Berührt, geführt

Zu viel Einblick

Nach der bisher kürzesten und uninteressantesten Partie der WM, einem weiteren Remis, gab es in der anschließenden Fragerunde statt Fragen auch Wortmeldungen, die von den Spielern mehr Risiko und Aufregung einforderten. „Eine solche Partie bringt das Herz nicht zum Rasen. Heute ist wenig Aufregendes passiert“, gab Magnus Carlsen zurück. Aufregendes passierte allerdings abseits des Bretts. In der Nacht zum Dienstag veröffentlichte der St. Louis Chess Club, dem Fabiano Caruana angehört, ein Video über seine WM-Vorbereitung. Es gewährte mehr Einblick, als dem Herausforderer recht war. In dem dreieinhalbminütigen Film war ein Screenshot von Caruanas Notebook zu sehen, auf dem eine Liste mit Analysen von Eröffnungsvarianten aufscheint. Das Video verschwand nach kurzer Zeit wieder vom Netz – aber nicht, ohne dass die Medien und Team Carlsen davon Notiz nahmen.

Das Video über Caruanas Training zeigt einen Bildschirm mit einer verräterischen Liste von Analysen und Partien.

Das Video ist inzwischen von youtube entfernt worden, eine vorher gesicherte Version konnte aber im Presseraum des Londoner Matches angesehen werden. Die Aufnahmen entstanden im Sommer auf dem luxuriösen Landsitz von Caruanas Förderer Rex Sinquefield, und sie sollten in der vom Schachclub Saint Louis gestreamten „Today in Chess“-Sendung nach der vierten Partie gezeigt werden.

Der Herausforderer ist beim Basketballspielen und beim Analysieren mit den Großmeistern Rustam Kasimdschanow, Alejandro Ramirez und Christian Chirila zu sehen. Auf den Brettern erkennt man hier und da Eröffnungsstellungen. Doch verräterisch ist wohl nur der Moment bei zwei Minuten und drei Sekunden, in dem ein Computerbildschirm mit einer Liste von Schachdateien aufscheint. Und im oberen Teil dieser Liste sind Eröffnungsvarianten genannt, an denen Caruanas Team allem Anschein nach gearbeitet hat. Es geht um Grünfeldindisch, Russisch und das klassische Damengambit.

Auf das Video angesprochen, lehnte Caruana jeden Kommentar ab. Carlsen sagte, er habe das Video noch nicht gesehen aber wisse davon. Sein Manager Espen Agdestein bestätigte, dass das Team die Eröffnungsliste bereits gesehen hat. Welchen Wert die Informationen für Carlsen haben, ist unklar. Er trat freilich schon vor dem Match so auf, als ob er Caruana durchschaut habe.

Als Carlsen seine Eröffnung für die vierte Partie plante, nämlich 1.c2-c4, wusste er, wie Caruana gewöhnlich dagegen spielt, und das tat er auch diesmal. In einer Stellung, in der die meisten Sd5-b6 spielen, machte er den natürlichen Entwicklungszug Lf8-c5.

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Caruana tauschte früh die Springer ab. Carlsen stieß seine Damenflügelbauern vor. Hier überlegte er lange, ob er das konsequente 15. b5 spielen sollte oder nicht.

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Nach der möglichen Folge 15. … axb5 16. axb5 Ld7 17. bxc6 Lxc6 18. Lxc6 bxc6 hätte Weiß einen Minivorteil. Carlsen wollte mehr Leben in der Stellung lassen. Doch ihm sei klar gewesen, dass es einem „halben Remisgebot“ gleichkam, wenn er 15. … Ld7 oder 15. … Lh3 nebst 16. … Dd7 zuließ. Zumindest letzteres konnte nach seinem Zug 15. Te1 nicht mit Tempogewinn passieren.

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Hier zog Caruana 17. … Lf5 und nach 18. Df3 Lxe4 19. Dxf6 gxf6 20. dxe4 entstanden Doppelbauern auf beiden Seiten. Caruana legte nun gleich mit 20. … b5 den weißen b-Bauern auf einem schwarzfeldrigen Feld fest.

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Dieses Endspiel ist etwas angenehmer für Weiß, doch einen Vorteil, der sich ausbauen lässt, sah Carlsen für sich nicht. Er muss auch aufpassen. So wäre hier 21. Ta1? ein Fehler wegen 21. … a5! 22. bxa5 b4 nebst 23. … c5.

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Mit Tb2-c2 bot Carlsen im 34. Zug remis, und Caruana sah keinen Grund zum Weiterspielen. Es steht nun 2:2. Der Mittwoch ist spielfrei. Donnerstag geht es 16 Uhr deutscher Zeit mit der fünften Partie weiter.

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