Berührt, geführt

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Angst vor der eigenen Courage

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Die fünfte Partie des Wettkampfs Carlsen-Karjakin war in vielerlei Hinsicht die interessanteste. Sie sah ein lebhaftes Mittelspielduell, in der erst der eine, dann der andere am Drücker war. In dieser Hinsicht unterschied sie sich wohltuend von den beiden faden Remisen am Anfang, und den Endspielen der dritten und vierten Partie, die ein Spiel auf ein Tor darstellten. Überdies erlaubte sich Carlsen eine ungewohnt schwere Nachlässigkeit (im 41. Zug Kg2?) und traf sein Herausforderer zwei bemerkenswerte Entscheidungen, die ich als „ein Schritt vor, zwei zurück“ charakterisieren würde.

Carlsen wählte in der Eröffnung die altehrwürdige italienische Partie (giuoco piano), die meistens zu schwerblütigem positionellen Kampf führt. Diesmal anders. Carlsen setzte schnell den thematischen Vorstoß d3-d4 durch und Karjakin reagierte mit dem Springereinschlag auf e4, der Leben in die Partie bringt.

Das Augenmerk möchte ich gerne auf die Stellung nach dem 19. Zug von Karjakin lenken, als er die Dame von d8 nach h4 zog:

Nun hängt der Bauer b4 und Schwarz hat taktische Ideen gegen das Feld f2. Carlsen spielte 20. Tf3, was den Bauern indirekt verteidigt (20. …Db4:? 21. La3 gefolgt von e5-e6-e7 ist gut für Weiß). An dieser Stelle schrieb der russische Topgroßmeister Ian Nepomniachtchi, dass er auf 20. …Lg6 hoffe, mit verteilten Chancen nach 21. Tf7: Lf7: 22. e6 Lg6. Schwarz hat das Läuferpaar, Weiß den Springervorposten auf c5 und einen Freibauern auf der sechsten Reihe.

Auch in der geselligen Runde, in der ich diese Partie verfolgte, war man sich einig, dass dies die prinzipiellste  und interessanteste Fortsetzung sei. Sicher, es wäre nicht ganz ohne Risiko, aber das kann man weder im Leben noch im Schach ausschließen. Gerade dem Weltmeister mit seiner Liebe zu minimal besseren Stellungen ohne Verlustgefahr würde es nicht behagen, auf drei Ergebnisse spielen zu müssen.

Zu unserer Überraschung spielte Karjakin das im Gewinnsinne perspektivlose 21. …Lc5:?!. Es ist schwer zu glauben, dass ein russischer Großmeister das Läuferpaar so anstandslos aufgibt. Natürlich sieht der Springer auf c5 bedrohlich aus, aber ich bin klassisch erzogen und halte es mit dem früheren Weltklassespieler Jewgeni Barejew: “Ich gebe keinen Läufer auf [gegen einen Springer], außer man setzt mir das Messer an die Kehle.” Es erscheint mir auch am Folgetag noch unmotiviert, die schwarzen Felder durch diesen Abtausch zu schwächen und eine interessante Stellung im dynamischen Gleichgewicht zugunsten einer mühsamen Verteidigung aufzugeben.

Karjakin verteidigte sich allerdings umsichtig und nach 40 Zügen war die Stellung völlig ausgeglichen. Dann passierte das – diese Stellung entstand nach dem 43. Zug von Carlsen, als er mit der Dame von d2 auf d4 schlug:

Die Runde, in der ich mich befand, war mit jeder Flasche Wein blutrünstiger geworden und hatte 42. …d4! bejubelt; wir hofften auf ein taktisches Gemetzel in der Mitte des Brettes (z.B. nach 43. …Th8 44. De4 Dh6 45. Kf1 Dh1+ mit schwarzer Initiative). Endlich mal etwas anderes als die ewigen Endspiele; endlich einmal ein offener Schlagabtausch.  Karjakins Wahl fiel jedoch auf 43. …Ld5?. Carlsen gab den Bauern mit 44. e6! De6: 45. Kg3 zurück und bereitete Tf2-h2-h8 mit Turmtausch vor. Nach einem weiteren schwer nachvollziehbaren Zug Karjakins—45. …De7?! (stärker ist der Königsmarsch nach a7)—war die Lage komplett ausgeglichen, und man einigte sich bald auf remis.

Es fällt auf, dass Karjakin zweimal in der Partie einen ebenso starken wie aggressiven Zug spielte (19. …Dh4!, 42. …d4!) und sofort darauf eine Rückwärtsbewegung (21. …Lc5:?!, 43. …Ld5?) folgen ließ. Dies war inkonsistent mit seinem vorigen Spiel und auch schachtechnisch nicht die beste Entscheidung. Wie lässt sich das erklären?

Spätestens seit dem Kandidatenturnier in Moskau wissen wir, dass Karjakin scharfe Stellungen auch in extremen Drucksituationen nicht scheut: Gegen Fabiano Caruana gewann er die letzte Partie, in der ihm ein Remis gereicht hätte, in glänzendem Stil. Warum nicht auch hier eine Politik der maximalen Zuspitzung, des maximalen Drucks auf den Gegner? Gerade nach dem oben erwähnten 43. …Th8! hätte Weiß sich in großen Problemen befunden, wohingegen Schwarz selbst bei ungenauem Spiel meistens ein Remis in der Hinterhand behält. Die Altvorderen wie Michail Tal, Boris Spasski, Robert Fischer, Garri Kasparow—sie hätten alle ohne viel Nachdenken auf Angriff gesetzt. Gelegenheiten den gegnerischen König ins Freie zu zerren gibt es in einem Match über 12 Partien nicht viele.

Man kann das nicht ganz ausrechen

Hat Karjakin Varianten falsch eingeschätzt? Unwahrscheinlich. Selbst wenn das so wäre, dann kann ein starker Großmeister solche Entscheidungen aus dem Gefühl treffen. Hatte er zu viel Respekt vor Carlsens Rechenkünsten in scharfen Stellungen? Möglich. Mangelndes Selbstbewusstsein nach den Fehlern in der vierten Partie? Auch dies ist denkbar.

Man kann solche Stellungen nicht ganz ausrechnen; man muss sich selbst und seinem Urteil vertrauen. Daneben scheint mir, dass Karjakins starke aggressive Züge seinem direkten, intuitiven Schachverständnis entsprungen sind. Die “Rücknahme” dieser Züge bei der nächsten Gelegenheit wurde hingegen von seinem Über-Ich diktiert: dem Matchplan keine Risiken einzugehen. Karjakin bekam, wenn man es so sagen will, Angst vor der eigenen Courage.

Zwei Seelen wohnen anscheinend in der Brust des Herausforderers. Es wäre schön, wenn er bei der folgenden Gelegenheit den matchtaktischen Erwägungen weniger Raum geben würde. Sie scheinen sein Spiel manchmal mehr einzuengen als ihm zu helfen. Stattdessen sollte der ganz hervorragende Schachspieler Sergej Karjakin frei aufspielen. Dann würden wir vielleicht auch den spannenden Schlagabtausch sehen, auf den sich Fans in aller Welt freuen.

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