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Magnus zeigt Format

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Der Weltmeister kommt in großer Form zum Grenke Chess Classic, das am Karsamstag in Karlsruhe beginnt. Magnus Carlsen hat gerade im aserbaidschanischen Schamkir ein dem jung verstorbenen Wugar Gaschimow gewidmetes Weltklasseturnier überlegen gewonnen. Zwei Punkte Vorsprung hatte er dort nach den neun Runden. Vor allem überzeugte Carlsens Schach. Wie er seine Gegner in den letzten drei Runden jeweils mit einem positionellen Bauernopfer überspielte, zeugt von ganz großer Klasse und von endlich gefundener Weltmeisterform.

Carlsen – Giri (7. Runde) nach 17. f2-f4!

Die meisten hätten das thematische f2-f4 wohl mit einem Turmzug nach e1 oder mit 17. Kh1 vorbereitet. Carlsen schritt sofort zur Tat. Anish Giri wäre gut beraten gewesen, den Vorstoß des weißen f-Bauern mit 17. … f5 zu verhindern, was zugleich den weißen Angriff auf e5 abwehrt. Doch er glaubte, sich mit 17. … exf4 18. gxf4 Dxe3+ straflos am weißen e-Bauern bedienen zu können. Nach 19. Kh1 Td8 20. Tce1 Dc5 21. f5 hatte Weiß so starken Angriff, dass der Niederländer bald Material gab. Carlsen verpasste im späteren Verlauf zwar einen spektakuläreren Gewinnweg, aber sein Sieg stand nicht in Frage.

Tags darauf traf der Weltmeister auf seinen Herausforderer von 2016. Sergei Karjakin lag einen halben Punkt zurück und brauchte einen Sieg, um selbst Erster werden zu können. Wie schon im WM-Kampf gegen Caruana eröffnete Carlsen mit dem Sweschnikow-Sizilianer und brachte ein Bauernopfer, das er in ähnlicher Form schon im Januar in Wijk aan Zee gegen Jorden van Foreest anbrachte und dessen Motive wohl in seiner WM-Vorbereitung vorkamen.

Karjakin – Carlsen (8. Runde) nach 20. … 0-0!?

Den h-Bauern unangetastet zu lassen, bringt auch nichts, also 21. Lxh5 Se5 22. Le2 Dd7 23. Da4 Dc8 mit Spiel für Schwarz auf den weißen Feldern. Karjakin versuchte 24. c5 dxc5 25. Sxe4, doch nach 25. … c4! war Carlsen am Drücker und führte die Partie eindrucksvoll zum siegreichen Ende.

Carlsen – Grischtschuk (9. Runde) nach 29. Lc1-e3!

Während in Schamkir am letzten Tag alle Kollegen das Turnier abhaken wollten und mit schnellen Remis zufrieden waren, wollte Carlsen, der bereits als Turniersieger feststand, mehr. Käme Alexander Grischtschuk hier zu c5-c4, stünde Schwarz okay. Doch Carlsen opfert einen Bauern, um den schwarzen c-Bauern zu fesseln. Zudem hat er gesehen, dass ihm die Linienöffnung nützt. Nach 29. … exf4 30. gxf4 Txe4 31. Lb1 Te7 32. Tfe1 drohte Weiß Lg6 nebst Lf2 und Matt auf e8. Das konnte Grischtschuk zwar abwehren, doch dann wurde er von Carlsen auf der d-Linie erledigt.

Voriges Jahr fragte sich Carlsen, warum er nicht besser spielte, obwohl er Schach doch inzwischen besser verstand als in den Jahren 2013 und 2014, als er die Konkurrenz beherrschte. Wahrscheinlich ist sein Selbstbewusstsein nun wieder da, wo es damals war, und sein höheres Verständnis kommt nun endlich zum Tragen. Schon in der ersten WM-Partie gegen Caruana agierte er zunächst so kraftvoll wie nun in Schamkir, warf aber in gegnerischer Zeitnot den gewinnverheißenden Vorteil weg. Danach hat er in London vorsichtiger gespielt, um nur ja seinen Titel zu verteidigen.

In Schamkir hat Carlsen eingelöst, was er schon länger von sich erwartet hat. Während der Pressekonferenz (Youtube) nach seinem obigen Sieg gegen Karjakin verglich er sich mit 2014: „Ich glaube, es gibt definitiv einen Unterschied im Stil. Ich spiele sicherlich anderes als damals. Ich denke, ich weiß heute viel mehr über Schach als vor fünf Jahren. Ich hatte damals ein höheres Rating, was diese Aussage nicht zwingend nahelegt, aber ich fühle, dass ich mehr weiß, dass ich mehr kann, dass ich mehr Optionen habe. Ich habe ein weiteres Arsenal an Waffen im Vergleich zu damals.“ (Übersetzung Chess24)

Beim Grenke Chess Classic trifft er erstmals wieder auf Caruana, aber auch auf Vachier-Lagrave, Aronjan, Anand und das deutsche Talent Vincent Keymer. Bei den Runden am Osterwochenende in der Karlsruher Schwarzwaldhalle wird er so viel Gesellschaft haben wie noch nie. An die 2000 Spieler treten in den gleichzeitig stattfindenden Opens an. Ein so teilnehmerstarkes, mehrtägiges Schachfestival gab es noch nie.


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