Berührt, geführt

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Carlsens Klops

| 2 Lesermeinungen

Jeder sah die Drohung: Ein Bauer greift einen Läufer an und unterbricht zugleich die Deckung für den Springer. Diesen mit einem Bauern zu decken, lag auf der Hand. Doch Magnus Carlsen zog den daneben stehenden Bauern. Fingerfehler! Der Weltmeister musste sich vergriffen haben. Der Bauer, den er ziehen musste, stand ja nur wenige Zentimeter daneben. Oder doch kein Fingerfehler? Hatte er versehentlich den als nächstes geplanten Zug ausgeführt und den ersten Zug vergessen? Auch so etwas kommt vor. Oder war es am Ende Übermut? Hinterher gab Carlsen zu, dass er die simple Drohung überhaupt nicht gesehen hatte. Hinterher, nachdem er den englischen Großmeister Gawain Jones in der achten Runde des Tata Steel-Turniers besiegt hatte, obwohl er, mit Weiß spielend, hier mit 17. g4?? eine Figur einstellte:

Welch ein Klops! In diese Liste schwerer Patzer von Weltklassespielern kann Carlsens 17. g4 ohne weiteres aufgenommen werden. Schon im Dezember in London hatte der Weltmeister gegen Nepomnjaschtschi eine Figur eingestellt. Da war zumindest die Bedenkzeit knapp und die Widerlegung nicht ganz so offensichtlich wie Jones´ 17. … f4. Was ist nur los mit dem Weltranglistenersten?

Hat Carlsen noch den richtigen Trainingspartner? (Foto: Tata Steel Chess)

Zurück zur Partie. Zu Carlsens Glück steckte noch reichlich Komplikationspotenzial in der Stellung. Nach 17. … f4 18. h4 fxe3 19. Dxe3 h6 20. Dc5 Lb7 21. Se4 Te6 22. h5 Db6? (22. … g5 oder 22. … Lf8) 23. g5!

war alles wieder offen. Nach der weiteren Folge 23. … hxg5 24. Da3! Tb8 25. b3 Dd8? 26. Dxa7 sieht der Computer Carlsen sogar schon im Vorteil, und er gewann tatsächlich noch. Hier können Sie diese denkwürdige Partie nachspielen und finden weitere aus dem gleichen Turnier, in dem Carlsen fünf Runden vor Schluss zusammen mit dem Niederländer Anish Giri und dem Aserbaidschaner Schachrijar Mamedscharow an der Spitze steht.

(Nachschlag am 25. Januar:)

Zwei Runden später schien Carlsen gegen Wesley So trotz der weißen Steine mit seinem unrochierten König in der Mitte früh in Schwierigkeiten,

als er hier mit 23. e6! Dxe6 24. Kf3! einen Bauern opferte. Auf den ersten Blick scheint Schwarz klar im Vorteil: Mehrbauer, der weiße König auf f3 gestrandet. Doch in Wahrheit spielt sich die weiße Stellung leichter: Schwerfiguren zentralisieren, bei Gelegenheit den König in Sicherheit bringen und natürlich die schwachen weißen Felder um den gegnerischen König nützen. Carlsen gewann (komplette Partie nachspielen). Unverändert führt er zusammen mit Giri und Mamedscharow (der am Mittwoch auf furchterregende Art Peter Swidler schlug). Am Freitag trifft Mamedscharow, der in der Liverangliste derzeit mit klarem Vorsprung Platz zwei einnimmt, auf Carlsen.

 

 

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Ich weiß nicht ...
    Carlsen spielt ein brillantes Turnier:
    1) die gezeigten Endspiele mit Turm gehören zum Feinsten (Giri selber bezeichnet die Schlussphase gegen So – immerhin fast mit fast 2.800er Elo – als Meisterwerk, und Sie schreiben von „frühen Schwierigkeiten“),
    2) die Verteidigung gegen Kramnik war großes Kino, und
    3) der Kampfeswille nach dem Läufer-Einsteller gegen Jones ist beeindruckend und zum Fürchten.
    4) Mehrmaliges Glück hat man im Schach nicht einfach so, da ist „System“, sicher auch Psychologie“, dahinter.
    5) Tata Masters ist ja ein Turnier der Super-GMs (im Gegensatz zu Gibraltar, wo „Naka“ derzeit seine Elo etwas einfacher aufpoliert): Carlsen ist mit „Remiskönig“ Giri, der aktuell weit über seine Verhältnisse spielt, geteilter erster. Nur die beiden sind verlustpunktfrei, haben +5. Wer hätte gedacht, dass das vmtl. nicht für den Gesamtsieg reichen würde? Am morgigen letzten Spieltag wird sich’s zeigen!
    PS: Tja, was ist nur los mit dem bisherigen Weltranglistenz

    • Carlsen hat gesiegt und ist zurecht mal wieder zufrieden mit sich und der Welt

      Eineinhalb Jahre lag sein letzter Sieg in einem regulären Turnier zurück. Nun hat Carlsen Tata Steel Chess gewonnen und war anschließend richtig guter Laune – anders als etwa im Dezember in London, wo er sein Spiel teilweise unterirdisch fand. In Wijk aan Zee sah man von ihm den kapitalen Einsteller gegen Gawain Jones aber eben auch sehr starke Momente. Dazu zählt, wie Carlsen im Stechen mit dem punktgleichen Anish Giri überraschend die gegnerische Schwäche abtauschte und eine eroberte Figur trotz Bauernnachteil zurückopferte. Für Blitzschach bemerkenswerte Entscheidungen. Beide Male schaffte es Giri nicht, sich auf die geänderte Situation einzustellen. Carlsen scheint seine Form wiedergefunden zu haben. Ab Ostersamstag sehen wir ihn beim Grenke Masters in Karlsruhe und Baden-Baden.

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