Sanchos Esel

Ein jedes Ding bei seinem Namen

Vor wenigen Stunden hat der neue spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy im Parlament versprochen, er wolle das Brot stets Brot und den Wein immer Wein nennen. Also jedes Ding bei seinem Namen. Er wolle die Spanier auch nicht anlügen, sagte er, während es zur selben Stunde in Valencia vor Gericht um die Korruptionsaffäre seines alten Kumpels Francisco Camps ging, für den eine Schneiderei nach neuesten Erkenntnissen nicht nur einen Anzug gefertigt hat, wie er behauptet, sondern fünf. Insgesamt ist die Rede von zwölf Anzügen, die der ehemalige Ministerpräsident der Region Valencia mutmaßlich erhalten hat. Es fällt also ein bisschen schwer, Rajoys hochtönender Ankündigung Glauben zu schenken, wenn mit der Wahrheit so selektiv umgegangen wird.

Aber vielleicht kommt es darauf gar nicht an. Wir sind ja nicht in Deutschland. Vielleicht besteht in Spanien die wichtigste Frage darin, ob überhaupt irgendwelche Mittel der neuen Regierung gegen Arbeitslosigkeit und Schuldenkrise greifen. Ob es reicht. Ob der gesellschaftliche Konsens groß genug ist. Ob jeder bereit ist, etwas weniger zu haben, damit alle zumindest etwas haben.

Ich gestehe, auch da bin ich nicht sonderlich optimistisch. Natürlich ist es keine schlechte Idee, den Unfug der spanischen Brückentage, die das ganze Land immer wieder lahmgelegt haben, etwas zu begrenzen, wie Rajoy jetzt angekündigt hat. Ja, das sollte man machen. Kostet nicht viel und bringt sicherlich einen gewissen Effizienzgewinn.

Doch die betrügerischen Affären des Herrn Urdangarin, des Schwiegersohns des spanischen Königs, zeigen, mit welch staunenswerter Frechheit auch die begüterten, jedenfalls nicht bedürftigen Kreise die öffentlichen Kassen plündern. Und wenn zutrifft, was jetzt verbreitet wird – dass der Monarch seinen Schwiegersohn im Jahr 2006 einfach aus dem Verkehr zog, indem er ihm dank bester Kontakte zur spanischen Industrie erst einen hochdotierten Posten bei Telefónica in Barcelona, 2009 dann einen Job in Washington verschaffte -, gibt es wenig Anlass, ausgerechnet in der Schuldenkrise auf spanische Ziviltugenden zu setzen. Zu Mitleid mit Christian Wulff besteht gewiss kein Anlass; aber die Vorgänge um Urdangarin setzen das spanische Staatsoberhaupt in kein geringeres Zwielicht als jenes, in welchem sich Wulff gerade befindet. Nur eben, dass sich hier kein Mensch mehr darüber aufregt. Man wünscht dem spanischen König doch keine Scherereien mit der Justiz!

Sprechen wir vom kommenden Glück, dem gordo, dem großen Los, das uns am 22. Dezember alle reich machen wird. Ich erwarb den décimo für uns acht Teilnehmer(innen) am 10. Dezember, eine Stunde vor dem clásico, direkt am Bernabéu-Stadion. Ich sagte mir: Wenn Barcelona gewinnt, bekommen wir den gordo. Wenn Real Madrid gewinnt, bekommen wir ihn nicht. Kein Witz, das waren meine Gedanken. Hier sehen Sie unser Los.

Ich fragte den Losverkäufer, ob er glaube, daß wir mit diesem Los gewinnen.
Er sagte: „Todsicher.“ Dann empfahl er mir noch, gleich das Los für den 6. Januar mitzukaufen, denn später könne ich das nicht mehr.
„Warum nicht?“, fragte ich.
„Nach dem 22. Dezember siehst du mich nicht wieder. Dann bin ich mit meinem Losgewinn auf und davon.“
„Oh“, sagte ich. „Verstehe. Aber dann gibt es für mich auch keinen Grund, ein Los für den 6. Januar zu kaufen. Ich gewinne am 22. Dezember doch auch.“
Das sah mein Losverkäufer ein und wünschte mir Glück. Wir gaben uns sogar die Hand. Dann sahen wir uns in die Augen wie Männer, die sich nicht wiedersehen werden.

                                                               [ Fotos : Sanchos Esel }

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