Berührt, geführt

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Das Schachblog von FAZ.NET

Der Sound eines sieglosen Matches

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Fast plus zwei. So viel Vorteil zeigte der Computer für Carlsen während der zwölften Partie, nachdem sich Caruana in einem weiteren Offenen Sizilianer mit Weiß in eine unglückliche Aufstellung verrannt hatte. Nicht nur einmal sondern zweimal schlug die Bewertung des norwegischen Supercomputers Sesse auf fast zwei Bauerneinheiten zugunsten von Schwarz aus. „Mir egal“, schnauzte Carlsen. Er habe Druck machen wollen, ohne etwas zu riskieren. Auch am Ende noch stand er besser. Und hatte mehr Bedenkzeit. Ein Remis sei heute ein akzeptables Resultat gewesen, verteidigte er sich. Schließlich wird am Mittwoch im Stechen Schnellschach gespielt. Und das kann der Norweger. Da traut er sich noch zu, Caruana zu schlagen. Im klassischen Schach anscheinend nicht mehr. „Rest in peace, classical chess“, höhnte Alexander Grischtschuk, der die Partie auf Chess24 kommentierte: Ruhe in Frieden, klassisches Schach! Wenigstens war es die einzige nicht ausgekämpfte Partie, das einzige Angstremis des Wettkampfes.

Caruana, Pressechef King und Carlsen nach Remis Nummer 12 (Foto: Najda Pantelejewa/WorldChess)

Es gab wieder einen Offenen Sizilianer (Züge nachzuspielen). Dieses Mal zog Carlsen seinen Springer nicht nach b8 zurück sondern nach e7, und nach Caruanas 9. c4

muss der schwarze Springer gleich nochmal ziehen, damit d6 vom Läufer gedeckt und 10. … Ld7 möglich ist, wenn Weiß 10. Da4 zieht.

Hier ungefähr wagte Garri Kasparow, der live kommentierte, die Prognose, dass diese Partie eher einen Sieger haben würde als ein weiteres Remis zu produzieren. Statt dem naheliegenden 18. Le2 zog Caruana 18. f3, nebst 19. Se4, 20. Ld3 und dann kreativ 21. Th2, um anschließend zum Damenflügel zu rochieren. Das war vielleicht nicht objektiv der beste Plan, aber wäre spielbar gewesen, hätte er nach 23. … f5

seinen Springer nach g5 gezogen, wo Schwarz ihn nicht nach e6 lassen darf sondern gegen seinen schwarzfeldrigen Läufer abtauschen muss. Stattdessen zog Caruana den Springer nach f2 zurück, wo er erst einmal gar nichts leistete, während der schwarze Läufer bald von f6 aus mächtig auf die weiße Königsstellung drückte.

Hier konnte Grischtschuk es nicht fassen, dass Carlsen nicht 25. … b5 zog. Dieser agressive Zug lag für den Russen völlig auf der Hand. Sesse zeigte schon einen großen Vorteil für Schwarz an. Carlsen nannte auf 25. … b5 26. Da3 den besten Zug für Weiß (es drohte 26. … a5, weil 27. Dxb5 an 27. … Le8 scheitert) und erklärte die Lage für nicht so deutlich. Nach seiner Fortsetzung 25. … a5 26. Dd2 e4 27. Le2 Lf6 war er sich dagegen sicher, alles unter Kontrolle zu haben.

Hier konnte sich Schwarz mit 29. … La4! 30. Tcc1 b5! 31. cxb5 Db6 starken Angriff sichern. Auch 29. … Tb8 kam in Frage. Carlsen hatte sich aber in einen hübschen Trick verguckt. 29. … a4 verhindert 30. Ld4 wegen 30. … Sb3! 31. axb3 axb3 32. Tcc1 (33. Tc3 Da5) 32. … Lxd4 33. Dxd4 Da5. Carlsen unterschätzte, dass die weiße Dame nun nach b4 zurückkonnte, wo sie den Vorstoß b7-b5 vorerst verhindert.

So stand es zwei Züge später. Schwarz hat nicht mehr so großen Vorteil wie einige Züge zuvor, aber immer noch ist klar, dass alle Chancen bei Schwarz liegen. Doch Carlsen bot remis, und Caruana, zumal mit weniger Bedenkzeit, hatte keine wirkliche Wahl.

Alles remis also. Kaum Fehler, hohes Niveau. Mit Schwarz waren die Spieler öfter am Drücker als Weiß. Beide haben in zwei Partien Chancen ausgelassen, Carlsen in der ersten und letzten, Caruana in der sechsten und achten Partie. Aber am Ende waren alle zwölf Spiele remis. Nun wird einer Weltmeister im klassischen Schach, der keine einzige Partie im klassischen Schach gewinnen konnte.

Wenn es in London also quasi einen Schnellschachweltmeister oder gar einen Blitzschachweltmeister gibt, kann man sich eine Weltmeisterschaft im Schnellschach oder im Blitzschach eigentlich gleich sparen. Der Weltschachbund weiß derzeit sowieso gerade nicht, wo er diese beiden Wettbewerbe austragen soll. Vorgesehen war Saudi-Arabien in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr, doch weil Israelis dort weiterhin nicht einreisen dürfen, will der neue FIDE-Präsident Arkadi Dworkowitsch Abstand nehmen. Aber das ist ein anderes Problem. Hier geht es um die WM im klassischen Schach, und deren Zweikampfmodus gehört nun auf den Prüfstand.

Mit Musik lässt sich dieses denkwürdige Match und wohl auch das Stechen am Mittwoch ab 16 Uhr besser ertragen. Aber nicht mit Konzeptkunst von Daniel Weil sondern mit dieser (ausbaufähigen) Playlist:

I´ve Come to Draw (Victoria Orenze) 

Cry (Godley & Creme)

You Can´t Beat Me (Tracy Welsh)

Yesterday (The Beatles)

Back in Black (ACDC)

Magnus Carlsen (The Game & Anderson Paak)

I Love It (Icona Pop)

Falls Carlsen das Stechen gewinnt: Kings Never Die (Eminem)

Falls Caruana das Stechen gewinnt: King´s Dead (Kendrick Lamar & Co)

 


1 Lesermeinung

  1. Klassisches Schach ist nicht tot!
    Wir haben in den letzten Jahren viele spannende Turniere gesehen mit erfreulich niedrigen Remisquoten. Aber in einem Rundenturnier gewinnt eben nur, wer Partien gewinnt, und zwar am besten viele. In einem Zweikampf gilt das nicht zwingend, da gilt auch: Es verliert nicht, wer keine Partie verliert.
    Ich erinnere mich noch gut an das Kandidatenturnier, in dem Anish Giri alle 14 Partien remisierte – und dafür einigen Spott bekam und natürlich ohne jede Chance war, sich für die WM zu qualifizieren. In einem Zweikampf wäre seine damals sehr solide Spielweise eine Waffe gewesen. Insofern stirbt vielleicht der Zweikampfmodus.
    Zudem hier einfach zu wenig los ist: Denkt ein Spieler mal eine halbe Stunde nach, fällt es den Kommentatoren schwer, hier Dynamik reinzubringen. Das ist bei einem Rundenturnier besser, wo immer gerade in einer Partie eine Entwicklung ist und man in der Analyse springen kann. In Zeiten von Live-Übertragungen ist aber natürlich Schnellschach dynamischer und spann

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