Schlaflos

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Das liegt ja gar nicht an den Lehrern?!

| 22 Lesermeinungen

Schule in Unterhaching: Wer ist erleichterter, dass es wieder losgeht, Schüler oder Eltern?

Es ist still im Haus. Ganz still. Nach sechs Wochen Hausarrest in einer viel zu kleinen Gemeinschaftszelle ist plötzlich Ruhe eingekehrt. Keine laute Musik, kein Dauergequatsche am Handy, keine überfallartigen Raubzüge in der Küche. Mein Kind geht seit heute wieder in die Schule. Nur stundenweise zunächst, im Schichtdienst, mit Schutzmaske und ängstlichem Herzen, aber sie ist immerhin aus dem Haus. Ich habe sturmfreie Bude.

Die Erleichterung darüber ist kaum in Worte zu fassen. Nach sechs Wochen Familien-Dschungelcamp darf ich mein 15 Jahre altes Kind wieder in geschulte pädagogische Hände abgeben. Und meine Dankbarkeit ist grenzenlos.

Klar, irgendwie haben wir die vergangenen Wochen mit Homeschooling auch überstanden und das gar nicht mal so schlecht. Aber es war halt doch kein Homeschooling! Auch wenn dieser Begriff in den Medien in Dauerschleife verwendet wurde und suggerierte, wir verlegen jetzt einfach mal eben die Schule nach Hause und machen ansonsten weiter wie bisher, hatte das, was wir als Eltern zu Hause angestellt haben, nicht viel mit einem zielgerichteten Lehrplan zu tun. Weder hatten wir die nötigen Ressourcen noch die notwendigen  Erklärungen an die Hand bekommen. 
Wo hätte beides auch herkommen sollen, so plötzlich wie diese Pandemie auftauchte? In vielen Büros mag der Umgang mit Zoom, Teams und Skype ja schon eingeübt sein, aber in unseren Schulen, die sich zum Teil nicht mal einen neuen Wandanstrich leisten können, geschweige denn Computer für jeden Schüler und jeden Lehrer, scheint das wie ein Entwicklungssprung vom Ackerbau zur industriellen Revolution.

Technische Fallstricke gibt es reichlich: Natürlich sind nicht alle Lehrer und vor allen Dingen nicht alle Schulen darauf vorbereitet, binnen weniger Wochen ein perfektes digitales Lehrprogramm aus dem Boden zu stampfen. Dabei scheint die Erwartungshaltung sehr groß zu sein, ganz so, als hätte es für diese außerordentliche Situation irgendwo in einer abgespeicherten Datei doch sicher einen Notfallplan geben müssen. Angesichts der schlechten digitalen Ausstattung der Schulen wäre das aber eine Überraschung gewesen. 

Theoretisch hätte man natürlich überhaupt nicht aufpassen müssen bei diesem ganzen Homeschooling-Ereignis. Das Kind ist alt genug, um alle Hausarbeiten eigenständig zu erledigen. Eigentlich. Aber während man sonst dieses dumpfe Brüten über den Hausaufgaben im besten Fall gar nicht zu Gesicht bekommt, weil es erledigt wird, während man selbst bei der Arbeit ist, sprang einen nun die pubertäre Verzweiflung jeden Tag im Homeoffice wie eine Raubkatze an. 

Da war anfangs durchaus auch der Gedanke: Hey, es interessiert mich,  was sie da gerade lernt und wie sie rangeht und überhaupt, vielleicht macht es ja auch Spaß, sich das zusammen anzueignen. (Ein naiver Gedanke, ich weiß es ja jetzt.)

Nach unserer eigenen Arbeit haben wir uns mit Videotutorials und den Schulbüchern  selbst schlau gemacht, um die Lernetappe am nächsten Tag einigermaßen zu überstehen, ohne dass das eigene Ansehen vorm Kind allzu großen Schaden leidet: Wie war noch mal die Formel für das Berechnen des Volumens einer Pyramide, wer stand sich bei der Schlacht von Sedan gegenüber und wie formuliert man ein Bewerbungsschreiben für ein Praktikum auf Französisch?

Ich will es nicht leugnen, es gab Erfolgsmomente, in denen ich meiner Tochter dabei zusehen konnte, wie der Groschen fiel. Und ich die Münze eingeworfen hatte. Aber sie waren nicht allzu zahlreich. Des Öfteren bekam ich stattdessen dünnlippig mitgeteilt, dass man in der Schule ja besser lernen könne, weil man dort die Sachen erklärt bekomme. Dass also offenbar meine ausschweifenden Erläuterungen nicht in die Rubrik gelungene Erklärung fielen. Seltsamerweise. Die meiste Zeit sah ich mich einem unmotivierten, lernfaulen Teenager gegenüber, der sich erst gegen Mittag aus dem Bett und dann an einen Schreibtisch gequält hatte. 

In diesen Momenten dämmerte mir, wie furchterregend es sein muss, morgens um 8 Uhr etwa 30 Exemplaren dieser Art gegenüberstehen zu müssen. Was für eine übermenschliche Leistung es ist, einen mundfaulen Teenagerhaufen zu motivieren, zu bespaßen und in solchen bildungsfernen Schädeln auch noch irgendetwas dauerhaft zu verankern. Kurz: meine Hochachtung vor Lehrkräften ist in diesen Wochen exponentiell gestiegen. Vor allem weil ich an mir selbst feststellen musste, dass man eben nicht jeden Tag in der Lage ist, mit dem eigenen pädagogischen Zauberstab Funken zu sprühen. Bisher habe ich es mir leicht gemacht und Lehrerinnen und Lehrer selbst dafür verantwortlich gemacht, diesen Beruf gewählt zu haben. Die letzten Wochen haben mich jedoch neuen Respekt gelehrt.

Vor diesem ersten neu-normalen Schultag hat meine Tochter viel darüber spekuliert, wie man denn in der Schule Abstand halten könne und ob die Pausenaufsicht wohl die Kinder auseinander treiben werde, ob genug Seife da sei und ob man so eine Maske wirklich den ganzen Tag aufbehalten könne. Als ich unserer Klassenlehrerin als Antwort auf einen Elternbrief viel Kraft für diese Woche wünschte, schrieb sie mir offen zurück: Danke, mir ist aber auch ganz schön mulmig.

Wozu sie jedes Recht hat und was ich bestens nachvollziehen kann, und doch wünscht man sich als Eltern, dass Lehrer an solchen Ausnahmetagen wie Felsen in der Brandung stehen. Weil man selbst ja in den vergangenen Wochen ständig diesen Spagat vollführt hat: Offen über Gefahren der Pandemie zu sprechen, den Kindern aber gleichzeitig keine übertriebene Angst einjagen zu wollen. Sich selbst zusammenzureißen, auch wenn man sich manchmal einfach die Decke über den Kopf ziehen möchte und hoffen, dass am nächsten Morgen dieses verdammte Virus endlich wieder dahin zurückgekrochen ist, wo es herkam. 

Ab heute sind nun endlich wieder andere Erwachsene dran, ständig stark sein zu müssen. Lehrer, die jeden Tag das tun, was wir Eltern in den vergangenen sechs Wochen stemmen mussten: sich zusammenreißen, funktionieren, am besten mit einem Lächeln, das Sicherheit ausstrahlt, damit die Kinder möglichst unbeschadet durch diese Zeit kommen. 

Ich danke euch Lehrern!


22 Lesermeinungen

  1. thomas-jung sagt:

    Respekt - ja, Gleichsetzen von Schule und "HomeSchooling" - nein
    Selbstverständlich verdienen Lehrer Respekt für ihr Tun. Mindestens so viel wie jeder andere Beruf, der auch irgendwie zum Vorankommen unserer Gesellschaft beiträgt. Und das tut irgendwie zum Glück ja (fast) jeder.

    Aber nun die Lehrer zu lobpreisen, weil sie nicht nur mit einem einzigen, sondern gleich mit 25 Kindern zurecht kommen müssen, ist auch nicht angemessen. Schließlich ist das ein professionell erlernter und ausgeführter Beruf. Mal ganz abgesehen davon, dass „Kind in Schule“ ein ganz andere Kiste ist als das „eigenes Kind im eigenen Zuhause“.

    Wenn es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die jetzt Eltern gegenüber Genugtuung verspüren, weil die endlich mal merken, wie schwer doch der Umgang mit Ihrem Kind ist, dann stellen sie ihre eigene Ausbildung, Erfahrung und Funktion komplett in Frage – wenn Eltern diese Rolle einfach so übernehmen könnten, dann bräuchten wir den Beruf des Lehrers ja nicht.

  2. CKhoury sagt:

    Das liegt ja gar nicht an den Lehrern?!
    Ein herzliches Dankeschön an Tanja Weisz für diesen erhellenden und realistischen Text. Ein Dank an die Lehrer war überfällig, nicht nur für diese Virus-Epoche, sondern für das jahrelange Engagement, das immer wieder darin mündete, aufzugeben, weil man sich als Lehrkraft auch gegenüber den Eltern durchsetzen musste, ohne jemals Unterstützung von diesen zu bekommen. Für jede an die Schüler vergebene schlechte Note wurde man immer alleine dafür verantwortlich gemacht. Ich bin froh, diese Zeit hinter mir zu haben und wünsche allen Lehrern, dass sie ihren Berufsweg heil überstehen.

  3. workingninetonine sagt:

    Balsam für die Seele
    Vielen Dank für diese wunderbaren Worte! Es tut unglaublich gut, mal kein unreflektiertes Lehrer-Bashing in dieser schwierigen Zeit genießen zu dürfen. Ich schreibe Ihnen dies in meiner Mittagspause, die ich mir nach 8 Stunden Nonstoparbeit am Rechner und Telefon gegönnt habe. So sehen übliche Arbeitstage eines Klassen-/ Hauptfachlehrers nun mal aus. Und ich werde sicherlich noch bis 18/19 Uhr sitzen. Klar gibt es die berühmten Turn- und Bastellehrer, auf einige von diesen trifft sicher das allenthalben entäußerte öffentliche Bild des faulen, unmotivierten, überbezahlten Beamten zu. Doch die Mehrheit ist mit Herzblut dabei und leidet gerade ebenso wie Eltern und Kinder unter dieser Situation. Wir versuchen das Menschenmögliche, alle Kinder und Eltern zu erreichen, mit ihnen zu lernen, zu lachen und sie zu unterstützen. Ich habe Hochachtung vor allen Eltern, die das Selbe tun! Danke – Ihre Worte haben gut getan – ein kleiner Lichtblick in dieser grauen Zeit, ein klein wenig

  4. Rory_ sagt:

    Danke...
    … für diesen Text, der sich wohltuend vom gerade zu en vogue erscheinenden Lehrer-Bashing der letzten Tage abhebt.

  5. StephanVoigt sagt:

    Hilfe zur Selbsthilfe als Lernprinzip
    Wir haben unsere Kinder von Anfang an zur Selbstständigkeit beim Lernen erzogen und ihnen klar gemacht, dass sie für sich und nicht für uns Eltern lernen. Wir haben sie gelobt, wenn sie sich gute Noten erarbeitet haben, und sie gefragt, woran es bei schlechteren Noten aus ihrer Sicht gelegen hat und was sie beim nächsten Mal besser machen können. Natürlich haben wir auch Fragen beantwortet oder uns bemüht, Dinge zu erklären und mussten auch enger dabei sein, als sie kleiner waren. Wir haben sie gefordert, wenn größere Nachlässigkeiten da waren, und haben gebremst, wo eigene Überforderung zu sehen war. Wir haben die Kinder machen lassen und in die Eigenverantwortung genommen. Dieses Vertrauen zahlt sich heute aus – vielleicht haben wir Glück gehabt, bestimmt war es aber auch der richtige Weg. Danke aber auch an all die Lehrer, die den Kindern als Inspirationsquelle dienen. Ihr könnt in den Kindern echte Begeisterung für Fächer entfachen, so dass sie sich auf Euch und Sch

  6. Syntaxa sagt:

    Desiderata-Auszug:
    „Sei freundlich zu allen Menschen, soweit ohne Selbstaufgabe möglich.“
    Auszug Ende.
    Ein freundliches „danke“ mit Augenmaß aus Selbsterkenntnis und Einsicht
    heraus, aus „Selbsterleben“ heraus sorgt für „sauberes Klima“;
    freundlicher Leben-Atmosphäre.
    Dem Corona-Virus „müssen“ wir „Respekt zollen“.
    Den Menschen können wir „Beachtung schenken“ und sie mit einem freundlich kleinen „danke“ achten.
    Und dann gibt es noch…Zitat:
    „Es fällt uns schwer denjenigen der uns bewundert für einen Dummkopf zu halten.“ Zitatende
    In diesem Sinne, guter Beitrag von Ihnen.

  7. antholog sagt:

    Und noch etwas anderes gelernt
    Mein Sohn ist erst acht und lernt schnell und gerne, darum kann ich eigentlich nicht mitreden hier.
    Trotzdem möchte ich etwas ergänzen: Zusätzlich zum Respekt vor dem Lehrerberuf könnten wir Eltern noch etwas mitnehmen (manche wissen das natürlich schon): Es hilft, wenn man sich auch selbst für die Kinder, ihr Wohlergehen und ihr Fortkommen zuständig fühlt. – Ja, sehen Sie es als Eingeständnis.
    Es ist nicht leicht, unter der Dauerbeschallung der modernen Marktwirtschaft einen klaren Kompass zu behalten. Man soll ja berufstätig sein. Immer und fokussiert und produktiv, und nicht ständig krank feiern, bloß weil’s Kind hustet. Und man soll die Zeit mit den Kindern ganz intensiv nutzen und sich ihnen widmen.
    Und dann stellt man fest, dass man a) nicht immer so leicht umschalten kann und b) noch etwas drittes will, nämlich Zeit einfach so für sich selbst.
    Und nun plötzlich stehen mir die Bedürfnisse meiner Kinder viel deutlicher vor Augen und sind ganz leicht nachvollzie

  8. Winterhans sagt:

    Ursache und Wirkung?
    Wenn der Erstkläßler nach zehn Minuten unkonzentriert wird und die „Erklärung“ lautet: „Die Konzentrationsspanne ist nun mal so kurz. In der Schule wird deshalb alle zehn Minuten gesungen/gespielt/sich bewegt.“, dann frage ich mich, ob die Konzentrationsspanne vielleicht so kurz ist, weil in der Schule alle zehn Minuten…
    Und dann liegt es nahe, nicht die Lehrer, die mit dieser Konzentrationsspanne fertig werden müssen, zu bedauern oder bewundern, sondern sie aufzufordern, daran was zu ändern.

  9. M.Wrn123 sagt:

    LEHRERINNEN UND LEHRER
    Guten Abend,
    1. es sollte bitte von Lehrerinnen und Lehrern gesprochen werden, weil der größere Anteil nun einmal Lehrerinnen sind.
    2. Die Schule hat bis zur Oberstufe eine wichtige Betreuungsfunktion. Dass die Zeit dort möglich sinnvoll, kindgerecht und lernintensiv sein soll, diesen Anspruch sollten alle haben. Genauso sollte es nicht verwundern, dass es dort noch ungenutztes Potenzial gibt, an wem oder was es auch immer liegen mag.

    3. Über Vieles kann man sicher streiten. Vertrauen und miteinander reden kann helfen.

  10. Wasweissichdennauch sagt:

    Erkenntnis fürs Leben
    Es liegt zumeist nicht am Lehrer und nicht an der Bildungseinrichtung. Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir: Sogar die Eltern lernen derzeit dazu.

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