Berührt, geführt

Lieber g-Bauer!

Wir müssen reden. Du kleinste aller Schachfiguren, was machst du bloß für Sachen! Lewon Aronjan hast du so viel Ärger bereitet, dass er das Kandidatenturnier nicht mehr gewinnen wird. Weil du aus heiterem Himmel nach vorne gestürmt bist. Wenn der g-Bauer seines Gegners vorpreschte, ging Aronjan daran kaputt. Preschte Aronjans g-Bauer vor, erwischte es ihn selbst. Dabei haben wir als Anfänger doch gelernt, dass du, lieber g-Bauer, so lange wie möglich auf deinem Ausgangsfeld bleiben sollst. Damit du nach der Rochade deinem König Schutz verschaffst. Selbst deinen Nachbarn, den f-Bauern durften wir eher ziehen als dich, zum Beispiel, um nach der Rochade dem Turm Raum zu geben oder eine Linie zu öffnen oder auch mal um den e-Bauern zu schützen. Später haben wir gelernt, wann wir mit dir eine Ausnahme machen dürfen. Nämlich um den Königsläufer statt durch die Mitte auf die Flanke herauszubringen. Ihn ins Fianchetto stellen, wie wir Schachspieler sagen. Aber für ein Fianchetto rückst du ein Feld vor, fast niemals zwei. Ach, die guten alten Daumenregeln – warum hältst du dich nicht mehr daran?

Nigel Short, der beste englische Spieler des 20. Jahrhunderts (leider schreiben wir jetzt das 21.), ist fast vom Stuhl gefallen, als er Aronjans folgenden Zug sah:

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16. g4?!

Selbst bei zehn Versuchen hätte er das nicht erraten, tweetete Short. Aronjan meinte später in der Pressekonferenz, g2-g4 sei in dieser Stellung ganz normal. Freilich war auch sein Gegner Fabiano Caruana ziemlich überrascht, gewann Schwarz doch nun mit 16. … Sxe5 einen zweiten Bauern, wonach auch sein gerade noch schwacher d-Bauer nicht mehr so anfällig ist. Schwarz habe das Läuferpaar, das durch die Öffnung stärker wird, und seiner Erfahrung nach könne man auch deutlich schlechtere Stellungen erfolgreich verteidigen, sagte Caruana.

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Wenige Züge später hat sich Aronjans g-Bauer nach h6 durchgefressen und wartet nun darauf, beim entscheidenden Schlag gegen den schwarzen König zu helfen. Der Armenier zog nun 22. h5 und war darüber nachher gar nicht froh. Viel besser wäre seiner Meinung nach 22. Sg5 gewesen. Ob Weiß dann genug oder sogar mehr als genug Kompensation für den Bauern hat, könne er nicht sagen, „aber es ist Weiß, der die Fragen stellt“. Allerdings lief es die nächsten Züge nicht schlecht für ihn. Nach Caruanas 27. … e5 schlug Aronjan los:

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28. Txc6! bxc6 29. Sxf7+! Txf7 30. hxg6

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In der anschließenden Pressekonferenz meinten beide, dass Caruana mit 30. … Txf4 gewinnen konnte. Wahrscheinlich weil sie 31. Txf4+ exf4 32. Dxd4+ De5 33. Lc4+ Kh7 34. Dd3+ Kxh6 35. g8D Txg8 36. Lxg8 berechneten und sahen, dass 36. … Dh5+ 37. Kg2 Dg5+ 38. Kf1 Dxg8 den Läufer abholt. So viele Züge im voraus viel schwerer zu sehen, ist, dass Weiß dann mit 39. Dh4+ Kg7 40. Dg4+ entweder Dauerschach gibt oder den Läufer mit Schach nehmen kann und anschließend den c-Bauern kriegt, was ebenfalls auf ein Remis hinausliefe. Caruana zog indessen 30. … Tf6 und nach 31. g7+ Kg8 32. Lc4+? Kh7 33. Dh4 e4 34. Tg3 Lxf4 gewann Aronjan zwar mit 35. g8D+ Txg8 36. Txg8 den Turm zurück, stand aber glatt auf Verlust. Hätte er die Züge umgedreht, und nach 30. … Tf6 31. g7+ Kg8 zuerst 32. Dh4!

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Analysediagramm Aronjan – Caruana falls 32. Dh4!

gezogen, hätte er die starke Drohung 33. h7+ (der ursprüngliche g-Bauer mal wieder) 33. … Kxg7 34. h8D+ Txh8 35. Tg3+ nebst Dxh8 gehabt. Beide Wege, das zu vermeiden, führen dann zum Dauerschach: 32. … exf4 33. Lc4+ Kh7 34. Ld3+ oder etwas dramatischer 32. … e4 33. h7+ Kxg7 34. Tg3+ Kh8 35. Tg8+ Txg8 36. hxg8D+ Kxg8 37. Lc4+ Kg7 38. Dg5+ Kh7 39. Dg8+ Kh6 40. Dg5+. Das wäre ein faires Ende für diese Partie (hier nachspielen) gewesen, und hätte Aronjan noch eine Restchance bewahrt. Nun dagegen liegt er zweieinhalb Punkte hinter Caruana, der allein die Führung vor Mamedscharow übernommen hat.

Apropos Mamedscharow. Der kam zu einem weiteren kraftsparenden Remis. Seine Partie gegen Alexander Grischtschuk konnte er bis zum Remis durch Zugwiederholung aus der Vorbereitung abspulen:

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14. … Dd6 15. Df2 Da3 16. Dc2 – remis gegeben. Man beachte den vorgerückten schwarzen g-Bauern, der zusammen mit seinem Kollegen auf der h-Linie Jagd auf den schwarzfeldrigen Läufer von Weiß machte, der auf g3 geschlagen wurde. Früher galt ein solches Vorstürmen als zweifelhaft. Inzwischen gibt es das in zahllosen Variationen.

Während Caruana schon einige kraft- und nervenraubende Partien hatte, war Mamedscharow schon wieder als Erster fertig. Außerdem hat er in den verbleibenden sieben Partien des zweiten Durchgangs viermal Weiß, auch im direkten Vergleich mit Caruana. Der kam in der siebten Runde nicht als einziger zu einem Sieg. Sergei Karjakin gelang sein erster, weil Wesley So in Zeitnot ein schwerer Fehler unterlief, und dann überschritt der Amerikaner auch noch vor seinem 40. Zug die Zeit, weil er, nachdem Karjakins Anzeige nach dessen Zug 50 Minuten dazu gab, irrtümlich angenommen hatte, dass der Kontrollzug auch für ihn selbst schon geschafft war. Allerdings machte der Irrtum keinen großen Unterschied, denn So stand auf Verlust.

Aber zurück zum g-Bauern und zurück zu Wladimir Kramnik. Der hat das Thema ja gegen Aronjan durch seinen frühen Vormarsch des g-Bauern samt entscheidender Rolle im späteren Mattangriff gesetzt. Auch im siebten Spiel war er der Optimismus in Person. Als er nach seinem Remis gegen Ding Liren ständig davon redete, dass er besser stand oder dass er als einziger Gewinnchancen hatte, obwohl der Computer ihn keinen einzigen Zug in der Partie wirklich im Vorteil sah, mussten einige schmunzeln, sein sonst so zurückhaltender chinesischer Gegner eingeschlossen. Nur in einer Variante konzedierte Kramnik für sich Schwierigkeiten, nämlich wenn Ding statt seine Dame für Turm und Springer zu erobern eine Qualität (Turm für Springer) einkassiert hätte. Im Endspiel hatte Kramnik eine Festung, so dass der theoretische Vorteil einer Dame gegen Turm und Leichtfigur keine Rolle spielte, und hier hätte man sich auf Remis einigen können:

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Sie ahnen wahrscheinlich schon, was Kramnik hier zog. 56. g4!? nämlich. So dauerte es noch einmal fast zwanzig Züge, in denen Kramnik recht genau spielen musste, um das Remis zu halten. Der Maestro selber hat das natürlich ganz anders gesehen.

Kandidatenturnier nach 7 von 14 Runden: 1. Caruana 5, 2. Mamedscharow 4,5; 3.-5. Ding, Grischtschuk, Kramnik je 3,5; 6. Karjakin 3, 7.-8. Aronjan, So je 2,5

Achte Runde Montag 19. März ab 15 Uhr. Liveübertragungen u.a. bei Chess24 oder bei Chessbase.

 

 

 

 

 

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