Berührt, geführt

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Iljumschinows Endspiel

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Sollte Schach nicht als Demonstrationssportart in Pyeongchang dabei sein? So hatte es FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow angekündigt. Statt als olympische Randnotiz ist der Weltschachverband nun aus anderem Grund in den Schlagzeilen. Die Schweizer Bank UBS habe die Konten des Verbands geschlossen (Update: Der FIDE-Schatzmeister hat zwar verkündet, die Kontoschließung stehe „unmittelbar“ bevor. Tatsächlich aber rechnet er damit in sechs bis zehn Wochen.) Damit will die Bank Schwierigkeiten im Amerikageschäft vermeiden. Iljumschinow steht nämlich seit Ende 2015 auf einer Sanktionsliste des Schatzamts der Vereinigten Staaten, weil eine ihm gehörende Bank Geschäfte zwischen dem Assad-Regime und dem IS abgewickelt haben soll. Von der Sanktionsliste bis zur Kontoschließung sieht Iljumschinow sich als Opfer einer Schmutzkampagne. Im Oktober beschloss die FIDE-Vollversammlung mit 37:20 Stimmen eine Aufforderung an Iljumschinow, bei den anstehenden Wahlen nicht mehr anzutreten. Selbst in seinem dreiundzwanzigsten Jahr als FIDE-Präsident scheint der Kalmücke nicht amtsmüde und tingelt auf Stimmenfang durch die Welt. Doch nun rückt sein wichtigster Unterstützer, der Russische Verband, von ihm ab.

Gegen Iljumschinow spricht eigentlich genug: Saddam Hussein, Muammar al-Gadaffi und Bashar al-Assad besuchte der FIDE-Präsident noch, als diese Diktatoren schon von aller Welt gemieden wurden. Mit seinem offenherzigen Bekenntnis, er sei von einem UFO entführt worden und wisse seitdem, dass Schach aus dem Weltall komme, hat er sich zur Spottfigur gemacht. Es ist auch Allgemeingut, dass ihn viele Delegierte nur wählen, weil er sie mit Geschenken bei Laune hält. Und nach 23 Jahren ist ein Wechsel einfach überfällig. Doch alle diese Gründe spielen im russischen Kontext kaum eine Rolle.

Anfang Februar wurde im Russischen Verband gewählt. Der bisherige Verbandspräsident Andrei Filatow, ein Logistikmilliardär mit exzellenten Kontakten zum Kreml, musste sich gleich fünf Mitbewerbern stellen. Vor allem in den Schachbezirken Südrussland gärt es. Die Verbandsspitze sei zu sehr auf Moskau konzentriert – und auf Sergei Karjakin, obwohl Wladimir Kramnik in der Weltrangliste beständig vor diesem steht. Unter Filatows Herausforderern war auch Iljumschinow. Als dieser auf die amerikanische Sanktionsliste kam, hatte der auch dem FIDE-Vorstand angehörende Filatow noch durchgesetzt, dass Iljumschinow FIDE-Präsident bleiben durfte. Inzwischen haben sich ihre Beziehungen abgekühlt.

Iljumschinow wollte, dass ihn der Russische Verband wieder für die FIDE-Präsidentschaftswahl nominiert. Seine Kandidatur für den Vorsitz in Russland war allerdings chancenlos, und er zog sie kurzfristig zurück. Filatow gewann diese Wahl mit dem blauen Auge von 15 Gegenstimmen. Was die FIDE-Wahl angeht, setzte er die Sprachregelung durch, dass der Russische Verband sowohl Iljumschinow als auch Karpow unterstütze.

Damit ist der informell schon länger gehandelte Exweltmeister erstmals offiziell als möglicher Kandidat im Gespräch. Als ich Anatoli Karpow in Wijk aan Zee auf eine mögliche Kandidatur ansprach, erwiderte er, er habe schon eine andere wichtige Aufgabe: Er ist Abgeordneter der Duma und leitet Duma-Delegationen ins Ausland. Außerdem habe er vorerst keine Zeit. Bis zu den Russischen Präsidentschaftswahlen Mitte März müsse er in Tjumen, einem Wahlkreis im rohstoffreichen Nordwesten Sibiriens, dafür sorgen, dass Putin ein hohes Ergebnis holt.

Danach will Karpow nach Deutschland kommen. Vielleicht sogar zweimal. Am Tegernsee ist er zu einem Fundraiser für Schulschach eingeladen. Und in Berlin will er ein Spezialgebiet aus seiner Briefmarkensammlung ausstellen: Motive und Stempel von Fußballweltmeisterschaften. Zwei Monate später wird diese schließlich in seiner russischen Heimat ausgetragen. Auf den Auslandsreisen mit den Dumadelegierten organisiere er meist entweder ein Schach- oder ein Fußballmatch. Was Karpows mir ausführte, würde ich so interpretieren: Wenn Russland ihn ruft, damit die Führung des Weltschachs in russischer Hand bleibt, wird er nicht nein sagen.

Filatow hält sich derweil alle Optionen offen. Angeblich hat der stellvertretende Präsident der FIDE Georgios Makropoulos versucht, ihm den Präsidentenposten für fünf Millionen Dollar zu verhökern. Filatow soll das Angebot bei einem Treffen an der Cote d´Azur ausgeschlagen haben. Inzwischen hofiert Makropoulos Scheich Sultan bin-Khalifa al-Neihyan aus Abu Dhabi, der nominell bereits den Asiatischen Dachverband führt. Wenn der Grieche auch in den Emiraten keinen Erfolg hat, könnte Karpow FIDE-Präsident werden, ohne dass Millionen aus Russland in die falschen Taschen fließen.

Aber davor muss Iljumschinow noch dazu gebracht werden, ebenso wie im Russischen Verband seine Kandidatur in der FIDE zurückzuziehen. Die Schließung der Bankkonten erhöht den Druck auf ihn. Darum hat der Schatzmeister der FIDE Adrian Siegel diese eigentlich imageschädigende Nachricht selbst bekannt gemacht. (Update:) Der Schweizer hat sogar gelogen, die Schließung stehe „unmittelbar“ bevor, obwohl er, wie er chess.com wissen ließ, erst im April, also sechs bis zehn Wochen später damit rechnet. Iljumschinow loszuwerden ist jetzt wichtiger.


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