Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Mein Kind, der unerwünschte Gast

| 34 Lesermeinungen

© Picture AllianceBabys auf dem Schoß sind niedlich anzusehen – trotzdem möchte im Restaurant niemand mehr neben ihnen sitzen

Was für ein Abend! Aufmerksam tänzelt der Kellner um unseren Tisch herum, bringt kleine Teigschiffchen – ein Gruß aus der Küche –, nimmt lächelnd unsere Bestellung inklusive Sonderwünschen entgegen und steht wenige Minuten später mit zwei eiskalten Drinks wieder an unserem Tisch. Er schaut liebevoll auf meinen runden Bauch und erzählt, dass er, selbst Vater von drei Kindern, so einiges übrig habe für diese kleinen Wunderwesen. Am Ende bestellen wir zweimal Nachtisch zum Espresso, der Grappa geht aufs Haus, logo. Vollgefressen und zufrieden treten wir den Heimweg an.

Sechs Monate später. Mein Bauch ist wieder flach und die kleine Kugel sitzt vergnügt auf meinem Schoss. Und auch sonst hat sich ungefähr alles geändert – Restaurant- und Hotelbesuche eingeschlossen. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass es an unserem Tisch unruhiger zugeht als noch vor einem halben Jahr, wir ab und zu mal aufstehen müssen oder die eine oder andere Rassel die Schwerkraft erprobt. Nein. Seit wir ein Kind haben, sind wir – sprechen wir die schmerzliche Tatsache aus – vielerorts unbeliebt. Und das bekommen wir zu spüren.

Ich spreche dabei gar nicht von dem Restaurant auf Rügen, zu dem Kinder ab 17 Uhr keinen Zutritt haben. Oder von Adult-Only-Hotels oder Pools. Oder von der Berliner Kaffeerösterei, in der Kinderwagen und Stillen verboten sind. Es geht um etwas anderes, Zwischenmenschliches. Eine Magazin-Kolumnistin schrieb im vergangenen Jahr darüber, dass sie als Seniorin oft das Gefühl habe, unsichtbar geworden zu sein; nicht nur in Restaurants, sondern auch im öffentlichen Leben. Sie wird einfach nicht mehr wahrgenommen, nicht bedient, wie ein Kind in der Schlange beim Eisholen einfach übersehen. Ich will nicht so verwegen sein, zu behaupten, dass man uns drei tatsächlich übersehen oder überhören könnte. Aber die Beschreibung trifft es doch ganz gut.

Nein, sie hätten keinen Tisch frei, hören wir jetzt häufiger – und falls wir tatsächlich warten möchten, dann auf jeden Fall erst mal den Kinderwagen aus dem Weg und hinten vor die Kellertür schieben. Die Kellner lächeln gequält am Anfang und irgendwie erleichtert am Ende, auf jeden Fall geben sie uns fast immer das Gefühl, so im Stress zu sein, dass uns jede Frage nach einem Extrateller oder warmem Wasser erst gar nicht über die Lippen kommt. In vielen Restaurants kommen die Kellner während des gesamten Essens nicht ein einziges Mal an den Tisch. Sie halten sich fern vom Unruheherd Kind, als wäre es eine ansteckende Krankheit. Auch die anderen Gäste reagieren eher verhalten auf uns. Wir sind jetzt die, neben denen in der Schule schon niemand sitzen wollte. 

Im Hotel werden wir beim Frühstück täglich umgesetzt – so, als hätten sich unsere Tischnachbarn beschwert. Vielleicht wollte das Hotel uns auch nicht täglich den gleichen Gästen zumuten. Sind ja schließlich Stammgäste. Nur einmal kommt die Wirtin an unseren Tisch: Um uns zu sagen, dass wir bitte im Wellnessbereich keine Liegepolster auf den Boden legen sollen für das Baby. Es hätten sich Gäste beschwert.

Kürzlich waren wir mit Freunden und unseren Kindern essen. Sechs Erwachsene, drei Kinder, davon zwei unter einem Jahr. Zuerst warteten wir 15 Minuten auf dem Flur, dann bekamen wir zu neunt einen Tisch für sechs Personen. Wir sagten höflich Danke, die anderen Restaurants hatten schließlich gleich abgewunken. Die Bedienung nimmt unsere Bestellung auf – und ignoriert uns fortan. Während die Gäste an den Nachbartischen, bereits munter schmausen, obwohl sie nach uns bestellt haben, turnen die Kinder auf uns herum und werfen gelangweilt und in Dauerschleife ihr Spielzeug auf den Boden. Wir füttern mit Hirsekringel, Banane und Brotkanten gegen das Hungerloch und eine größere Unruhe am Tisch an und müssen uns irgendwann eingestehen: Sie haben uns vergessen. Wir fragen nach und werden unwirsch abgewiesen, „die Küche kann nicht hexen“. Fast eine Stunde dauert es, bis Schweinebraten, Karpfen und Salat endlich vor uns stehen. Eine Haxe ist inzwischen so verschmort, dass wir sie direkt wieder retournieren.

Wer jetzt denkt, dass wir mit Kindern hätten extraschnell bedient werden müssen, damit wir schnell wieder weg sind und der Rest des Ladens seine Ruhe hat, der hat die Rechnung ohne die Betriebswirtschaft gemacht. Die Logik hinter dem Schlecht-bedient-werden ist so simpel wie schmerzhaft: Gut besuchte Restaurants oder Hotels legen keinen Wert darauf, dass wir wiederkommen, anders als bei den anderen Gästen. Wir brauchen viel Platz, machen viel Dreck und essen am Ende doch nur jeweils ein Hauptgericht. Für Vorspeise, Nachspeise oder Espresso bleibt im kurzen Zeitfenster zwischen zwei Tränenausbrüchen keine Zeit. Wir essen das, was schnell satt macht und mit einer Hand gegessen werden kann – am liebsten also Schnitzel mit Pommes für 11,90 Euro.

In Italien gehören Kinder zu einem Restaurantbesuch dazu. Flink werden hier Tische zusammengeschoben und am Schluss die Trümmer aus Pizza, Pasta und Servietten zusammengefegt. „Kinder auf allen Vieren, die Kellner jonglieren“ – dass Essengehen mit Kindern auch in Deutschland nur beim Italiener Spaß macht, hat Reinhard Mey schon besungen, als ich selbst noch das Kind war. 

Ich frage mich inzwischen manchmal, ob ich mich vor Max’ Geburt an Kindern im Restaurant gestört habe. Ehrlich gesagt kann ich mich überhaupt nicht an Kinder im Restaurant erinnern. Höchstens bei McDonald’s. Früher haben wir oft etwas mitleidig gedacht, wie können die ihre Kinder nur mit so Fast Food vollstopfen. Jetzt verstehen wir es irgendwie. Es geht schnell, man fühlt sich nicht weniger willkommen als die anderen Gäste auch und keiner stört sich am Gewusel, die Restaurants sind unruhig genug.

Bevor Max auf die Welt kam, hat sich mir nicht erschlossen, warum Familien viel Geld für einen Urlaub im Familienhotel oder auf einem für Familien zertifizierten Bauernhof ausgeben. Wo wir waren, war es doch auch schön, kostete aber nur die Hälfte. Inzwischen kenne ich den Grund und bin auch schon so weit, dass ich mehr Geld für das eigentlich Gleiche zahlen würde. Ich erkaufe mir das beruhigende Gefühl, dass ich anderen Gästen den Urlaub oder Restaurantbesuch nicht vermiese und ich fühle mich als zahlender Gast willkommen und ernst genommen. Ich muss keine enttäuschten Blicke der Umsitzenden ertragen, wenn ich an einen Tisch in ihrer Nähe plaziert werde und ich werde nicht schief angeschaut, wenn ich mir die Reste einfach einpacken lasse, weil Max sich nach einem Heulanfall nicht mehr beruhigen lässt.

„Wir fahren dieses Jahr in einen Center Parc in Urlaub“, erzählte mir eine gute Freundin erst vorgestern. Sie hat zwei Kinder unter drei Jahren. Fast entschuldigend fügte sie noch an: „Das passt für uns alle momentan einfach am besten.“


34 Lesermeinungen

  1. berend47533 sagt:

    Titel eingeben
    Zu Ihrem Artikel zwei kleine Anmerkungen.

    Zum einen die Senioren. Man steht als fast 66-Jähriger irgendwo, man wird nicht wahrgenommen, kommt mir manchmal vor wie der Umgang mancher Nomaden mit ihren Alten, wenn deren Ende nah ist, dann kriegen die für ein paar Tage Essen und Trinken, und der Rest der Truppe zieht weiter, zur nächsten Oase.

    Zum anderen „Kind im Restaurant“. Ich war vor vielen Jahren, wenn ich meinen Sohn, damals gut anderthalb Jahre, haben durfte, oft mit ihm unterwegs, auch schon mal in der Stadt in einem Café. Da gab es eins, da konnte man nur in der 1. Etage sitzen, und was war das für eine Tortur, mit Kind und Kinderwagen da hoch zu kommen, furchtbar. Irgendwann dann mal in ein anderes Café, auch die Sitzplätze auf der 1. Etage, im Laden hing ein Schild, wenn Sie Hilfe brauchen, geben Sie kurz Bescheid, wir sind für Sie da. Und wissen Sie was? Das hat sogar geklappt, ohne Gemecker, ohne blöde Blicke, einfach so. Ich war nie wieder in dem anderen Café.

  2. Goebbert sagt:

    AIDA Herbst
    Ja, so ist das, mit Kindern hat man ein ganz anderes Leben!
    In den Herbstferien auf der AIDA Perla ab Hamburg waren über 1.000 Kinder inkl. unserer zwei an Bord. Da wurden, dann die verirrten Reisenden ohne Kind etwas mitleidig angesehen. Einfach das passende Umfeld suchen, wie im Artikel bechrieben. Viel Spaß noch!

  3. Nichtnoetig sagt:

    Herzlich willkommen
    ist man nicht überall mit Kindern oder mit Enkelkindern in diesem Lande. Es kann so sein, dass möglicherweise dieser, Ihrer jetzt erfahrenen Ablehnung eine Erfahrung des Restaurants mit unerzogenen Blagen voraus geht, welche auch Sie an den Rand des Wahnsinns treiben würden. So ist es leider. Immer locker bleiben ist jetzt die Ansage für Sie. Man (frau) richtet sich ein und geht zum nicht „noblen“ Italiener. Gehört zum Elternsein dazu. Dort klappt es dann und zahlt mit echtem Geld und kommt gerne wieder. Der Rest soll Ihnen mal..
    Ganz viel Freude mit Ihrem Max. Die anderen Gäste beneiden Sie.

  4. Django23 sagt:

    Störfaktor Kind
    Eigentlich habe ich nichts gegen Familien mit Kindern, egal wo. Aber ich habe was gegen Eltern, die ihre Kinder nicht erzogen haben und die meinen, wenn sie mit dem Wichtigsten, das sie haben, irgendwo aufkreuzen, drehte sich alles nur noch um die Bedürfnisse ihrer Kleinen.
    Ein Lokal ist nun mal keine Kita in der Herumgerenne und lautes Schreien von der Lebenslust der Kinder zeugen.

  5. Django23 sagt:

    Störfaktor Kind
    Eigentlich habe ich nichts gegen Familien mit Kindern, egal wo. Aber ich habe was gegen Eltern, die ihre Kinder nicht erzogen haben und die meinen, wenn sie mit dem Wichtigsten, das sie haben, irgendwo aufkreuzen, drehte sich alles nur noch um die Bedürfnisse ihrer Kleinen.
    Ein Lokal ist nun mal keine Kita in der Herumgerenne und lautes Schreien von der Lebenslust der Kinder zeugen.

    Wenn die Redaktion meint, dass mein Kommentar geblockt werden muss, da ich diesen schon einmal geschrieben habe, dann könnt ihr eure Kommentarfunktion gleich nur noch zur Zustimmung freigeben

  6. FredrikBurger sagt:

    Paralleluniversum?
    Beim Lesen des Textes kam mir das Ganze von Zeile zu Zeile unglaubwürdiger vor, er liest sich eher wie eine Abrechnung mit der eigenen Unzufriedenheit.
    Trotz drei Kindern im sicher eher lauten Alter, kann ich keinerlei der Erfahrungen von Frau Schmucker teilen – in München, dort hat die Gastronomie angesichts der Nachfrage nicht wirklich viel Zuwendung nötig… Auch mein Bekanntenkreis berichtet niemals von solchen Erlebnissen.

    Wirklich schockiert bin ich allerdings vom ersten Absatz: Hochschwanger, mit „rundem Bauch“, aber der Grappa „aufs Haus“ muss schon sein? Furchtbar ist es, dem ungeborenen Kind in der Schwangerschaft derartiges zuzumuten.

    • Chiara Schmucker sagt:

      Lieber Herr Burger. Danke für Ihren Hinweis. Den Grappa hat selbstverständlich mein Mann getrunken. Herzliche Grüße!

  7. fuchsju sagt:

    Ich habe ganz andere Erfahrungen.
    Meine Enkeltochter wird bald zwei Jahre alt, wir waren schon öfter gemeinsam in Restaurants beim Essen, hatten nie irgendwelche Probleme, das Personal war immer (!) freundlich und zuvorkommend.
    Das Kind ist allerdings auch vernünftig erzogen und man bemüht sich, die anderen Gäste nicht zu stören.

  8. michael.muench sagt:

    Einfache Lösung
    in guten Restaurants und Hotels wird auch auf Kinder Rücksicht genommen, kein Problem. Wir würden noch nie wegen unserer drei Jungs irgendwo ins Abseits befördert und haben immer so gegessen und getrunken, wie es uns gefallen hat.

    Je besser das Hotel bzw. Restaurant, desto besser wird auf die Kinder eingegangen. Den Horros eines Familienhotels voller unerzogener Kinder und gleichfalls unerzogenen Eltern haben wir uns niemals angetan, die Aussicht darauf war schon abschreckend genug.

    Mag sein, dass dies nun arrogant klingt….aber dann ist es eben so!

  9. ChSandmann sagt:

    Meine Tochter vom Zuckerhut
    Unsere deutsch-brasilianische Tochter wird nun bald fünf Monate alt. In zwei Monaten reisen wir nach Deutschland. In Brasilien besuchen wir häufig und gerne die Restaurants, nie haben wir das Gefühl unerwünscht zu sein. Im Gegenteil, wir müssen uns vor Zuneigung fast hüten. Die umliegenden Gäste suchen den Blickkontakt bis sie unserer Tochter ein Lächeln entlocken. Beim Abschied kommen sie nicht umhin ihr über den Fuß zu streicheln. Und der Kellner erbittet für uns nach unserem vierten Besuch binnen einen Jahres Gottes Segen. Kann es da sein, dass in Deutschland beim Anblick von Kinderaugen die Herzen schrumpfen? Ich hoffe doch inständig, die Autorin schildert die Dinge in der Heimat drastischer als sie tatsächlich sind!

  10. vonVogelsang sagt:

    Super
    Da kann man wirklich nur zustimmen, alles was man lesen darf, trifft genauso zu. Vielleicht einfach mal einen Blogartikel auch darüber, wie die Wohnsituation in Berlin aussieht. Hier im spießigen Charlottenburg, sonst ein ganz toller Bezirk, wurde erstmal der einzige Buddelkasten im Innenhof weggeräumt, vermietung nur an Ehepaare um die 50 oder alleinstehende Frauen mit Beamten Pension. Beschwerden gibt’s wenn ein Kind mit seiner Mutter auf dem Rasen Picknick macht. Der ist zwar voll mit Moos und ein ziemlicher Acker, aber wehe, ein Kind spielt darauf mit einem Ball. Da wird dann gleich die Gestapo gerufen, Verzeihung der Hausverwaltung geschrieben.

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