Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Es gibt keine kindgerechte Version von Gott

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© Picture AllianceBeim Osterfest auf den Philippinen ist ein Mädchen als Engel verkleidet. Aber wie erklärt man ihm Kreuzigung und Auferstehung?

Unser Sohn Ben geht in eine evangelische Kita. Das steht zumindest vorne dran (an der Kita, nicht am Kind). Ich weiß, dass die Kinder einmal im Monat gemeinsam in die Kirche gehen, dass sie in der Adventszeit Weihnachtslieder singen und im Eingangsbereich eine Krippe steht, aber viel mehr als das scheint es an frühkindlicher religiöser Prägung nicht zu geben. Das hat mich auch nie gestört, obwohl ich selbst christlich erzogen bin – zumal Ben lange Zeit kein besonderes Interesse an spirituellen Fragen zeigte.

Anfang vergangenen Jahres, Ben war drei Jahre alt, warf der Tod seiner polnischen Ur-Oma die ersten Fragen auf. Der „Klassiker“, dass sie in den Himmel zu Gott gekommen war, kam von uns Eltern wie auch den anderen Verwandten automatisch, und er nahm das ohne weitere Nachfragen hin. Doch mit der Zeit wurde ihm die Sache unheimlich, und wir hörten Aussagen wie: „Ich mag den Himmel nicht. Der ist mir zu hoch.“ Oder, abends vor dem Schlafengehen: „Ich habe Angst, dass Ur-Opa Paul aus dem Himmel herunterkommt.“ Wir lernten also: Himmel weglassen. Himmel ist nicht gut. Und beim vermeintlich unverfänglichen Thema Dinosaurier/Fossilien bekamen wir vor ein paar Monaten zu hören: „Müssen wir auch sterben, wie die Dinos?“

Und so war es irgendwie klar, dass uns das Überirdische an Weihnachten mit voller Breitseite treffen würde. Ben, mittlerweile vier Jahre alt, wollte wissen, wie das ist mit dem Himmel und dem Weihnachtsmann, äh, dem Nikolaus, äh, dem Christkind. „Wie sieht der Weihnachtsmann aus?“ Und: „Ist das Christkind ein Engel aus dem Himmel?“ Und: „Wie kommt das Christkind zu uns rein?“ Und: „Das Christkind war bestimmt schon da, weil, ich war heute sehr lieb!“ Allesamt weniger tiefsinnige als vielmehr praktische Fragen und Überlegungen, aber schon die brachten uns in Erklärungsnöte: Ja, WIE soll das Christkind reinkommen, wenn es – wie man regelmäßig beteuern muss, damit der Sohn beruhigt einschlafen kann – ganz bestimmt kein Einbrecher in unsere Wohnung schafft? Ist es so klein, dass es durch das gekippte Fenster passt? Wenn ja – wie kriegt es dann die Geschenke da durch? Und: Wenn das Christkind nur den lieben Kindern Geschenke bringt, dann sind die nicht so lieben ja traurig! GEMEIN!

Das Heikle ist, nicht nur an Weihnachten: Alles, was wir den Kindern erzählen, ist für sie erst einmal wahr. Und jede Antwort macht ein Bild im Kopf. Das weiß ich von mir selbst. Ich habe mir den Himmel als Kind sehr lange vorgestellt als einen Ort, an dem Menschen nackig auf übergroßen Laubblättern als Betten schlafen. So hatten meine Eltern mir das beschrieben, und diese Vorstellung fand ich damals sehr gemütlich (heute eher nicht so). Umgekehrt kann man das auch ganz schön vermasseln mit den Bildern und mit den Antworten allgemein. Ich kann mich erinnern, dass ich im Grundschulunterricht referiert habe, was mir ein Verwandter über den Krebstod eines befreundeten Kindes erzählt hatte: Es musste sterben, weil der liebe Gott es gerne bei sich im Himmel haben wollte – und weil es zu viel ferngesehen hatte (ein erzieherischer Komplettausfall, Sie schütteln zu Recht den Kopf). Mein Klassenlehrer sagte daraufhin: Das mit dem lieben Gott könne er unterschreiben, das mit dem Fernsehen nicht. Weitere Erläuterungen gab es aber nicht. Ich bin sicher, dass ich mich an diese Antwort deshalb so gut erinnern kann, weil es mich verstörte, dass der Lehrer dem widersprach, was ich von anderen Erwachsenen gelernt hatte. Irgendeiner von ihnen musste also Quatsch erzählen. Aber Erwachsene wussten doch alles…?

Eine der härtesten Nüsse am Elternsein ist für mich, dass es mich zwingt, mich mit mir selbst und meiner eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Um Werte und Botschaften zu vermitteln, müssen mein Mann und ich uns darüber im Klaren (und dann auch noch einig) sein: Was hat uns als Kindern Halt gegeben, was war und ist uns wichtig? Was glauben wir, und was wollen wir, dass die Kinder für wahr halten – wenn auch nur für die ersten Jahre? Denn dass Ben im Moment und noch für eine ganze Weile zumindest ein paar Orientierungspunkte, ein paar Skizzen für ein erstes Weltbild braucht, bevor er sein eigenes zeichnet, davon bin ich überzeugt. Nur: Braucht er dafür auch ein paar geflügelte Wesen, die Geschenke bringen? Braucht er dafür einen lieben, beschützenden Gott, oder gar einen strengen, strafenden?

Ich selbst habe lauter „absolute“, vermeintlich selbstverständliche Wahrheiten vermittelt bekommen: Man streitet nicht mit Lehrern, man läuft nicht einfach auf die Straße. Aber eben auch: Es gibt Gott. Es gibt ein Leben nach dem Tod. Es findet im Himmel statt, zumindest für die Guten, und deshalb sieht man da auch die Ur-Omas und die Ur-Opas wieder. Eine etwas melodramatische Großtante von mir sagte häufig mit bebender Stimme: „Wenn man an Gott glaubt und es gibt ihn gar nicht – das ist nicht schlimm. Aber wehe, man glaubt nicht – und es gibt ihn!“ Erst als ich älter wurde, stellte ich solche „Weisheiten“ in Frage. Ich war nicht enttäuscht darüber, dass man mich belogen oder sich mangels echten Wissens einfach Dinge ausgedacht hatte. Ich habe auch nicht gewütet, als ich herausfand, dass die Eltern die Geschenke bringen und nicht das Christkind – ich war eher stolz, als ich sie endlich überführt hatte. Ich fand einfach nach und nach meine eigenen Antworten, und reichlich neue Fragen.

Als Mutter stelle ich mir heute vor allem eine: Wie viel Glauben/Religion will und soll ich meinen Kindern vermitteln, um ihnen Nächstenliebe, Empathie, Toleranz, Zuversicht beizubringen? Und: Taugt Religion überhaupt dafür? Man muss kein Historiker sein, um das anzuzweifeln. Es reicht, Weltnachrichten zu schauen. Selbst die Pfarrerin in der Kirche sagte in ihrer Weihnachtspredigt sinngemäß: „Der Heiland ist geboren! Hurra! Aber es stimmt: Vom versprochenen Frieden sind wir bis heute weit entfernt… also: Beten wir! Für den Frieden!“ Wie soll ich meinem Kind überzeugend die frohe Botschaft erklären, wenn selbst die Profis es nicht vermögen?

Und dennoch: Irgendwie habe ich das Bedürfnis, Ben von Gott zu erzählen. Vermutlich, weil ich ein paar der Geschichten über ihn selbst nicht aufgeben will. Ich mag den Gedanken, meine Ur-Omas und Ur-Opas wiederzusehen. Oder den Gedanken, dass ich meine Kinder niemals für immer verlassen muss, Wissenschaft und Aufklärung hin oder her. Ich bin aber auf der Suche nach einer kindgerechten Version der Geschichte. Deshalb haben wir uns von der Oma im Herbst ein buntes Erklärbuch für Kinder zum Thema Bibel schenken lassen (an die deutschen und polnischen Kinderbibeln im Regal habe ich mich bislang nicht herangetraut) . Die Einleitung las sich vielversprechend: Vor tausenden von Jahren „hatten die Menschen ein anderes Wissen als heute. Sie glaubten, dass nur eine große Kraft wie Gott diese schöne Schöpfung zustande bringen konnte“. Das klang etwas weniger absolut, das gefiel mir. Beim Vorlesen kam ich bei der Sache mit Adam und Eva und der Schlange noch einigermaßen durch. Bei Kain und Abel formulierte ich bereits etwas um („Er ging mit Abel aufs Feld und… äh… schimpfte mit ihm“). Bei der Arche Noah kam ich vollends ins Schwimmen („Aber sie logen, betrogen und töteten einander, sodass Gott irgendwann beschloss, seine Schöpfung mit einer gewaltigen Überschwemmung wieder zu vernichten“). Komisch, kurze Zeit später verschwand das Buch… Und mir wurde klar: Es gibt keine kindgerechte Version von Gott – es sei denn, man lässt die Menschen weg.

Wir führen Ben aus diesem Grund bisher nicht aktiv an Glaube und Religion heran und hoffen, dass die ganz tiefgehenden Fragen noch eine Weile auf sich warten lassen. Und dann wird es hoffentlich auch okay sein, zu sagen: Kind, ich weiß wirklich nicht, ob es stimmt, aber ich möchte es gern glauben (nicht das mit dem Christkind, aber die guten, tröstlichen Sachen). Meine Schwester, die Erzieherin ist, hat mir einen Tipp gegeben: Nicht zu viele Bilder auf einmal in den Kopf pflanzen. Immer nur das beantworten, was das Kind wirklich wissen will, und erst ergänzen, wenn es Nachfragen stellt. Denn manchmal setzten Eltern zu wortreichen Erklärungen an, obwohl die Kinder mit einer knappen Antwort schon zufrieden seien. Wir versuchen also, uns kurz zu fassen. Und weil man sich bei allem Wissen oder Nichtwissen auf diese eine Sache ganz gut einigen kann (sofern man nicht gerade Atheist ist), halten wir es auf der Danksagungskarte für die Glückwünsche zu unserem zweiten Sohn kurz und pathetisch mit Martin Luther: „Wenn du ein Kind siehst, hast du Gott auf frischer Tat ertappt.“


18 Lesermeinungen

  1. Gottesbild, die Theodizee und Vielschichtigkeit der Sprachbilder, 2
    So kann beispielsweise die Geschichte von Adam und Eva einfach als Geschichte zweier Menschen gelesen werden, deren Handlungen Konsequenzen haben, sie kann als Sinnbild für basale Handlungsmuster gelesen werden, es ist sogar möglich, sie als evolutionäre Entstehungsgeschichte zu lesen („Weil die Frau sich den Partner wählt, der den Konkurrenzkampf der Bewerber gewonnen hat, wurde die Menschheit intelligenter, entwickelte Bewusstsein und eine Vorstellung von Zeit und erkannte die eigene Sterblichkeit.“) Auch das Problem der Theodizee ist so alt wie der Glaube selbst. Sie wird in der Bibel in einem eigenen Buch (Hiob) behandelt.

    Die Antworten, die wir den Kindern geben, ergeben sich von selbst, wenn wir unser eigenes Gottesbild erwachsen werden lassen. Das ist zugegebenermaßen schwieriger, wenn die Antworten aus dem angestammten Umfeld niemals Raum für Zweifel ließen und keine Hilfestellung für eine Abstraktion von der kindlichen Vorstellung eines Mannes in den Wolken gab

  2. Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen
    „Aufklärung und Wissenschaft hin oder her“ eben nicht!
    Warum die Kinder systematisch und in vollem Bewusstsein belügen? Weil die bewusste Lüge tröstlicher scheint als die Wahrheit?

    Die angeführten Gründe widerlegen Sie ja grösstenteils selbst: Sie zensieren die Texte, weil sie eben nicht von Nächstenliebe zeugen; Ihre Tante, die meint, im Zweifel lieber zu glauben, denn schadet ja nicht; die Pfarrerin, die für Frieden betet. Bei der Erklärung für den Tod des krebskranken Freunds bleiben Sie und Ihr Lehrer jedoch unvollständig: der Krebs war Schuld am Tod, kein selbstsüchtiger Gott.

    Als Atheisten mit etwas Abstand sagen wir einfach den aktuellen Wissensstand. Wenn wir etwas nicht wissen, geben wir das einfach zu. Wir respektieren unsere Kinder als Menschen mit Anrecht darauf nicht belogen zu werden. Die Frage, was Kinder „für wahr halten sollen“ verbietet sich von selbst.

    Nebeneffekt: Ohne Desillusionierung steigt die Chance auch später noch als Ansprechpartne

  3. Es gibt so viele kindgerechte Versionen von Gott, wie es Kinder gibt
    Der beste Weg, mit religiösen Fragen von Kindern umzugehen, ist der, die Kinder selbst über eine Antwort spekulieren zu lassen. Also, wenn das Kind fragt: „Wie sieht Gott aus?“, dann antwortest du nicht, sondern fragst zurück: „Wie stellst denn DU ihn dir vor?“ Kinder sind a natura Philosophen und Theologen, bis die real existierenden Sheldon Coopers dieser Welt ihnen das austreiben.

  4. Titel eingeben
    Man sollte auch den Kindern nicht lügen.
    Ich selber habe es gehasst, dass die Erwachsene mich für Idiot gehalten haben. Das wurde mir erst später klar, dass dieser Vorgang nicht nur gegenüber Kinder so durchgeführt wird.

  5. Alles, was wir den Kindern erzählen, ist für sie erst einmal wahr.
    Deshalb sollte man sich hüten, Kindern Märchen als Wahrheiten zu vermitteln.

    Religionen sind Märchen mit dem Ziel, sich Kinder gefügig zu machen. Deshalb streben alle Religionen an, sich der Kinder zu bemächtigen, denn einmal indoktriniert hat man sie dann mit Drohungen wie Hölle und ähnlichem Unsinn in der Gewalt.

    Wie weit Indoktrination gehen kann sieht man an den sog. Gotteskriegern des Islam, die man soweit verblödet hat, daß sie wirklch glauben, für den Massenmord an „Ungläubigen“ im Paradies mit 72 Jungfrauen belohnt zu werden.

    Im Gegensatz zu Frau Holle oder Rumpelstilzchen sind Religionen gefährlich und sollten verboten statt als „zu Deutschland gehörend“ erklärt werden.

  6. Heiliger Bimmbamm
    Wenn Kinder nicht mehr an Märchen glauben, wer wird sich dann noch wundern über den Mangel an Inspiration bei den großen? Von außen betrachtet erscheinen beide gleich, der fanatische Schwärmer und der inspirierte Adept. Und das ist das ganze Dilemma. Es ist der folgenschwere Irrtum, den Geschichte offenbart, daß man meint, den Beweis hätte jemand zu erbringen und nicht etwa jeder Mensch bei sich selbst. Der wähnt sich aufgeklärt; er hat die Idee noch gar nicht verstanden. Wahrheit bezieht alles mit ein, sie schließt nicht aus. Sie setzt alles, was ist auf den ihm gebührenden Platz. Sie ist inklusiv, nicht exklusiv. Die Mythe ist stärker als die historische Tatsache, sie trägt in sich die Weisheit eines Zeitalters hinüber in das nächste. Wie wollen wir sie nennen, jene erhabene Wesenheit, von der die großen Geister ihrer Zeit Zeugnis ablegten? Wer kennt den Namen des Lebendigen, welcher sich zum Ausdruck bringt durch Myriaden von Formen, durch die gesamte manifestierte S

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