Sanchos Esel

Kafé Kafka

Mit drei kurzen Flügen kam ich an diesen mir unbekannten Ort im Norden Europas. Ich wusste noch nicht einmal, wie man den Namen ausspricht. Bei der Ankunft war es etwa 25 Grad kälter als in Madrid. Der erste Spaziergang am späten Nachmittag führte mich zum Hafen. Alles sah so anders aus! Es waren nicht viele Menschen unterwegs. Das mag daran liegen, dachte ich, dass dieses Land nicht viele Einwohner hat. Sie verteilen sich auf eine ziemlich große Fläche, und für kleine Städte wie diese hier, deren Namen ich immer noch nicht richtig aussprechen konnte, bleiben nicht so viele übrig.

Da sah ich in der Mitte des Häuserblocks einer zum Hafen abfallenden Straße ein Café. Ich hatte die Wahl: entweder dieses Café oder der Laden gleich gegenüber, der sich „Piccadilly Pub“ nannte. Aber natürlich musste ich in das Café. Draußen hing ein Schild:

Später sah ich, dass meine Kamera nur milchige Bilder produzierte, als wollte sie die Düsternis des Ortes, an den ich geraten war, aufhellen. Aber es wird nur der Weißabgleich gewesen sein. Ich setzte mich und sah mich um. Drüben an einem anderen Tisch las eine Frau in ihrem Telefon. Sie wirkte konzentriert und bildete eine hübsche Einheit mit dem Gemälde, das über ihr hing. Das Bild hätte von Kafkas Großneffen stammen können. Ich war drauf und dran, die Frau zu fragen, ob sie gerade Kafkas Erzählungen lese. Vielleicht war sie eine bestellte Leserin, die zur Ausstattung gehörte. Aber dann fragte ich doch nicht. Die wichtigen Fragen im Leben stellt man nie. 

Ich schaute auf die Speisekarte. Nicht alle Wörter waren entzifferbar, aber doch einige. Vor allem fiel mir auf, dass Kafka auch hier seine Spuren hinterlassen hatte.

Gern hätte ich den Koch gefragt, ob es spezielle Zubereitungsmethoden gab, die dem Namensgeber der Speisen angemessen waren. Da ich es draußen düster genug fand, zog ich es vor, die Kafka-Spezialitäten nicht zu probieren.

Ich musste an Nikolaus Heidelbach denken und sein schönes Kafka-Buch. Mir schien, ich hörte seine Stimme mir zurufen: „Wenn die Leute nur wüssten, wie komisch Kafka ist! Man lacht sich kaputt!“ Ja, das dachte ich in diesem Augenblick auch. Kafka ist saukomisch. Käme er jetzt in dieses Café, würde er sich aufs Sofa werfen und aus dem Lachen nicht mehr herauskommen.

Die Bedienung kam und fragte, was ich wolle. Ich bestellte Bier und Salat. Die Bedienung war blond und lächelte. Sie bot einen Kontrast zu der morbiden Einrichtung des Cafés, und ich dachte: Diese Norweger spielen nur. Das ist ihre Form von Humor. Er kann sicherlich sehr lustig sein, der Norweger. Warum hat mich niemand darauf vorbereitet? O. Bevor ich es vergesse. Unten sehen Sie, wie die Leute in dieser Gegend leben. Zumindest einige von ihnen.

Später erzählte ich jemandem, dass mein erster Gang in Bodø mich in das Kafé Kafka geführt habe, und er sagte: „Wirklich? Da war ich noch nie drin! War das Essen in Ordnung?“

Ja, das Essen war in Ordnung. Während ich aß, sammelten sich draußen vor dem Fenster des Kafé Kafka die Dorfhärtesten von Bodø. Der Wind konnte ihnen nichts anhaben. Manche trotzten der Kälte mit schwarzen T-Shirts, ich sah lange Haare, Tattoos, Piercings, Rockerjacken und selbstgedrehte Zigaretten. Toll, dachte ich. Das sind Kafkas Adepten. Dafür musste ich nach Bodø kommen.

Drei Tage später begegnete ich einer Möwe, die über etwas nachzudenken schien. Ich setze das jetzt hierher, damit Sie verstehen, warum ich diese Möwe zeigen will. Ich rief: „Möwe!“ Aber sie beachtete mich nicht.

Im Kafé Kafka spielten sie jetzt T-Rex, was an sich schon erstaunlich genug gewesen wäre. Ich kenne niemanden, der eine Platte von T-Rex hat. Unsere Kinder kennen noch nicht einmal den Namen. Aber dort, im Kafé Kafka, spielten sie mehrere Songs von T-Rex hintereinander, und das habe ich seit den siebziger Jahren nirgendwo auf der Welt mehr erlebt. Das ist Bodø, dachte ich. Das ist Norwegen. Das ist unser großes, reiches, unfassbares Europa.

                                                                 [ Fotos : Sanchos Esel ]

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