Berührt, geführt

Und plötzlich Matt in 64

Wie gemein. Beide Spieler waren nach dem sechsten Remis in der sechsten Partie überzeugt, dass sie alles herausgeholt hatten. Aus einer anfangs öden Stellung hatte sich noch ein spannender Kampf ergeben. Einmal mehr in diesem Match war Schwarz am Drücker. Carlsen sah keine andere Möglichkeit mehr, als einen Springer herzugeben. Als ihn viele verloren glaubten, fand er eine Festung. Nach sechseinhalb Stunden klatschten die Fans dankbar. Dann zerstörte ein Reporter den Frieden: Kurz vor Schluss habe Sesse, ein an der Uni Tröndheim laufender Supercomputer, angezeigt, dass Caruana bei bestem Spiel von beiden Seiten in 64 Zügen matt setzen konnte. Ein sorgloser Königszug Carlsens hatte es möglich gemacht.

Originell aber stellenweise sorglos spielte Carlen in Partie 6 (Foto: Nadja Pantelejewa(/WorldChess)

Aber zurück zum Anfang. Nach vorher 1. d4 und 1. c4 eröffnete Carlsen endlich mit 1. e4, und auf Caruanas Russisch (1. … e5. 2. Sf3 Sf6, gefolgt von 3. Sxe5 d6) zog er seinen Springer nicht auf das natürliche Feld f3 zurück sondern nach d3 (hier kann man die Züge nachspielen).

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Alle Kinder bitte wegschauen. Jeder Schachlehrer bringt ihnen bei, ihre Zentrumsbauern nicht zu verstellen, damit die Läufer anständig ins Spiel kommen. Dann bricht der Weltmeister nicht nur diese Regel sondern gleich eine weitere: Nicht schon in der Eröffnung die gleiche Figur mehrmals zu ziehen. Nicht dreimal oder viermal zog Carlsen seinen Gaul, sondern gleich sieben seiner ersten neun Züge machte er mit ihm. Wenigstens tanzten auch Caruanas Springer, und es gab erstmal originelle Stellungsbilder.

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Sehen Sie, was hier passiert wäre, wenn Carlsen 8. Dc4 gespielt hätte?

Er zog, was ja auch irgendwie konsequent war, 8. Sxe7 Sxe2 und dann zurück mit 9. Sd5, was auch Caruana tat: 9. … Sd4. Dann deckten beide mit 10. Sa3 bzw. 10. … Se6 ihre Blöße (c2 bzw. c7). Nicht nur das Springertänzchen war aus sondern auch die Originalität. Eine öde symmetrische Stellung ohne Damen stand auf dem Brett. Zugegeben, eine ähnliche Konstellation gab es schon im Berliner Kandidatenturnier zwischen Kramnik und Caruana und hatte da zu einer großartigen Kampfpartie geführt, die Kramniks Absturz einleitete und Caruana in Führung brachte. Doch nach großem Kampf sah es nun erstmal nicht aus, eher nach einer noch lahmeren Partie als der vierten.

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Als vorletztes hat auch Caruana mit 20. … Se7 seinen Königsspringer das siebte Mal gezogen – auf ein Feld, das er auch gleich aus der Grundstellung erreichen konnte. Carlsen hat 21. g3 erwidert, und darauf brachte Caruana mit 21. … c5 etwas Leben in die Stellung.

Hier begann die Phase, mit der Carlsen hinterher gar nicht zufrieden war. Mit dem ungenauen 22. Lc2 (besser 22. Td1) ging es los. Alles mögliche habe er übersehen, einen Plan verfolgt, der viel zu langsam war. Hier verpasste er die Gelegenheit, die Notbremse zu ziehen:

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Nicht schön, aber ausreichend für ein Remis war 29. Lc7 Sxb3 30. axb3 Te8 31. Sf4 Ld2 32. Tc2 Lxf4 33. gxf4 Te7 34. Tac1 und falls 34. … Lf5 35. Ld6. Stattdessen spielte Carlsen 29. Ld1, und Caruana verstärkte den Druck mit 29. … Sc4. Etwas später, die Türme waren gerade getauscht, hatte Carlsen den starken Zug

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35. … La3! nicht auf der Rechnung, wonach Weiß nicht zu a2-a4 kommt. Das Abholen des a-Bauern kann warten, bis der eigene d-Bauer zuverlässig mit dem Läufer von c6 aus gedeckt ist. Carlsen fand noch ein Gegenspiel mit Lb8, f4 nebst Ld1 und konnte für seinen d-Bauern den schwarzen h-Bauern bekommen.

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Kurz nach der Zeitkontrolle hat er keine bessere Verteidigung mehr gesehen, als mit 43. Lf3 ein Figurenopfer einzuleiten: 43. … Sd2 44. Lxd5 Lxe3 45. Lxc6 Lxf4 46. Lxb7 Ld6 47. Lxa6 Se4 48. g4. Allerdings hatte der Titelverteidiger auch hier den gleichen Zug wie vorher, nämlich das den Bauern auf a2 festlegende 48. … La3 übersehen. So hatte er nicht wie gedacht drei sondern nur zwei Bauern für die Figur. Immer mehr sahen den Titelverteidiger nun auf bestem Weg, diese Partie zu verlieren.

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Mit 57. … Sd6 schickte sich Caruana hier an, seinen Springer nach e5 zu bringen. Den Abtausch aller schwarzen Königsflügelbauern kann Weiß wegen der ungleichfarbigen Läufer nicht erzwingen sondern nur hoffen, dass er eine Verteidigungsposition einnehmen kann, in der Schwarz keine Fortschritte machen kann. Im Schachjargon: eine Festung. Das tat Carlsen hier mit 58. a5 Lxa5 59. gxf6 gxf6 60. Kg6 Ld8 61. Kh7 gefolgt von h3-h4-h5.

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Hätte Carlsen hier 67. Le4 gezogen, hätte die Festung gehalten, auch wenn der schwarze König nach f7 kann. Stattdessen zog er nach zweieinhalbminütigem Nachdenken 67. Kg6. Dass das ein Lapsus war, fiel allen auf, die den Analysen des Programms Stockfish auf dem norwegischen Supercomputers Sesse (läuft leider nur während den Partien) folgen. Dieser teilte in Kürze mit, dass Schwarz nun bei bestem Spiel in 64 Zügen mattsetzen konnte.

Wie denn das? Caruana öffnete sich hier ein Manöver, um Kg8 zu erzwingen, was die Rückkehr des weißen Königs nach h7 unterbindet und ein Mattnetz mit Läufer auf g5 und Springer auf f4 zu knüpfen droht. Weiß bleibt dann nichts, als mit seinem h-Bauern vorzulaufen und Platz für seinen König zu schaffen. Doch Schwarz stoppt den h-Bauern gerade noch rechtzeitig vor der Umwandlung mit einem Springerschach von e5 (und notfalls einem Läuferschach auf g5), wonach sein König nach g7 kann. Falls Weiß seinen nach h7 vorgerückten Bauern mit dem Läufer von g8 aus deckt, kann der Springer nun nach f8 geführt werden und den Bauern abholen. Danach wird der schwarze König frei und kann in Zusammenspiel mit dem Springer auch den f-Bauern erobern. Am Ende gibt Weiß den Läufer für den f-Bauern, und Schwarz muss noch das nicht ganz einfache Mattsetzen mit Läufer und Springer und Läufer hinbringen. Summa summarum 64 Züge. Sagt Sesse.

Doch Caruana ahnte nichts von seiner unvermittelten Chance. Auch er glaubte an die weiße Festung. So verpasste er nach 67. … Lg5 68. Lc4 Lh4! (Caruana spielte 68. … Sf3 und nach 69. Kh7 stand die weiße Festung wieder) 69. Ld5 Se2! 70. Lf3 Sg1! 71. Lg4 (schier nicht so weit vorausberechenbar ist natürlich auch 71. Ld5 Lg5! 72. Kh7 Se2 73. Lf3 Sg3 74. Lg4 Kf7 75. Kh8 Lc1 und Überführung des Läufer nach g7) 71. … Kg8!

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(Analysestellung)

Darauf muss man erstmal kommen. Seinen Springer auf ein Feld zu bringen, wo er vom weißen Läufer komplett dominiert wird, um den eigenen König nach g8 ziehen zu können. Verstehen, wie wichtig es ist, die Rückkehr des weißen Königs nach h7 zu verhindern. Erkennen, dass sich der Springer leicht wieder befreit, weil Weiß keine Wartezüge hat. Und dann den schon erwähnten Mattkniff mit Sf4 und Lg5 ansetzen, um Weiß zum Vormarsch des h-Bauern zu nötigen. Das wäre verdammt hohe Endspielkunst gewesen. Zumal nach bereits über sechs Stunden am Brett. Geradezu unmenschlich.

Wie vor zwei Jahren in New York gibt es zur Mitte des Matches zwar noch keinen Sieg. So einseitig wie damals, als sich nur Carlsen Vorteile erspielte, läuft es allerdings nicht. Die ausgeglichener verlaufenen Remispartien geben inhaltlich etwas mehr her als jene vor zwei Jahren. Beide verteidigen sich exzellent. Nachdem Carlsen in der ersten Partie seine Chancen verpasst hat, war nun auch Caruana mal dran. Wenn sich der nächste schmale Pfad zu einem vollen Punkt öffnet, wird er vielleicht gefunden.

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