Berührt, geführt

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Abtauschen, Abtauchen

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Caruana war ahnungslos. Carlsen erfuhr es, unmittelbar bevor er den durch eine Glasscheibe vom Zuschauerraum verglasten Spielsaal betrat: Auf einmal stand Sergei Karjakin neben ihrem Brett. Der vorige WM-Herausforderer wurde nach Lodnon eingeflogen, um als Promigast den ersten Zug der elften Partie auszuführen. Dabei erlaubte sich der Russe ein Scherzchen. Statt dem e-Bauern, mit dem Carlsen eröffnen wollte, nahm er für die Fotografen den b-Bauern und stellte ihn nach b4. Carlsen und Caruana grinsten. Ihre Partie begann dann aber doch mit dem Königsbauern und zunächst einmal vielversprechend mit Rochaden auf entgegengesetzte Flügel. Elf Züge lang folgten sie einem Abspiel, in dem Karjakin schon einmal spektakulär gewonnen hatte. Doch die Vorfreude des Publikums währte nur kurz.

Hallo Sergei, du auch hier? Hinten Bachar Kouatly, FIDE-Vizepräsident (Foto: Nadja Pantelejewa/WorldChess)

In einer Russischen Eröffnung mit 5. Sc3 rochiert Weiß fast immer zum Damenflügel, Schwarz dagegen hat die Wahl (hier kann man die Partie nachspielen).

Caruana hat sich für die entgegengesetzte Rochade zum Königsflügel entschieden, und zog hier 8. … Sd7. Carlsen sagte später, er wusste, dass es diesen Zug gibt, und deutete damit an, dass er eine andere Variante erwartet hatte. Dabei stand genau diese Variante auf der verräterischen Liste auf Caruanas Bildschirm in dem Promotionvideo über seine Vorbereitung, das vor der vierten Partie kurzzeitig online war. Die folgende Stellung hatte ihr Promigast Karjakin 2016 gegen Harikrishna auf dem Brett.

Karjakin zog 12. Lg5 und nach 12. … h6 13. Lxh6! c4 14. Lxg7! gewann er hübsch. Carlsen ahnte, dass Caruana hier mit Schwarz stärker spielen würde, und fühlte sich für einen gegenseitigen Königsangriff nicht gewappnet. Er zog das harmlose 12. Kb1, was einer Einladung zum Damentausch gleichkam. Der auch prompt folgte: 12. … Da5 13. c4 Dxd2 14. Lxd2 h6.

Mit 15. h3, was 15. … Sg4 verhindert und g2-g4 ins Spiel bringt, konnte Weiß noch etwas Leben in der Stellung halten. Stattdessen bereitete Carlsen mit 15. Sh4 weitere Abtäusche vor: 15. … Tfe8 16. Sg6 Sg4 17. Sxe7+ Txe7 18. Te2 Se5 19. Lf4 Sxd3 20. Txd3. Bald waren nur noch Läufer ungleicher Felderfarbe und je drei Bauern auf beiden Flügeln auf dem Brett. Solche Endspiele haben eine starke Remistendenz. Exweltmeister Anatoli Karpow war allerdings berühmt dafür, solche Endspiele zu gewinnen, und Karpow wurde von Carlsen hinterher auch erwähnt. Auch er stellte noch ein paar Fragen, aber keine wirklichen Probleme mehr.

Caruana gab hier mit 27. … Kf8 einen Bauern (28. Lc7 b5 29. Ld6+ Ke8 30. Lxc5 Kd7), um seinen König ins Spiel zu bringen. Hätte er stattdessen alle seine Damenflügelbauern auf weißen Feldern vorerst in Sicherheit gebracht, wäre der weiße König auf den Bauern a6 losgegangen.

54. f5 war Carlsens letzter Gewinnversuch. Auf 54. … gxf5 käme nun 55. h5. Doch Caruana fand natürlich 54. … Lb1. Carlsen versuchte noch den Wartezug 55. Lf2, um im Falle von 55. … Lxf5 56. h5 zu spielen. Doch Caruana zog 55. … Lc2. Damit war offensichtlich, dass Schwarz dem h-Bauern kein Durchkommen erlauben würde, und Carlsen gab remis.

Damit ist nun doch ein Rekord aufgestellt: Die bisher höchste Remisquote in einem WM-Kampf von 87,5% (zwischen Kramnik und Kasparow beim letzten Londoner WM-Kampf 2000) wird in jedem Fall übertroffen.

„Heute ist nicht viel passiert“, fasste der Herausforderer die Partie zusammen. Carlsen fehlt nur noch ein Remis zum von ihm offenbar angestrebten Stechen bei verkürzter Bedenkzeit. Karjakin meint sogar, dass sich Carlsen seine beste Vorbereitung fürs Schnellschach aufgespart hat. Aber vorher hat Caruana noch einmal Weiß. Am Montag um 16 Uhr.


2 Lesermeinungen

  1. War das denn nicht von vornherein klar, das Carlsen auf das Stechen setzt?
    Vielleicht sollte die nächste WM nur noch eine reguläre Partie ansetzen und gleich beim Schnellschach weitermachen. Dann könnten wir uns das Geplänkel ersparen.
    Wir haben jetzt schon soviele WM-Modi erlebt, darauf kommt es dann auch nicht mehr an.

  2. Remisquote
    Jose Raul Capablanca war darauf bedacht keine Partie zu verlieren. Darum spielte er gerne einfache Stellungen und verstand es minimale Vorteile auszunutzen. Komplikationen wich er aus. Wenn er keinen Vorteil sah, bot er Remis. Der in Buenos Aires gespielte Weltmeisteschaftskampf mit Aljechin wurde auf Anzahl Siege ( wie es Bobby Fischer spaeter auch forderte ) gespielt, es gab nur Remis, es war sehr heiss. Ein endloser Kampf bis zum Umfallen.

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