Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

Wenn Eltern die besseren Ärzte sein wollen

| 15 Lesermeinungen

Wird das Kind krank, stehen Eltern oft vor der eigenen Hilflosigkeit.
Zwischen Hilflosigkeit und Entschlossenheit: Wird das Kind krank, stehen Eltern mitunter vor schwierigen Entscheidungen.

Wir waren auf dem Weg ins Krankenhaus. Der Bus bewegte sich zäh durch den Feierabendverkehr im Berliner Winter. Unser Sohn saß vor mir im Kinderwagen und kränkelte vor sich hin. Er war gerade zwei Jahre alt geworden. Seit ein paar Tagen klagte er über Halsschmerzen und hatte Fieber. Das war nichts Ungewöhnliches. Seit er in die Kita ging, war er immer mal krank. Wir gaben ihm ein Fiebermittel und ließen ihn schlafen. So hatte es uns die Kinderärztin geraten. Das hatte sich bewährt. Blöderweise kam das Fieber aber nach kurzer Zeit zurück. Wir riefen bei der Ärztin an. Leider war die Praxis geschlossen.

In unserem Kiez Baumschulenweg im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick gab es zwar viele Kinder, aber zu der Zeit nicht besonders viele Kinderarztpraxen. Also schaute ich im Nachbarbezirk Neukölln nach einer Alternative. Schnell entschied ich mich für einen Arzt, der Theo schon einmal erfolgreich bei einer Mittelohrentzündung geholfen hatte.

Als wir am späten Nachmittag die Praxis erreichten, erfuhr ich bei der Anmeldung, dass der Doktor nicht da sei, sich seine Vertretung aber unseres Sohnes annehmen werde. Kurze Zeit später betrat ein älterer Herr das Behandlungszimmer. „Oje“, dachte ich in einem Anflug von Sarkasmus, „der Gute hat sicher schon Walter Momper behandelt.“ Der Arzt schien meine Skepsis zu bemerken. Er klärte mich auf, dass er diese Praxis einmal aufgebaut, sich inzwischen aber zur Ruhe gesetzt habe und jetzt ausnahmsweise für seinen Nachfolger einspringe. Dann untersuchte er Theo. Er hörte ihn ab, kontrollierte Rachen und Nase, runzelte die Stirn und brummte: „Hm …“ Ich wartete ab. Schließlich sagte er: „Ich kann es nicht sicher sagen, die Symptome sprechen eigentlich nicht unbedingt dafür, aber mein Gefühl sagt mir, der Junge hat Scharlach. Ich verschreibe Ihnen ein Antibiotikum.“

Kurz darauf kam ich mit dem Medikament, Theo und jeder Menge Zweifel aus der Apotheke. „Mein Gefühl sagt mir…“, dachte ich. „Der kann mir viel erzählen von seinem Gefühl. Der hat keine Ahnung.“ Bei Antibiotika hörte für mich der Spaß auf. Ich plagte mich selbst über ein Jahr lang mit einer chronischen Mandelentzündung herum. Sie wurde immer wieder mit Antibiotika behandelt, und es dauerte regelmäßig Wochen, bis mein Körper wieder hergestellt war.

Das „Gefühl“ des alten Arztes reichte mir nicht, und so bekam Theo kein Antibiotikum. „Das kriegen wir auch so in den Griff“, sagte ich entschlossen. Zwei Tage litt das Kind, dann fuhren wir ins Krankenhaus in Neukölln. Wir hatten damals kein Auto. Der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln war umständlich: Erst S-Bahn, dann ein kleines Stück U-Bahn und zum Schluss einige Stationen in einem vollen Bus.

Ich kam mit einem Mann ins Gespräch. Er war klein, etwa sechzig Jahre alt und sprach sehr leise. Er führe zur Routineuntersuchung ins Krankenhaus, sagte er. Alle zwei Wochen müsse er dorthin. Fast vierzig Jahre habe er auf dem Bau gearbeitet und sich mit Asbest seine Gesundheit ruiniert. Er habe Lungenkrebs. Wie lange er noch zu leben hätte, wisse er nicht. Wir schwiegen eine Weile, ich sah zum fiebernden Theo hinunter.

Dann sagte der Mann, er sei immer eine halbe Stunde vor seinem Termin im Krankenhaus. Manchmal käme er dann eher dran. Dann wäre er schneller zu Hause, und seine Frau wäre nicht so lange allein. Die mache sich vor jedem Termin große Sorgen, dass er mit einer Hiobsbotschaft heimkäme.

Kurz darauf stiegen wir aus dem Bus. Ich ließ den Mann vor. Wir verabschiedeten uns vor dem riesigen Krankenhausgebäude. Bald saß ich mit Theo im Sprechzimmer. Ein sehr junger Arzt kam herein. Er erkundigte sich in kurzen Sätzen nach Theos Beschwerden. Ich berichtete – auch von meiner Skepsis seinem Kollegen gegenüber. Der Arzt nahm einen Rachenabstrich und verließ den Raum. Nach einer Viertelstunde kam er mit dem Ergebnis zurück: „Kein Zweifel, Ihr Sohn hat Scharlach. Das Antibiotikum haben sie ja bereits.“

Kurz darauf waren wir wieder im Bus. Ich schob den Kinderwagen hin und her und betrachtete meinen Sohn, der eingekuschelt in seiner Decke schlief. Wir fuhren durch den dunklen Berliner Winter. Ich dachte an die beiden Kinderärzte, an den krebskranken Mann und an seine wartende Frau.

Ich fühlte mich schlecht, meinem Sohn und dem alten Arzt gegenüber. Der hatte nichts falsch gemacht, sondern im Gegenteil sehr professionell agiert: Er teilte seine Zweifel mit mir, stellte aber trotzdem eine Diagnose und verschrieb ein Medikament. Ich dagegen nahm sein Zögern als Inkompetenz wahr und sprach ihm seine Expertise ab. Für mich war er im Grunde gar kein richtiger Arzt mehr, weil er nicht mehr praktizierte und zu alt war. Dass ich damit auf dem Holzweg war, machte der junge Arzt deutlich, der die Diagnose des ersten bestätigte. Wegen meiner falschen Interpretation hat unser Sohn zwei Tage vor sich hingekränkelt. Seit dieser Erfahrung holen wir bei Zweifeln sofort eine zweite Meinung ein und verabreichen den Kindern bei Bedarf auch selbstverständlich Antibiotika.


15 Lesermeinungen

  1. benkeibei sagt:

    Eltern und Ärzte müssen zusammenarbeiten
    Unserer Tochter haben wir, immer in Absprache mit, aber oft auch entgegen der Erstdiagnose der Ärzt*Innen einige schwerwiegende Eingriffe erspart, bei denen es sich später immer bestätigt hat, dass diese nicht notwendig waren. In anderen Fällen habe ich mich auch überzeugen lassen, dass bestimmte Medikamente gegeben werden sollten.

    Wichtig finde ich, Fragen, Zweifel und Bedenken klar zu äußern und sich der eigenen Kompetenz, sein Kind am besten zu kennen, aber auch der medizinischen Kompetenz der Ärzt*In bewusst zu sein.

    Einige dieser Gespräche waren recht anstrengend, aber wenn man sich nicht mit Floskeln abspeisen lässt, sondern um konkrete Erklärungen bittet und nachhakt, bekommt man diese in der Regel auch und ich denke, auch für eine Ärzt*In ist es am Ende auch angenehmer, wenn ihr Fachwissen auch gefragt und wertgeschätzt wird.

  2. peter-quick sagt:

    2. Meinung
    Ich fand die Schilderung aus Elternsicht interessant, da ich selbst seit Jahren als Kinderarzt tätig bin.
    Ich frage mich nur, warum Eltern bei „Zweifeln“ immer eine 2. Meinung benötigen. Was bezweifeln die Eltern? Worin liegt der Zweifel? Wird die eigene Erwartung nicht erfüllt?
    Und wenn dann 2 Ärzte 2 Meinungen haben, woran erkennen dann die Eltern, wer Recht hat? Um das Fachliche zu beurteilen müßten die Eltern mehr Fach-Ahnung haben als beide Ärzte, quasi als Chefarzt… oder geht es dann nur nach dem Bauchgefühl der Eltern?

    Über die (aus Nutzersicht kostenlose) doppelte Nutzung der Ressource Arzt, die aber dennoch das System nicht bezahlt, will ich gar nicht sprechen.

    Ich meine es keinesfalls böse, aber über meine Denkanstöße sollte der Vater vielleicht noch einmal nachdenken.

    Grüße, P. Quick

  3. asklepion sagt:

    Darum sollten Ärzte auch nicht ihre eigene Familie behandeln
    Da sind sie nämlich in erster Linie Eltern und nicht Ärzte. Schön wenn es auch andere merken, warum dies Sinn macht.

  4. julia_k sagt:

    Erfahrungen machen
    Danke für das am-Leben-teilhaben-lassen in diesen Blogbeiträgen. Selbst wenn man es selbst anders machen würde. 😉
    Oft stelle ich im Alltag mit Kind fest, ich muss doch selbst einmal in der Situation stecken bevor ich weiß wie ich tatsächlich drauf reagiere – so auch wenn meine Tochter mal krank war, erst reagierte ich über, dann zu wenig, inzwischen beruhige ich mich selbst erstmal, dann erkenne ich die kleinen Anzeichen besser.

    Übrigens – ich verstehe den Abschluss zum Thema Zweitmeinung dahingehend, dass der Autor sich BEI ZWEIFELN direkt eine solche einholt. Was für mich bedeutet: längst nicht bei jedem Kinderarzt-Besuch.

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