehr gering: Ich nutze die Online-Funktion nur zuhause um runterzuladen und damit hielt der Akku bis heute, d.h. bis zum vierten „Buch“.
    Ich bin mir aber sicher, dass „richtige“ Bücher einen weiteren klaren Vorteil haben: irgendwann wird die zugrundeliegende Software nicht mehr unterstützt werden, weil schließlich etwas Neues auf den Markt muss, und ob dann die Abwärtskompatibilität gegeben sein wird, bezweifle ich sehr. Im schlimmsten Fall wäre dann die angesammelte elektronische Bibliothek reif für die Tonne.

  2. derast, Ihre Sorge teile ich!...
    derast, Ihre Sorge teile ich! Was geschieht mit unseren draufgeladenen Texten? Andererseits kann sie uns ja niemand wegnehmen. „Reif für die Tonne“, das sehe ich nicht so ganz. Sie könnten sich die Kiste einfach vollpacken mit 3000 Titeln und dann sagen: Das ist meine elektronische Präsenzbibliothek! Dafür wäre der Preis nicht einmal besonders hoch.

  3. Ja, sicher, zunächst werde...
    Ja, sicher, zunächst werde ich halt mal sammeln. Aber vermutlich geht es mir dann wie mit den Tonträgern: ich habe jetzt Spulen-Tonbänder, Vinyl, CDs und MP3s auf verschiedener hardware laufen (und hoffe, das meine alte Tonbandmaschine noch lange durchhält). Interessanterweise ist der Fortschritt da in gewisser Weise ein Rückschritt: die Vinyl-Platten über eine gute Anlage sind unübertroffen – und das Buch war einfach ein kultureller Meilenstein …

  4. Die Erfahrungen kann ich so...
    Die Erfahrungen kann ich so bestätigen, Herr Ingendaay. Es ist eine schöne Ergänzung, vor allem für unterwegs. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Solange die Firma Amazon existiert, braucht man sich übrigens keine Gedanken über die Hardwarekompatibilität zu machen. Die erworbenen Bücher sind nämlich nicht mit dem Gerät fest verbunden, sondern mit dem Amazon-Konto. Solange das noch da ist, spielt die Leseplattform keine Rolle. Das habe ich nämlich bereits erlebt. Durch etwas wildes Tastendrücken mit gleichzeitigem Abbruch der W-Lan-Verbindung habe ich nämlich das Gerät mal zum Absturz gebracht. Nach dem Rücksetzen auf die Werkeinstellungen hat sich das Gerät automatisch alle Bücher wieder von Amazon geholt. Bücher, die man händisch in den Speicher gebracht hat sind natürlich dann verschwunden. Im übrigen habe ich große Bedenken in Sachen Langzeitverfügbarkeit elektronischer Bücher. Ich rede hier von 100 oder 200 Jahren. Aber das ist gottseidank Ein Problem Anderer Leute. Ich kann jetzt natürlich nicht umhin, auf Bücher hinzuweisen, die vom E-Book nie ersetzt werden können. Judith Schalansky wurde mir als Autorin schon vielfach empfohlen und ich schritt nun zur Tat. Es stellte sich heraus, daß sie zu allem Überfluß eine überaus begabte Typografin ist und ihre Bücher selbst gestaltet. „Der Hals der Giraffe“ und vor allem „Atlas der entlegenen Inseln“ seien hier wärmstens empfohlen. Ich würde mir am liebsten einen Hut kaufen, um ihn vor der Dame ziehen zu können.

  5. Danke für den Hinweis,...
    Danke für den Hinweis, Savall. Meine Langzeitbeobachtung folgt dann irgendwann im neuen Jahr.

  6. Gerade heute lese ich diesen...
    Gerade heute lese ich diesen so geschätzen Blog zum erstenmal von meinem noch fabrikwarmen IPad (unterwegs) und bin absolut begeistert. Bisher habe ich E-Bücher nur mit Verachtung gestraft, was aber nur dazugeführt hat, aus Zeitgründen zum Nicht-Mehr-Leser zu werden. Als Spanienemigrant kann ich jetzt sogar wieder täglich die aktuelle FAZ lesen und dass schon am Vorabend (ein sehr gelungenes APP nebenbei bemerkt) genauso wie ich überall deutschen Rundfunk genieße.
    Was die E-books angeht habe ich gerade Hemmingway hochgeladen sowohl gratis und legal! (Wattpad). Ob mich meine Kinder in Ruhe den Quijote lesen lassen trotz „angry birds“ bleibt abzuwarten; Fernsehen haben wir übrigens schon lange abgeschafft!

  7. <p>Ihr iPad will ich Ihnen...
    Ihr iPad will ich Ihnen nicht madig machen, Bucephalus. Jeder weiß, was das Gerät alles kann. Aber würden Sie wirklich Bücher darauf lesen? Zeitungen und Magazine: ja. Die sehen toll darauf aus. Aber die Lektüre des Quijote, fürchte ich, ginge doch ziemlich auf die Augen. Das ist gerade die Trennlinie, von der weniger gesprochen wird: Das eine Gerät hat einen Bildschirm; das andere schreibt mit elektronischer Tinte auf einer nicht beleuchteten Oberfläche. Bei längerem Lesen spürt man den Unterschied.

  8. Bloß ob es einen Sinn ergibt,...
    Bloß ob es einen Sinn ergibt, den Dingen Etiketten anzuhaften? Liegt es wirklich am Gerät, ob man sich versenkt oder zerstreut? Keine zwei Menschen verhalten sich gleich in und mit einer Bibliothek. Und in den Quijote kann ich mich ebensogut versenken wie mich mit ihm zerstreuen. In jedem Leser steckt ein Taucher und ein Surfer!

  9. Das bezog ich nur auf mich,...
    Das bezog ich nur auf mich, Dulcinea, diese beiden Begriffe. Vielleicht habe ich in den letzten Jahren zuviel gesurft und nicht genug getaucht? Jeder betreibe den Wassersport, den er braucht!

  10. Ja, das ist recht. Ich habe...
    Ja, das ist recht. Ich habe übrigens am Freitag abend in der Losbude El Gordo hängen sehen. Wie fette Schinken hingen die Lose vor meiner Nase!

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