Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

25. Jan. 2022
von Matthias Heinrich
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Hat mein Kind keine Freunde?

Jeden Tag um kurz nach drei klingelt es Sturm. Unsere Tochter Frida (7) kommt nach Hause. Sie verabschiedet sich von unserem Nachbarsjungen, mit dem sie den Vier-Minuten-Heimweg von der Schule bestreiten. Gut fünfzehn später kommt ihr Bruder Theo (9) nach Hause. Mit beiden Kindern habe ich Tag für Tag den gleichen Minidialog: „Hallo Papa.“ „Hallo! Wie war´s in der Schule?“ „Gut.“

Zugegeben, diese unbestimmte Frage enthält schon ein gewisses Maß an Bräsigkeit. Wenn ich mich richtig erinnere, haben meine Eltern mich das auch immer gefragt. Ziemlich sicher habe ich auch jedes Mal mit „gut“ und ohne weitere Ausführung geantwortet. Und höchstwahrscheinlich fanden meine Eltern diese nichtssagende Kommunikation irgendwie unbefriedigend. Wie wir heute, hatten meine Eltern damals sicher auch ein aufrichtiges Interesse an unserem Schulalltag. Der Frage, warum wir unsere Kinder, obwohl wir es besser wissen müssten, genau wie unsere Eltern damals bräsig und unbestimmt fragen, wie es in der Schule war, wäre es sicher mal Wert auf den Grund zu gehen. Allerdings nicht heute und nicht in diesem Text.  

Nach der Begrüßung verkrümeln sich Theo und Frida meistens für etwa dreißig Minuten in ihre Zimmer. Die eine spielt mit ihrem Pferdehof, der andere macht ein Hörbuch an und bolzt einen Schaumstoffball quer durch sein Zimmer. Irgendwann tauchen die beiden dann wieder auf und machen Hausaufgaben. Und wenn sie damit fertig sind, kommt jeden Nachmittag das Gleiche: „Papa, dürfen wir fernsehen? Papa, darf ich Fifa und Frida mit ihrem Tablet spielen?“ Seit den Weihnachtsferien geht das so. Jeden Tag. Spielekonsole oder Fernsehen, etwas anderes scheint sie nicht zu interessieren. Andere Kinder schon gar nicht.

Natürlich kommen sie damit nicht (immer) durch. Ich animiere die beiden zu anderen Dingen. Aber das ist ungeheuer anstrengend, und außerdem nervt es mich. Ich frage mich, ob die zwei wirklich nichts mit sich anfangen können und vor allem, warum sie sich nicht verabreden. Ob sie keine Freunde haben?

Ein einsam wirkendes Kind ist ein schwer erträglicher Anblick.
Ein einsam wirkendes Kind ist ein schwer erträglicher Anblick.

Frida ist von ihrem Wesen her schüchtern. Sie hat inzwischen Freundinnen in der Schule gefunden. Wenn sie sich verabredet, müssen wir sie unterstützen. Außerdem konnte sie sich schon immer stundenlang allein beschäftigen. Aber Theo? Der spielt Fußball im Verein, kennt viele Kinder in seiner Schule, ist offen, selbstbewusst und geht auf Leute zu. Manchmal habe ich Zweifel, ob diese Einschätzung noch stimmt. Der Junge hat sich verändert. Er ist ruhiger geworden. Anders als früher erzählt er kaum noch von der Schule. Man muss es ihm förmlich aus der Nase ziehen. Bedrückt ihn was? Hat er Sorgen oder gar Kummer? Warum ist er so oft allein?

Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, denke ich an Sven. Sven war mein bester Freund. Er hatte einen großen Garten und dazu eine riesige Wiese am Wald. Jeden Tag haben wir stundenlang Fußball gespielt, zwischendurch Wasser aus einem rostigen Hahn in der Waschküche seiner Großmutter getrunken und Beeren vom Busch gegessen. Eine Bilderbuchkindheit mit einem Bilderbuchfreund. So einen Sven hat Theo nicht.

Vielleicht hätte er ihn in Berlin gehabt, aber wir sind vor ein paar Jahren weggezogen. Zwei, dreimal im Jahr treffen wir seine alten Freunde noch. Mit denen versteht er sich immer noch blendend. Besser als mit seinen Freunden hier, bilde ich mir ein. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich die Zeit mit den Freunden bewusster erlebe als unseren Alltag? Da sind wir im Urlaub, seinen Schulalltag bekomme ich ja nicht mit. Sehe ich ein Problem, wo gar keins ist? Mache ich mir unnötig Gedanken?

Meiner Frau habe ich neulich bei einer Wanderung von meinen Sorgen erzählt. Auch sie hat Theos Veränderung bemerkt, aber meine Skepsis teilt sie überhaupt nicht. „Der Junge ist von acht bis fünfzehn Uhr in der Schule“, rechnete sie mir vor. „Das sind sieben Stunden, in denen er ununterbrochen mit seinen Leuten zusammen ist. Er lernt mit denen, sie essen gemeinsam Mittag und spielen. Der freut sich doch, wenn er um kurz vor halb vier zu Hause ist und seine Ruhe hat. Du kannst das nicht mit früher vergleichen. Wir kamen in der Grundschule um zwölf Uhr nach Hause. Da stand das Mittagessen auf dem Tisch.“ Ich nickte. Sie war aber noch nicht fertig. „Außerdem spürt er den Druck, die Noten sind wichtiger geworden. Im Sommer geht er auf eine neue Schule. Das beschäftigt ihn natürlich.“ Sie seufzte. „Und außerdem haben wir Januar, den längsten Monat der Welt. Es ist Corona und das Wetter ist Mist. Warte ab, wie es im Frühling aussieht. Da rennt er wieder draußen rum.“ Ich grummelte irgendwas und dachte nach.

Am Wochenende habe ich Theo geholfen, seine Schulsachen zu sortieren. Dabei fiel mir ein bunter Zettel in die Hände. „2022 – worauf ich mich freue und worauf ich mich nicht freue“. Den hatten sie vor Weihnachten bekommen. Theo freute sich auf Silvester mit seinen Cousins, auf die neue Schule und ist aber traurig, dass er dann einige seiner Freunde aus der Klasse nicht mehr sehen wird. Also doch, Kinder in seiner Klasse bedeuten ihm was und umgekehrt scheint es auch so zu sein.

Seit ich vergangene Woche beschlossen habe, diesen Text zu schreiben, hat er sich mit drei Kindern verabredet. Auch Frida hatte eine Freundin zu Besuch. Unsere Kinder verändern sich. Das ist wohl das, was man Entwicklung nennt. Sie machen Phasen durch, sind laut, wild, und selbstbewusst, dann plötzlich wieder sensibel, zerbrechlich und haben auf einmal wie vor Jahren Angst im Dunkeln. Sie sind gesellig und dann wieder gerne allein. Warum neigen wir dazu, uns vorzumachen, dass früher alles besser war? Warum hängen wir dem nach und verklären unsere eigene Kindheit zum Paradies, wenn die der eigenen Kinder anders läuft? Theo wird seinen Weg gehen, mal mit Freunden, mal alleine und ganz selten genauso, wie sein Vater es sich wünscht.

Ich denke an Sven. Im Januar war seine Wiese zu nass zum Fußballspielen, und an den Sträuchern wuchsen keine Beeren. Was er wohl macht? Nach dem Wechsel von der Grundschule auf die Orientierungsstufe kam André, später auf dem Gymnasium Tobias, Marcus und Michael …

25. Jan. 2022
von Matthias Heinrich
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18. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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„Hatte ich dir nicht streng verboten, auf einem Motorrad mitzufahren?“

Lara hat sich mit ihrem besten Kumpel Finn zum Essen in der Stadt verabredet. „Danach treffen wir uns mit den anderen bei Jule. Kannst du mich später bei Jule abholen?“, sagt sie.

Ich habe heute Abend eigentlich keine Lust, nochmal ins Auto zu steigen, um ans andere Ende der Stadt zu gondeln – Jule wohnt weit außerhalb.

 „Wie kommst du zum Restaurant und dann zu Jule? Mit dem Bus?“, forsche ich nach.

Lara schüttelt den Kopf. „Nö, Finn nimmt mich auf dem Motorrad mit. Aber der will bei Jule früher abhauen.“

Sie hat das böse Wort gesagt! Motorrad! In meinem Kopf schrillen augenblicklich sämtliche mütterliche Alarmglocken. Winter! Nasse Straßen! Dunkelheit! Ein sechzehn Jahre alter Teenager auf einem Motorrad! Mit meiner Tochter hinten drauf! Finns Motorrad hatte ich vergessen, oder sagen wir eher: verdrängt. Wie ein Kind, das hofft, etwas wäre nicht da, wenn man es nicht sieht, hatte ich die Augen davor verschlossen. Ich wollte Lara bisher nicht fragen, ob sie bei Finn mitfährt und schon gar nicht die autoritäre Keule rausholen. Ich muss an eine Szene aus dem Film La Boum denken, in der Vic von ihrer Mutter auf Mathieus Moped erwischt wird. Françoise, die Mutter von Vic, herrscht ihre Tochter daraufhin sauer an: „Hatte ich dir nicht streng verboten, auf einem Moped mitzufahren?

Und schon ist sie weg.

Damals, als ich so alt wie Lara war, habe ich über Françoise nur den Kopf geschüttelt. Wie spießig und albern von ihr! Mütter! Das war doch nur ein Moped. Die Jungs meiner Clique waren früher alle motorisiert. Ich war froh, wenn ich dadurch von A nach B kam und nicht den Bus nehmen musste. Die meisten fuhren Roller (Vespa), einige 80er. Bis zum Jahr 2013 durften unter 18 Jahre alte Fahrer maximal 80 km/h fahren. Heute kann man mit einem A1-Führerschein ein 125ccm-Motorrad mit bis zu 110 km/h fahren. Nicht nur deshalb würde ich mich heute auf Françoises Seite schlagen, ihr zustimmen und Lara am liebsten genauso untersagen, bei Finn mitzufahren. Und überhaupt: Vic trug nicht mal einen Sturzhelm.

Da ich weiß, wie gerne Jugendliche genau das tun, was man ihnen verbieten möchte – allein aus Trotz und zu beweisen, dass sie man ihnen „überhaupt nichts mehr zu sagen hat, wenn sie doch bald schon achtzehn und erwachsen sind und auf sich selbst aufpassen können“ – versuche ich es gar nicht erst, Lara die Mitfahrt zu verbieten. Stattdessen hoffe ich auf ihre Empathie und ihr Mitleid:

„Das ist mir aber nicht recht, wenn du auf dem Motorrad mitfährst. Da habe ich Angst um dich und den ganzen Abend keine Ruhe. Die Straßen sind heute besonders nass“, jammere ich.

Ich ernte weder Mitleid noch Empathie, nur verdrehte Augen. „Hä? Ich bin schon voll oft bei Finn mitgefahren. Außerdem ist das meine Sache, ich bin fast achtzehn. Und du, sei lieber mal ganz, ganz still. Ich weiß genau, dass du früher auch auf Motorrädern mitgefahren bist hast, als du in meinem Alter drauf warst.“

Dem habe ich nichts entgegenzusetzen. Aber ein Versuch war es wert. Ich muss mit meinem mulmigen Gefühl im Magen leben, wie so oft, wenn Lara oder Maya alleine unterwegs sind. Alle Eltern müssen das. Die Angst fängt an, wenn die Kinder alleine mit dem Rad am stockdüsteren Morgen zur Schule radeln, und hört dann den Rest des Lebens nicht mehr auf. Wahrscheinlich lässt sie ein bisschen nach, wenn die Kinder ausziehen und man nicht mehr so viel von ihrem Leben mitbekommt. Solange sie aber unter unserem Dach wohnen, zucken wir zusammen, wenn wir draußen die Sirene eines Krankenwagens hören. Wir seufzen erleichtert auf, wenn der Fünft- oder Sechstklässler zum ersten Mal in seinem Leben alleine mit dem Rad die lange Strecke in die Stadt gefahren ist, um Freunde zu treffen, und uns endlich seine Nachricht erreicht: „Bin angekommen, Mama.“ Dann fällt uns ein kleiner Stein vom Herzen und wir schreiben zurück: „Ich wünsche Dir viel Spaß beim Shoppen! Pass auf dich auf.“

Meine Töchter müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und ich kann nur hoffen, dass sie Gefahren erkennen und sich vernünftig verhalten. Nicht nur im Straßenverkehr. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: „Warte mal ab, wenn du selbst Kinder hast, dann erfährst du am eigenen Leib, wie das ist, wenn man nicht schlafen kann, weil das Kind unterwegs ist.“ Sie hat Recht behalten. Aber davon wollte ich als Jugendliche genauso wenig wissen, wie Lara heute.   

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18. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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11. Jan. 2022
von Patrick Franzen
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Die Muttersprache als Heimat

Über die eigene Nationalität und Sprache denken Eltern fern der eigenen Heimat neu nach.

Die ersten Jahre im Leben unseres Sohnes Maximilien haben wir in Frankreich gelebt; meine Frau arbeitete damals in einer Grundschule; ich als Deutscher hatte das Glück, einen passenden Job in ihrer Stadt zu finden. Es ist eine eher ruhige Region, geprägt von Landwirtschaft und klassischen Industriebetrieben, reich an naturbelassenen Landschaften und idyllischen Dörfern: la France profonde, das tiefe Frankreich, wie die Franzosen es selbst nennen.

Wie wir uns kennengelernt haben? Wir sind ein typisches Erasmus-Produkt, eines jener binationalen Paare, die dank des Studienaustauschprogramms der Europäischen Union zueinander gefunden haben. Meine Frau und ich hatten beide die gleiche englischsprachige Universität für das Erasmus-Jahr ausgesucht.

Der Sprache, in der sich zwei Menschen verlieben, bleiben sie als Paar treu, sagte mir einmal jemand, der sich in einer ähnlichen Lage wie ich befand. In unserem Fall ist es das Englische, das wir nach wie vor miteinander sprechen. Und das, obwohl wir inzwischen ganz gut auch die Sprache des anderen beherrschen. Wir sind unserer ersten gemeinsamen Sprache treu geblieben, weil, so vermute ich, wir auf Englisch zuerst Vertrauen und Zuneigung zueinander aufgebaut haben.

Es war die Sprache, die wir beide in gleicher Weise mehr oder weniger gut beherrschten, in der wir unsere Gedanken und Gefühle ähnlich präzise zum Ausdruck bringen konnten. Sobald einer von uns beiden in die eigene Muttersprache wechselte, war sofort ein Gefälle da, das uns irgendwie Unbehagen bereitete. Zuweilen empfinden wir das heute noch so. Mit ihrer Familie spreche ich Französisch, meine Frau spricht mit meiner Familie Deutsch, doch wenn wir zwei miteinander allein sind, dann doch am liebsten und häufigsten auf Englisch. 

All das wurde indes zu einem fragwürdigen Arrangement genau zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn Maximilien geboren wurde. Als ich ihn am Tag seiner Geburt das erste Mal in den Armen hielt, redete ich ihm instinktiv auf Deutsch zu, meine Frau sang ihm behutsam französische Schlaflieder vor. Als Eltern sprachen wir miteinander zwar noch einige Tage Englisch, aber schnell wurde uns klar, dass wir so nicht weitermachen wollten.

Es ist ein großes Glück für Kinder, wenn ihre Eltern unterschiedliche Muttersprachen sprechen, denn damit haben sie die Chance, beide Sprachen von Beginn an zu lernen. In einem Ratgeber zum Thema zweisprachige Erziehung erfuhren wir, dass es wichtig für das Kind ist, dass es jede Sprache klar einem Elternteil zuordnen kann. So sprach meine Frau von da an in Maximiliens Gegenwart nur noch Französisch und ich nur Deutsch, was dazu führte, dass wir inzwischen, sobald unser Sohn dabei ist, auch miteinander in unseren jeweiligen Muttersprache sprechen: Meine Frau fragt etwas auf Französisch und ich antworte auf Deutsch.

Einzige Ausnahme: Wenn wir die Familie des jeweiligen Elternteils besuchen. Erst wenn der Kleine schläft, kehren wir wieder in den vertrauten Englisch-Modus zurück. Wir praktizieren dies nun seit einigen Jahren so, und bislang sieht es so aus, als funktioniere unsere Methode. Max spricht beide Sprachen akzentfrei und kann sich mit Franzosen und Deutschen gleichermaßen gut verständigen, auch wenn er immer wieder Wörter der einen Sprache nutzt, um Sätze in der anderen Sprache zu vervollständigen. „Je veux un cholocalat boire“ – „ich möchte trinken einen Kakao“, solche deutsch-französischen Mischungen kommen auch noch immer vor.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass wir dieses Jonglieren mit drei Sprachen rein rational praktizieren, allein zum Wohle des Kindes und seiner Bildungschancen. In meinem Fall spielte auch ein gewisses Eigeninteresse eine Rolle: Ich gestehe, dass ich mich in den Jahren, in denen ich in Frankreich lebte und arbeitete, öfters etwas einsam fühlte – nicht weil ich keinen Kontakt zu anderen Menschen gehabt hätte, sondern weil mir im Alltag die eigene Muttersprache fehlte. Mit meiner Frau sprach ich Englisch, mit ihren Eltern, Geschwistern, mit Nachbarn und Bekannten, mit Kollegen und Einzelhändlern Französisch. Wir schauten französisches Fernsehen.

Das Deutsche aber spielte kaum eine Rolle mehr, es sei denn bei Telefongesprächen nach Deutschland oder bei der Lektüre von Büchern oder Onlinenachrichten. So von meiner eigenen Sprachheimat getrennt zu sein, war für mich ein unschönes Gefühl, auch deshalb, weil ich Französisch relativ spät erlernt habe und mit hörbarem Akzent spreche. Selbst nach einigen Jahren habe ich nicht immer alle Ausdrücke und Wörter parat, die ich in einem bestimmten Augenblick benötige. Ich kann mich gut verständigen, aber immer und immer wieder fühle ich mich ein bisschen wie ein Fisch in Schlammwasser, in der Beweglichkeit eingeschränkt, in der Fähigkeit zur präzisen Aussage gehemmt.

Mit meinem Sohn stets und ganz konsequent nur Deutsch sprechen zu müssen, war mir daher höchst willkommen. So konnte ich nicht nur für ihn ein deutschsprachiges Zuhause schaffen, sondern auch für mich. Deutsch mit ihm zu sprechen, bedeutete, mir selbst ein Stück Heimat zu kreieren, für mich in der „Diaspora“ in Frankreich eine Sprachoase zu gewinnen.

Während meines Studiums hatte ich angefangen, mich für migrationspolitische Fragen zu interessieren. Damals war oft die Forderung zu hören, Einwanderer, die ihre Kinder in Deutschland auf die Schule schickten, sollten zuhause mit ihnen Deutsch sprechen, um ihnen die Integration zu erleichtern. Ich gestehe, dass ich dieser Forderung in jenen Jahren einiges abgewinnen konnte. Meine eigene Migrationsgeschichte als deutscher Papa in Frankreich hat meine Einstellung in dieser Frage geändert.

Die eigene Muttersprache ist so etwas wie die Heimat, die wir in uns tragen; sie zu praktizieren, gibt Halt, Sicherheit, Geborgenheit – ganz besonders in einem fremden Land und in fremder kultureller Umgebung. Ich glaube heute, es ist zu viel verlangt, von Einwandererfamilien zu erwarten, im Schutzraum des eigenen Zuhauses auf die eigene Muttersprache zu verzichten und so zu den eigenen Kindern eine künstliche Distanz zu schaffen. Persönlich habe ich das Gefühl, dass ich meinem Sohn am besten Geborgenheit vermitteln kann, wenn ich es in meiner Muttersprache tue. Ich meine, so kann ich ihm Halt geben.

11. Jan. 2022
von Patrick Franzen
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04. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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Heimathafen Familie

Dieses Jahr verbringt Lara die Silvesternacht nicht mit uns, der Familie, sondern mit Freundinnen. So muss es sein für eine Siebzehnjährige, wenn auch ein zweites coronabedingt mit Einschränkungen. Die Gästeliste der ursprünglich geplanten Silvesterparty musste stark gekürzt werden. Geblieben ist ein Mädchenabend. Aber immerhin, es ist eine deutliche Spaß-Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. Silvester 2020 hockte Lara mit Freundin Gina am Silvesterabend bei meinem Mann, Maya und mir notgedrungen zu Hause am Küchentisch.

Jetzt freut sich Lara trotz Einschränkung auf den letzten Abend des Jahres 2021. „Ach, das wird nett, auch ohne Party, nur wir Mädchen“, ist sie sicher und fragt dann, wie wir den Abend zu verbringen gedenken. „Wie immer“, antworte ich. „Es gibt Raclette und Knabberkram, wir spielen Brettspiele und brennen Tischfeuerwerk ab. Nichts Besonderes.“

„Ihr macht Raclette?“, fragt Lara gedehnt. „Ohne mich?“

Ich schaue verwundert, denn soweit ich es mitbekommen habe, startet die Mädelsrunde ebenfalls mit Raclette. Und Trinkspiele á la Wahrheit oder Pflicht bringen doch ebenfalls viel mehr Fun als Spiel des Lebens oder Tabu. Darauf angesprochen, findet Lara: „Das ist einfach etwas anderes.“ Dann überlegt sie, ob sie zu Hause schlafen soll oder nicht. „Du machst doch Neujahrsfrühstück, oder? So wie jedes Jahr?“

Es ist nicht so, dass mein Neujahrsfrühstück etwas Besonders darstellt. Nichts, auf das man nicht verzichten könnte. Ich decke den Tisch am ersten Tag des Jahres etwas netter als üblich, mit Neujahrs-Servietten, Kerzen, Streukonfetti, und jeder bekommt sein Neujährchen. Letztes Jahr gab es Marzipanfiguren, dieses Jahr ein kleines Porzellanschweinchen. Und Raclette ist doch Raclette! Überall gleich!

Ich wundere mich ein wenig über meine Tochter. Ich fand es letztes Jahr traurig, dass Lara den Silvesterabend mit uns verbringen musste. Eigentlich ist Lara doch immer für eine Party zu haben?! Sie verfügt über einen großen Freundeskreis, ist alles andere als eine Stubenhockerin und immer gerne unterwegs. Soziale Kontakte sind ihr sehr wichtig. Ihre Freiheit noch mehr! Und jetzt macht sie ein langes Gesicht, weil sie zu Hause Raclette und Frühstück verpasst?

Mit sechzehn würden manche gern die Welt umsegeln. Laura Dekker hat es gemacht – und dabei immer gewusst, wo ihr Heimathafen ist.
Mit sechzehn würden manche gern die Welt umsegeln. Laura Dekker hat es gemacht – und dabei immer gewusst, wo ihr Heimathafen ist.

Manchmal, wenn ich ihr mit meiner Anwesenheit oder zu vielen Fragen oder Befehlen („Räum gefälligst die Küche auf, nachdem du gekocht hast“; „Sag mal, musst du nicht langsam was für deine Facharbeit tun?“; „Jetzt liegen im Bad schon wieder deine nassen Handtücher auf dem Boden“) auf die Nerven falle, seufzt sie, dass sie es gar nicht erwarten kann, endlich von zu Hause wegzukommen und auszuziehen. Voller Vorfreude erzählt sie dann von ihren Zukunftsplänen. Dass sie davon träumt, nach dem Abi einige Work-und-Travel-Monate in Afrika zu verbringen oder eine längere Sprachreise und ein Praktikum in den USA zu absolvieren oder für ein Studium in eine coole Stadt wie Hamburg oder München zu ziehen – ach was, nicht Hamburg oder München, lieber direkt New York oder San Francisco. Welt, ich komme, sobald du mich nur lässt! Lara will raus. Abenteuer und Neues erleben. Reisen. Heimweh kennt sie nicht.

Im Sommer war sie mit einer Freundin für ein paar Tage allein auf Städtetour. Dieses Jahr soll es endlich ein größerer Urlaub mit Freundinnen werden. Busreise nach Spanien. Das Virus lässt es hoffentlich zu. Die Anzahlung hat sie bereits zusammengespart. „Aber in den Familienurlaub komme ich trotzdem mit“, sagt sie, selbst, wenn sie sich mit Maya ein Zimmer teilen muss. Letztes Jahr noch betonte meine Große, dass sie zum allerletzten Mal mit uns in den Urlaub fahren würde. Sie wäre nun zu alt, um sich mit der drei Jahre jüngeren Schwester ein Zimmer zu teilen und mit den Eltern am Strand abzuhängen. Ich nickte zustimmend und freute mich, als sie in den Sommer- und Herbstferien doch mitwollte. Wir hätten sie nicht gezwungen, denn nichts kann einem den Urlaub mehr vermiesen als ein dauerhaft nörgelnder Teenager. Sicher, teilweise war ihre Entscheidung der Pandemie geschuldet, die Jugendlichen im Moment kaum bis gar keine Planungssicherheit bietet. Aber im Großen und Ganzen fühlt sich Lara im Kreise unserer kleinen Familie, in der alles so vertraut ist und wo sie sich ungezwungen bewegen kann, einfach wohl (zumindest die meiste Zeit) und außerdem kostet sie Unterkunft und Verpflegung keinen Cent. Das weiß Lara, seitdem sie arbeiten geht, inzwischen ebenfalls zu schätzen.

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04. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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28. Dez. 2021
von Matthias Heinrich
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Gewappnet für das neue Jahr – komme, was wolle

Auch nach längerem Überlegen kann ich mich an kein ähnlich entspanntes Weihnachten erinnern. Wir haben viel gemacht. Leute getroffen, gefeiert, getanzt, gespielt, gut gegessen und Gespräche geführt. Alles unter 2 G plus – bevor einer fragt. Heute steht gar nichts auf dem Programm. Die Kinder spielen mit ihren Weihnachtsgeschenken, meine Frau und ich sitzen in unseren Lesesesseln. Nebenbei läuft harmonische, ruhige Musik. Ich bin etwas erschöpft, fühle mich im Großen und Ganzen aber gut und bin – entspannt. „Zwischen den Jahren“ soll man ja zur Besinnung kommen. Sich sammeln, über das Gewesene sinnieren, an das Kommende denken und sich überlegen, was besser laufen soll. Dem zweiten Punkt widmet sich meine Frau, die im Internet nach Urlaubsunterkünften für den Sommer stöbert. Ja, zur Besinnung kommen – das ist mir für diesen Moment jedenfalls ganz gut gelungen. Das liegt am abwechslungsreichen Weihnachtsprogramm, an der ruhigen Musik und vielleicht auch an dem Krimi des Schweden Hakan Nesser, den ich gerade lese, in dem der Kommissar regelmäßig mit Gott spricht, darin nicht immer Glück, aber immerhin innere Ruhe findet.

Wenn die Festtagskerzen runterbrennen, kommen wir langsam zur Ruhe.
Wenn die Festtagskerzen runterbrennen, kommen wir langsam zur Ruhe.

Diese Beschreibung unseres nachweihnachtlichen Setups schicke ich vorweg, weil es im so großen Kontrast zur Vorweihnachtzeit steht, in der dieser Text eigentlich entstehen sollte. Im Kopf stand er da auch schon. Jetzt bin ich froh, mich dagegen entschieden zu haben, ihn auf Teufel komm raus noch zwischen einem Frühdienst und den Einkaufsstress zu quetschen. Wenn ich an meine angespannte Stimmung vor ein paar Tagen denke, hätte der Text meine Hektik aufgesogen. Ich wäre zu emotional und unbarmherzig mit mir selbst gewesen. Wenngleich die Dinge im Text die Gleichen geblieben sind.

Was waren im Rückblick die Ereignisse und Dinge, die uns „schlaflos“ gemacht haben? Zum einen die Einschulung unserer Tochter Frida. Sie kam in die Schule, ohne ein einziges Kind in ihrer Klasse zu kennen. Wegen ihrer Schüchternheit tat sich Frida schwer, Anschluss zu finden und den Bezugspersonen in der fremden Umgebung zu vertrauen. Aber, wie konnte es auch anders sein, es hat sich nach ein paar Monaten alles eingespielt. Sie hat Freundinnen gefunden (mit Jungs tut sie sich noch etwas schwer), verabredet sich und geht inzwischen gerne zur Schule. Nur den grummeligen Lehrer, der den Computerunterricht gibt, den mag sie nicht. Aber ehrlich, das gehört dazu. Die Schule ist ja nicht das Paradies.

Einen kleinen Schock und ein mindestens mittelgroßes schlechtes Gewissen bekamen wir kurz vor den Ferien. Wie wir in ihrem Deutsch-Arbeitsheft sahen, hat Frida ihre Hausaufgaben weniger sorgfältig erledigt als gedacht. Sie ist nach dem Unterricht in der Mittagsbetreuung. Dort sollen die Kinder unter Aufsicht ihre Hausaufgaben erledigen. Es gibt sicher Eltern, die sich aufregen würden, dass da jemand seinen Job nicht richtig macht. Letztlich sind aber wir für unser Kind verantwortlich. Wir haben das, wie gesagt, in der Vorweihnachtszeit festgestellt und uns Vorwürfe gemacht. Ich habe mich gefragt, was für ein mieser Vater ich bin, der seine Erstklässler-Tochter gleichgültig ihrem schulischen Schicksal überlässt. Jetzt sage ich mir: Da warst du nachlässig, aber jetzt wirfst du künftig einen Blick auf ihre Aufgaben, und damit ist es auch gut.

Ruhe und Besinnlichkeit können Wunder wirken. Das gilt auch für unseren Sohn Theo. Anders als bei seiner Schwester hatten wir seine schulischen Leistungen voll im Fokus. Bei ihm entscheiden die Noten in diesem Jahr, welche weiterführende Schule er ab dem Sommer besucht. Es ist kein Gerücht: In Bayern sind die Anforderungen höher und anspruchsvoller als in anderen Bundesländern. Es vergeht keine Woche, in dem die Viertklässler nicht mindestens eine Probe schreiben. Das Wort Probe klingt niedlich, bedeutet aber nichts anderes als Klassenarbeit. Allein in Deutsch waren es von September bis Weihnachten sechs, wenn ich mich nicht verzählt habe. Da gehen schon mal ganze Sonntage drauf, wenn in der folgenden Woche eine Probe ansteht. Nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern, die ihren Nachwuchs unterstützen und natürlich auf dem Gymnasium sehen wollen.

Eine Mutter sprach neulich angesichts der engen Leistungsnachweis-Taktung vom „Bayerischen Grundschulabitur“. Der Ausdruck trifft es leider ziemlich gut.

Theo macht es gut. Er ist erst vor vier Wochen neun Jahre alt geworden und mit Abstand der Jüngste in der Klasse. Wie fast alle Eltern wollen wir manchmal nicht begreifen, dass unser eben noch so kleiner Junge eben kein ganz kleiner Junge mehr ist. Wir müssen ihn auch im kommenden Jahr etwas zur Disziplin ermahnen und regelmäßig abfragen, aber er wird seinen Weg gehen. Ich hoffe, dass ich meine über die Feiertage gewonnene Gelassenheit mit ins nächste Jahr nehmen kann. Es passiert so viel.

Am ersten Weihnachtstag hat mir eine Freundin ein Foto gezeigt: Ihre komplette Familie, versammelt um eine weihnachtliche Festtafel – etwa zwanzig Leute. Die Einzige, die fehlte, war sie. Sie durfte wegen Corona das zweite Weihnachtsfest nacheinander nicht nach England reisen. Eine ihrer Schwestern hat inzwischen geheiratet, eine andere ein Baby bekommen. Bei der Hochzeit fehlte sie, das Baby hat sie noch nie gesehen. Sie hat das Foto angeschaut und geweint.

Am zweiten Weihnachtstag hat eine Corona-Leugnerin bei einer illegalen Demo ihr vierjähriges Kind bewusst als Schutzschild gegen eine Polizeisperrung benutzt. Das war gar nicht weit von hier, in Schweinfurt. Das Kind wurde mit Pfefferspray verletzt und der Mob hat die Polizei dafür verantwortlich gemacht.

Seit Weihnachten werden Medien nicht müde, Vertreter von Lehrerverbänden zu zitieren, die angesichts der Ausbreitung der Omikron-Variante den nächsten Lockdown fordern – die Aussichten sind düster: Homeschooling, mindestens bis Mitte Januar.

Wir werden auch im kommenden Jahr wieder klagen, uns über Politiker und Lehrer, Kindergärtner, schlechte Noten, schräge Eltern und unsere Kinder ärgern, auch mal weinen, auch mal zweifeln – aber wir werden für alles gewappnet sein. Mit dem Glauben an Gott wie der Kommissar bei Hakan Nesser oder dem Glauben an unsere Kinder oder einfach mit dem Glauben an uns selbst. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

28. Dez. 2021
von Matthias Heinrich
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21. Dez. 2021
von Sonia Heldt und Matthias Heinrich und Chiara Schmucker
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„Das ist voll Alman-Weihnachten“

„Das ist voll alman“

Zum Familientreffen am ersten Weihnachtstag soll jeder etwas zum Abendessen beitragen. „Ich glaube, ich mache Nudelsalat“, sage ich. Lara rümpft die Nase. Kartoffel- oder Nudelsalat, sagt sie, wäre „voll das Alman-Essen.“ Sowas würde doch keiner mehr essen, sie auf jeden Fall nicht, und ob wir nicht etwas anderes vorbereiten können.

Der Ausdruck „Alman“ hat seinen Ursprung in der türkischen Sprache und wird auch von nicht-türkischen Jugendlichen (und somit auch von meiner siebzehn Jahre alten Tochter) spöttisch für Urdeutsches, Spießiges und Altmodisches verwendet.

Wenn ich an einen Heiligabend in meiner Kindheit zurückdenke, sehe ich mich mit meiner Mutter und meinen Geschwistern vor einer großen Schüssel Kartoffelsalat und einer Platte warmer Würstchen am Esstisch sitzen – ein traditionelles Heiligabendmahl in vielen Familien. Nun aber frage ich mich, ob der Begriff traditionell nicht schlicht und ergreifend ein Synonym für altmodisch und spießig ist, zumindest in den Augen von Laras und Mayas Generation.

Holzpyramidenproduktion in einer Drechslerei im Erzgebirge
Holzpyramidenproduktion in einer Drechslerei im Erzgebirge

Vorletztes Jahr in der Vorweihnachtszeit kam mein Mann mit einem großen, geheimnisvollen Karton nach Hause. Seine Augen leuchteten voller Vorfreude. Meine Töchter und ich waren furchtbar neugierig, welches Geheimnis dieser Karton wohl barg. „Es ist etwas ganz, ganz Besonderes und wirklich bezaubernd“, schwärmte mein Mann. „Ich habe es gerade bei meinen Eltern abgeholt. Es wird ab nun in der Familie herumwandern. Dieses Jahr sind wir dran“, sagte er stolz. „Lasst euch überraschen.“

Als ich einige Zeit später das Wohnzimmer betrat, stand auf unserem kleinen Beistelltisch eine in die Jahre gekommene Holz-Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge in Form eines Adventhauses mit vier Fenstern. Die winzigen Fensterläden ließen sich öffnen, und dahinter versteckten sich kleine Engelsfigürchen, die backten, werkelten, musizierten und eine Glocke läuteten. Weder meine Töchter noch ich konnten die Begeisterung meines Mannes für dieses Holzkunstwerk teilen, an dem schon überall die Farbe abgeblättert war. Selbst im einwandfreien Zustand hätten wir es nicht „bezaubernd“ gefunden, nicht einmal ansatzweise. 

Sobald man an dem Ding etwas stärker atmend vorbeiging oder gar hustete, fielen die Flügel ab. Anfangs setze mein Mann alles wieder geduldig zusammen, bis er dann selbst irgendwann genervt zugab: „Ich bin total enttäuscht. Ich hatte das Haus magisch und wunderschön in Erinnerung. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich als Kind war, wenn ich an einem Adventssonntag an der Reihe war und mit kleinen, zittrigen Fingern ein Fenster öffnen durfte. Und jetzt ist das so ein Schrott und Kitsch.“ Das Adventhaus verschwand noch vor Heiligabend wieder in der großen Kiste.

Wir Erwachsenen trauern oft nostalgisch unserer Vergangenheit nach. Wir würden so gerne den Zauber unserer Kindheit zurückzurufen und ihn gemeinsam mit unseren Kindern neu erleben. Daher versuchen wir, unsere Kinder für Dinge aus unserer Zeit zu begeistern: Mal preisen wir sprachlich total veraltete Bücher oder Filme an, mal kitschige, unmoderne Weihnachtsdekoration oder viel zu deftiges und nicht mehr zeitgemäßes Essen, das schon Oma mit viel zu viel Mayonnaise und Sahne zubereitet hat. Manchmal gelingt uns das, meistens jedoch nicht.

Alte Zöpfe darf man ruhig auch mal abschneiden und altbackene Relikte aus der Vergangenheit überdenken. Die Zeit bleibt nicht stehen, auch wenn wir uns alle hin und wieder wünschen, sie zurückdrehen zu können. Also werde ich den Nudelsalat streichen und mit Lara etwas vorbereiten, das auch der jungen Generation schmeckt. Ich will schließlich kein Alman sein – nicht mal an Weihnachten.

(Sonia Heldt)

Alman-Weihnachten? Wir sind dabei

Wir sind bei Weihnachten und in der Adventszeit Vollblut-Alman. Das ganze Haus ist Alman. Schon an der Eingangstür begrüßt den Besucher ein Tannenkranz mit roter Schleife. Das Erdgeschoss ist weihnachtlich durchgestylt. Meine Schwiegermutter hat uns ein buntbemaltes Miniatur-Weihnachtsdorf aus Terracotta geschickt. Es steht vor einem bodentiefen Fenster. Wenn unsere Tochter nach Hause kommt, macht sie zuallererst die Lämpchen an. Außerdem hat sie in der Schule gelernt, wie man aus Papierbögen Schneeflocken bastelt: An jedem Fenster hängen mindestens drei dieser Flocken. In der Mitte des Esstisches prangt ein stattlicher Adventskranz. Überall hängen Weihnachtssterne und als Krönung trägt die Figur einer üppigen Balletttänzerin auf der Anrichte wie jedes Jahr eine Weihnachtsmannmütze auf dem Haupt. 

Ja, die ganze Familie liebt diese Zeit mit dem weihnachtlichen Schnickschnack – und mit ihren kommerziellen Begleiterscheinungen. Jedes Familienmitglied hat mindestens einen Adventskalender. Bei uns läuft jeden Tag die gleiche Weihnachts-Playlist (von „Last Christmas“ bis „Maria durch ein´ Dornwald ging“, von „Fairytale of New York“ bis „In der Weihnachtsbäckerei“). Da herrscht familiäre Einigkeit.

Ich gebe es zu: Ich brauche das alles. Vor allem in diesem Jahr, wenn Omikron und Impfgegner andere Weihnachtsfreuden nicht möglich machen: Vollblut-Weihnachten, Bilderbuch-Weihnachten, Weihnachten wie immer, Weihnachten Alman. Mit seiner Musik, den immer gleichen Filmen, Gebäck und den wunderbaren Kinderbüchern. Es ist ein bisschen wie früher, so soll es sein.

Unsere Kinder (7 und 9) lieben es, wenn ich ihnen von meinen Kindheits-Weihnachtserinnerungen erzähle. Dass mein Vater, ihr Opa, rund um Weihnachten immer ganz viel arbeiten musste, weil er eine Bäckerei hatte. Dass er den Weihnachtsbaum immer erst am Heiligen Abend besorgt hat und meine Mutter sich jedes Mal beschwerte, dass der Baum krumm war. Dass ich mit meinen Geschwistern an Heiligabend immer in die Kirche gegangenen bin, dass wir andächtig und amüsiert dem Krippenspiel der Vorkonfirmanden folgten und „Oh Du Fröhliche“ gesungen haben. Hinterher gab es Christstollen, Kaffee und dann ist mein übermüdeter Vater zur Bescherung aufgestanden.

Mein Vater backt auch heute noch Plätzchen und Stollen. Die Plätzchen sind ruckzuck aufgefuttert, aber den Stollen mag außer mir wegen der Rosinen und des Orangeats niemand.  Natürlich hat sich die Vorweihnachtszeit auch sonst geändert. Die Kinder hatten in ihren Adventskalendern Gutschein-Zettelchen gefunden: „Einen Weihnachtsfilm schauen“. Während Theo maulte, er habe keine Lust auf einen langweiligen Weihnachtsfilm, hat sich Frida gefreut. Sie liebt „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, „Die Muppets-Weihnachtgeschichte“ und „Der kleine Lord“, obwohl sie beim letzten Mal irritiert war, dass ihr Vater den halben Film lang geheult hat, weil er Alec Guinness so toll findet, der den alten Lord spielt.

Beim Vorlesen ist es nicht anders. Während Frida bei „Weihnachten bei den Zwergen“ an meinen Lippen hängt und sich wohlig bei „Tomte Tummetott“ und „Knecht Ruprecht“ gruselt („Hat der wirklich eine Rute, Papa?“), findet Theo das alles inzwischen nicht mehr spannend. Immerhin hat er in diesem Jahr noch einmal einen Wunschzettel an das Christkind geschrieben und eine Theorie aufgestellt, wie das logistisch mit den Geschenken funktioniert: „Ich glaube, das Christkind geht nicht einkaufen. Das lagert die ganzen Geschenke einfach in einem riesigen Raum.“

Weil auch in diesem Jahr corona-bedingt die Kirche ausfällt, werden wir wieder stattdessen einen Weihnachtsspaziergang machen. Wir werden gemeinsam singen, und ich werde Lukas 2, Vers 1 bis 20 vorlesen. Dann folgt die Bescherung, und dann gibt es Essen.

Eigentlich hatte ich vor, zum ersten Mal eine Gans zu braten. Letztlich habe ich mich dagegen entschieden. Unsere Kinder essen den Vogel eh nicht. Die Alternative ist aber auch sehr Alman: Es gibt Raclette.

(Matthias Heinrich)

„Scheiße, Weihnachtsmann“: Warum ich mit amerikanischem Weihnachten liebäugle

Auch ich habe es an Weihnachten am liebsten traditionell. Meine Familie und Schwiegerfamilie auch. Und es versprach so ein schöner Abend zu werden, mein Mann und ich, seine Eltern, seine Schwester mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Zur Begrüßung ein Glas Sekt, der Baum wunderschön geschmückt. Bis zu diesem Weihnachtsfest hatte ich den Weihnachtsabend noch nie anderswo verbracht als im Wohnzimmer meiner Eltern, wo wir nach den immer gleichen Ritualen (Krippenspiel in der Kirche, Fondue, ausgiebiges Musizieren) mit roten Wangen endlich die Geschenkestapel erobern durften. Meine Familie ist groß, die beiden Omas waren auch immer dabei, und so war das ein fröhliches Hin und Her aus „Schau mal, was ich bekommen habe“, „Danke Mama“, „Guck mal hier“ und „Oh, ich hab auch noch was für dich“. Alle waren gleichzeitig beschäftigt, „arbeiteten“ sich durch die gewünschten oder überraschenden Geschenke. Nach dreißig Minuten sanken wir ermattet in die Sofas, öffneten unsere neuen Bücher oder spielten vor der Krippe mit Playmobil. Die Omas tranken einen Likör, meine Eltern tauschten nun auch endlich ihre Geschenke aus, leiser als wir Kinder und doch genau von uns beobachtet.

Bloß keine Tränen: Tropfen an einer Weihnachtskugel in Schleswig
Bloß keine Tränen: Tropfen an einer Weihnachtskugel in Schleswig

Auch wir haben viele Geschenke bekommen, vielleicht war es auch bei uns damals schon eine Überforderung. Doch Tränen gab es dabei nicht – außer vielleicht vor der Bescherung, wenn meine Schwester es mal wieder nicht geschafft hatte, alle Päckchen rechtzeitig einzupacken und das unbedingt noch schaffen wollte, bevor sie ihr Engelskostüm überstreifen und von der Empore in der Kirche die frohe Botschaft verkünden sollte.

Besagter Abend mit der neuen Familie blieb mir in Erinnerung, weil meine Nichte und mein Neffe sich erst beim Vorsingen eines Lieds in die Haare kriegten und sich dann – beobachtet von uns Erwachsenen, die wir erst im Anschluss auspacken sollten – über die Geschenke hermachten. Es war ausgerechnet das erste Päckchen, das meine Nichte in Rage versetzte. „Scheiße, Weihnachtsmann“, fluchte sie, die Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie hatte die CD bereits. Der Tag war für die damals Neunjährige einfach zu aufregend gewesen.

Auch meine Schwester berichtet davon, dass man ihren Kindern besser gar nichts mehr schenken solle, denn es sei eh alles zu viel, die Kinder bekämen „den Hals nicht voll“ und am Ende gebe es immer nur Streit. Auch bei unserem Dreijährigen kann ich schon voraussehen, dass dieses Weihnachten ihn überfordern wird. Er wünscht sich ungefähr alles, was es über Monster Trucks und Dinosaurier gibt – Puzzle, Stickerbücher, Malbücher, Ausmalbücher – und wird auch eine Menge davon bekommen. Sein eigentliches Geschenk ist aber ein Kaufladen. Das kann super werden, oder ein Scheiße-Weihnachtsmann-Moment, wenn er das Laken wegzieht und darunter kein Monster Truck zum Vorschein kommt.

Auch wenn ich mich damit nie durchsetzen werde: Ich liebäugle damit, mit den Traditionen zu brechen und all meine romantischen Vorstellungen vom Heiligen Abend über Bord zu werfen, und die Bescherung wie in Amerika üblich auf den Morgen des 25. zu verlegen. Ich weiß, dass das für viele einer Abschaffung des Abendlandes gleichkommt, in einem Atemzug zu nennen mit Sonne-Mond-Sterne-Laternenumzügen. Doch ich schwöre: Frisch ausgeruht kann man über doppelte CDs und uneingepackte Geschenke nur lächeln.

(Chiara Schmucker)

21. Dez. 2021
von Sonia Heldt und Matthias Heinrich und Chiara Schmucker
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14. Dez. 2021
von Sonia Heldt
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„Mama, wir werden die Masken nie, nie wieder los“

Maya (14) sagt, sie müsse nun „endlich, endlich“ in Weihnachtsstimmung kommen und möchte sich einen lustigen, weihnachtlichen Film anschauen. Wir suchen Verrückte Weihnachten mit Jamie Lee Curtis, Tim Allen und Dan Aykroyd aus. Die Story: Luther Krank, alias Tim Allen, beschließt, Weihnachten ausfallen zu lassen und stattdessen mit Frau Nora die Feiertage in der Karibik zu verbringen. Da Tochter Nora im Ausland weilt, ist für das Ehepaar Weihnachten sowieso nicht das, was es mal war. In einer Anfangsszene hechtet Luther durch den strömenden Regen in ein Geschäft, um Pistazien und weiße Schokolade zu besorgen. Plötzlich stöhnt Maya neben mir auf. „Oh Gott, ich habe gerade wieder gedacht: Hey, der läuft ohne Maske in den Laden.“ Lara (17) nickt: „Habe ich gerade auch gedacht. Die meisten Filme kommen mir inzwischen vor wie aus einer anderen Epoche, selbst wenn sie noch gar nicht so alt sind. Ich kann mich bald nicht mehr daran erinnern, wie es vor Corona war und wie es ist, ohne Maske irgendwo reingehen zu dürfen.“

Unter 2-G-Bedingungen: Weihnachtsmarkt in Essen
Unter 2-G-Bedingungen: Weihnachtsmarkt in Essen

Das geht mir genauso. Corona hat sich in unserem Alltag breitgemacht und gaukelt unschuldig Normalität vor. Es ist daher gut, wenn Film und Fernsehen an unser altes Leben erinnern. Ich will keinen Tatort, in dem die Ermittler mit Maske rumlaufen, nur weil man sich um eine aktuelle Darstellung bemüht oder die Statisten nicht oft genug getestet wurden. Ich verstehe die Hälfte der Dialoge aufgrund der schlechten Tonqualität in den Öffentlich-Rechtlichen auch so schon kaum. Wenn dann noch durch Masken genuschelt wird, kann ich direkt abschalten. Außerdem möchte ich, zumindest auf dem Sofa vor dem Fernseher, die Pandemie für ein paar Stunden vergessen dürfen.

Maya hat im Sommer den neuesten Band der Conni & Co. Reihe gelesen und enttäuscht festgestellt, dass Corona in der Geschichte erwähnt wird. Das hat sie unsagbar genervt. „Kann nicht wenigstens bei Conni alles beim Alten bleiben?“, sagte sie beleidigt. Ich verstand sie. Ich sehe keine Notwendigkeit, dass in Filmen und Büchern, die der Unterhaltung und Ablenkung dienen, dem Virus unnötig Raum geboten wird. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass meinem Radiowecker irgendwann eine andere Begrüßung als „Guten Morgen, hier sind die aktuellen Corona-Zahlen“ einfällt. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, meinen Töchtern nicht bis zum Abitur „Habt ihr auch das Frühstück und die Masken eingepackt?“ hinterherrufen zu müssen. Dabei kann ich mir die Erinnerung eigentlich sparen. Maya und Lara würden eher ihr Frühstück als den Mundschutz vergessen. Er ist für sie zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Hin und wieder, sagt Maya, wäre die Maske sogar ganz praktisch. Zum Beispiel, als sie im Sommer ihre feste Zahnspange bekommen hatte und sie die ungewohnten Gerätschaften in ihrem Mund prima verstecken konnte. An kalten Tagen, wenn ihr der Fahrtwind auf dem Rad kalt ins Gesicht bläst, benutzt sie die Maske als Wärmeschutz. Und wenn wir die Straße zur Post entlanggehen, wo es immer so streng riecht, ist sie dankbar, etwas über die Nase ziehen zu können. Und da sie von dem dauerhaften Masken-Tragen mit Hautirritationen und Pickelchen um den Mund zu kämpfen hat, fühlt sie sich „ohne“ manchmal regelrecht unwohl.

Dass die Adventszeit 2021 nach wie vor von Covid-19 geprägt sein wird, habe ich – wie die meisten Politiker – nicht wahrhaben wollen. Ein bisschen hatte es mich allerdings dann schon gewundert, als plötzlich die Teststellen und Impfzentren abgebaut und stattdessen Weihnachtsmärkte aufgebaut wurden, nur um dann anschließend einen großen Teil der Weihnachtsmärkte wieder zu schließen und die Teststellen und Impfzentren an anderer Stelle hochzuziehen. Ich persönlich kann auch dieses Jahr auf den Weihnachtsmarkt verzichten. Obwohl geimpft, verspüre ich keinerlei Lust auf Stadtbummel und Co. und bin – so leid es mir für den Einzelhandel tut – zum Onlineshopping übergegangen, um die notwendigsten Geschenke zu besorgen. Dabei mag ich eigentlich die Weihnachtszeit. Zumindest war das bis vor zwei Jahren so.

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14. Dez. 2021
von Sonia Heldt
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09. Dez. 2021
von Chiara Schmucker
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Was tun mit dem Geld meines Kindes?

Eine Geldanlage, die für viele nicht mehr akzeptabel ist: Erntehelfer in Brandenburg bei der Tabakernte

Festgeld, ETF oder Staatsanleihen? Wie unsere Autorin für ihre Kinder zum Finanzfuchs wurde und was sie dabei gelernt hat.

Als ich ein Kind war, bestand die Welt des Geldes für mich eigentlich aus zwei Welten. Die eine war die der glänzenden Münzen, von denen die größte (das wunderschöne Fünf-DM-Stück) gerade so in meine Hand passte und für sechs Gummitierchen im Spielzeugladen reichte.

Die andere war weniger greifbar. Sie hieß „das Geld von der Oma“ und soweit ich es damals verstand, hatte meine Großmutter ihren Sparstrumpf für uns Enkelkinder geöffnet und meinem Vater Geld für jeden von uns übergeben. Dieses Geld konnte ich nicht sehen, nicht berühren, aber ich wusste, wenn ich mal einen wirklich großen Wunsch habe, wartet es auf mich.

Ich hatte Glück: Meine Eltern mussten das Geld nie anrühren, um Schulranzen, Urlaube und Führerschein für mich zu bezahlen. Lieber hätten sie auf Reisen, Essengehen und neue Anschaffungen verzichtet, als an mein Geld zu gehen. Viel mehr noch: Mein Vater fuchste sich in die besten Anlagemöglichkeiten ein, die in der Hochzinszeit der frühen neunziger Jahre mit Festgeld und Bausparverträgen noch etwas anders aussahen als heute.

Akribisch führte er Buch darüber, wie sich das Geld entwickelte. In Aktien wollte er nicht investieren. Zum einen hatte er Fälle von Bekannten im Kopf, die an der Börse sehr viel Geld verloren hatten, zum anderen kannte er sich seiner Meinung nach zu wenig aus und wollte sich nicht auf Berater verlassen. Auf keinen Fall wollte er auch nur einen Pfennig unseres Geldes in den Sand setzen.

Als ich vor einigen Jahren zusammen mit meiner Schwester eine winzige Wohnung kaufte, war dieses so klug und vorausschauend angelegte Geld unser Grundstock. Es hatte sich dank meines Vaters über all die Jahre hinweg so stetig vermehrt wie meine Meerschweinchen. Doch wie genau mein Vater das angestellt hatte, dafür hatte ich mich jahrelang nicht interessiert. Bis ich selbst Kinder bekam.

Dass mein „eigenes“ Geld, das jeden Monat auf mein Girokonto eingeht und für Miete, Fitnessstudio, Bücher und Restaurantbesuche wieder abfließt, keine Zinsen bringt, ist mir weitgehend egal. Zu kompliziert wäre mir das ständige Hin- und Her-Überweisen aufs Tagesgeldkonto oder in andere Anlagemöglichkeiten.

Doch bei dem Geld meiner Kinder fühle ich anders. Zwei liebe, kinderlose Großtanten haben es mir zur Geburt der beiden überwiesen, und ich begreife es als etwas, das mir anvertraut worden ist. So wie ich meine Kinder vor allem Übel zu bewahren suche, so will ich auch ihr Geld bewahren und vermehren, so wie mein Vater es für uns Kinder getan hat.

Doch ich hatte keine Ahnung, wo das möglich wäre. Auf den Konten gibt es keine Zinsen, auch Staatsanleihen, Festgeld, Bausparverträge haben längst ihre Rentabilität verloren. Aktien und Fonds – fast ohne Vorkenntnisse? Sehr präsent ist mir noch ein Zeitungsartikel in Erinnerung, in dem ein Journalist vor zehn Jahren auf die Suche danach ging, in welche Aktien das Geld seiner Riester-Lebensversicherung angelegt ist – und herausfand, dass damit unter anderem Streubomben finanziert wurden. Unvorstellbar für das Geld unserer beiden Söhne.

Ich las mich in ETFs eine, eine Anlagemöglichkeit, bei der so wenig Geld für Verwaltungskosten und Ausgabeaufschlag fällig wird, dass die Renditen auch ohne horrend auszufallen, lohnend sein können. Mir gefällt das Konzept, dass auch ich Laie mir hier ein Depot zusammenstellen kann, das bestimmte Eigenschaften hat: Ich kann nachhaltig, nur in Zukunftstechnologien oder in „grüne“ Energie investieren. Wenn ich manchmal in der Nacht wach lag, schaute ich, wie sich das Depot entwickelte.

Der erste Verkauf von ETF-Anteilen erschien uns ähnlich aufregend wie der Kauf unserer Wohnung. Schon nach dem ersten Jahr hatten wir mit unserem ersten Investment genug Rendite gemacht, dass wir Max davon seinen Fahrradsitz kaufen konnten. Das fanden wir eine hübsche Symbolik. Inzwischen haben wir für beide Kinder auch Sparpläne eingerichtet, mit der aus unserem monatlichen Gehalt ein Betrag direkt ins Depot geht. So wächst der Grundstock ihres späteren Startkapitals jeden Monat ein klein wenig an.

Natürlich sind auch ETF keine bombensichere Geldanlage. Auch bei ihnen fließt das Geld in Aktien und deren Kurse können nun einmal steigen oder sinken. Entscheidend ist, dass man das Geld möglichst breit über die Weltregionen und Wirtschaftszweige streut (wobei man eben auch Wirtschaftszweige ausschließen kann wie Waffen, Tabak oder ähnliches), um eventuelle Krisen abzufedern. Nach allem, was ich gelesen habe, ließen sich mit einer so breit gestreuten Geldanlage an den Aktienmärkten trotz aller zwischenzeitlicher Rückschläge in den vergangenen Jahrzehnten im Durchschnitt um die 5 Prozent Rendite erzielen. Also deutlich mehr als auf dem Tagesgeldkonto.

Manchmal sinniere ich darüber, wofür die Kinder das Geld wohl später einmal nutzen werden. Ob sie ein Jahr durch Australien reisen, ein Auto kaufen oder den Tauchschein machen wollen, eine Kunstakademie besuchen oder ein Projekt mit Straßenkindern in Indien ins Leben rufen.

Doch auch jetzt schon will ich in ihrem Namen verantwortungsvoll mit Geld umgehen und nachhaltige Werte schaffen. Jedes Jahr spenden wir für die Kinder an eine Organisation oder Einrichtung, die unserer Meinung nach zu ihnen passt.

Im vergangenen Jahr haben wir für Max an eine Organisation gespendet, die Kindern in Tansania Augen-Operationen ermöglicht, damit sie wieder sehen können. Ich fand das passend für einen Zweijährigen, der gerade mit großen Augen die Welt erkundet und mit allen Sinnen begreifen lernt. In diesem Jahr habe ich Max erklärt, dass wir einmal im Jahr Geld geben, an Menschen, denen es nicht so gut geht oder die Unterstützung brauchen, um ihre Arbeit zu machen. Er hat sich die Freiwillige Feuerwehr ausgesucht. Im nächsten Jahr ist es vielleicht ein Kunstprojekt oder Tierschutz. Ich freue mich schon darauf.

09. Dez. 2021
von Chiara Schmucker
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30. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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Kinder und Nationalsozialismus: Wann fängt man mit Hitler an?

„Gar nicht“, würde Alexander Gauland sehr wahrscheinlich antworten, wenn jemand auf die Idee käme, ihm diese Frage zu stellen. Schließlich sind diese zwölf Jahre Nationalsozialismus seiner Meinung nach ja nur „ein Vogelschiss“ in der großen deutschen Geschichte.

Diese Aussage ist ein alter Hut. Ich wollte nur noch einmal daran erinnern, dass ein deutscher Politiker, der immer noch im Bundestag ist, so etwas wirklich gesagt hat. Das Zitat ist mir beim Schreiben dieses Textes sofort wieder eingefallen. Wie alt sollten Kinder sein, wenn man mit ihnen über den Nationalsozialismus spricht?

Der zerstörte Turm der Gedächtniskirche ist eine der vielen heute noch sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs in Berlin.
Der zerstörte Turm der Gedächtniskirche ist eine der vielen heute noch sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs in Berlin.

Es ist knapp drei Jahre her. Ich sitze mit unserem Sohn Theo, damals sechs Jahre alt, in der Berliner S-Bahn. Wir schauen aus dem Fenster und zählen die Kräne. In Berlin wird viel gebaut. Wir fahren von Mitte nach Westen. Am Hauptbahnhof vorbei, Bellevue, Tiergarten, Zoologischer Garten. Am Ku´damm ruft Theo plötzlich: „Papa, guck mal die Kirche da. Warum ist die kaputt?“ Ich überlege kurz: „Weißt du, da ist eine Bombe reingefallen.“ Mein Sohn macht große Augen. „Warum? Wer hat die Bombe denn da reingeschmissen?“ „Weil Krieg war. Das waren englische Flieger.“ „Warum haben die das gemacht? Waren die böse?“ „Naja, weißt du, eigentlich war Deutschland damals böse. Es wurde von einem Mann regiert, der die ganze Welt beherrschen wollte. Alle sollten so sein, wie er das für richtig hielt. Darum hat er Krieg und großes Unheil über ganz viele Menschen gebracht.“ Theo überlegt. „Wie hieß der Mann?“ „Adolf Hitler.“ „Sind auch Menschen gestorben?“ „Ganz viele. Millionen.“ „Millionen?“ Theo denkt nach. „Und darum haben die die Bombe in die Kirche geworfen? Damit er damit aufhört?“ „Ja, so ungefähr. Toll war das nicht. Dabei sind auch Menschen gestorben, die gar nichts mit dem Krieg zu tun hatten.“ Ich habe Theos volle Aufmerksamkeit. „Weißt du, die Kirche war kaputt. Dann hat man sie repariert, aber das Dach hat man so kaputt gelassen. Es soll die Menschen daran erinnern, dass Krieg etwas Fürchterliches und absolut Sinnloses ist. Die Kirche steht dafür, dass wir nie wieder Krieg führen.“ Theo schaut aus dem Fenster. „Papa, der böse Mann… Adolf Hitler… lebt der noch?“ „Nein, der ist schon lange tot.“ Wie ist er gestorben?“ Ich überlege kurz: „Er hat sich umgebracht.“

Ähnliche Gespräche hatten wir auf Rügen in Prora, in Nürnberg und natürlich an anderen Orten in Berlin. Die Fragen kommen. Warum gab es die Berliner Mauer? Wer hat Prora gebaut und wer das Zeppelinfeld? Warum steht mitten im Treptower Park in Berlin das Sowjetische Ehrenmal? Warum hat Berlin eigentlich zwei Zoos? Es ist nicht möglich, mit Kindern offen durch die Welt zu laufen, ohne auf etwas zu stoßen, das mittelbar oder unmittelbar mit den 12 Jahren nationalsozialistischer Diktatur in diesem Land zu tun hat. Ich wüsste nicht, wie ich das anders erklären könnte, ohne Hitler zu nennen. Soll ich mein Kind anlügen?

Theo ist gerade neun geworden und geht in die 4. Klasse. Neulich hatten wir Elternsprechtag. Ich habe seine Klassenlehrerin gefragt, ab wann man Hitler und den Nationalsozialismus thematisieren sollte. „Das ist jetzt schon Thema bei uns“, antwortete sie. „Als wir in HSU (das ist das Schulfach Heimat- und Sachunterricht in Bayern) vor der Bundestagswahl über die parlamentarische Demokratie gesprochen haben und warum wir sie haben in Deutschland, fiel sofort der Name Hitler.“ Nationalsozialismus sei in der Grundschule noch nicht explizit Thema, aber der Name Hitler fiele schon im Unterricht. Und dann gehe sie darauf ein.  

Ein Tabuthema gibt es für die Klassenlehrerin allerdings: „Über den Holocaust sprechen wir noch nicht. Die Kinder sind neun Jahre alt. Das hat noch Zeit.“ Da bin ich bei ihr. Unser Theo ist extrem sensibel. Er muss noch nicht erfahren, wie Hitler und die Nazis Millionen von Juden in den Konzentrationslagern ermordeten. Wie sie auch Kinder vergasten und Menschen wie Ungeziefer behandelten. Aber wir werden bald darüber reden. Er erfährt es ohnehin irgendwann.  

Auch wenn es einigen Leuten nicht passt: 76 Jahre nach Hitlers Tod und dem Ende dieser Schreckenszeit sind der Nationalsozialismus und seine Spuren in Deutschland gegenwärtig – sichtbar, auch und speziell für Kinder. Überall stehen Bauwerke, die in dieser Zeit oder in der Folge dieser Zeit entstanden. Kinder sind neugierig, sehen Gebäude, lesen Gedenktafeln und stellen Fragen. Mit Vogelschissen sollte man seine Zeit wirklich nicht vergeuden. Hitler und der Nationalsozialismus gehören nicht dazu.

30. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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23. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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Wie ich mich mit dem Basteln aussöhnte

Wer beim Basteln das richtige Material hat, kann besser seine Phantasie spielen lassen.

In ganz Deutschland werden in diesem Jahr Christbäume ungeschmückt und Geschenke unverschenkt bleiben (Lieferprobleme aus China). Ganz Deutschland? Nein! Ein kleiner Haushalt in der Nähe von Frankfurt leistet Widerstand – und legt einfach selbst Hand an. Schon Ende November sind die Fenster mit Goldsternen geschmückt, Plätzchen gebacken, Wachskerzen gerollt und Weihnachtsdeko an Omas und Opas, Onkel und Tanten geschickt. In diesem Hause leben seit einigen Monaten zwei Bastelfanatiker – mein Sohn Max und ich. Lieferengpässe kümmern uns nicht, wir arbeiten von sechs Uhr früh bis in die Abendstunden.

Wer diese Kolumne öfter liest und mich und meine Familie schon einige Zeit begleitet, wird sich gerade sehr wundern, da ich mich noch im vergangenen Jahr als inkompetente Bastelphobikerin geoutet habe. Tonpapier, Krepppapier und Klebstoff, wir waren uns spinnefeind. Zwei Coronawinter und drei Wellen später bin ich schlauer und muss gestehen: Ich bin geläutert. Im Basteln mit meinem Sohn habe ich meine Berufung gefunden und er seine Erdung.

Doch Schritt für Schritt.

Es begann damit, dass ich für Max eine kleine Bastelschere kaufte, eine, die nur Papier schneidet, damit die Fingerchen des unruhigen Kindes unversehrt blieben. Doch schnell merkte ich: Auch der Spaß blieb damit auf der Strecke. Denn die Schere schnitt nur, wenn sie akkurat im 90-Grad-Winkel auflag. Zackige Kurven waren damit nicht drin. Auch bei Tonkarton, Transparentpapier oder Tesafilm streikte das dumme Ding.

Die Stifte, mit denen ich Max in einen Pappkarton setzte (hatte ich auf Instagram gesehen, der ultimative „So bleibt der Esstisch sauber“-Trick), erwiesen sich als ebenso unbrauchbar. Sie waren auf der dunklen Pappe kaum zu sehen.

Und so stand ich am Scheideweg der künstlerischen Ausübung und gab vollen Einsatz: No Risk no fun an der Bastelfront. Ich besorgte Stifte, die als Mischung aus Bunt- und Wachsmalstift so weich sind, dass sich damit mühelos alle Materialien bemalen lassen, inklusive Finger, Wangen, Tisch und Wand. Glücklicherweise sind sie auch sehr leicht abwischbar. Ich kaufte eine richtige Schere (immerhin mit abgerundeter Spitze), Kleber und weißes Papier und fing an, meine Freundinnen wie einst auf dem Pausenhof zu beäugen: Was haben die in ihren Bastelboxen? Was schnappen sich die Kinder als erstes? Was bleibt immer liegen?

Mit Max zu basteln, zu malen und zu phantasieren wurde immer mehr ein gemeinsames Ritual. Er wünschte sich Traktoren, Bagger und Autos, ich bot ihm unterschiedliche Materialien und Basteltechniken an. Wir beklebten Klorollen mit Krepppapier, malten mit Fingerfarbe, stempelten mit Kartoffeln, Händen und Füßen. Wir kneteten mit Salzteig, Kuchenteig, Knete und Wachs, zerschnitten Zeitschriften, Kalender und Wimmelbilder und klebten sie neu zusammen. Es gab eine Zeit, da hatte ich noch vor dem Frühstück ein Aquarium aus einer Schuhschachtel gebastelt, mit schwebenden Fischen, Pflanzen und Sand. Die gemeinsame Zeit machte uns beide glücklich, das Training unserer Fertigkeiten steigerte unser beider Selbstwertgefühl.

Beim Basteln legt Max oft seine kleine Hand auf meine große und sagt: „Bravo Mama“, oder „Das hast du gut gemacht“. Er muss es sich in einer seiner Kindersendungen abgeschaut haben, ich habe auch einen Verdacht, in welcher. Aber ich genieße diese Momente des Zuspruchs enorm. Offenbar so sehr, dass ich inzwischen in wahre Höhenflüge der Kreativität abhebe. Ich speichere mir die besten Bastelideen im Handy als Screenshots, kaufe Sticker- und Schnippelbücher und lege jeden Abend schon die wichtigsten Bastelutensilien bereit, damit mein Großer am Morgen ungebremst loslegen kann.

Seit Juli geht Max in den Kindergarten. Er ist noch ein Stück kleiner als die anderen, er spricht etwas undeutlicher als sie, aber „im Basteln ist er ein echter Überflieger“, sagt seine Erzieherin. Sie muss es wissen, denn sie ist die Meisterin der Kindergartenbastelperfektion. Ich platze vor Stolz. Mein Kind.

Seit Max mit ihr bastelt, ist sein Elan in neue Sphären aufgestiegen, und meiner gleich mit. Bringt er eine aus einer Klorolle gefertigte Eule mit nach Hause, zücke ich grüne Wasserfarbe, Schere und Klebstoff und wir basteln aus einer Zewarolle ein grünes Krokodil als Freund. Wir pressen Blätter und kleben daraus stachelige Dinosaurier. Wir bemalen Pappe mit Filzstiften, Max schneidet Igel, Dinosaurier und schlafende Wildschweine aus und malt sie mit Wasserfarbe und Deckweiß an. Kürzlich haben wir gerade, bauchige und runde Kerzen aus Wachsplatten gerollt und mit ausgestochenen Sternen und Herzen verziert. Eine will Max seiner Erzieherin zu Weihnachten schenken.

Wenn Max und ich basteln, sind wir beide ganz ruhig. Ich schaue nicht aufs Handy, er sitzt hochkonzentriert und malt, schneidet oder klebt. Den Malerkittel trägt er nur für mich, er bekleckert sich nie, er zappelt nicht. Er schnippelt und faltet, die Kanten rieseln in seinen Mülleimer. Danach saugt er unter seinem Platz und ich bestaune dieses außergewöhnliche Kind. Doch auch ich finde zu mir selbst, hole mir ein Stück meiner Kindheit und Jugend zurück, in der meine Kreativität so oft als mittelmäßig, mein Werken als durchschnittlich beurteilt wurden.

„Da hat ihnen jemand was kaputt gemacht“, sagte mir neulich ein Bastelbuchautor auf dem Buchmesse, mit dem ich mich lange darüber unterhielt, wie man Kinder beim Basteln am besten begleitet. „Loben Sie, egal wie krumm die Kante ist“, sagte er. „Und machen Sie mit, haben sie einfach Spaß.“ Wir haben sein Bastelbuch in zwei Tagen durchgebastelt, ich habe ihm ein Foto gezeigt, er konnte nicht glauben, dass Max erst drei ist. Und ich habe tatsächlich eigentlich nur die Klebefalze festgedrückt, alles andere hat Max gemacht.

Am Wochenende war mein Patenkind bei uns zu Besuch. Er ist zwölf Jahre alt und mit seinen weiten Shirts und Haaren über den Augen sieht er aus, als würde er sich gerne unsichtbar machen. Max bestürmte ihn, er solle ihm ein Motorrad im Hof mit Kreide malen, danach ein paar Sterne basteln. Aber er hatte keine Lust. „Ich kann das nicht“, sagte er missmutig. „Das habe ich auch immer von mir gedacht“, sagte ich und nahm ihn fest in den Arm. „Wenn du eines Tages jemanden hast, der deine Arbeiten bedingungslos schön findet, wirst du merken, dass auch du es kannst. Dass es nicht nur auf Perfektion ankommt. Und dass es sogar richtig Spaß macht.“

Mein Patenkind hat dann am Abend für uns Sushi gerollt und ist dabei richtig aufgeblüht. Und die Zubereitung dieser Delikatesse ist dem Basteln ja gar nicht so unähnlich. Algenpapier auf den Tisch, Reis darauf verteilen, mit einer Bambusmatte rollen, vorsichtig auseinanderschneiden. Max lobte die Schönheit der Rollen und probierte sogar ein Stück. Die Augen meines Neffen leuchteten vor Glück. Und unsere dazu. 

23. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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16. Nov. 2021
von Sonia Heldt
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„Für mich ist ja sowieso nichts auf der Speisekarte“

Wer sich nicht einigen kann, setzt schließlich Moos an: Statue vor einem Restaurant in Binz auf Rügen.
Wer sich nicht einigen kann, setzt schließlich Moos an: Statue vor einem Restaurant in Binz auf Rügen.

Sonntag. Die gesamte Familie hat ausgeschlafen und spät gefrühstückt. Mittags verspürt noch niemand Hunger und selbst wenn: Der Kühlschrank würde nicht viel hergegeben. Doch gegen Abend meldet sich langsam nicht nur mein Magen anklagend. „Lass uns Essen gehen“, schlägt mein Mann vor und rennt bei (fast) allen Familienmitgliedern offene Türen ein. „Gute Idee! Ich sterbe vor Hunger!“, sagt Lara (17) begeistert, und ich nicke ebenfalls zustimmend. Heute war ein trostloser Tag, und wir waren nicht ein einziges Mal vor der Tür. Nur Maya (14) zuckt unschlüssig mit den Schultern. Der ersten Euphorie weicht die Ernüchterung. Wir wissen alle, welcher Kraftakt nun auf uns zukommt: Wir müssen uns auf ein Restaurant einigen. Und das wird erfahrungsgemäß schwierig.

Der Italiener wird von vorneherein einstimmig von allen abgelehnt. Denn dort landen wir in 99% der Fälle, wenn wir uns nicht entscheiden können. Pizza, Salat und Pasta gehen immer, bei uns allen. Ist aber auf Dauer langweilig. Mein Mann würde gerne das gutbürgerliche Restaurant um die Ecke nehmen. Ihm steigt schon der Duft einer frisch gebratenen Gans in die Nase. Ich schlage das griechische Lokal vor, weil wir da schon ewig nicht mehr waren. Lara möchte unbedingt asiatisch essen. Und Maya findet, wir sollten zu Hause bleiben und Kroketten in den Backofen schieben.

Ich bin genervt. Wenn es um unsere Ernährung geht, landen wir selten auf einem Nenner. Dafür sind unsere Geschmäcker zu unterschiedlich. Es läuft meist so, wie vor ein paar Wochen in unseren Herbstferien: Wir waren auf Städtetour. Es war ein toller, aber auch mega-anstrengender Tag. Wir hatten unzählige Kilometer zu Fuß abgerissen.  Es war schon später Abend, und wir wollten endlich sitzen und Hunger und Durst stillen. Mein Mann navigierte uns via Google Maps in „ein Super-Restaurant, das wir unbedingt ausprobieren mussten“ – zumindest versprach das der Reiseführer und die Online-Bewertung. „Frischer und besser können wir nirgendwo essen. Vertraut mir!“, war er überzeugt. Als wir die Super-Location erreichten, warfen wir drei Mädels einen vernichtenden Blick auf die karge Markthalle mit den zahlreichen Selbstbedienungsrestaurants. Das hier erinnerte an eine Shopping-Mall, viel zu trubelig und ungemütlich nach einem solchen Tag. Der Vorschlag „Markthalle“ wurde mit einer Dreiviertelmehrheit abgeschmettert.

Also machten wir uns mit knurrendem Magen zu Fuß in die Altstadt auf, wurden aber auch dort nicht fündig. Entweder waren meinem Mann die Anwerber vor der Tür zu aufdringlich, oder mir passten die überteuerten Preise nicht. Mal fand Maya überhaupt nichts für sich auf der Speisekarte, oder Lara betitelte das Restaurant als unakzeptabel und schmierig. Unsere Laune sank linear zu unserem Zuckerspiegel. Mein Mann betonte alle dreißig Sekunden, dass er bereits das perfekte Restaurant vorgeschlagen hätte, aber das wäre uns Grazien ja wieder einmal nicht gut genug gewesen. Maya motzte, es würde alles sowieso nichts bringen, und verlangte, dass wir jetzt sofort den Heimweg ins Hotel antreten. Sie müsste nicht unbedingt etwas essen, für sie wäre ja sowieso nie etwas auf der Karte, und überhaupt wäre Essengehen die reinste Geldverschwendung. Lara war fest dazu entschlossen, nie – aber wirklich nie, nie wieder – mit uns in den Urlaub zu fahren. Sie schimpfte, wir wären alle einfach unsagbar anstrengend und sie die einzig vernünftige und erwachsene Person in dieser Familie.

Nachdem wir uns alle ausgiebig angeschnauzt hatten, bildeten mein Mann und Lara eine Koalition und schossen sich auf ein Burger-Restaurant ein. Ich hasse Burger-Kram, ließ aber mit mir reden. Es gab Salat und für Maya das Notfallgericht: Pommes. Wir hatten Glück und ergatterten den letzten freien Tisch. Es dauerte etwa fünfzehn Minuten – genauso lange bis das Essen auf dem Tisch stand –, bis wir uns alle wieder schlagartig liebhatten. Zufällig waren wir in einem herausragend guten Restaurant mit sehr frischen und auch veganen Gerichten gelandet. Das Bier, die selbstgemachte Limonade, der Salat, die Burger und die Pommes schmeckten. Das Ambiente war nett, und so konnten wir den schönen Tag doch noch gebührend abschließen. Auch wenn der Weg dorthin wieder sehr steinig gewesen war.

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16. Nov. 2021
von Sonia Heldt
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09. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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Willkommen in Bürokratien

Das Elterngeld hat es Müttern und Vätern auch überlegt, ohne Nachdenken eine Pause in einem Café einzulegen.

Endlich ist er weg. Dass der Elterngeldantrag die Pest ist, hatten wir noch vom ersten Mal, bei unserem inzwischen drei Jahre alten Sohn Max, in Erinnerung. Aber wie abstoßend und unnötig kompliziert dieser Wust an Formularen tatsächlich ist, wurde uns erst wieder so richtig bewusst, als wir uns nun ein zweites Mal an die Ausfüllerei machen mussten. Das große Zusammensuchen aller (!) Gehaltsnachweise, das Rätselraten um Begriffe wie Verschiebetatbestände und Pflichtmitgliedschaften in der Sozialversicherung.

Natürlich ist das Elterngeld ein Geschenk, um das uns junge Eltern auf der ganzen Welt beneiden. Bis zu 1800 Euro, bis zu 14 Monate lang, das gibt es sonst fast nirgendwo. Aber wenn der Staat seinen Bürgern so etwas Gutes tun will, warum macht er ihnen den Weg dahin so steinig? Das Problem an dem Antrag ist, dass er sämtliche Eventualitäten abdecken will. Dass er mich nicht einfach nach meinem Beruf fragt, sondern ich auch angeben muss, ob ich vielleicht einer Nato-Truppe angehöre, ob ich für eine (und wenn ja, welche) EU-Organisation arbeite oder ob ich Einkünfte aus Forstwirtschaft habe.

Klar, jenseits der unnötigen Verkomplizierung lässt sich das alles recht einfach mit Nein weg-x-en. Aber dann ist da die Sache mit den Verschiebetatbeständen. Die entscheidet darüber, für welchen Zeitraum man sein Gehalt nachweisen muss. Da kommen dann Satzmonster wie: „Ich hatte in den 12 Monaten vor der Geburt des Kindes und/oder im Kalenderjahr vor der Geburt des Kindes oder auch nur in Teilen der genannten Zeiträume Gewinneinkünfte (positiv, negativ oder Null) und Einkünfte aus nichtselbständiger Tätigkeit.“ Kurzum: Herzlich Willkommen in Bürokratien.

Als unser Sohn Max 2018 geboren wurde, führte unser erster Weg nicht etwa zu Oma und Opa oder den künftigen Paten – sondern ins Standesamt, das Kind offiziell anmelden. Seine erste Post kam dann wenige Tage nach seiner Geburt ebenfalls nicht von Oma und Opa – sondern vom Finanzamt, das noch nicht ganz entknitterte Neugeborene hatte jetzt eine Steuer-ID. Als wir uns nach den ersten durchwachten Nächten (Max schrie viel und schlief kaum) zum ersten Mal wieder an den PC setzten, druckten wir als erstes den Elterngeldantrag aus.

Dass wir – beide studiert, beide Journalisten, einer sogar Volkswirt – unfähig waren, ihn auszufüllen, konnten wir zuerst kaum glauben, mussten es uns dann aber doch eingestehen und professionelle Unterstützung suchen. Das ist inzwischen ein florierendes Business geworden, bis zu 500 Euro kostet es, sich den Antrag ausfüllen zu lassen. Unserer kam trotzdem dreimal zurück. Was für ein Aufwand – für beide Seiten, und letztlich auch für alle Steuerzahler, die die Gehälter der Sachbearbeiter und Sachbearbeiterinnen bezahlen.

Doch irgendwann stellten wir fest, dass die Formulare am Ende eben doch bei Menschen landen: Glücklicherweise hatten wir eine sehr nette Sachbearbeiterin, die uns dann telefonisch durch den Dschungel der Bürokratie hindurchnavigierte, weil auf uns als partielle Selbstständige mit gemeinsamer Elternzeit dann doch einige der Eventualitäten zutrafen (wenn auch nicht die Einkünfte durch Forstwirtschaft oder die adoptierten, zu früh geborenen oder Mehrlings-Kinder).

Als unser zweiter Sohn jetzt im Sommer geboren wurde, wollten wir klüger sein und den Antrag schon vor der Geburt ausfüllen, so dass am Ende nur noch der Name einzusetzen wäre. Das Formular hatte ich gerade zur Hälfte ausgefüllt, als ich über den Hinweis stolperte, es auch online ausfüllen zu können – „mit zahlreichen Vorteilen“, wie die Website versprach, und schon sechs Monate vor der Geburt: „Schnellere Entscheidung – weniger Rückfragen“, „Gezielte Antragsführung – der Antrag ,denkt’ mit“.

Das Denken war tatsächlich in Anführungszeichen zu verstehen, denn einfacher wurde der Antrag dadurch kein Stück (er fragte immer noch nach Forsteinkünften und Verschiebetatbeständen), und ein Kind ohne Namen und Geburtsdatum anzumelden, war ebenfalls nicht möglich. So stellte ich den Vertrag auf „Baby Schmucker“ und Wunschgeburtstermin aus und machte mich ans Ausfüllen. Dann wurde ich unterbrochen und fand keine Option zum Zwischenspeichern. Der Albtraum mit „Klicken Sie jetzt nicht den Zurück-Button“-Dokumenten. Am Ende habe ich den Antrag doch ganz schnöde ausgedruckt und mit der Hand ausgefüllt. Seither warte ich auf eine Antwort.

Durch Max wissen wir nun schon: es geht immer so weiter. Die Kita- und Kindergartensuche gestaltet sich zwar weniger intellektuell anspruchsvoll, aber nicht weniger bürokratisch: Anmeldung im zentralen Vergabenetz und dann für jede Wunschkita einzeln die zutreffenden Parameter ausfüllen und ein Bewerbungsschreiben formulieren. Am Ende nützt es eh alles nichts.

Nur eine einzige Freundin wurde tatsächlich über dieses Vergabenetz initial kontaktiert. Wir anderen bekamen den Platz für unser Kind am Ende nur durch Klinkenputzen, Nachtelefonieren und jede Menge Bittsteller-Emails mit Fotos und Beschreibung des Kindes. Meine Nachbarin mit Migrationshintergrund hatte das Nachsehen, weil ihr diese Art von Penetranz unhöflich erschien. Sie hatte ja schließlich das Formular ausgefüllt, nun galt es zu warten. Gemeldet hat sich nie jemand.

Die Oma von einem von Max’ Kita-Kumpels unterstützt sozial schwächere Familien oder mit Migrationsgeschichte dabei, Formulare auszufüllen – egal ob Elterngeld oder jede Art von Unterstützung. „Was ihnen durch die Lappen geht, einfach, weil sie gar nicht wissen, was ihnen zusteht und dann die Formulare nicht ausfüllen können!“, klagte sie neulich. Bei Unklarheiten hätte sie schon mal die Ämter stellvertretend angerufen – bekomme aber keine Auskunft. Datenschutz. Riefen die Familien selbst an, sagten die Sachbearbeitenden, sie könnten diese nicht verstehen, und die Familien müssten mit Dolmetscher persönlich vorbeikommen.“

Doch auch meine Freunde ohne Migrationshintergrund verzweifeln beispielsweise am Elterngeldantrag – und selbst die Steuerberater kapitulieren. „Nehmen Sie einfach den Mindestsatz von 300 Euro, alles andere wird viel zu kompliziert“, riet ein Steuerberater beispielsweise meiner selbstständigen Freundin.

Doch bevor ich ins Schimpfen abschweife: Seit Freitag ist unser großer Sohn zum ersten Mal in Corona-Quarantäne, ein Kind aus seiner Kita-Gruppe hat einen positiven Covid19-Befund erhalten. Die Betreuerin rief uns kurz an der Tür zu, dass die Gruppe wohl jetzt mindestens eine Woche geschlossen bliebe, vielleicht zehn Tage. Sonst haben wir noch nichts gehört, nicht, was das eigentlich heißt, und auch nicht, ob, wie und wann wir Max vielleicht „freitesten“ könnten. Weder von der Kita, noch vom Gesundheitsamt. Ich hätte das nicht für möglich gehalten: Aber gerade wünsche ich mir ein bisschen mehr Bürokratie. 

09. Nov. 2021
von Chiara Schmucker
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02. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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„Papa, wann bist du richtig glücklich?“

Ein Oktoberabend wie gemalt, mit klarer Luft und buntem Laub, das die untergehende Sonne allmählich wie eine dunkle Decke überstülpt. Ich öffne den Kofferraum, lege die Sporttasche hinein, schließe ihn und dreh mich noch einmal um, Richtung Sportplatz, der noch immer durch die vier kleinen Flutlichtmasten erleuchtet ist. Es ist frisch, aber nicht kalt und außerdem ganz still, zum ersten Mal an diesem Tag. Auf dem Rücksitz zieht Theo gemächlich seine Fußballschuhe aus. Auch er scheint in diesem Moment zum ersten Mal völlige Ruhe zu haben an diesem Tag. An seinen Stutzen klebt noch Gras. Das Fußballspiel ist seit knapp zehn Minuten vorbei. 1:7 ist es ausgegangen. Es ist die erste Saisonniederlage für Theos Mannschaft. Die Gegner hatten sich mit Spielern aus dem älteren Jahrgang verstärkt. Theos Mannschaft hatte keine Chance. Trotzdem haben sie in der zweiten Halbzeit ein tolles Spiel gemacht. Zweimal den Pfosten getroffen, und wenn der Torwart nicht so groß gewesen wäre …

Es ist egal. Theo hat seine Fußballschuhe ausgezogen. Er möchte barfuß bleiben, so ist es bequemer. Ich packe die muffigen Treter in den Kofferraum, verabschiede mich von einem anderen Fußball-Vater und steige ein. Eine gute halbe Stunde Fahrt liegt vor uns, von einem Kaff in das andere, dazwischen viel Gegend und andere Käffer. Wunderbar. Ich werfe den Motor an. Theo ist still. Wahrscheinlich denkt er über das Spiel nach. Wir rollen vom Parkplatz. „Hast du einen bestimmten Musikwunsch?“, frage ich. In diesem Moment rollen wir auf die Hauptstraße und haben freie Sicht. Vor uns Felder, ein dunkler Wald und darüber der tiefblaue Himmel. „Ja, ich möchte gerne `Lila Wolken` hören“, antwortet er ganz ruhig, „das passt gerade ganz gut.“ Ich mach das Lied an. Die einzige, große Wolke am dunklen Himmel ist wirklich lila. „Lila Wolken“ ist ein Song des Rappers Marteria, mit Miss Platnum und Yasha. Mit ihm verbinden meine Frau und ich die Jahre in Berlin, die Kinder lieben ihn einfach so.  

Mit und unter „Lila Wolken“ kurven wir durchs Frankenland. Durch den Wald, an Weiden und Weihern vorbei. Jeder für sich, Theo hinten, ich vorne. Der Junge summt leise mit. Die Dämmerung ist kurz, bald ist es dunkel. Wir fahren durch einen Ort. Ein Norma Supermarkt, Ernsting´s Family, ein Sportplatz und ein Wirtshaus, „Zum irgendwas“. Die Welt ist schön und zieht vorbei. „Papa“, sagt Theo plötzlich, „ich möchte dich was fragen.“ „Bitte sehr.“ „Wann bist du eigentlich richtig glücklich?“

‚Wow‘, denke ich, ‚was für eine Frage …‘ Der Junge ist noch keine neun Jahre alt. Bisher hatten Theos Fragen eine andere Qualität. Da wollte er wissen, ob Marcus Rashford (Fußballer von Manchester United) oder Kilian Mbappé (Fußballer von Paris St. Germain) schneller ist oder ob Steinadler immer noch meine Lieblingstiere sind. Jetzt haut er mich mit dieser Frage um. Es geht ans Eingemachte.

„Puh, Theo, das kann ich gar nicht so leicht beantworten. Aber ich finde es super, dass du sie mir stellst.“ Ich überlege. Meine Antwort muss ganz ehrlich sein. Theo meint es ernst. Ich kann ihn nicht mit irgendwas Halbgarem abspeisen. „Also…“, beginne ich, „ich bin richtig glücklich, wenn es Mama, deiner Schwester Frida und dir gut geht.“ Hinter mir bleibt es still, diese Antwort reicht noch nicht. „Außerdem bin ich glücklich über meinen neuen Job, das ist genau das, was ich machen möchte. Es macht mir richtig Spaß.“ Ich halte kurz inne. „Aber wenn du mich fragst, wann ich am glücklichsten bin: Das ist dann, wenn ich ganz ruhig und entspannt bin, wenn ich abschalten kann. Aber so richtig kann ich das in letzter Zeit immer seltener. Ich habe viel Stress und ganz viel im Kopf. Ich habe es etwas verlernt, richtig zu entspannen.“ Von hinten kommt ein „Hmh.“ „Aber ich glaube, ich kann das wieder lernen, ich muss das trainieren“, sage ich und bin der festen Überzeugung, dass das auch so ist.

„Wann bist du denn richtig glücklich?“ frage ich ihn. Theos Antwort kommt prompt: „So richtig glücklich bin ich, wenn mir ein Mädchen sagt, dass es in mich verliebt ist.“ Das ist gerade so ein Ding unter den Viertklässlern. Am Horizont winkt schon die Pubertät. „Das ist ja auch schön, wenn man so etwas gesagt bekommt“, sage ich. „Das ist ja auch mutig von dem Mädchen, so etwas zu gestehen.“ „Jaha,“ antwortet mein Sohn. „Weißt du, was Lisa sagt?“ Lisa ist Theos beste Freundin. „Sie sagt, wenn ein Mädchen so richtig in dich verliebt ist, dann sagt sie dir das nicht, weil ihr das zu peinlich ist.“ „Ja, da könnte Lisa recht haben. Es kann sehr verletzend sein, wenn man jemandem sagt, ich finde dich toll, und der andere macht sich darüber lustig. Das kann sehr wehtun.“ „Ja, da hast du recht, Papa. Das wäre richtig gemein. Papa, außerdem finde ich es richtig gut, Zeit mit meinen Freunden zu verbringen – ohne Familie.“ „Ja, das ist auch wichtig.“ Eine Erinnerung kommt hoch: Mein Bruder mit 14, 15 Jahren, sturmfrei, Sommer, Alkohol. Mein Bruder sitzt mit seinen Freunden auf der Terrasse, sie schauen in die Sterne und philosophieren über das Leben. Angetrunken, aber schlau. Heute sind sie Vertriebsleiter, Autodesigner, Unternehmensberater, und einer sitzt im Bundestag.

„Lila Wolken“ sind zu Ende und verschwunden, es ist still im Auto. „Theo, darf ich dich fragen, warum du wissen wolltest, wann ich richtig glücklich bin?“ Der Junge überlegt keine Sekunde. „Weißt du noch letztes Jahr, als uns Tom und Daniel besucht haben?“ Das sind seine Cousins. „Ja, die waren Silvester bei uns.“ „Da haben wir doch dieses Konzert von dem Mann gesehen. Wo am Ende alle Leute geweint haben, obwohl die Musik gar nicht traurig war. Du hast gesagt, er hat sich umgebracht, weil er so unglücklich war.“ Schon wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Dieser Moment ist zehn Monate her und Theo erinnert sich noch. „Du meinst Avici?“ „Ja, genau, Avici!“ Avici ist ein DJ und Musikproduzent, der irre erfolgreich war, durch die ganze Welt reiste – und der seinem Leben mit 28 ein Ende setzte. „Wollen wir den hören?“ „Ja!“

Also spiele ich „Levels“ von Avici. Das ist der Song, der gar nicht traurig ist, bei dem aber alle Leute geweint haben, bei dem Konzert letztes Silvester im Fernsehen. Während die Musik läuft, sprechen Theo und ich über Traurigkeit, Druck, Drogen und Einsamkeit. Wir unterhalten uns über die Bedeutung von Freunden und Familie. Dass man sich kümmert, wenn es einem nahen Menschen nicht gut geht, und selber anderen erzählt, wenn man ein Problem hat.

Danach spiele ich Amy Winehouse und – ich kann es nicht lassen – auch Nirvana. Aber natürlich kann Theo mit „Smells like teen spirit“ noch nichts anfangen. Das ändert aber nichts daran, dass diese Fahrt ein besonderer Vater-Sohn-Moment ist. Wir sind uns ganz nah, es gibt nur uns und unsere Gedanken, die wir austauschen – und die Musik. Als ich später einem Freund von dieser Autofahrt erzähle und von Theos großer Frage, wann ich richtig glücklich bin, sagt der Freund: „Jetzt, in diesem Moment.“

02. Nov. 2021
von Matthias Heinrich
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26. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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Durch die Nacht mit dem Mamataxi

Im Mamataxi läuft immer die Musik, die die reifenden Kinder von früher kennen.

Ich liege auf der Couch, schaue Medical Detectives und hadere mit Spannungskopfschmerzen. Eigentlich gehöre ich ins Bett, aber ich muss noch ein bisschen durchhalten – meine Taxizentrale hat eine nächtliche Fuhre angenommen. Ja, ich weiß, Elterntaxi – das lebhaft diskutierte Hassthema. Verweichlichte Kinder, die jeden Meter mit dem Auto kutschiert werden, am besten direkt bis auf den Schulhof. Genervte Schulleitungen, die alle paar Monate aufs Neue Infozettel ausgeben und Halteverbotsschilder vor dem Schulgebäude für nicht belehrbare Eltern aufhängen.

So ein Elterntaxi bin ich aber nur bedingt. An besonders fiesen, verregneten und kalten Wintertagen lasse zwar auch ich mich beizeiten von meinen Töchtern überreden, sie zur Schule zu fahren, schmeiße sie dann aber zweihundert Meter früher aus dem Auto. Dies sehr zu Laras (17) und Mayas (14) Leidwesen, denn sie haben morgens keine Lust, das letzte Stück im Regen zur Schule zu marschieren, wenn es gerade noch so schön warm im Wagen war. Die Straße vor der letzten Kreuzung stellt meine persönliche Grenze dar, denn ab dort wird es für Autofahrer ungemütlich. Selbst schuld, wenn man diese Grenze überschreitet und dann nichts mehr vor und zurückgeht, weil eilige Schüler auf ihren Fahrrädern haarscharf von allen Seiten an einem vorbeibrausen.  

Auf der weiterführenden Schule geht es im Vergleich zu den Kitas und Grundschulen milde zu. Es mag ja sein, dass man „früher bei Wind und Wetter eine Stunde zu Fuß in die Dorfschule gelaufen“ ist, aber die Zeiten haben sich geändert. Heute werden viele Kinder, die nicht das Glück haben, fußläufig zu wohnen, mit dem Auto zur Schule gebracht, zur Kita sowieso. Busfahren ist irgendwie out geworden (bei uns definitiv wegen der unzumutbaren schlechten Verbindung) und Schulbusse kenne ich nur noch aus meiner eigenen Schulzeit.

Der Kindergarten sowie die Grundschule meiner Töchter lagen glücklicheweise bei uns um die Ecke. Dennoch, mit zwei Kindern im unterschiedlichen Alter, mit unterschiedlichen Freunden und Hobbys, spielt man dann nachmittags trotzdem oft genug den Privatchauffeur.  Montags Tanztraining der Großen, dienstags und samstags Training der Kleinen, mittwochs Musikschule und am Donnerstag vielleicht eine Spielverabredung, Kindergeburtstag oder Arzttermine. Mein Mann übernahm die ein oder andere feste Tour, aber aus organisatorischen Gründen blieb der größte Teil dann doch an mir kleben.  

Je älter die Kinder wurden, desto mobiler wurden sie. Viele Fahrten sind bei uns inzwischen weggefallen. Die Mädchen kommen auch ohne mich von A nach B. Sie brauchen mit dem Rad nur zehn Minuten bis zur Schule. Besonders Lara reißt so gut wie alles alleine ab. Darüber bin ich auf der einen Seite froh, aber auf der anderen Seite macht es mir gar nicht so wahnsinnig viel aus, die Kinder herumzukutschieren. Wenn ich nicht gerade nachts über die Autobahn muss, fahre ich nämlich ganz gerne Auto, am besten mit etwas Gutem auf den Ohren – 80er, Musicals, Filmmusik. Mein Auto! Meine Musikwahl! Meine Macht!

Hin und wieder spielt Maya den DJ und wählt die Musik aus. Dann grölen wir gemeinsam lauthals Mamma Mia oder The Time Warp und machen Faxen. Überhaupt, die lustigsten und intensivsten Gespräche mit meinen Töchtern finden im Auto statt. In meinem Mamataxi herrscht eine entspannte und intime Atmosphäre. Auf längeren Fahrten lassen sich wunderbar Probleme analysieren und diskutieren. Maya und Lara genießen meine ungeteilte Aufmerksamkeit, ohne dass jemand dazwischen grätscht und umgekehrt. Das ist ein bisschen wie bei der Kosmetik oder beim Friseur: Die Kundschaft schüttet während der Dienstleistung ihr Herz aus.  

Seit Lara am Wochenende flügge geworden ist, bin ich für sie zwar nachmittags weniger im Einsatz, dafür aber recht häufig an den Freitag- und Samstagabenden. „Bei Niklas ist Party. Kannst du mich abholen? Sonst fahre ich mit dem Rad nach Hause“, sagt Lara dann und ich schüttele schnell den Kopf. „Auf gar keinen Fall fährst du nachts noch alleine die lange einsame Strecke. Und erst recht nicht, wenn du getrunken hast.“ Ich weiß, wie sowas aussieht. Ich habe Lara mal von einer „Runde“ (so nennen die Jugendlichen ihre Homies, die keine richtige Partys darstellen, sondern im kleineren Kreis stattfinden) abgeholt. Auf dem Weg dorthin kamen mir auf der dunklen Landstraße, Schlangenlinien fahrend, Jugendliche auf dem Rad entgegen. Automatisch drosselte ich das Tempo und war froh, dass keiner von ihnen auf meiner Motorhaube gelandet war.

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26. Okt. 2021
von Sonia Heldt
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21. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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„Ich will bei Dir bleiben“

Ein großer Schritt, nicht nur am ersten Schultag
Ein großer Schritt, nicht nur am ersten Schultag

„Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ – diesen Satz hat meine Oma tatsächlich gesagt, als ich vor gut vierzig Jahren eingeschult wurde. Knapp dreizehn Jahre später stellten wir bekannten Persönlichkeiten „Fragen an das Leben“. Wir schrieben sie an, Politiker, Künstler, Geistliche und Wissenschaftler und baten um sinnvolle Ratschläge für uns Abiturienten. Wir bekamen erstaunlich viele Antworten. Die der Regisseurin und Schauspielerin Gerda Gmelin habe ich bis heute nicht vergessen. Ihre Antwort war nur ein lakonischer Satz: „Ihr werdet es nie wieder so schön haben wie in der Schule.“

Im September hat für unsere Tochter Frida (6) der Ernst des Lebens begonnen. Sie wurde eingeschult. Schon Monate vorher war ihre Vorfreude groß. Sie begriff, dass jetzt etwas Neues, Aufregendes startet und dass das Kapitel Kita aus guten Gründen vorbei ist. Allerdings hatte sie auch riesigen Respekt vor diesem unbekannten Neuen. Denn sie kannte nicht ein einziges Kind in ihrer Klasse. Meiner Frau und mir war klar: Fridas Einschulung wird nicht ganz so einfach laufen wie bei unserem Sohn Theo (8). Der kannte nach unserem Umzug nach Franken zwar auch kein Kind in seiner Klasse, ist aber von seiner Art her unvergleichlich offener und strotzt vor Selbstbewusstsein. Als ich ihn nach seinem ersten Schultag abholte, kam er mir mit ein paar Jungen im Schlepptau entgegen: „Papa, ich habe drei neue Freunde!“

Bei Frida sollte es anders laufen. Das wurde uns schon am Tag der Einschulung klar. Bei der Begrüßungsfeier sollten die Erstklässler die ersten zwei Reihen Stühle einnehmen – allein. Die Eltern sollten weiter hinten Platz nehmen. „Setz‘ Dich hierher, ich sitze neben Mama da hinten. Guck mal, wenn du dich umdrehst, siehst du uns. Wir winken dir zu“, sagte ich zu Frida und wollte mich auf den Weg machen. Sie wollte aber nicht bei den vielen fremden Kindern sitzen. „Ich habe Angst“, schluchzte sie und brach hinter ihrer kleinen gelben Gesichtsmaske mit den blauen Sternchen in Tränen aus. Das war keine Show. Das Kind hatte wirklich Angst. Ich versuchte ihr zu erklären, dass sie anderen Kinder hinter ihren bunten Masken auch Angst hätten, dass auch für sie die Schule neu war und dass keiner von ihnen alle anderen Kinder kennen würde. Es half nichts. Sie klammerte sich mit beiden Händen um meinen Arm. Also blieb ich neben ihr sitzen. Als einziger Vater unter 25 Erstklässlern auf einem viel zu kleinen Stuhl.

Nach der Begrüßung der Schulleitung, dem Auftritt der beiden Pastoren und einer Aufführung der zweiten Klasse, die Frida angespannt und ohne große Freude und vor allem ohne ihre Finger von meiner Hand zu lösen verfolgt hatte, stellte sich ihre Klassenlehrerin vor. Eine junge, sympathische Frau, frisch zurück aus der Elternzeit und zum ersten Mal Klassenlehrerin „von Erstis“, wie sie zugab. „Das ist aber eine nette Lehrerin, Frida. Mit der wirst du sicher Spaß haben“, versuchte ich unsere Tochter zu bestärken.

Im Anschluss an die Einschulungsfeier sollte die Lehrerin den Kindern die Klasse zeigen – ohne Eltern, versteht sich.  Offensichtlich hatte die Gute uns schon von der Bühne aus beobachtet. Sie ging geradewegs, aber ganz ruhig auf Frida zu. „Wie heißt du denn?“ fragte sie meine verunsicherte Tochter. Dann nahm sie sie an der Hand und die ganze Klasse marschierte los. Wir Eltern gingen nach draußen und ich hätte nach zwölf Jahren Abstinenz fast jemanden um eine Zigarette angeschnorrt.  

Als die Elternschaft eine gute halbe Stunde später zum Klassenzimmer geführt wurden, saß Frida ganz vorne, direkt vorm Lehrerpult. Sie hatte nicht mehr geweint, sondern im Gegenteil eine ziemlich gute Zeit gehabt. „Wir haben schon Hausaufgaben auf!“, strahlte sie uns an.

In den nächsten Tagen brachte ich sie zur Schule. Bis zu ihrem Platz im Klassenraum, sie bestand darauf. Die Trennung fiel ihr schwer, und wieder flossen Tränen. So verging die erste Woche, mit Aufs und Abs. In der zweiten verabredete sie sich zum ersten Mal. Mit Tilda, einem Mädchen aus ihrer Klasse, das wie sie in der Mittagsbetreuung war. Sie ist im Grunde immer bester Laune, wenn ich sie abhole. Nicht, weil sie endlich nach Hause darf, sondern weil sie Spaß hatte. Vielleicht liegt es daran, dass die Mittagsbetreuung mehr wie die Kita ist. Die Kinder erledigen zwar ihre Hausaufgaben, können sonst aber frei spielen. Sie besteht sogar darauf, dass ich draußen vor dem Schultor auf sie warte.

Über fünf Wochen ist Frida jetzt in der Schule. Alles wurde immer unkomplizierter. Selbst nach den Wochenenden konnte sie sich schnell lösen. Montag gab es aber einen Rückschlag. Die Klassenlehrerin musste zu Hause bleiben, ihre Tochter war krank. Als ich Frida in der Klasse ablieferte, war noch kein Lehrer da. Außerdem saß ein Junge auf ihrem Platz – neben ihrer Freundin Tilda. „Ich wollte endlich mal neben Fabian sitzen“, sagte der Junge zu seiner Verteidigung und zeigte auf den Schüler zu seiner Linken. Frida passte das gar nicht. Sie war verunsichert und wusste nicht wohin. In dem Moment betrat eine Lehrerin den Raum. „Eure Klassenlehrerin kommt heute nicht, darum läuft alles etwas anders.“ Die Frau machte auf mich den Eindruck, als könne sie mit zwei Silben und einem scharfen Blick eine überfüllte Turnhalle im Nullkommanix zum Schweigen bringen.

Auf meine Tochter machte das ebenfalls Eindruck – leider nicht in die gewünschte Richtung. Sie wurde noch unsicherer angesichts dieser resoluten, fremden Frau. Die Schulglocke klingelte. Ich war das einzige Elternteil im Raum und versuchte, wenigstens Fridas Platz neben Tilda zurückzuerobern. „Du kannst doch auch neben dem Mädchen da drüben sitzen“, sagte die Lehrerin zu Frida. Frida schüttelte den Kopf und schluchzte. Ich versuchte der Frau zu erklären, dass das mit Umsetzen ausgerechnet an dem Tag, an dem die Klassenlehrerin nicht da ist, vielleicht keine gute Idee sei. Sie ignorierte meinen Einwand und sagte stattdessen: „Ich muss Sie jetzt bitten zu gehen. Wir kriegen das schon hin.“ Als ich mich in der Tür noch einmal umdrehte, kullerten Tränen auf die Maske meiner Tochter.

Im Klassenchat las ich später, dass einige Kinder ihren Eltern von einem wahren Horrortag in der Schule berichtet hatten. Die Vertretung hatte überwiegend ein Lehrer übernommen, der wegen seiner Strenge einen berüchtigten Ruf genießt. Der Mann sei über sechzig, ungeduldig und habe die Kinder mehrfach angeschrien. Ein paar Kinder hätten gesagt, sie wollten nicht mehr zur Schule gehen, wenn der Mann sie noch einmal unterrichte.

Als ich Frida abholte, war sie vergnügt wie immer. Angesprochen auf den Lehrer berichtete sie zwar, er habe geschrien und sei ganz streng gewesen. Einen traumatischen Eindruck schien er bei ihr nicht hinterlassen zu haben.  

Am nächsten Tag war die Klassenlehrerin wieder da, und alles war gut. Fast alles, denn sie sagte mir, sie werde die nächsten beiden Tage wieder bei ihrer kranken Tochter zu Hause bleiben, heute hätte ihr Mann das übernommen.

Dieser nächste Tag war gestern. Alles lief normal: Schulweg, wir setzten unsere Masken vorm Betreten des Gebäudes auf und hängten Jacke, Schal und Mütze an die Garderobe. Dann betraten wir die Klasse: Noch nie hat Frida sich so an mich geklammert. Sie hatte richtig Angst. „Ich will bei dir bleiben, kann ich nicht mit dir nach Hause gehen?“ schluchzte sie. Noch war kein Lehrer zu sehen. „Jetzt setz dich erst einmal auf deinen Platz“, versuchte ich sie zu beruhigen. „Frida, das geht nicht. Du kannst nicht nach Hause, du bist gesund, und ich muss arbeiten.“ Keine Chance, sie klammerte sich noch fester an mich, schluchzte noch tiefer und bewegte sich keinen Millimeter in Richtung ihres Platzes. Dann betrat der Lehrer den Raum. Ich brauchte keine Erklärung, ich erkannte den Mann, der die Kinder vor zwei Tagen so erschreckt hatte, auch so.

Es klingelte. Der Lehrer sagte guten Morgen – und verschwand wieder. Inzwischen waren mir zwei Mädchen zu Hilfe gekommen, die ganz lieb auf Frida einredeten, sie möge sich doch beruhigen. Das Kind wollte davon nichts wissen und klammerte weiter. Ich versuchte es mit Logik und Vernunft: „Schau mal, Frida“, flüsterte ich, „ich bin der einzige Papa hier im Raum. Das ist doch ein bisschen seltsam. Alle anderen Kinder sind allein und kommen gut zurecht. Wenn ich dich nachher wieder abhole, wird es dir gutgehen, weil du einen guten Tag hattest.“ „Ja, Frida, was ist denn los?“ fragte eine grummelige Stimme plötzlich von vorne. Es war der Lehrer, der Zettel verteilte: „Wir machen heute viele gute Sachen.“  Nachdem er mit dem Austeilen fertig war, verschwand er wieder. „Frida, ich muss jetzt wirklich gehen“, sagte ich ernst. „Wenn der Lehrer wieder da ist, ich habe Angst, wenn kein Erwachsener hier ist“, schluchzte sie. „Du, ich glaube, der Lehrer findet das nicht gut, dass ich noch hier bin“, antwortete ich, „und das kann ich auch verstehen. Wenn ich Lehrer wäre, würde ich das auch komisch finden, wenn ein Papa die ganze Zeit in meinem Unterricht wäre.“ „Wenn er wiederkommt, darfst du gehen, Papa.“ Es dauerte noch endlose anderthalb Minuten, bis er gemeinsam mit einer zierlichen, freundlichen Frau wieder auftauchte und selbst erleichtert wirkte hinter seiner FFP2 Maske. „Ich bin heute und morgen eure Lehrerin“, sagte die Frau. Ich ging.

Es wird nach und nach besser laufen mit Frida in der Schule. Und dann werden auch wieder anstrengendere Tage kommen. Wenn sie unser einziges Kind wäre, würde ich mir sicher Sorgen machen. Aber ich habe den Vergleich. Sie ist schüchterner und zurückhaltender als ihr Bruder. Sie benötigt eine Weile, sich eine neue Umgebung vertraut zu machen. Wir geben ihr Zeit und halten die kleinen Rückschläge aus. Es bedarf elterliche Ruhe, Verständnis, Geduld und vieler guter Worte. Es ist die Schule. Ein ziemlich großer Schritt für ein Kind, das eben noch in der Kita war. Aber ein „normaler “ Schritt, den alle Kinder machen und den die allermeisten unbeschadet überstehen. „Der Ernst des Lebens“, wie meine Oma sagte, ist es vielleicht nicht. Aber zum ersten Mal müssen sich Kinder in einem großen Raum behaupten, ohne ihre Eltern. Trotzdem: Die Chancen, dass Frida irgendwann ihre Schulzeit rückblickend als schön und unbeschwert empfindet, stehen ziemlich gut. Gerda Gmelin wird Recht behalten.  

21. Okt. 2021
von Matthias Heinrich
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