Schlaflos

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Wenn Teenager deinen Dresscode bestimmen

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© Picture AllianceTeenager-Töchter geben ihrer Mutter im Vorfeld gerne den Dresscode vor, wenn sie sich öffentlich mit ihr auf der Straße zeigen. Das dürfte bei Reese Witherspoon und ihrer Tochter Ava kaum anders sein.

Seitdem meine älteste Tochter Lara (15) in der Pubertät steckt, achtet sie sehr aufs Äußere. Besonders auf meines!

„Kannst du heute beim Elternsprechtag nicht deine Kontaktlinsen anziehen statt der Brille?“, fragt sie.  Sie mustert mich kritisch von oben bis unten. „Lässt du das T-Shirt an oder ziehst du dich noch um?“  Ich schaue prüfend in den Spiegel. Jeans und ein Shirt mit Blumenmuster. Alles tadellos. Gebügelt und sogar ausnahmsweise fleckenfrei. Und meine Brille verleiht mir doch diesen seriösen Touch, den ich dringend brauche, wenn ich gleich mit ihrer Mathelehrerin diskutieren will. „Warum? Was hast du an meinem Oberteil auszusetzen?“ Sie zuckt die Achseln. „Ach, egal“, sagt sie. Ich hasse diesen Ausspruch. „Ach, egal“ heißt übersetzt alles andere als „egal“. Es heißt: „Du kapierst es eh nicht“; „Du bist blöd“ oder „Ist einfach scheiße“.

„Und deine Haare…“ „Was ist mit meinen Haaren?“, frage ich und bekomme jetzt wirklich schlechte Laune. Ich habe mir doch beim Föhnen besonders viel Mühe gegeben! Sie seufzt. „Warum hast du die Haare beim Friseur wieder so kurz schneiden lassen?“ „Weil man mit über vierzig nicht mehr über die Haarstruktur einer Zwanzigjährigen verfügt. Als ich so alt war wie du, waren meine Haare auch lang und füllig.“ Warum rechtfertige ich mich eigentlich?

Elternsprechtag. Dieser Tag bedeutet für meine Teenagertochter emotionaler Stress. Da betrete ich ihr Terrain. Ein Terrain, von dem sie mich am liebsten fernhalten würde. Ich könnte nicht nur, ich werde definitiv ihren Lehrern begegnen. Ihren Freunden und Mitschülern. Den Eltern der Mitschüler. Ich werde sie hundertprozentig blamieren. Weil ich unmöglich angezogen bin. Weil ich den Mund aufmache und rede. Weil ich schlicht und ergreifend anwesend bin. Was glaubt sie denn? Dass man im Lehrerzimmer über mich lästert? „Die Mutter von Lara kann man mit ihrer Brille nicht wirklich ernst nehmen. Wenn sie wenigstens Kontaktlinsen tragen würde…“ Dass ihre Mitschüler über mich herziehen? „Ey, Alter, hast du gesehen, was für ein derbe hässliches Blümchenteil die Mutter von Lara anhatte?“ Dass die Eltern ihrer Klassenkameraden über meine Haare herziehen? „Diese Frau sollte dringend ihre Frisur überdenken.“

Ja, irgendwie so etwas scheint im Kopf meiner Tochter vorzugehen. Natürlich macht mich das manchmal traurig. Ich habe mich nie für sie geschämt, egal wie sie aussah oder wie sich angezogen hat. Solange es den Jahreszeiten entsprach, habe ich ihr schon als Kleinkind die Kleiderauswahl überlassen. Im Alter von vier Jahren verließ sie grundsätzlich nur mit Feenflügeln das Haus. Mit etwa acht war es ein riesiger Cowboyhut, den sie einfach nicht absetzen wollte. Und auch heute, wenn sie meint, sich bei fünf Grad in einer Jeansjacke aufs Fahrrad setzen zu müssen, verkneife ich mir einen Kommentar, warte einfach ein paar Tage bis sie wieder einmal rumhustet und erst dann entschlüpft es mir vorwurfsvoll: „Du musstest ja auch unbedingt in der dünnen Jacke zur Schule fahren.“ Danach laufe ich trotzdem in die Küche, um ihr eine frische Hühnersuppe und einen Erkältungstee zu kochen.

Und nun will ausgerechnet sie mir Vorschriften machen und den Dresscode vorgeben?! Vor ein paar Tagen waren wir zu einer Familienfeier eingeladen. Ich zog eine dunkelblaue Hose und ein maritimes blau-weiß gestreiftes Oberteil an. Da sie ebenfalls zufällig ein Top mit Streifen trug, befahl sie eiskalt: „Zieh das aus. Sonst rennen wir ja im Partnerlook rum. Das geht nicht.“ Ich gehorchte, um einem Drama aus dem Weg zu gehen.

Um sie nun ein bisschen zu ärgern, tausche ich mein Blumenshirt gegen mein rosafarbenes Disney T-Shirt mit der Aristocats-Marie und der Aufschrift „I’m a lady“. Sie wird ganz rot vor Wut. „Wehe, du gehst so in die Schule. Mann, willst du mich total lächerlich machen?“ Okay, das ist jetzt schon etwas gemein. Wo ich doch weiß, dass sie noch vom letzten Nordseeurlaub traumatisiert ist! Ich hatte mir eine neue Regenjacke in rosa gekauft. Gelb steht mir einfach nicht und da es die Jacke auch in einem wunderschönen Rosaton gab, lief ich an der Nordsee wie ein rosa Schweinchen rum. Leider hatten mein Mann und ich uns vorher nicht abgesprochen. Woher sollte ich wissen, dass er sich eine neue regendichte Windjacke gekauft hatte? In einem leuchtendem Orange! „Ihr seid so oberpeinlich“, tobte sie den halben Urlaub. „Jetzt muss ich hier mit Barbamama und einer Rettungsboje durch die Gegend ziehen.“
Ich klärte sie darüber auf, dass die Barbamama eigentlich schwarz ist, was sie aber nicht im Geringsten interessierte. Zugegeben, wenn mein Mann und ich so nebeneinanderstanden, hat sich das farblich schon sehr gebissen. Aber im Grunde war es sowieso egal, in welchen Jacken wir rumliefen. Wir hätten schon unsichtbar sein müssen, damit sie sich nicht von uns provoziert fühlte. Nur war der Tarnumhang von Harry Potter leider ausverkauft.

An manchen Tagen reicht es schon, ordentlich angezogen neben ihr im Auto zu sitzen, um bei ihr anzuecken. „Achtung“, schrie sie letztens, als ich sie ausnahmsweise mit dem Auto von der Schule abholte. Ich fuhr erschrocken zusammen und legte fast eine Vollbremsung hin. „Was ist?“, frage ich mit klopfendem Herzen. „Da sind Jungs aus meiner Klasse auf dem Fahrrad. Guck jetzt ganz normal! Ganz normal!“ Ich fragte mich, wie ich denn unnormal gucke. Schiele ich? Habe ich einen Silberblick oder etwas Dümmliches im Blick? Ganz ehrlich, ich kann damit leben, wenn es so ist und ich es bisher nie gemerkt habe. Aber als einzige Erklärung, wie nach ihrer Definition Normalgucken denn genau aussähen würde, kam nur genervt: „Ach, egal. Normal eben.“ Ich hätte das wirklich gerne ausdiskutiert, um künftig einen für sie akzeptablen Gesichtsausdruck vor dem Spiegel zu üben. Da ich ihr Verständnis von „normal“ bisher noch nicht durchschauen konnte, hole ich sie nun gar nicht mehr von der Schule ab. Auch nicht bei Platzregen. Denn bei Regen werde ich in meiner Jacke zur Barbamama. Und das geht natürlich nicht!

Mir ist natürlich klar, dass Äußerlichkeiten bei Teenagern unweigerlich ab einer bestimmten Phase einen riesigen Stellenwert einnehmen. Wer bin ich und wie wirke ich auf andere? Wie komme ich am vorteilhaftesten rüber? Wir Eltern sitzen zwangsläufig mit in ihrem Boot der Eitelkeiten. Wir repräsentieren den Stall, aus dem der Jugendliche kommt. Verhalten wir uns in ihren Augen peinlich oder sehen peinlich aus, fällt das zwangsläufig auf sie zurück. Zumindest denken sie das. Als ich in Laras Alter war, lief ich auch nur mit großem Sicherheitsabstand hinter meiner Mutter her, wenn sie ihre – meiner Meinung nach – superhässliche und peinliche Wollmütze im Winter trug.

Und daher verzichte ich heute zwar nicht auf meine Brille, ziehe aber selbstverständlich das rosa Disneyshirt wieder aus und hole eine Bluse aus dem Schrank. Eine weiße! Als Zeichen für Frieden, Kompromiss und Verständnis.


13 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Wenn der unbeabsichtigte Partnerlook den Jungspund stört, sollte man vielleicht darauf hinweisen, daß er/sie sicher nicht nur über ein einziges passables Oberteil verfügt. Bei der Regenjacke in rosa dagegen bin ich fast geneigt, der Jugend recht zu geben. Aber das liegt an meinen grundsätzlichen Aversion gegen die Schweinchenfarbe.

  2. Interaktive Toleranz-Therapie
    :=)

  3. So oder so
    Seit ich mir selber klar gemacht habe dass ich nicht nur erziehungsbefugt sondern auch erziehungspflichtig bin, kriegen wir auch das hin.
    Töchterchen muss damit umgehen, dass Mama den Spiegel öfter mal vergisst und wenn die klare Ansage kommt: „Mama, das Oberteil ist durchsichtig, man sieht den Bund und den Büstenhalter, er ist rosa und ausserdem zu gross!“ ziehe ich mich eben um (danke für den Hinweis).
    (Ach so, bei uns in der Familie sollte der Körper im Allgemeinen zwischen Schultern und Knien bedeckt sein. Vor Allem bei jungen Mädchen, deren Sexapeal viel stärker ist, als sie sich vorstellen, die man aber auch nicht mit genauen Erklärungen genieren möchte).

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