Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Sprich hochdeutsch, Kind!

| 63 Lesermeinungen

Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?
Ob Lesen wirklich vor Mundart bewahrt?

„Frühs wird es jetzt immer dunkler“, sagte Theo neulich am Frühstückstisch und schaute aus dem Fenster. Im Garten balgten sich zwei Amseln in der Dämmerung. Ich räuspere mich: „Mit ‚frühs‘ meinst du morgens, oder?“ Der Junge sah mich an: „Jaha. Frühs halt.“

Seit fast anderthalb Jahren leben wir inzwischen in Franken. Dass die Menschen hier anders sprechen, war uns klar. Ich finde das auch eigentlich gut. Man erweitert seinen Wortschatz. Zum Fußballtraining meines Sohnes begrüßte mich einer der Väter, ein Urfranke, anfangs immer mit „Ah, der Zugeschmackte“. Das bedeutet so viel wie der Zugezogene oder einfach der Neue. Die Begrüßung war keinesfalls diskriminierend gemeint – eher im Gegenteil. Der Mann wollte auf diese Weise meine Schlagfertigkeit provozieren. Es hat auch funktioniert. Wir zwei trainieren inzwischen gemeinsam ein Team und ergänzen uns sehr gut.

So habe ich gerade im Fußball einige fränkische Fachausdrücke kennen gelernt: Wenn ein Spieler mit dem Ball am Fuß gerne fummelt, nennen die Franken das „schwanzen“. Warum auch immer. Wenn die Spieler einen Kreis bilden und zwei in der Mitte versuchen, den Ball zu bekommen, heißt das „Eckla“. Das klingt besser als „Fünf gegen zwei“, wie wir das nennen. Und wenn jemand einem anderen den Ball durch die Beine spielt, heißt das „pannern“ oder „Leo schieben“. Auch das gefällt mir viel besser als „dönern“, wie es mein Sohn in Berlin gelernt hat. Der Begriff kommt tatsächlich von dem türkischen Drehspießgericht.

Sprache ist ja auch immer ein Integrationsmittel. Man übernimmt Begriffe und Redensarten und kommt so seinem neuen Umfeld näher. Das ist gut und ein ganz normaler Prozess. Wenn aber jemand den Slang, die Mundart oder eben die ganze Art zu sprechen übernimmt, geht mir das eindeutig zu weit. Und das tut Theo leider.

Meine Frau und ich kommen aus Niedersachsen. Ich bin am Südhang des Teutoburger Waldes aufgewachsen. Vor über 2000 Jahren haben Hermann und seine Germanen hier die Römische Legionen geschlagen und vor knapp 400 Jahren wurde in Osnabrück, das ist ganz in der Nähe, der Westfälische Frieden beschlossen. Das war´s. Ansonsten besticht die Gegend im Nordwesten durch ihre Ruhe und die ansprechende Landschaft.

Worauf wir uns etwas einbilden könnten, ist unsere Aussprache. Die ist bis auf einige, wenige lokale Besonderheiten wie etwa die unnötige Substantivierung von Verben („Ich bin gerade am Arbeiten.“) ziemlich klar. Es gibt keinen Slang.

Unser Sohn wird demnächst acht. Er wurde in Osnabrück geboren. Er spricht hochdeutsch. Daran haben auch die sechs Jahre in Berlin nichts geändert. Theo konnte schon früh recht gut sprechen und hat dadurch jede Menge Selbstbewusstsein entwickelt. So hat er kein Problem damit, auch auf ältere Kinder zuzugehen. Er hat auch schon immer Dinge von den Größeren übernommen. Hier in Franken ist es die Aussprache.

Theo hat einen Kumpel, der ein paar Jahre älter ist und der immer darauf achtet, möglichst cool rüberzukommen. Der Junge erzählt den Kleineren gerne, was er Tolles gemacht hat. Die Kinder sind immer ganz beeindruckt. Wenn Theo vom Spielen nach Hause kommt und von diesem Jungen berichtet, denke ich manchmal, ein anderes Kind steht vor mir. Er zieht dann die Vokale seltsam in die Länge, macht aus dem „t“ ein „d“ und aus dem „k“ ein „g“, rollt das „r“ und hängt ein „e“ an die letzte Silbe. Gut, so sprechen Franken nun mal, aber doch bitte nicht mein Kind. Mir tut das richtig weh. Theo hat eine saubere Aussprache und jetzt fängt er „das Fränggeln“ an. „Sprich bitte hochdeutsch, Junge“, ermahne ich ihn. Er schaut mich dann seltsam an. Meistens legt sich das Phänomen nach einer Weile. Allerdings taucht es in letzter Zeit häufiger auf.

Inzwischen habe ich mir einen Schlachtplan überlegt. Das Kind wird mit dem Hochdeutschen torpediert, auf allen Kanälen. Wir lesen jetzt mehr. Vor allem das gegenseitige Vorlesen hilft enorm. Ich kann ihn sofort korrigieren. Außerdem darf er mehr Hörbücher hören und sogar mehr Fernsehen. Es gibt in den einschlägigen Mediatheken eine große Auswahl gutgemachter Kindersendungen – und alle auf hochdeutsch. Wenn wir uns morgens am Frühstückstisch unterhalten, spricht er hochdeutsch. Ich bin guter Dinge, dass wir diesen Kampf gewinnen werden. Allerdings weiß ich genau, was mein urfränkischer Trainerkollege dazu sagen würde: „So an Geschmarre!“


63 Lesermeinungen

  1. Stieglitz sagt:

    Vorbild?
    Sehr geehrter Herr Heinrich,
    das ist ja wunderbar, wie Sie Ihrem Sohn Integrationsbereitschaft beibringen.
    Hätten das die „Gastarbeiter“ von einst alle genauso beherzigt, könnten wir uns auch mit der dritten Generation noch nicht verständigen.

    Mir jedenfalls ist ein fränkelnder Türke lieber als ein Niedersachse, der uns beibringt, wie „richtiges Deutsch“ geht.

    Aber lassen Sie sich überraschen, welche Sprache Ihr Sohn einmal spricht, wenn er einst das Smartphonealter erreicht hat.

    Mit fränkischen Grüßen,
    Stieglitz

  2. KB63 sagt:

    Passe ma Obacht!
    Nichts gegen Dialekte. Wer Dialekt spricht, kommt deutlich sympathischer rüber, als jener, der versucht, gequält gestelzt hochdeutsch zu sprechen. Für mich als Sachse aus Dresden (Ursprungsdialekt: Residenzsächsisch wohlgemerkt), der seit über 30 Jahren in Hessen wohnhaft ist und mit einer Hessin zusammenlebt, stellt sich das so dar: Ich spreche privat Sessisch und meine Frau Hächsisch. Im Beruf kommt bei mir zu dem auch noch hochdeutsch hinzu, aber die sächsische Einfärbung bleibt (und wird gepflegt). Und während meine Frau längst weiß, daß ein „nu“ ein klares „ja“ ist und „ferdsch“ einfach „fertig“ bedeutet, ist für mich klar, daß man einen „Zorngickel“ eher mit Vorsicht geniessen sollte, aber auch bei einem „Duddeldippe“ nicht sorglos sein darf.

  3. frankhen sagt:

    Identität durch Sprache und Dialekt
    Wir wohnen etwas südlich des Wiehengebirges im Zwickel hin zum Teuto. Osnabrück ist nicht weit weg. Hier wird schon “gepannert”.
    Hier wie anderswo wird seit einiger Zeit verzweifelt versucht, das aussterbende (Westfälische) Platt am Leben zu erhalten. Von Großeltern her spreche ich ein Missingsch aus Meckelbörger und Heidjer Platt. Unsere fehlerfrei hochdeutsch sprechenden Kinder sind jedes Mal begeistert, wenn in der Familie Platt gelesen oder gesprochen wird. Die Sprache schlägt eine Brücke hin zu Wurzeln, sie zieht Bande und bildet Zusammengehörigkeit aus. Gleichzeitig bildet Sprache so Identität aus.
    Ich verstehe die zusätzlich von Ihrem Sohn erworbene Fränkische Sprachkompetenz (Kompetenz, sic!) als großes Plus. Es gibt in allen Dialekten und Sprachformen Dinge, die sich besser ausdrücken lassen. Überlegen Sie einfach, wie viele Kopfstände Eltern veranstalten, damit die Sprösslinge mehrsprachig aufwachsen. Auf’m Bolzplatz geht’s automatisch. 🙂

  4. dc-3 sagt:

    Ach, Herr Heinrich,
    lassen Sie den Theo doch fränggeln! Er verlernt ja deshalb nicht sein Hochdeutsch und kann es jederzeit wieder aktivieren, wenn opportun. Außerdem: es heißt nicht „Geschmarre“, sondern „G´schmarri“, und „schwanzen“ heißt nicht mit dem Fuß am Ball fummeln, sondern um den Gegenspieler herumdribbeln, wahrscheinlich herzuleiten von „umschwänzeln“. Sie müssen sich noch viel besser ins Fränkische reinarbeiten, Herr Heinrich (sage ich als ethnischer Franke)…!

  5. UW987 sagt:

    mehrsprachiges Aufwachsen fördert die Intelligenz
    Die Sprachlernforscher sagen: Das Erlernen mehrerer Sprachen oder auch Dialekte fördert die geistige Beweglichkeit. Das Erlernen einer weiteren Fremdsprache fällt solchen Kindern oft viel leichter.

    Insofern: Lassen Sie Ihren Sohn so oft wie möglich fränggeln und berlinern, sie fördern ihn damit optimal. 🙂

    Es ist doch auch großartig, dass Ihr Sohn so gut zwischen den verschiedenen sprachlichen Umgebungen hin- und herswitchen kann und so ein gutes Gespür für soziales Miteinander hat. Wer zwischen lauter Franken betont Hochdeutsch spricht, könnte schnell mal als Angeber und/ oder seltsamer Außenseiter gelten.

  6. erdverwachsen sagt:

    Beinschuss / Osnabrückisch
    Ahoi,
    habe den Artikel mit Freude gelesen !
    Nur den Beinschuss habe ich vermisst.
    Passend zum Thema ist kürzlich der nächste Band Osnabrückisch erschienen.
    Kalla Wefel „Kär, Kär, Kär! Das Osnabrücker Möchtegernwörterbuch 3.0“

    Glückauf!

  7. Dinotherium sagt:

    Komisch
    Ich frag mich warum die Norddeutschen im Süden als etwas hochnäsig wahrgenommen werden.

  8. Kaernbach sagt:

    Tun Sie's nicht
    In der Eifel aufgewachsen, aber von den Eltern permanent zum Hochdeutsch angehalten, bin ich des Eifler Platts leider nicht mächtig geworden. Solche Sprachbarrieren unter Jugendlichen fördern nicht gerade die Integration in peer groups, und die braucht es in einem gewissen Alter. Ich würde im Nachhinein lieber sprachliche Spuren meiner Herkunft mit mir herumtragen und hätte dafür evtl. mehr Anschluss an die Kinder auf dem Dorf gehabt.

  9. DirtyBertie sagt:

    Sehr geehrter Herr Heinrich,
    eine sehr schöne Geschichte!

    Sie erinnert mich an meine eigene Kindheit. Ich bin selbst in Franken aufgewachsen und habe mit Freunden fränkisch und zuhause hochdeutsch gesprochen – ohne mir dessen bewusst zu sein. Nachdem mich meine grosse Schwester darauf aufmerksam gemacht hatte, empfand ich es als sprachliche Schizophrenie und wollte es mir wieder abgewöhnen. Anscheinend habe ich dann beides miteinander vermischt, mit dem Ergebnis, dass ich bis heute weder richtig hochdeutsch noch richtig fränkisch kann. Beispielsweise stehen „frühs“ und „morgens“ nach meinem Sprachgefühl gleichberechtigt nebeneinander, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.

    Wenn Sie Ihrem Sohn also etwas Gutes tun wollen, dann würde ich Ihnen empfehlen, das Ganze nicht als Kampf zu betrachten, sondern Ihrem Sohn zu verstehen zu geben, dass eine Zweitsprache für den Umgang mit Einheimischen in Ordnung ist – solange er beides sauber voneinander trennt. Im fremdsprachigen Ausland wäre es ja auch ni

  10. verdi55 sagt:

    So a Gschmarri
    A Preiß bleibt doch a Preiß.

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