Berührt, geführt

Die verhängnisvolle Einstellung des Weltmeisters

Das Unvorstellbare ist passiert. Nach acht Partien der Weltmeisterschaft liegt Titelverteidiger Magnus Carlsen, als großer Favorit ins Rennen gegangen, gegen seinen Herausforderer Sergei Karjakin in Rückstand. Dessen Spiel war weitgehend sicher und solide, aber selten machte er den Eindruck, den Weltmeister vor große Probleme stellen zu können. Selbst in den wenigen Situationen, in denen er in Vorteil gelangte, entschied er sich meistens für den sicheren Weg Richtung Remis anstelle des Spiels auf drei Ergebnisse.

Karjakin hat also eine disziplinerte, aber keine überragende Leistung gezeigt. Kein einziges Mal konnte er aus der Eröffnung oder dem Mittelspiel Druck auf den Weltmeister aufbauen. Wie kommt es, dass Carlsen dennoch ins Hintertreffen geraten ist?

Blickt Weltmeister Carlsen noch durch? (Foto: Max Avdeev for Agon Limited)

Verhängnisvolle Einstellung

Viele Kommentatoren sagen, dass Carlsen in der achten Partie das Risiko zu hoch geschraubt habe. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte, und er verstellt den Blick auf einen anderen, wesentlicheren Teil. Dieser hat mit der Einstellung des Weltmeisters zu tun. Es begann bereits in der ersten Partie. Bei allem Respekt vor dem Verlassen ausgetretener Pfade: eine strategisch zweifelhafte Weißeröffnung wie der Trompowsky-Angriff mag als Überraschungswaffe angehen, in der ersten Partie ist diese Wahl aber ein Zeichen bemerkenswerter Selbstüberschätzung. Ja, Magnus Carlsen ist der beste Schachspieler des Planeten. Aber er ist nicht so gut, dass er sich gegen einen nur leicht schlechteren Konkurrenten alles erlauben könnte. Auch Carlsens betont herablassende und gleichgültige Antworten während der Pressekonferenzen und sein Herumlümmeln auf dem Podium zeugen weder von Respekt vor Gegner und Publikum noch von der Erkenntnis, dass sein Titel in diesem Match in Gefahr geraten könnte.

Diese Einstellung wurde ihm in der achten Partie zum Verhängnis. Carlsen traf mehrere fragwürdige Entscheidungen und spielte viel weniger gesunde, natürliche Züge als sonst. Es war Karjakins Vorsicht (19. …Dg5!) und einem Rechenfehler (37. …Da4!) zu verdanken, dass Carlsen nicht schon eher in Probleme geriet.

Aber der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht. Als kurz vor dem Ende jeder starke Spieler den e-Bauern geopfert hätte (49. e5!), um den Läufer zu aktivieren und ausreichendes Gegenspiel zu erlangen, klammerte sich Carlsen an den überflüssigen, ja sogar hinderlichen Mehrbesitz. Mit kalkuliertem Risiko hatte das nichts mehr zu tun, es war der pure Wahnsinn. Glaubte er, von Karjakins mangelnder Chancenverwertung angestachelt, noch an einen möglichen Gewinn? War es mit seinem Ego nicht vereinbar, das Remis anzustreben? War ihm nicht klar, dass ihm ein Top-10-Spieler gegenüber saß und kein Patzer in einer Simultanvorstellung?

Karjakin bestrafte Carlsens selbstmörderische Aktion mit dem starken Zug 51. …h5!. Nach einem weiteren schwachen Zug Carlsens war die Partie sofort vorbei. Der Ball lag endlich im Tor – aber im falschen.

Kein Plan B?

Nach der Partie ertrug es der Weltmeister nicht, bis zum Beginn der Pressekonferenz zu warten. Dies passt ins Bild. Sein unreifes Auftreten abseits des Brettes gleicht seinem unausgeglichenen, ungeduldigen Spiel auf den 64 Feldern. Natürlich hat jeder Schachspieler schon einmal so verloren, wie Carlsen es in dieser achten Partie getan hat. Als Opfer der eigenen Verblendung, die jeglichen Gedanken an einen möglichen Partieverlust aussperrt. Aber in einem Weltmeisterschaftsmatch wüsste ich von keinem vergleichbaren Fall.

Carlsen hatte offenbar keinen Plan B für den Fall, das er das Match nicht dominiert und schnell in Führung geht. Nun muss er sogar mit einem selbstverschuldeten Rückstand zurechtkommen. Versagen ihm die Nerven und folgt ein schnelles 0:2? Oder kann er seine außerordentlichen Qualitäten gerade jetzt abrufen, da es um alles geht und nur noch vier Partien zu spielen sind? Wir werden es sehen.

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