Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

Ausgesetzter Anstand

| 28 Lesermeinungen

Seit ich mit ungefähr sechs Jahren nach Deutschland gekommen bin, bin ich es gewohnt, sobald ich den Raum betrete in irgendeiner Form angestarrt zu werden. Nicht in meinen Safe Spaces wie bei meinen Eltern, bei uns zu Hause oder auch bei manchen Freundinnen, aber ob ich in der Bahn zur Arbeit fahre, beim Metzger Gelbwurst kaufe oder im Wartezimmer beim Orthopäden bin: Leute starren mich an. Bevor jetzt die Kommentarspalte aus allen Nähten platzt: Sicherlich werden Sie, verehrte Leser*innen beispielsweise im Sudan als weiße Person auch angeschaut, Kinder werden vielleicht sogar um sie herumlaufen. Aber in der Regel schauen die Leute nach kurzer Zeit wieder weg. Es gibt eben einen grundlegenden Unterschied zwischen Schauen und Starren.

Ich finde mich nicht besonders ungewöhnlich: Ich bin nicht auffällig dick oder dünn, groß oder klein, laut oder leise. Ich bin einfach ich. Ich bin eine schwarze Frau mit Afro. Aber so einfach ist das leider nicht – und vor allem nicht, wenn ich mit „all meinen Kindern“ einen Ort in unserer Heimatstadt Kassel aufsuche.

Wir haben 15. Hochzeitstag, und den wollten wir beim Italiener um die Ecke feiern. Wir, das umfasst meinen weißen Mann, mich schwarze Frau und unsere drei schwarzen Kinder. „Enzos“ liegt unweit unserer Wohnung nahe des Zentrums von Kassel in einem schönen Viertel mit vielen Gebäuden aus der Gründerzeit. Es ist eher hochpreisig, aber manchmal gönnen wir uns das eben. Mit dem Restaurant verbinden wir besondere Erinnerungen.

Hier habe ich „Ja“ zu meinem Mann gesagt, hier haben wir den Siebzigsten meiner Mutter gefeiert, und hier lieben wir das Tiramisu.  Enzo begrüßt uns wie Familie. Während mein Mann mit Enzo locker Small Talk betreibt, spüre ich die Blicke der zwei älteren Damen auf ein Uhr. Erst starren sie mich an und blicken dann von einem Kind zum anderen. Es ist nicht das neugierige, kurze Schauen, wer da noch ins Restaurant kommt. Es ist ein unverhohlenes, durchdringendes und nicht enden wollendes Starren. Sie legen ihr Besteck ab, nehmen ihre Stoffservietten vom Schoß, putzen sich die Mundwinkel und ihr Blick bleibt dabei auf uns heften. Ich schüttle leicht den Kopf, als würde ich die Blicke abschütteln können. „Popcorn, Ladies?“, schießt es mir durch den Kopf.

Auf zehn Uhr ein ähnliches Starr-Szenario, eine Vierergruppe schaut kurz auf, nimmt einen Happen und blickt wieder zu mir und den Kindern. Ich halte den Blick des Herren im safranfarbenen T-Shirt auf elf Uhr, deute ein Lächeln an und nicke kurz. Er merkt, dass er mich wohl zu lange angeschaut hat und isst hastig weiter. „Puh. One down“, denke ich und halte meinem ältesten Sohn den Arm hin, damit er mir seinen Pulli geben kann. Wir setzen uns, und auf ein Uhr muss das Essen doch schon kalt sein. Immer noch sind die beiden wie eingefroren und starren zu uns herüber. „Ehrlich jetzt?“, denke ich und erinnere mich, dass wir ja zum Feiern hier sind. Bastian wirft mir einen fragenden Blick zu und ich antworte: „Wir haben Fans. Auf elf Uhr und auf ein Uhr.“ Er nickt und dreht sich demonstrativ zu den beiden Tischen. Teile der Gruppe auf elf Uhr wollen wirklich nichts verpassen und sind so eingedreht, dass sie mit dem Rücken zu ihrem Essen sitzen, um uns alle besser sehen zu können. Basti schafft es, dass sie sich zueinander drehen und vor allem: von uns weg. Die Lady mit der langen Perlenkette auf ein Uhr lächelt Basti an. Sie wirkt wie ausgewechselt, nickt und nimmt endlich wieder das Essen auf.

Es ist immer das Gleiche. In der Regel hört das Starren abrupt auf, wenn mein weißer Mann ins Spiel kommt. Diese Blicke, versprühen den Vibe, als seien wir eine interessante Spezies, die uneingeladen in den geschützten Raum der Damen und der Vierergruppe einmarschiert ist und die es jetzt zu begutachten gilt. Reality Check: Wir sind Menschen, die ein Restaurant aufsuchen, arbeiten gehen, Wurst einkaufen. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich frage mich, was mit der Kinderstube dieser Menschen ist. Anstand? Einfache Regel: Wir starren Menschen nicht an. Gilt wohl nicht für schwarze Menschen. Während der Vorspeise nehmen elf Uhr und ein Uhr wieder ihre Observation auf. Ich stochere missmutig in meinem Essen herum. Malik zeigt mit der Gabel rüber zu den starrenden Damen: „Mama, wir haben neue Fans. Zwei alte Frauen!“ Seit dem unsere Kinder uns in einem Frankreichurlaub gefragt haben, warum die Leute so gucken, habe ich ihnen erklärt, dass ich es nicht so genau sagen könne. Aber ich vermute einfach, es seien unsere Fans. So lange und genau wie diese Personen uns anschauen, müssten das doch Fans sein.  

Enzo füllt den Wein nach, gratuliert uns und fragt nach unseren Wünschen. „Amore, hast du nicht ein Paravent für uns? Ich würde so gerne mit meinem Mann und meinen Kindern feiern, aber diese Herrschaften gönnen uns keine Privatsphäre“, frage ich laut, nur halb scherzend und zeige auf elf Uhr und auf ein Uhr. Enzo lacht: „Naturalmente!“ Keine Minute später bauen zwei seiner Angestellten einen Paravent um uns auf, der eigentlich um die Garderobe steht. Enzo ist mit einer Frau aus Kamerun verheiratet.


28 Lesermeinungen

  1. uwackerbarth sagt:

    In absehbarer Zeit wird es (hoffentlich) besser
    Ich wette, ich hätte auch geschaut, es ist halt bei uns immer noch die Ausnahme, wenn jemand mit dunkler Hautfarbe den Raum betritt. Aber dann nach, sagen wir mal, 5 Sekunden wieder wegzuschauen, sollte doch drin sein… und die Ausnahme wird immer mehr zu Regel und dann werden das Interesse und der Starr-Sinn eventuell auch mal nachlassen.

  2. raroetzel sagt:

    Titel eingeben
    Sorry- wenn ich ( blond/grau) mit meiner tochter ( blond) in ägypten, marokko oä essen gehe, passiert uns ähnliches- und?? Wir sind & bleiben freundlich , wollen keinen paravent & fühlen uns bestens! Ich kann dieses numinose ausgegrenzt- gefühl, was in der ganzen welt heimisch ist, nur nicht in D, def. nicht verstehen!

  3. Tcon sagt:

    Ich glaube der Autor*in kein Wort
    Um anderen Mensch*en Rassis*mus zu unterstellen, würd*e i*ch, hochpreisig*er argumentieren. Das Ristoran*te, der Italien*er um die Ecke, gibt das nicht her. Die Au*torin muss schon mehr bieten, als ein*en Rentner*tell*er.

  4. AntonKAHR sagt:

    Wie in den 90zigern
    Wir, fünf Europäer durstig, aus der Wüste kommend, fallen ein ins Cheval blanc in Arlit und werden sofort umlagert von 20 hübschen Afrikanerinnen. Aus Togo, Ghana, dem Niger und alle wollen nur unser Geld und Sex mit uns. Wie schrecklich. Da hätte auch kein Paravent geholfen. Wie erklärt man das seinem Kind. Und weit und breit kein Enzo. We got totally lost.

  5. olhardy sagt:

    Man muss doch nur das Forum hier verfolgen, um zu wissen, was für Leute das sind
    Es passt nicht in ihr festgefügtes Denkschema, also glotzen sie. Sie wissen genau, daß sie das nicht sollten, aber sie können nicht anders.

  6. CKirsten1971 sagt:

    Und jetzt?
    Ich werde aus dem Text nicht schlau. Wann endet das ‚Schauen‘ und wann beginnt das ‚Starren‘?

    Muss ich jetzt als Deutscher wieder ein schlechtes Gewissen haben? Wer legt denn jetzt fest, was Anstand ist und wer Anstand hat? Haben Sie die anderen Gäste gefragt, ob sie wirklich gestarrt haben?

    Vielleicht mögen Sie ja mal Frau Sarah-Lee Heinrich nach ihrer Meinung zur deutschen Mehrheitsgesellschaft fragen, oder was sie mit Europäern in Afrika machen würde. Ach so, wenn sich das richtige politische Lager meldet, ist alles gut. Sorry.

  7. mifrjoar1 sagt:

    andersrum bitte
    Bitte nicht sich selbst mit dem Sichtschutz absondern, besser die „Fans“ tischweise aussondern.

  8. Bristol905 sagt:

    Ausgesetzter Anstand
    Kopf hoch Naima !

    Wie Martin Luther einst sagte;

    There is only one race and that is the human race.

  9. Maximillian1 sagt:

    ignorieren
    wieviel Prozent der Restaurantbesucher verhalten sich so, wie oft am Tag widerfährt Ihnen das? Ich dachte eigentlich, ich wäre da sensibel weil ich einen schwarzen Freund habe mit dem ich oft unterwegs bin, aber eine derartige Impertinenz habe ich noch nicht erlebt. Bisher war es immer so, daß die Leute schnell wegschauen wenn sie sich beim gaffen ertappt fühlen.
    Ganz ehrlich, die Geschichte mit dem Paravent empfinde ich als fast ebenso peinlich wie das Starren ansich.

  10. mukrause1 sagt:

    Immer wieder traurig zu lesen
    Liebe Frau Nebel, es ist immer wieder traurig, solche Geschichten zu hören. Man muss sich fragen, was die Leute erwarten und was sie meinen, durch Starren dazu zu lernen. Ich finde Ihre Interpretation mit der Kinderstube sehr wohlwollend, aber auch zutreffend. Es gibt in Deutschland einfach Gegenden, wo Gaffen und Starren normal(er) zu sein scheint, als in anderen. Wir lebten einmal Jahre in England und dort gab es so etwas einfach nicht. Oder sehr diskret und immer freundlich. Und es gibt auch Gegenden in Deutschland, wo so etwas eher selten passiert, denke ich.

Hinterlasse eine Lesermeinung