Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Stolz der Demütigen

| 21 Lesermeinungen

Gerade ist mir etwas Interessantes widerfahren.

Gerade ist mir etwas Interessantes widerfahren. Einer meiner Zeitungsartikel – über den spanischen „Stolz“ – hat im Internet ausschließlich negative oder abweichende Leserkommentare hervorgerufen. Anders gesagt: Niemand stimmt mir zu. Oder um es zu präzisieren: Jeder findet, man müsse angesichts der sog. spanischen „Bankenrettung“ vom vergangenen Wochenende etwas anderes sagen, als ich dort sage.

Ich gestehe, dass ich mir die Leserkommentare unter meinen Artikeln selten anschaue. Das liegt an der fehlenden Zeit. Aber natürlich interessiert mich, was Leserinnen und Leser denken, sofern sie ihre Meinungen mit einem Minimum an Form und Höflichkeit vorbringen. In diesem Fall habe ich viel aus den Reaktionen gelernt. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass die Nachteile, die den deutschen Steuerzahlern aus dem Rettungsschirm erwachsen, ein wichtigeres Thema sind als die Befindlichkeit des Volkes, das den Rettungsschirm in Anspruch nimmt. Da mich zu meinem Artikel auch einige Leserbriefe erreicht haben, habe ich eine Antwort entworfen, die auf die Gegenargumente reagiert und meinen eigenen Standpunkt noch einmal darlegt.

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„Vielen Dank für Ihre Zuschrift. Ich kann die Ungehaltenheit der deutschen Steuerzahler verstehen. Dass die spanischen Eliten versagt haben (und weiterhin versagen, weil sie keine Ursachenforschung betreiben), drücke ich in meinem Artikel unmissverständlich aus. Den Unterschied der Zahlungsmoral zeige ich etwa an dem Vergleich zwischen Florentino Pérez und Uli Hoeneß. Es ist ein Bild für spanische Selbstüberhebung und Schuldenmacherei und als solches zu betrachten: Es steht für viele andere.

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Gewiss rechne ich nicht mit besonderer Nachsicht für den Stolz, den ich in meinem Artikel beschreibe. Wer Spanien kennt, weiß allerdings, wovon ich rede. Der entscheidende Punkt wird nämlich oft übersehen: Diese charakterliche Festigkeit ermöglicht den Spaniern, besonders den ärmeren unter ihnen, mit Zähigkeit und ohne Jammern durch die harte der Zeit der Arbeitslosigkeit und zahlreicher wirtschaftlicher Einschnitte zu kommen. Berechtigte soziale Unruhe führt hier nicht zu Tumulten oder Gewalt; sie bringt die Institutionen nicht ins Wanken; und aus materiellem Elend erwachsen keine griechischen Verhältnisse. Da ich das Versagen der spanischen Wirtschaft und Politik schon in vielen Artikeln beschrieben habe, lag mir daran, das Thema diesmal von der Mentalität her zu beleuchten. Auch wenn ich einsehe, dass dies dem deutschen Steuerzahler nicht als zwingendes Thema erscheint, und ich die Kritik an meinem Artikel in Demut annehme, halte ich diese Perspektive nach wie vor für lohnend, eben weil sie normalerweise keine Rolle spielt. Ich finde, es schade einem deutschen Steuerzahler nicht zu erfahren, wie die Krise sich für einen Spanier anfühlt. Denn nicht jeder Spanier trägt an dem Desaster persönliche Schuld. Manchen sind diese Zeiten „passiert“, wie ihnen auch bessere Zeiten „passieren“. Viele haben einfach nur gearbeitet und sich so um die Zukunft gekümmert, wie es ihnen die landestypischen Konventionen nahelegen.“

Soweit mein Brief.

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Inzwischen fallen die Hochrechnungen, wie lange Spanien mit der gegenwärtigen Krise zu kämpfen haben wird, immer großzügiger aus. Zwei, drei, fünf, zehn oder noch mehr Jahre: Alle wissen, dass der Immobilienboom nicht wiederkommt. Aber nicht alle handeln danach. Ebenso wenig wird davon gesprochen, welche negativen Folgeerscheinungen die Einschnitte in Bildung, Sozialpolitik und Kultur haben werden. Inzwischen hat sich der offizielle Krisendiskurs weit vom tatsächlichen Leben, den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entfernt. Manchmal glaube ich, die Politiker wüssten nicht mehr, von welchem Land sie sprechen: Das, in dem ich lebe, kommt in ihren Verlautbarungen kaum vor.

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Einer der Leserkommentatoren meines Artikels erwähnte den interessanten Umstand, dass der spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque sich von allen Versuchen distanziert hat, den Erfolg oder Misserfolg seiner Mannschaft bei der Europameisterschaft als politisch-gesellschaftliche Aussage zu deuten. Vorsicht vor Analogien!, scheint del Bosque sagen zu wollen. Ähnliches hat er mir auch in dem Gespräch erzählt, das ich mit ihm vor zwei Wochen in Schruns im Vorarlberg geführt habe. „Wir sind nur Fußballtrainer und Fußballspieler“, sagte er, man dürfe diese Rolle nicht überbewerten. Als Sportler könne man nicht viel mehr tun, als die beste Leistung zu bringen und sein Land würdig zu vertreten. Alegría, sagte er noch. Man wolle den Leuten ein bisschen Freude bringen.

Müsste ich einen Spanier wählen, der in diesen Jahren – genaugenommen: in mageren wie in fetten Jahren! – als persönliches und gesellschaftliches Vorbild dienen könnte, dann würde ich Vicente del Bosque nennen. Das nur nebenbei.

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Von jenem Tag in Schruns zeige ich Ihnen hier ein paar Bilder. In das Stadion des FC Schruns passen zweitausend Zuschauer, und hinten sieht man ein paar Kühe grasen. Während des Trainings flog ein Paraglider dicht über das Spielfeld, um die spanischen Profis bei der Arbeit zu erleben, und ging dann im benachbarten Feld nieder. Die österreichischen Fans waren natürlich begeistert, den spanischen Spielern so nahe zu sein. Ich zeige Ihnen die Fotos, weil es eine hübsche Szene war und mir am spanischen Fußball liegt und ich heute abend gegen Irland auf einen schönen Sieg hoffe. Mit allem Respekt vor den tapferen Iren und dem ewig jungen Giovanni Trapattoni.

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                                                                                             [ Fotos : Sanchos Esel ]


21 Lesermeinungen

  1. Madrid sagt:

    Tiuz, da will ich Ihnen gar...
    Tiuz, da will ich Ihnen gar nicht widersprechen. Allerdings habe ich nie vorgegeben, hier die ökonomischen Probleme erörtern zu wollen. Dies ist kein Finanzblog, sondern eher eine kulturelle Mischveranstaltung, wie aus der Geschichte des Blogs hervorgeht. Und auch wenn ich daran gewöhnt bin, dass Mentalitätsfragen gern hinter Wirtschaftsstatistiken zurückgedrängt werden, so sind sie doch nicht weniger wichtig. Geschichte, Soziologie, Alltagsempfinden, all das hat Einfluss auf die Stimmung in einem Land, lenkt künftige Entscheidungen, bestimmt über Volksbefragungen und Parlamentswahlen. Und mein bescheidener Anspruch ist der, interessierten Lesern die Mentalität Spaniens – mit den notwendigen Vereinfachungen und Abstraktionen – näherzubringen. Gefolgt von einer oft regen, vielstimmigen Diskussion.

  2. Madrid sagt:

    abfeldmann, das ist eine...
    abfeldmann, das ist eine hübsche Idee. Vor dem Sommerurlaub ein paar Fotos von Estrella und allgemein häuslicher Thematik. Ich will daran denken.

  3. Baturrico sagt:

    Danke, Herr Ingendaay. Ihre...
    Danke, Herr Ingendaay. Ihre Kommentare und Berichterstattung sind imme,r was wir ‚cabal‘ nennen (‚redlich‘ wäre es, aber nicht genau). Für die Deutsche, die in Spanien gelebt haben, und vielleicht tiefer als in der sonnigen Fassade geschaut haben, ist es verständlich, wie sie es meinen.
    Sonst sind einige scheinheilig moralisten Meldungen über Spanien (vom Typ der Bild-Titelseite ‚wieviel kostet es uns diesmal?‘) manchmal ärgerlich, aber noch ärgerlicher sind manchmal die abwertenden und desinformierten Leserkommentare über Spanien.
    Ich stimme Ulmo zu. In Spanien gibt es auch fleissige, ehrliche Menschen, die viel arbeiten und keine Gauner sind, und grosse, moderne Weltunternehmen (Sonnenenergie, Modebranche, Autoteile, usw.). Leute, die ein gutes Lebenstandard durch ihre Leistung verdienen, aber es nie haben werden. Leute, die in Deutschland mit der gleichen Leistung in den Top-5% auch wären.
    Es gibt doch in einigen Kreisen (wie die kommunale Bauplanungspolitik) Vetternwirtschaft, aber nicht ‚krebsartig‘ fürs ganze Land. Leider haben die Eliten seit der 1990er völlig versagt, und im Alltag findet man auch manchmal unerfreulichen Sachen, aber wir haben ehrliche Beamter, anständige Polizisten, liebevolle Dozenten, kompetente Ärzte, gute Wissenschaftler, usw.
    Leider war der Immobilientraum einiger Irren unser Alptraum, und die Eliten verstehen kein anderes Modell, als was Herr Fraga in den 1960er mit seinem ‚Spain is different‘ entdeckt hat: Wachstum durch die Immobilienbranche, und eine von den Wirten dominierten politische Tagesordnung und Prioritätensetzung. Als ob Spanien auch nicht eine Industrienation wäre.
    Wir müssen jetzt leiden, hoffentlich nicht so, dass die soziale Beziehungen, und was gut in diesem Land geblieben ist, verschwindet. Frau Thatcher hatte viele der besten Sachen von England kapputtgemacht, hoffentlich bleibt etwas bei uns nach der IWF- und EZB-Therapien. Hoffnung muss man haben, nicht nur Schuldgefühl (im Sinne von ‚deuda‘ eher als im Sinne von ‚culpa‘).
    Grüsse aus der Mittelmeerküste!

  4. Dulcinea sagt:

    Heute wieder eine sehr gute...
    Heute wieder eine sehr gute Analyse von Jose Carlos Diez en „Cinco Días“
    https://blogs.cincodias.com/el_economista_observador/
    .
    Werter Baturrico, das haben Sie sehr schön beschrieben! Was die Beamten, Polizisten, Dozenten, Ärzte und (teilweise) Wissenschaftler angeht, das kann ich alles bestätigen und erlebe ich auch so. „Grüße aus der Mittelmeerküste“ klingt allerdings so, als ob Sie schon am Untergehen sind!

  5. VroniG sagt:

    Lieber Paul Ingendaay,
    ich...

    Lieber Paul Ingendaay,
    ich lese Sie immer gern.
    .
    Die Leserbriefschreiber (habe deren Einwände jetzt alle gelesen, unglaublich) scheinen Ihren Feuilleton-Artikel mit einem Wirtschaftsartikel verwechselt zu haben.
    .
    Das reflexhafte Lesen von“Spanien“ und „Rettungsschirm“ in der Headline hat vermutlich zu dieser Pamplona-Hatz geführt.
    .
    Ich befürworte Ihren Artikel, finde ihn gut und ich wünschte mir allgemein mehr differenzierte Beobachtungen über ausländische Befindlichkeiten von Journalisten direkt vor Ort. Das dpa-Abgeschreibe kann es ja nicht sein.
    Ebenso schreibe ich aber nicht gern Leserbriefe in den „normalen“ FAZ-Artikeln. Der Ton der Leserbriefe dort ist mir zu rauh, zu selbstherrlich und zu attackierend.

  6. pardel sagt:

    Die Leserkommentare zu Ihrem...
    Die Leserkommentare zu Ihrem Artikel, Don Paul, sind in der Tat bemerkenswert. Die Angst ums Ersparte und um das eigene Häusle (vielleicht an der Costa Brava oder auf Mallorca?) scheint groß zu sein, der Schuldige steht offenbar schon fest. Wenn sich die Deutschen da mal nicht irren!
    Denn Deutschland steht mitnichten so gut da, wie es gerne suggeriert wird. Letztes Jahr war ein sehr gutes Jahr für die Deutsche Wirtschaft, heisst es jedenfalls aus Wirtschafts- und Politikerkreisen. Dennoch häufte Deutschland Neuschulden im Wert (es un decir) von 20 Mrd. € an. Dabei sind die Zinsen, die für Bundesanleihen bezahlt werden, auf einem historisch niedrigem Niveau. Trotzdem waren die Zinszahlungen der zweithöchste Posten im Bundeshaushalt, nach Soziales, aber vor den Militärausgaben. Was ist, wenn die Arbeitslosigkeit wieder ansteigt und die Sozialausgaben erneut steigen? Was passiert, wenn die Zinsen wieder auf ein normales Niveau von 2-4% plus Infaltion steigen, oder sogar wie nach der Wiedervereinigung auf fast 10% klettern? Das sind keine unrealistischen Annahmen für die nächsten Jahre, das war vor kurzem schon so und kann jederzeit wieder passieren. Wenn selbst in Boomzeiten die Kassen klamm sind, wird es in der kommenden Krise sehr schwer.
    Die Spanische Haushaltslage war vor zwei Jahren besser als die Deutsche, die Verschuldung des Landes geringer, das Defizit ebenfalls. Die Inkompetenz der Banken, die dumme Spekulation und die grassierende Korruption haben die heutigen spanischen Probleme maßgeblich mitverursacht. Das sind alles Sachen, die in Deutschland jederzeit ebenfalls möglich sind, bei meiner Meinung nach schlechteren Grundvoraussetzungen (außer bei der Produktivität des verarbeitenden Gewerbes – da dürfte Deutschland spitze sein). Häme und Schadenfreude sind fehl am Platz.
    Cuando las barbas de tu vecino veas pelar, pon las tuyas a remojar.

  7. cfruehwirth sagt:

    An und für sich mag ich ja...
    An und für sich mag ich ja starke Vergleiche aber langsam wird es mir dann doch zu viel:
    https://elpais.com/elpais/2012/06/15/opinion/1339755401_951552.html
    Da bevorzuge ich dann doch die leisen Töne unseres Gastgebers.

  8. Baturrico sagt:

    Liebe(r) cfruewirth,
    völlig...

    Liebe(r) cfruewirth,
    völlig Ihrer Meinung. Ich leide diese Vergleiche auch gar nicht. Das zu lesen ist widerlich, und schlimmer, sogar in El País.
    Da erinnere ich mich an meinen Wut in der Bäckerei vor ein paar Jahren, ein Wintertag vor der Arbeit, als ich in der berühmtesten Boulevardzeitung beim Brötchenkaufen so etwas wie „Kriminelle Ausländer raus – Der Richter X packt aus“ las.
    (Ich war wütend, als in DE tätig promovierter Ausländer, wer u.a. in der Forschungsförderung gearbeitet habe und nach Deutschland mit meiner Mitwirkung ein paar Millionen € aus EU-Programme geholt habe, dt. Wissenschaftler betreut und geholfen habe; der immer meine Steuer und Schulden bezahlt habe, und meine Kinder erzogen habe, mit dem Bewusstsein, dass wir unter einer besonderen Lupe sind, damit sie braver und ‚deutscher‘ als keiner sind -trotz ohne Anspruch an einem dt. Pass)
    Bitte wissen Sie, dass viele Spanier nicht so wie die Frau Grandes denken, besonders diejenige, die ein Bisschen weiter über die Pyrenäen mal geschaut haben.
    Beste Grüsse,
    ein Spanier zwischen DE und ES (jetzt als Rückkehrer wieder in der Heimat, was ich jeden Tag bereue)

  9. Dulcinea sagt:

    "Alongside Europe's tottering...
    „Alongside Europe’s tottering mountain of debt lies a pit of intellectual emptiness.“
    https://www.guardian.co.uk/commentisfree/2012/jun/19/bond-markets-europe-need-default-euro

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