Schlaflos

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Eine Puppe für einen Jungen?

| 16 Lesermeinungen

© dpa-ZentralbildNa, wo liegt wohl das Mädchen? Links oder rechts?

Als unser kleiner Sohn neulich Geburtstag hatte, wünschten wir uns eine Puppe für ihn. Eine, die er in die Badewanne mitschleppen, der er ein Mützchen aufsetzen oder, wie kürzlich geschehen, der er eine Windel anziehen kann. Eine Puppe eben. Nichts Besonderes, eine normale, glatzköpfige Babypuppe.

Bei einer Person in unserem Umfeld zeigte sich jedoch ein gewisser Widerstand, dem Jungen eine Puppe zu schenken. Eine Puppe für einen Jungen? Müsse das sein? Warum denn – und überhaupt? Also vergaben wir den Schenkungsauftrag an eine andere Person, die damit kein Problem hatte. Zum Glück waren das in unserem Familien- und Bekanntenkreis alle anderen.

Wir waren überrascht über das Comeback solcherlei Geschlechterklischees. Was fürchten denn Menschen, die einem Jungen eine Puppe schenken? Dass er sofort und unwiderruflich zum Mädchen umfirmiert? Ein rosa Kleidchen ordert – und sich Spängchen in die Haare macht? Oder ein drittes, viertes oder achtes Geschlecht für sich entdeckt – und zum Transmenschen wird?

Es mag eine extreme Einzelmeinung gewesen sein, aber sie passt in die Zeit. Der Begriff „Gender“ ist ja derzeit so etwas wie ein Brandbeschleuniger für die lodernde Wut mancher Menschen. Er meint die gesellschaftlich geprägten Geschlechterrollen, nicht das biologische Geschlecht. In unserem Fall also zum Beispiel die Behauptung: Ein Junge spielt nicht mit einer Puppe, das ist Mädchenkram. Andere Beispiele: Ein Junge tanzt kein Ballett, das ist unmännlich. Oder trägt keine Ohrringe. Zeigt keine Gefühle. Weint nicht. Und ein Mädchen? Soll sich eher ums Häusliche kümmern, nicht zu viel Karriere machen. Nicht raufen und toben. Mädchen sind dafür fleißig und folgsam. Jungen eher praktisch veranlagt und schwächeln beim Lerneifer.

Zwar würden die wenigsten in unseren Breitengraden solche Sätze offen formulieren. Aber manche Erziehungsstile und vermittelten Werte speisen sich aus Glaubenssätzen, die ihren Urhebern mehr oder minder bewusst sind. Das aufzudecken ist die Aufgabe, die sich Anhänger von Gender Mainstreaming gestellt haben – sie stellen die kulturellen Rollenvorstellungen auf den Prüfstand. Kritiker werfen ihnen vor, dass sie das biologische Geschlecht bis zur Unkenntlichkeit dekonstruieren und damit kleinreden. Seitdem es Gender Mainstreaming in Universitäten und EU-Texte geschafft hat, ist ein regelrechter Kulturkampf zwischen Anhängern und Gegnern entstanden.

Zu Recht? Zu Unrecht? Tut mir leid, aber mit diesem Kampf ist diese kleine Kolumne überfordert. Und ich auch. Trotzdem, die Puppe gibt einen klitzekleinen Hinweis, was an Gender bedenkenswert ist – und was mir überdreht scheint.

Kennen Sie die Bewegung „Gender Creative Parenting“? Das sind Eltern, die ihr Kind geschlechtslos erziehen wollen. Das Kind ist biologisch Junge oder Mädchen, aber ihm sollen darüber hinaus die gesellschaftlichen Attribute, die als männlich oder weiblich gelten, in den ersten Lebensjahren erst einmal erspart bleiben. Es soll frei von Rollenklischees – und damit unbelastet – die ersten Schritte tun, das erste Wort sprechen und die ersten Freundschaften schließen. Das Babyzimmer bleibt also weiß, ein pinker oder blauer Anstrich muss warten.

Mir kommt das unheimlich konstruiert vor, zumal die Umsetzung wirklichkeitsfremd scheint. Kinder können relativ früh zwischen Männern und Frauen unterscheiden, die Geschlechterfrage ist für sie eine frühe Schublade, die die Wirklichkeit stabilisiert. Und, gerade bei Kindern nicht unwichtig, sondert man die Kleinsten damit nicht unnötig aus in einer Welt, die stark auf Geschlechterkategorien setzt?

Der Grundgedanke allerdings ist sympathisch. Die biologischen Unterschiede sind ohnehin da, sie sind nicht veränderbar. Und zu häufig nutzen manche sie dazu, Althergebrachtes zu zementieren und als alternativlos darzustellen. Künstlich betonen muss man sie nicht. Die sozialen Geschlechtszuschreibungen aber sind veränderbar – und deshalb kritikfähig. Sich als Eltern vorzunehmen, nicht jedes Klischee beim eigenen Nachwuchs mitzunehmen, kann so falsch nicht sein. Wenn die Gender-Debatte extremistisch geführt wird, würde ich mich allerdings gleich wieder gerne abmelden.

Die Puppe für den Jungen ist mein vorsichtiger Versuch eines Kompromisses auf dem Gender-Minenfeld. Im Kleinkindalter soll der Kleine eine möglichst breite Palette an Erfahrungen und auch mögliche Zuschreibungen kennenlernen. Schmalspurgänger, die ihm verordnen, wie er zu sein hat oder was er zu lassen hat, sind da nicht gefragt. Das gilt für beide Seiten – die Genderisten und die Genderhasser.

Zumal gesellschaftliche Stempel ohnehin volatil sind. Bei den Germanen galten lange Haare bei Männern als schick, während sie später in der aufkommenden Bürgerlichkeit als verpönt galten, um dann bei den Achtundsechzigern zum gegenkulturellen Symbolschnitt zu avancieren. Heute gilt die Farbe Rosa für Mädchen quasi als naturgegeben, was Unsinn ist. Schrecklich, wie viele junge Eltern darauf hereinfallen! Rosa war lange Zeit eher die Farbe von Jungen und Männern,  das „kleine Rot“ hatte den Ruf, ausgesprochen männlich zu sein, während Frauen Blau trugen. Mit dem Aufkommen der blauen Arbeiterkleidung wechselte die Farbgebung ins Gegenteil – und manche tun so, als sei das immer schon so gewesen. Oder haben Sie schon einmal Bilder aus dem Kaiserreich gesehen, auf denen die kleinen Jungs Kleidchen tragen?

Abseits dieser Äußerlichkeiten geht es um den Horizont möglicher sozialer Verhaltensnormen. Eine Puppe – gilt es sie nicht zu hegen und zu pflegen? Und, Achtung, rhetorische Frage: Sind das nicht alles Zuschreibungen, die vor allem für die späteren Mütter gelten? Wohl kaum, wenn ich mir meinen heutigen Alltag anschaue: Längst ist die Kinderbetreuung nicht nur Muttersache. Wenn eine Puppe also für die frühkindliche Horizonterweiterung gut ist, umso besser. Wenn sie einfach nur zum Spielen da ist, reicht das aber auch.


16 Lesermeinungen

  1. Warum ist das nicht längst erforscht?
    Echte „Gender-Forschung“ sähe so aus:

    Man sucht sich eine größere Elterngruppe zusammen. Diese schenkt ihren Kindern (ob nun Bub oder Mädchen) jeweils zwei klischeebehaftete Geschenke zu Weihnachten: z.B. eine Babypuppe und ein Lego-Technik-Auto.

    Nach einiger Zeit wird eruiert, wie die Kinder die Spielzeuge angenommen haben. Dann wird statistisch ermittelt, ob Mädels siginfikant mehr mit der Puppe spielen als Jungs, oder Jungs ihr Auto mit mehr Begeisterung zusammengebaut haben als Mädels. Falls ja würde man schauen, ob mit dem Alter der Kinder diese Neigungen zugenommen haben (das spräche für Umwelteinfluss) oder konstant waren (das spräche für angeborene Neigungen).

    Solche Forschung wäre wissenschaftlich. Sie findet aber nicht statt, jedenfalls nicht an den über über 100 Gender-Lehrstühlen. Kommen solche Ergebnisse aus anderen Fachrichtungen, ist die Interpretation immer gleich: Mädchen nehmen die Puppe besser an? Das beweist, dass die Umwelt sie schon verdor

  2. Das Thema war nie weg...
    gesellschaftliche Standards, ob auf überholten Vorurteilen beruhend, zutreffend oder nicht schaffen Sicherheit und Verlässlichkeit.
    Die Masse hält nach wie vor an diesen tradierten Standards fest, vor allem da die neuen Beliebigkeiten allgemein geringe Vorteile (wegen mikro Minderheiten) haben und im speziellen nur Stress erzeugen.
    Ich habe zwei Jungs und ein Mädchen und alle hatten eine Puppe, weil sie es sich gewünscht haben. Und wir Vertrauen in solcherart Selbstbestimmung haben. Ich halte nichts von pädagogischen Genschenken, egal ob progressiv oder konservativ.
    Letztlich nehmen die Friktionen sogar wieder zu, gerade wegen des „Gendergedöns“
    Die Bereitschaft Minderheiten Freiräume einzuräumen nimmt wegen des Gesamtdruckes auf die Gesellschaft eher ab, als zu.
    Auch bei mir nehmen die Aversionen zu, so dass ich mit erstaunen feststelle, das ich auf derartige Themen eher genervt ablehnend reagiere und die Bereitschaft sich damit zu beschäftigen immer häufiger gegen nul

  3. Das Kind wird ganz von selbst wählen.
    Etwas amüsiert lese ich mal wieder die Meinung, Gleichstellung scheitere an Klischees. Dazu nur so viel: Unser Sohn hatte Spielzeug jedweder Ausrichtung, neben Lego und Metallbaukasten auch Handspielpuppen und eben – seit dem 1. Geburtstag – eine Puppe. Niemand der Beteiligten fand irgendwas dabei, dass das Kind eine Puppe geschenkt bekam.

    9 Jahre später, nachdem die Puppe komplett links liegen gelassen wurde und in der Ecke verstaubte, haben wir sie dann weitergegeben.

    Bieten wir unseren Kindern ruhig alles an – aber nicht wundern, wenn die Jungs dann trotzdem in der Bauecke landen und die Mädchen die Puppen kämmen.

    Viel Spaß den jungen Eltern dabei, dies wahrscheinlich selbst auch genauso zu entdecken.

  4. Titel eingeben
    Meine Tochter boxt freiwillig und gerne, hat lange Haare und macht sich die Fingernaegel. Na und ? „Ich bin eben ein Maedchen, das boxt.“,sagt sie. Ihr Bruder ist mit dem Wort schwierig schlagbar, n’a und ?

  5. Vielleicht wird Ihr Sohn es Ihnen ja danken:
    Und als ich drei wurde, haben sich meine Eltern sogar darum bemüht, mir eine Puppe schenken zu lassen. Viel konnte ich damit zwar nicht anfangen, sie waren mir deshalb aber auch nicht böse.
    Was wird es beim Geburtstagsfest wohl zu essen gegeben haben?
    Die Genderfrage macht ja vor der Kuchendeko nicht halt.

  6. Ausgrenzung vorprogrammiert
    Solange der Sohn noch kein soziales Umfeld hat, das nicht eine Teilmenge des Umfelds der Eltern ist, funktioniert das vielleicht. Sobald er aber in den Kindergarten kommt wird er von den anderen Jungen mit ziemlicher Sicherheit ausgegrenzt werden. Oder schlimmeres. Sie tun ihm keinen Gefallen, wenn Sie ihn auf eine Toleranz vorbereiten, die es gar nicht gibt. Zumal ich nicht den Eindruck habe, dass das ganze überhaupt im Sinne des Kindes ist. Für mich erscheint es so, als wollten Sie Ihre Ideologie durch Ihr Kind ausleben. Will ein Junge mit Mädchenspielzeug spielen kann er das natürlich. Will er das aber nicht ausdrücklich muss man auch das akzeptieren. Zumal man bedenken muss, dass Kinder auch Sachen mitmachen, mit denen sie unglücklich sind, wenn sie den Eindruck haben dadurch den Eltern zu gefallen.

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