Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Die Wutprobe

| 23 Lesermeinungen

Nichts geht mehr – wenn das Kind nicht will.

Der Anlass nichtig, die Wirkung groß: Als Elias die mit Milch und Haferflocken gefüllte Frühstücksschale vor sich sah, war Schluss mit lustig. Erst schaute er entgeistert, dann brach sich die kindliche Empörung vollends Bahn. Nein, so nicht, die Milch hatte er doch selbst einfüllen wollen! Was von mir also als harmlose väterliche Dienstleistung gedacht war, hatte er als Affront verstanden. Weil er doch selbst einfüllen wollte. Mit allen Konsequenzen: Weinen, Schreien, rückwärts fallen lassen. Der Anfall dauerte danach fast eine Viertelstunde. Ein eher unakademisches Viertel.

Für Eltern mit einem Kind im Alter von zwei oder drei Jahren hat dieses Schreckensszenario einen Namen: Trotzphase. Kennt man, macht jeder durch, lässt sich nur schwer abstellen – raubt aber den letzten Nerv. Die Trotzphase beginnt – je nachdem – im Alter von anderthalb Jahren und kann dauern, die absolute Hochphase aber liegt um die Jahre zwei und drei. Die Hochphase zieht allerdings ziemlich runter, zumindest die Eltern, die ihr zuvor zuckersüßes Kind von einer anderen Seite kennenlernen, wenn sich der Junge im Supermarkt vorm Süßigkeitenregal auf den Boden wirft oder die Tochter im Restaurant einen Schreianfall bekommt.

Was die Sache nicht leichter macht: Man weiß ja genau, wo es herkommt: Der sich entwickelnde kindliche Intellekt drängt nach neuen Erfahrungen und sieht die Welt erstmals als Spielfeld, das sich durch das eigene Handeln steuern lässt. Das Kind will sich ausprobieren und nicht gebremst werden durch Regeln, die Erwachsene setzen, und die ihm unverständlich sind oder besser: bleiben müssen. Es ist vielleicht ein Trost für genervte Eltern, dass die Kinder vor allem deshalb bocken, weil sie sich im Kreise ihrer Eltern, ihren wichtigsten Bezugspersonen, sicher fühlen.

Es ist ja in diesem Alter so: Wenn Elias seinem geliebten Nachbarmädchen an den Haaren zieht, fängt es an zu weinen – was er wiederum als mindestens interessant, wenn nicht sogar spannend findet. Um zu verstehen, dass es dem Mädchen wehtut, müsste er etwas entwickelt haben, was meist erst nach dem dritten Lebensjahr entsteht: Empathie. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist die Voraussetzung, um die Sinnhaftigkeit von Regeln zu begreifen. Bis sich das halbwegs entwickelt hat, ist Trotz die natürliche Reaktion eines Kindes, das seine kleine Welt plötzlich nicht mehr versteht, weil sich ein Wunsch nicht erfüllt, oder es etwas tun muss, das es partout nicht will.

So wie: Staubsaugerkabelaufrollen. Staubsaugerkabelausrollen. Überhaupt selbst Staubsaugen! Milcheinfüllen. Milchschütten. Überhaupt Schütten! Deckelaufschrauben. Deckelzuschrauben. Ganz allgemein Schrauben. Fensterheberbedienen. Autotüraufmachen. Besenschwingen. Gabelhalten. Gummibärchenessen. Eislutschen. Apfelsaftrinken. Und zwar nicht drei Gummmibärchen, sondern dreißig. Und nicht ein halbes Glas Apfelsaft, sondern am liebsten: literweise. Oder: Helfen beim Sachenzusammensuchen und Zimmeraufräumen.  Oder: nicht mehr zu seiner Freundin hinuntergehen, weil es gleich Abendessen gibt. Stattdessen: Zähneputzen!

In dem einen Fall muss das Kind also lernen, dass manche Dinge gerade nicht angesagt sind – und es manchmal wiederum Dinge gibt, die man, obwohl unangenehm, tun muss. Vertrackt. Wie soll man da den Überblick behalten, zumal, wie wir ja wissen, die Fähigkeit, sich in jemandes Gedanken hineinzuversetzen, fast noch gar nicht entwickelt ist? Es gibt deshalb auch keine Aussicht, mit Vernunftappellen oder intellektuellen Brücken, die man als Erwachsener zu bauen glaubt, die Situation zu entschärfen. Der Trotzanfall ist roh und ungeschminkt und im Brustton der Überzeugung vorgetragen, mitunter als Brustton der Verzweiflung bei nichtigem Anlass.

Wie reagieren? Die wichtigste Lektion als Erwachsener ist wohl die, sich nicht mit auf die Reise dieser emotionalen Achterbahnfahrt zu begeben. Ruhe bewahren, entspannt bleiben, lächeln – statt die Anspannung des Kindes in sich aufzunehmen und deshalb noch mehr Gereiztheit in die Situation hineinzugießen. Was allerdings verdammt schwer ist, zumal Trotzanfälle gerne morgens zwischen Aufstehen und Aufbruch ausbrechen, also dann, wenn Kinder und Erwachsene in ihren Routinen aus Zähneputzen, Frühstücken und Schuhebinden eigentlich geräuschlos funktionieren sollten. Just in jener halber Stunde Ruhe, die wir morgens vor der Arbeit zum Frühstücken haben, knallt Elias‘ Trotzanfall gerne dazwischen. Trotz-Kinder brauchen eben auch ihr Publikum, und beide Elternteile sind entweder abends oder eben morgens anwesend.

Wenn sich die Eltern durch diese Stimmung anstecken lassen, geht das Geschrei erst recht weiter. Milderung ist in Sicht, wenn Vater oder Mutter Verständnis zeigen und demonstrative Gelassenheit zur Schau stellen, sich vielleicht ein paar Meter wegbewegen, mal kurz in einen anderen Raum (in Hörweite) gehen oder das Kind einfach in den Arm nehmen. Jedenfalls die Situation kontrollieren, souveränes Verständnis zeigen, dabei aber klar die Regeln beachten und bei wichtigen Dingen nicht einknicken – und sich bei weniger wichtigen Themen flexibel zeigen. Zugegebenermaßen, das ist gar nicht so leicht, zumal man morgens ja durchaus selbst in Eile und deshalb ja nur bedingt entspannt ist.

Wenn alle Stricke reißen: besser in die neutrale Zone bringen. Bei Elias wirkt die Auszeit mit Wasserfläschen auf dem Bett wahre Wunder. Nach ein paar Minuten der Ruhe kühlt er gewöhnlich wieder schnell in seinen normalen Modus herunter – und kommt zu uns zurück ins Wohnzimmer, fast so, als sei nichts gewesen. Das ist ja sowieso das erstaunlichste Momentum bei der Kindererziehung: Wie schnell ein Kind so tun kann, als sei nichts gewesen – als Eltern ist man nicht mehr ganz so flexibel, und man reibt sich nur verwundert die Augen. Und ist erleichtert.


23 Lesermeinungen

  1. KarlaHammaburg sagt:

    Titel eingeben
    Lieber Martin,
    es tut der Seele gut, wenn jemand die Gefühle von Eltern so nett und humorvoll in Worte fasst wie du. Und das mit der Emphatie …. ja, die wächst bei den Kindern mit der Erfahrung und das bleibt offenbar so, denn auch bei Erwachsenen ist die Emphatie häufig nur vorhanden, wenn sie über dieselbe Erfahrung verfügen. So empfinde ich die Reaktion anderer, die keine Kinder haben, über wenig oder keine störende Hobbies verfügen- wie z.B. Musikhören, Ehemann, Kinder, Tiere o.Ä., auch als äußerst anstrengend, wenn sie z.B. während eines Schreianfalls unserer Tochter (4) im Treppenhaus fragen „warum schreist du denn so?“. Da bleibt mir regelmäßig jeglicher Kommentar im Halse stecken – denn ich möchte sie auch nicht beleidigen, indem ich sie darauf aufmerksam mache, dass sie selbst ein Kind waren oder dass sie, wenn sie Kinder hätten, sicher nachvollziehen könnten, warum das Kind schreie.
    Aber, was ist letztlich ein genervter Nachbar, wenn man so ein Glück h

    • H.J.Zerc sagt:

      Wenn ein Kind hemmungslos schreit...
      ist das der Versuch der Umgebung seinen augenblicklichen Wille aufzu-zwingen. In der Kaufhalle deswegen, weil ein Gegenstand für das Kind nicht erworben wird. Die Mutter soll blamiert werden. Manchmal passiert mehr als das Schreien, dann wird kindsseitig geschlagen. Die Eltern waren vor 100 Jahren nicht dümmer oder unwissender. Sie mussten sich oft gegen eine Korona von 10 eigenen Kindern behaupten. Wetten, dass von keiner Seite groß geschrien wurde ? Mutter musste nur gucken und den Finger heben. Dann bekam Greta von Gerda eins übergezogen. Beide blieben lebenslang gute Schwestern. So ist wirk-same Pädagogik ! Seelische Krüppel? Unsinn, G.+G. wurden über Achtzig.

  2. Hochuli sagt:

    Erziehung findet statt, dadurch dass Erziehungsberechtigte erziehen!
    Es gibt sicherlich weder ein allgemeingültiges Rezept noch eine Erfolgsgarantie und doch kann ich schwer darüber hinwegsehen, dass eine – meines Erachtens – falsch verstandene „Dem-Kind-alles-Recht-zu-machen-Haltung“ gerne auch dazu führt, und die Beispiele sehen wir fast täglich im Alltag, im Restaurant, in der Kirche, dass die Kinder überfordert werden und nicht selten das Kind die Eltern erzieht! „Entweder ihr erfüllt meinen Wunsch oder ich lasse den ganz großen Zirkus auffahren!“

    Und da gibt es einiges nachzuholen an Verständnis und Aufklärung!

    Mir tun die Kinder leid, denen nie Grenzen aufgezeigt wurden und diese wichtige Erfahrung dann später dazu führt, dass sie bei minimalem „Gegenwind“ überfordert sind und/oder „zusammenbrechen“ weil ihnen 20 Jahre anerzogen wurde, dass sie die Allergrößten sind, keine Kritik oder Zurechtweisung hinnehmen müssen (Anwalt sei Dank) die schlechten Zensuren nur der Unfähigkeit des miserablen Lehrer zuzuschreib

  3. Mehmet2019 sagt:

    Trotzphase ? wenn ich schon so was lese
    Meiner Meinung nach ist sowas keine Phase im Leben, sondern immer das gleiche nur auf eine andere Art und Weise der Reaktion auf ein „NEIN“.

    Die Kinder machen sowas weil die, die Einladung von den Eltern bekommen.
    Eltern bieten so was wie
    – willst das nicht essen ==> dann gibt es was anderes
    – willst das nicht machen ==> dann machen wir was anderes
    – du willst das nicht haben ==> dann kaufen wir was du willst
    .. an.
    UND das schlimmste…. Vater sagt nein, Mutter sagt JA und schaut dabei Vater an (wie kannst DU nur), oder die Oma, Opa, Onkel oder wer auch immer

    Interpretation von Kind aus :
    – Ich wollte was anderes, also mache ich so lange Ärger bis ich das bekomme was ich will (irgendeiner von denen wird das schon machen)

    Wie bereits „Richard Ervins“ geschrieben hat.

    NEIN DAS BEKOMMST DU NICHT !

    muss auch nach 30 Minuten schreien NEIN heißen. Absolute Konsequenz ! GRENZEN setzen

    Aber heutzutage.. kind mach was du willst und ich habe meine Ruhe.

    • H.J.Zerc sagt:

      Der Gipfel des elterlichen Blödsinns:
      Abparken vor dem TV oder anderer Elektronik. Mit der Endkonsequenz, dass solches Spiel zur regelmäßigen Flucht vor der Wirklichkeit wird. Erklärung: „Unser Kind ist eigentlich überbegabt, nur eben faul wie manche Genies, es wird schon, später!“ Nichts wird, es bleibt ein Loser.
      Wenn‘ s ein Lehrer später durchblicken lässt, wes Geistes Kind der Sprössling ist, muss er mit ner Klage rechnen? Umso schneller, wenn
      der Papa, auf Betreiben der Mama, aufs Ganze geht. Dabei ist Fakt, dass Mama nur das eigene, vergeigte Abi beim Jungen miterleben möchte. Loser sollten erst zum Bund gehen und dann einen Brotberuf
      lernen. Handwerker werden immer knapper: Ohne Fleiss kein Preis.

  4. peso sagt:

    Kleine Anmerkung zum Thema Empathie
    Wenn ein 3-jähriger seiner 3-jährigen Spielgefährtin an den Haaren zieht, bis diese weint, bekommt dieser 3-jährige in wesentlichen Grundzügen durchaus mit, was er tut.

    Grundzüge von Empathie formen sich bereits mit Beginn des 3. Lebensjahres, zumindest der Teil, den man a. e. als affektive Empathie umschreibt. Die ausgereifte, dann auch kognitive Empathie entwickelt sich erst im Laufe der Zeit.

    Soll heißen: Der beschriebene 3-jährige kann zumeist ausreichend erkennen, dass sein Verhalten seinem Gegenüber Schmerz zufügt, also schadet. Wenn das Kind sein Verhalten dann trotzdem fortsetzt, geht es eher darum auszuloten, wie lange die Erwachsenen dessen Machtspielchen hinzunehmen bereit sind. Das unter die Rubrik Trotzphase zu subsummieren erscheint gewagt. Hier geht es um den unausgesprochenen Ruf nach Grenzsetzung, die dann sinnvollerweise auch erfolgen sollte, angemessen aber unbedingt konsequent.

  5. Fireball29 sagt:

    Charakter
    Konsequenz und Respekt sind sicherlich die Eckfeiler einer erfolgreichen Erziehung, allerdings ist auch der Charakter nicht zu vernachlässigen. Der eine spielt sofort mit und hört sofort und der andere macht gar nicht mit, und da wird es schwer, denn ohne Gewalt (was natürlich niemand will!!), lässt sich eben nichts erzwingen, und da wird die Sache spannend…

  6. H.J.Zerc sagt:

    Gegenbeispiel: Warum läßt die Elite ihre Kinder hart erziehen?
    Ein Verwanter ist von seinem Vater mit dem Riemen geschlagen worden. Er wurde Offizier und später ein allseits geachteter Vater und Direktor in einer mittelgroßen Firma. Gesundheitliche Ausfälle etc. gleich Null. Er hat seine Tochter ebenso hart aufgezogen: Zwei Uni-Abschlüsse, letzer Jura, eigene Kanzlei. Ohne alle Protektion. Man war dort der Ansicht, nur Härte gegen sich selbt führt zum Erfolg (siehe den Sport). Wehleidigkeit schafft nur Schlaffis, die immer wieder die Empathie der Umgebung suchen. So ist die Welt aber nicht gemacht. Letztlich ist es so, dass hart Erzogene vor der Züchtigung anderer selbst zurückschrecken. Mit dem vorgeschlagenen Weg erklärt der Pädagoge anderen nur seinen Beruf; Erfolge, auf die es aber zuerst ankommt, kann er nicht gewährleisten. Im Übrigen, der Charakter wird
    eher vererbt als anerzogen. Anerzogene gesellschaftliche Konventionen erleichtern das Zusammenleben und das Fortkommen.

  7. H.J.Zerc sagt:

    Nachsatz: 30% der Abiturienten brechen das Studium ab !
    In den Fünfzigern waren das keine 10%, und dies in MINT-Fächern. Nicht in Quatschfächern, die genommen werden wegen eines Bachalors usw. Also Fächern, von denen später niemand leben will und zumeist das auch nicht kann. Ich erkläre mir das mit einem Mangel an Härte der Studenten gg. sich selbst. Und einer Fahrlässigkeit in der Wahl der Fachrichtungen. Es darf nicht sein, dass die Deutschkenntnisse von Abiturienten so mies sind, dass die Profs. aufgeben: „… warum wir ? Sollen die Firmen sie doch erziehen!“ Es ist nicht das Scheitern, das problematisch ist. Sondern die verlorene Lebenszeit aller am Mißerfolg Beteiligten. Denn eines ist gewiss, diese Zeit ist weg und durch kein Geld rückholbar. Es ist die Verschwendung par excellance. In 5-7 Jahren soll ein Studium absolviert sein. Oder der Student soll die Verschwendung dann selbst bezahlen. Als Älterer habe ich den Vorteil, die Erfahrungen gesammelt zu haben, der sich jüngere „Kollegen“ erst in 20-30 Jahrer erfreuen

  8. H.J.Zerc sagt:

    Wenn ich die Briefe meiner Oma sehe,
    die eine herzensgute Frau war und doch von bescheidenem Gemüt, mit einem „Befriedigend“ in der 8.Klasse der Volksschule, ergreift mich ein merkwürdiges Gefühl. Wie kann ein Mensch, der Kriege miterlebt hat, Schläge, Hungerzeiten, Erniedrigungen usw. eine derartig gleichmäßige, disziplinierte Handschrift haben? Sich natürlich und trotzdem fein aus-drücken, ohne große Phrasen. Uns fehlen heute kulturelle Fähigkeiten und Fertigkeiten. Wir bemerken es zu selten, weil uns nur das Eigene interessiert, nicht mal die ganze Familie. Wir leben in der Dekadenz. Heisst, Denken und Tun gehen oft auseinander. Wir kriechen in das Smarthon hinein, weil es unterhält und nicht widerspricht. Wir schwat-zen den lieben langen Tag, pausenlos. Dabei zieht das Leben ungenutzt vorüber. Derweil würde die Oma in den Garten gehen und das Gemüse für Mittag mitbringen, das Fleisch und die Nudeln hätte sie bereits im Haus. Sie machte die leckerste Suppe, akkurat, wie sie Briefe schreibt.

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