Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Schön kuschelig autoritär

| 31 Lesermeinungen

Sohn und Vater, in harmonischer Eintracht. Aber wehe der Sand geht aus.

Jeder kennt die 1-2-3-Methode in der Kindererziehung. Stellt sich ein Kind bockig an, will es nicht, was Sie wollen, fordern Sie es weiter auf, die Apfelkitsche (gemeint ist der Rest eines Apfels, ein Wort aus meiner NRW-Heimat, in anderen Regionen gibt es dafür andere Bezeichnungen) dennoch in den Mülleimer zu bringen und nicht in der Sofaritze zu entsorgen. Bleibt es bei der Totalverweigerung, zählen Sie langsam und in Zeitlupe bis drei. Sollten Sie bei drei ankommen, ohne dass das Kind das sozial erwünschte Verhalten zeigt,  müssen Sie eine Konsequenz parat haben. Eine Strafe, die sich gewaschen hat. Sonst stehen Sie ziemlich dumm da – und das Kind lacht sich im Stillen kaputt.

Das ist mir neulich passiert. Im Anflug von „strenger Daddy“ zählte ich mich durch die drei Zahlen, und mein dreijähriger Sohn reagierte natürlich überhaupt nicht. Bei der Zahl drei angekommen, fiel mir auf, zugegebenermaßen etwas zu spät, dass ich eigentlich überhaupt nicht darüber nachgedacht hatte, welche Konsequenz aus seiner Blockade folgen sollte. Die pure Erzieher-Hölle. Hastig justierte ich nach und verkündete das harte Urteil, das meinem Sohn natürlich die Farbe aus dem Gesicht weichen ließ: „Dann heute kein Apfel mehr“. Das Weltgericht hatte gesprochen. Die abschreckende Wirkung dürfte sich in Grenzen gehalten haben, vermute ich.

Saublödes Urteil, dachte ich noch. Die Zweifel kamen im Moment der Urteilsverkündung. Warum gerade kein Apfel mehr? Der Junge isst gelegentlich zu viele Haribos, aber Äpfel? Da kann ich doch nur froh sein, wenn er genügend abbekommt. Mir wurde schlagartig bewusst, dass die ungeliebte 1-2-3-Methode ohnehin nur funktionieren kann, wenn man Ziele und Strategien definiert. Wer sich, wie ich, keine Konsequenzen ausgedacht hat oder sich unsicher ist, ob sich diese umsetzen lassen, vergisst die Erziehungsmethode am besten gleich wieder. Selbst der noch unausgebildete Intellekt eines Kleinkindes speichert Inkonsequenz unter der Rubrik Unglaubwürdigkeit ab.

Aber vielleicht muss ich noch den einen Schritt zurückgehen. Die 1-2-3-Methode war mir bis dato immer maximal unsympathisch. Ich hielt sie für autoritär, einen Kasernenhof-Ton dulde ich zuhause nicht, weder bei den Erwachsenen noch beim Kleinkind. Zumal mir solche Töne aus der Kindheit durchaus geläufig sind, wenn auch nicht im eigenen Elternhaus. Manche Elternteile meiner Freunde konnten sich innerhalb weniger Sekunden vom netten Onkel zum autoritären Übervater wandeln – und das war wenig angenehm und bis heute keine gute Erinnerung. Auch deshalb nicht, weil ich wohl damals nicht verstand, woher dieser plötzliche Wandel rührte. Die konkreten Fälle sind längst vergessen, aber solche Verhaltensmuster, Stimmungen und Töne bewahren sich ein Leben lang im Gedächtnis auf.

Vor wenigen Tagen führte ich ein Interview mit einer prominenten Sängerin, die plötzlich, als wir über Kindererziehung sprachen, die 1-2-3-Methode erwähnte. Als etwas Positives, das zwar nicht mehr so richtig modern sei, aber doch ungemein effektiv – und überhaupt, Kinder brauchten Regeln. Dem letzten Gedanken kann ich nur zustimmen, aber wie gesagt: Das autoritäre Gehabe früherer Generationen brauche ich auch nicht, da können sich noch so viele oftmals ältere Männer über „Kuschel-Väter“ und „Softy-Daddys“ lustig machen, das ist mir völlig egal: Autoritäre Verhaltensweisen prägen Kinder mehr als einem lieb sein kann. Erwachsene, die sich heute autoritär gebärden, sind häufig in ähnlichen Kontexten groß geworden. Wer nach einem starken Führer ruft, darf gerne mal in seiner Kindheit kramen, woher das wohl kommen mag. Für mich ist das kein möglicher Lebensentwurf, sondern schlicht ein Irrweg.

Aber zurück zum Kind: Was tun? Kann es gelingen, aus beiden Welten eine Synthese hinzubekommen, die die Nachteile autoritären Gehabes reduziert, die Vorteile einer klaren Regel-Erziehung fürs Kind aber beibehält? Damit die 1-2-3-Methode wirkt, sollten die Schritte und Konsequenzen nicht nur bedacht, sondern auch vernünftig erklärt werden. Bevor man zur Tat schreitet, könnten Sie dem Kind erklären, was Sie vorhaben – und welche Regeln gelten. Erklären Sie, dass Sie es nicht tolerieren, wenn die Apfelkitsche im Sofa landet, und dass da auch Diskussionen nichts nutzen. Dann erläutern Sie kurz, dass das Kind zwei Chancen hat, um das Verhalten zu ändern. Zählen Sie die eins, dann die zwei – erst wenn Sie genügend Chancen und Zeit gegeben haben, kommt die drei. Wenn Sie die Konsequenz schließlich ausgesprochen haben, gibt es keine Diskussionen mehr, keine Erklärungen oder Ablenkungen. Das spart Zeit und Energie – und ist vor allem eine klare Ansage.

Was bei der berühmten Apfelkitsche natürlich nicht gut funktioniert hat, ist die Frage der Konsequenz. Die muss gut beantwortet werden und am besten im Zusammenhang mit dem „Delikt“ stehen. Wenn es darum geht, den Apfelrest zu entsorgen, könnte eine wirksame Konsequenz sein, heute keine Gummibärchen mehr zu bekommen. Da hilft auch kein Zetern mehr! Ein Fernseh- oder Tabletverbot hingegen würde von Ihrem Kind mit Sicherheit mit einem „Warum?“ quittiert werden, und das nicht ganz zu unrecht. Und klar sein muss auch: Wir sprechen hier von Kindern jenseits des dritten oder vierten Lebensjahres, die einfache Zusammenhänge und logische Folgen verstehen können. Nach der Grundschule muss dann aber auch Schluss sein damit – denn sonst zeigt Ihnen der Teenager einen Vogel, auch das nicht zu unrecht: „Was will der Alte denn?“ Und geht dann aus dem Zimmer. Hätte ich genauso gemacht. Nur die Apfelkitsche wäre im Zimmer geblieben, möglicherweise sogar in der Sofaritze.


31 Lesermeinungen

  1. crawley sagt:

    Titel eingeben
    Antiautoritär anfangen mit einer Ansage wie: „Es gibt immer zwei Meinungen …“ und autoritär enden: „… meine und die falsche!“

  2. cicero81 sagt:

    Mal eine grobe Richtung als Idee...
    „Es gibt Dinge, die sind einfach so und man muss nicht immer jeden Scheiß ausdiskutieren…“ (Jan Böhmermann zum Thema Erziehung)

    Passt.
    Dafür brauch ich nicht mal nen Blog schreiben, das kriegt man sogar bei Twitter unter. Hätte mir 5 Minuten Lesezeit und gleichzeitig 5 Minuten Lebenszeit erspart.

  3. Karl63 sagt:

    1,2,3
    Es gibt keine „1,2,3 Erziehungsmethode“. Nur sehr unbedarfte Menschen halten das für eine Methode, weder autoritäre noch antiautoritäre Eltern wenden sie an, höchstens Kinder untereinander sehen das als eine Art Spiel. Nach fast 40 Jahren Unterrichten wundert es mich nicht mehr, wenn es immer mehr verhaltens- und kommunikationsgestörte Schüler gibt, wenn sich die Eltern wie Kinder und nicht wie Eltern verhalten. Was früher zu viel an (schlechter) Autorität war, ist heute eindeutig zu wenig (klare) Autorität. Der Titel dieses Textes allein ist schon schwer auszuhalten.

  4. spock007 sagt:

    Ich 'schlage' meine Kinder...
    …und es tut ihnen sehr gut. Ich pruegele sie aber nicht mit einem Bambusstock wie mein Vater mich seinerzeit gepruegelt hat, sondern mit meiner Havaiana-Gummisandale. Und zwar nach folgender Methode: wenn es nach mehrmaligem, ruhigem Zuspruch bzw. Auffordern nicht klappt, dann zaehle ich auf 3. Wenn es bei 3 immer noch nicht klappt, dann stehe ich auf und ziehe meine Sandale aus. Spaetestens dann klappt es. Und wenn immer noch nicht, dann gibt es ein, zwei, drei Schlaege mit der Gummi-Sandale auf den Hintern. Das klappt immer. Kinder brauchen Anleitung, Dialog, Erklaerung, und Fuehrung. Nur so lernen sie soziales Verhalten, lernen Grenzen zu kennen, und auch Disziplin. Es geht eben nicht alles was man will. Als Kind nicht und als Erwachsener auch nicht. Das muss man lernen und zwar als Kind. Wir Eltern muessen es ihnen beibringen. Ich bin sehr froh, dass Kinder heutzutage nicht mehr wie frueher oft der Fall mit roher Gewalt ‚erzogen‘ werden. Aber das andere Extrem ist auch Unsinn.

  5. gerhardstorm sagt:

    Titel eingeben
    Die Freien Waldorfschulen basieren auf Autorität dort u. dann, wenn die Entwicklung der SchülerInnen dies erfordert. Die Selbsterziehung der LehrerInnen u. deren Persönlichkeit spielen bzgl. Effizienz der LererInnen eine große Rolle.

  6. ibsel sagt:

    Irrungen und Wirrungen
    Wenn die eigene fehlgeleitet und fehlgeschlagene Erziehung von Generation zu Generation weitergegeben wird und niemand es bemerkt, noch sein Verhalten reflektieren kann.

    Beziehung statt Erziehung. Vorbild sein und leben. Meine Kinder (damals) und Enkel würden mich auslachen käme ich auf so absurde Ideen wie sie im obigen Artikel oder in der Vielzahl der Kommentare angepriesen werden.

    Man muss natürlich dann auch die Argumente liefern, selbst Kritik ertragen können und den Kindern erklären warum ein gewisses Verhalten nicht zielführend ist. Etwas das 2jährige bereits verstehen.

  7. AngusYoung sagt:

    Das Muster: keinen Plan haben
    An Oberflächlichkeit (Recherchetiefe) und Armseligkeit (Ergebnis bzw. vorweggenommene Ergebnisse) schwer zu überbietender Artikel, die Kommentare sind wiedermal informativer sind als der Artikel selbst. Keine Begriffsklärungen, unsaubere Vergleiche, kein Erziehungsplan erkennbar und damit mangelnde Erziehungsverantwortung. Wer keinen Standpunkt hat muss sich nicht wundern wenn es nicht klappt mit der Erziehung. Autoritativ heißt das Zauberwort, einfach mal bei Wikipedia unter Erziehungsstile nachlesen, das dauert 3 Minuten. Umsetzungsvoraussetzung dazu sind allerdings eine starke Persönlichkeit zu haben und kommunikative Kompetenzen. Wer die Zeit mit täglichen Machtspielchen mit einem Dreijährigen „nutzen“ will, dem wünsche ich viel Spaß. Ausblick: Am Ende leiden alle, die Kinder aber am meisten.

    Angus

  8. ltausch sagt:

    Meinung und Fakten
    Es ist beschämend, einen solchen Artikel unter dem Label „FAZ“ zu lesen. Es handelt sich bei dem Beitrag von Herrn Benninghoff um eine Meinung, die durch keinerlei Fakten und schon gar keine wissenschaftlichen Daten gestützt sind. Fast möchte man meinen, er sei kinderlos.
    Kindererziehung besteht aus vielen Nuancen und eine der wichtigsten ist die Vorgabe und das Einhalten klarer Regeln, was auch rein gar nichts mit „autoritär“ zu tun hat. Kinder – aber auch viele Erwachsene – brauchen ein klar geregeltes und strukturiertes Umfeld, um Verlässlichkeit zu haben und so Normen zu erlernen. Mit Hinweisen und nett gemeinten Ratschlägen ohne Konsequenzen wird ein Erziehungsziel ganz sicher nicht erreicht.

  9. KarlOttoI sagt:

    Ein dritter Weg
    Schade, dass unser Autor Benninghof und Kommentator Clemens nicht verstanden werden: Zwischen den Extremen Autoritär / Antiautoritär gibts halt den autoritativen Erziehungsstil. Weder das Eine noch das Andere oder wie Jesper Juul 😉 es zu beschreiben versuchte: Leitwolf sein. An Herrn Wirth die Frage: Wie entsteht bei ihm die Autoriät die ein Erzeihungsberechtigter bei den zu Erzeihenden besitzen sollte? Und wie schaut es auf Seite des „Erzogenen“ aus: Hat er Angst oder Respekt vor seinen Erziehungsberechtigten?

  10. jere1975 sagt:

    Zu viel Autorität, zu wenig Verständnis
    Ich beobachte in den Kommentaren der Leser eine Tendenz dass prioritär Führung und Autorität in der Erziehung wichtig seien.
    Dieser Ansatz ist grundlegend falsch!
    Zuerst kommt das Verständnis und die Erklärung dass man den Apfelkrotzen nicht im Sofa haben möchte, erst dann kann man das Kind führen.
    Ich finde die 1,2,3 Methode peinlich und wirkt irgendwie hilflos. Es gibt klügere Methoden seine Kinder zu erziehen.

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