Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

12. Apr. 2022
von Sonia Heldt
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Wenn Papas kleine Mädchen groß werden

„Sie hat wieder die Augen verdreht“, sagt mein Mann beleidigt. Ständig würde Maya (14) das nun tun. Sie würde genervt die Augen verdrehen, wenn er fragt, wie ihr Training gelaufen wäre. Sie würde die Augen verdrehen, wenn er einen nett gemeinten Witz von sich gäbe. „Und immer höre ich von ihr, dass ich sie in Ruhe lassen soll.“

Mein Mann fühlt sich in unserem frauenlastigen Haushalt manchmal ausgeschlossen. Weil in den letzten Wochen mittwochs Der Bachelor und donnerstags GNTM vor dem Fernseher zelebriert wurde. Weil die Mädchen viele Dinge mit mir besprechen und nicht mit ihm. Weil man Geheimnisse vor ihm hat. Weil ihm ständig die Tür vor der Nase zugeknallt wird.

Vor ein paar Jahren wurde er noch nicht so häufig des Zimmers verwiesen. Da wurde es begrüßt, wenn er interessiert seinen Kopf durch die Kinderzimmertür steckte. Dann erhielt er von seinen Töchtern ein Lächeln, eine Einladung zum Spielen oder eine innige Umarmung. Nun werden Zimmer- und Badtüren konsequent geschlossen, verriegelt und verrammelt. Und wehe, es wird vorher nicht angeklopft! Tut man dies vorschriftsgemäß, erntet man in der Regel dennoch genervt: „Waaas?“ und die vorwurfsvolle Information, dass der Teenie gerade telefonieren würde, seine Ruhe haben wolle oder gerade dabei wäre, sich zu stylen.

Meine Töchter bestehen auf ihre Privatsphäre. Sie sind keine kleinen Kinder mehr und wollen ernstgenommen werden. Sie haben ein Recht darauf. Da passt es einfach nicht, dass Papa ständig die alten Kosenamen rausrutschen und er mit ihnen spricht, als wären sie drei Jahre alt. Und dann seine dauerhaft gute Laune! Schon am frühen Morgen! Wenn man nicht angesprochen werden will! Und seine Witze! Ja, die sind echt peinlich und nerven! Da sind sich Lara und Maya einig.

Meinem Mann fällt es schwer, die Kritik seiner Töchter zu schlucken. Schließlich konnten Lara und Maya früher nicht genug von seinen Albernheiten bekommen. Wenn im Hochsommer das große Familien-Planschbecken im Garten aufgebaut war, warteten die Mädchen sehnsüchtig darauf, dass ihr Papa endlich nach Hause kam. Jauchzend liefen sie ihm dann klatschnass entgegen, sprangen an ihm hoch und bettelten: „Papa, bitte, bitte, spiel für uns den Hai! Jetzt! Sofort!“ Mein Mann schlüpfte in seine Badehose und landete mit einem gewaltigen Bauchklatscher im kühlen Nass, sodass die Hälfte des Wassers aus dem Becken schwappte. Dann tauchte er ab. Er hielt die eine Hand wie eine Haiflosse aus dem Wasser, mit der anderen versuchte er, die Beine der Mädchen zu erwischen. Meine Töchter wichen ihm kreischend aus, während er immer schneller seine Runden drehte und einen Wasserstrudel erzeugte. Er konnte das stundenlang machen, ohne dass es den Mädchen langweilig wurde.

Kuckuck! Vater und Tochter machen Spaß.
Nicht gucken! Vater und Tochter machen zusammen Spaß. Doch irgendwann wird es kompliziert.

Mein Mann war für die Albernheiten und Wasseraktivitäten zuständig, besonders im Urlaub. Ich lag lieber auf der Strandliege, döste oder las, während er mit den Kindern aufwendige Sandburgen baute und mit Muscheln verzierte. Mit Schnorcheln, Luftmatratze und Schwimmwesten bewaffnet ging es auf Tiefsee-Expedition. „Papa zieht uns mit der Luftmatratze ganz, ganz weit raus auf das offene Meer“, erklärte Lara ehrfürchtig, um mir dann später stolz ihre Beute zu präsentieren, die sie vom Meeresgrund geborgen hatten: alte Taucherbrillen, besondere Steine oder Schmuckstücke. Als Krönung des Tages machte mein Mann für die Mädchen am Spätnachmittag im großen Pool „den Hai“ oder sie durften im Wasser auf seinem Rücken reiten.

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12. Apr. 2022
von Sonia Heldt
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07. Apr. 2022
von Matthias Heinrich
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Finger weg von meinem Portemonnaie

In Gelddingen unterscheiden sich unsere Kinder grundlegend von einander. Während Theo (9) Omas Geburtstagsscheine und sein Taschengeld gerne unmittelbar dem Wirtschaftskreislauf zurückführt und am liebsten für Schleich-Figuren oder Pokémon-Karten ausgibt (was auch mal ein eigenes Thema wäre), ist seine Schwester Frida ein Sparfuchs. Sie legt das Geld lieber auf die hohe Kante und hält es für größere Anschaffungen zusammen.

Taschengeld gibt es sonntags. Münzen und Scheine wandern dann immer, zumindest für kurze Zeit, in ihre Portemonnaies. Die Geldbörsen bewahren wir Eltern vertrauensvoll an einem sicheren Ort auf – wie eine Bank.

Neulich abends, meine Frau und unsere Tochter waren noch unterwegs, habe ich Pizza bestellt. Als der Bote an der Tür klingelte, griff ich zu meinem Portemonnaie, musst aber feststellen, dass ich absolut blank war. „Karte nehmen sie nicht, oder?“ fragte ich. „Nein, leider nur Bargeld“, antwortete der Pizzafahrer freundlich. Ich nickte und murmelte: „Mist. Ich glaube ich habe keins.“ In Gedanken ging ich die Möglichkeiten durch, wo im Haus noch Bargeld liegen könnte. Da fiel´s mir ein: Na klar, Frida ist flüssig. Ich ging zum Geheimversteck, holte ihre Geldbörse heraus und zählte ein paar Scheine ab. Gut fühlte ich mich nicht dabei. `Du stiehlst heimlich das Geld deiner siebenjährigen Tochter, du Unhold´, dachte ich kurz. Der Pragmatiker in mir aber gewann: `Es ist für die Gemeinschaft die beste Lösung. Hungern oder borgen? So!´ Entschlossen ging ich zur Tür, Theos Blick, misstrauisch und vorwurfsvoll zugleich, ignorierend und bezahlte den Pizzaboten mit dem Geld unserer Tochter.

Der Umgang mit Taschengeld ist Vertrauenssache – beiderseits.
Der Umgang mit Taschengeld ist Vertrauenssache – beiderseits.

„Papa, das Geld musst du Frida aber zurückgeben“, ermahnte mich Theo beim Tischdecken. „Aber klar gebe ich ihr das wieder. Normalerweise hätte ich sie direkt gefragt, aber sie ist ja nicht hier. Das war gerade ein absoluter Notfall.“

Am nächsten Tag ging ich zur Bank. Als Frida nachmittags aus der Schule zurück war, rief ich sie zu mir. Ich wollte alles ganz korrekt machen. „Gestern Abend hatten wir Pizza, wie du weißt.“ „Ja, ich hatte eine Margherita.“ „Richtig. Da ich selber kein Geld mehr im Haus hatte, bin ich an dein Portemonnaie gegangen…“ Weiter kam ich nicht. Frida riss mir die Geldbörse aus der Hand, zählte die Scheine und begann fürchterlich zu weinen. „Papa, du hast mir Geld weggenommen!“

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07. Apr. 2022
von Matthias Heinrich
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29. Mrz. 2022
von Chiara Schmucker
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Wenn’s kracht mit der Kita

Kind und Mutter vor dem Eingang einer Kita in Berlin

Kürzlich hat es gekracht zwischen uns und der Kita unseres Sohns. Im Januar hatten wir uns mehr oder weniger freiwillig in Isolation begeben, weil die Kita kein Testkonzept einführen wollte und wir nicht riskieren konnten, dass Max erst sich und dann seinen kleinen Bruder mit Corona ansteckt. Danach hatte Max dann Schwierigkeiten, zurück zu seiner Kita-Routine zu finden. Er stieg morgens nicht aus dem Auto aus, heulte und versteckte sich. Schon am Abend vorher tobte er, dass er am nächsten Morgen nicht in die Kita wolle. Alle Kinder seien „benackt“ („beknackt sagt man nicht“) und er habe dort überhaupt keinen Spaß.

Wir wussten zwar, dass das nicht stimmte, weil es ihm vorher immer gut gefallen hatte, wollten ihm aber einen Moment zum Durchschnaufen geben und ließen ihn einen Tag zu Hause, quasi zum Erholen. Verständnis statt Druck, bindungsorientiert statt autoritär, und auf einen Tag mehr oder weniger kam es uns nicht an. Das stieß Gruppenleiterin Andrea sauer auf. Sie war erbost und ließ uns das via Sprachnachricht aufs Handy auch deutlich spüren. Wir seien nicht konsequent, ließen uns vom Kind herumkommandieren und erschwerten ihm den Wiedereinstieg und ihr die pädagogische Arbeit, warf sie uns vor. Inhaltlich vielleicht richtig, aber zumindest im Ton hatte sie sich völlig vergriffen.

Unsere Bitte, das in einem Gespräch zu klären, beantwortete Andrea mit einer schnippischen Sprachi: Es sei doch alles gesagt. Auf weitere Erklärungs-Sprachnachrichten von uns ging sie nicht richtig ein. Wir fühlten uns ein bisschen selbst wie Dreijährige, die ihre Tomatensuppe ausgekippt hatten.

Max zuliebe ließen wir den Streit nicht eskalieren. Wir fühlten uns zwar unverstanden und auch ein bisschen ungerecht behandelt, aber wir schluckten unseren Ärger hinunter und stellten unsere verletzten Egos hinten an. Wir hätten so viel zu sagen gehabt – aber wir kennen mehrere Familien, die sich in der gleichen Einrichtung so mit den Erzieherinnen überworfen hatten, dass ihnen letztlich keine andere Möglichkeit blieb, als für ihre Kinder einen anderen Betreuungsplatz zu  suchen. Und das ist für uns keine Option.

Max hängt an seinem Kindergarten. Er hat sich toll entwickelt seit er dort ist, kommt jeden Tag ausgeglichen nach Hause und hat noch nie ein schlechtes Wort über eine der Erzieherinnen gesagt.

Sich mit der Kita zu streiten, ist ein bisschen wie Streit mit dem Partner in einer langjährigen Ehe. Man ist emotional und hat manchmal auch etwas Angst, wie es danach sein wird, wenn man etwas anspricht, was einem nicht gefällt. Auch hier bestehen vielleicht Abhängigkeiten, die einen vom harten Cut abhalten. Zumindest lässt so ein Streit einen nächtelang wach liegen.

Dass Eltern unzufrieden sind mit der Betreuung ihrer Kinder, höre ich leider immer wieder. Bei einer Freundin stürzte das Kind in der Kita aus dem Kinderwagen, weil die Erzieher vergessen hatten, es anzuschnallen. Nach dem Wickeln war das Kind oft nur oberflächlich gesäubert. In unserer zweiten Krabbelstube nach dem Umzug wusste nie jemand, wann und wie lange Max geschlafen und was er gegessen hatte – in der ersten Einrichtung hatten wir das Tagesprotokoll immer etwas belächelt („Max hat gut gesnackt und ein großes Kacka gehabt“), es hatte uns aber natürlich im weiteren Tagesverlauf geholfen.

Mein Neffe musste im Kindergarten immer im Nebenraum „zur Strafe“ puzzlen, wenn er zu aufgedreht war – bis heute hasst er nichts so sehr wie Puzzles. Einmal holte meine Schwester ihn ab, als er zusammen mit einem anderen Dreijährigen dabei war, verschüttete Farbe aufzuwischen. Die Erzieherinnen ließen die beiden das aus erzieherischen Gründen allein machen, wie sie erklärten. Am Ende wischte meine Schwester zuerst die Kinder und dann den Boden sauber, die Flecken in den Pullis ließen sich nie mehr auswaschen.

Das hier soll kein Erzieherbashing sein. Es gibt tolle Erzieher und Erzieherinnen, keine Frage, wir haben in jeder Einrichtung solche tollen Menschen kennengelernt. Doch wenn es hakt, dann wird es oft richtig schwierig. Denn alle stehen unter Druck: die Eltern, die auf die zuverlässige Betreuung angewiesen sind, die Erzieher, die chronisch unterbesetzt sind und seit Corona zunehmend Überstunden ansammeln – und letztlich auch die Kinder, die die angespannte Situation natürlich auch mitbekommen und dementsprechend verunsichert sind.

Den Schritt, tatsächlich einen anderen Betreuungsplatz zu suchen, geht niemand leichtfertig. Die Zeit des Eingewöhnens, der manchmal schwierige Neustart und die Ungewissheit darüber, ob es in einer anderen Einrichtung tatsächlich besser ist, machen eine Entscheidung für einen Wechsel zu einer meist sehr langwierigen Angelegenheit.

Meine Bekannten, die den Schritt zu einem Wechsel gewagt haben, sind mit ihrer Entscheidung glücklich. Die Kinder gehen jetzt zu einer Tagesmutter, in eine kleinere Einrichtung oder in einen Waldkindergarten. „Unser Wechsel war die beste Entscheidung ever “, sagte kürzlich eine Freundin zu mir.

Auch bei uns hat der Streit Spuren hinterlassen. Wir sind zurückhaltender, vorsichtiger. Wir bringen und holen unser Kind überpünktlich und bringen umgehend neue Windeln und die Sommer-Matschhose mit, sobald der Zettel an der Garderobe hängt. Doch das freundschaftliche Verhältnis aus den Anfangstagen haben wir heruntergedimmt. Wir haben den Streit nicht noch einmal thematisiert, sondern sind Schritt für Schritt wieder in den Alltag übergegangen. Ich bedauere das etwas, aber Max‘ Verhalten gibt uns die Bestätigung, dass es für ihn und damit auch für uns richtig war.

Seine Unlust dauerte nur wenige Tage an und seither geht er wieder begeistert in den Kindergarten. Es war nie ein Thema, dass er nicht im Kindergarten sein wollte – er wollte sich nur morgens nicht von uns und dem Baby trennen. Wir stellten unseren Tag ein wenig um, richteten uns alle, als wenn wir zur Arbeit müssten, und erklärten ihm, dass jeder von uns nun seinen Tag starte – und seiner eben im Kindergarten beginne. Jeden Tag, wenn ich sein strahlendes Gesicht sehe, wenn ich ihn aus der Einrichtung abhole, weiß ich, dass unsere Entscheidung vielleicht nicht für jeden passend gewesen wäre, für unser Kind aber die beste, die wir hätten treffen können.

29. Mrz. 2022
von Chiara Schmucker
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22. Mrz. 2022
von Sonia Heldt
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Corona in the house

Sich regelmässig auf Corona zu testen, gehört für Kinder und Jugendliche inzwischen wie Zähneputzen zu ihrem Alltag – blöd nur, wenn er dann wirklich positiv ausfällt.

Jetzt hat es uns also auch erwischt. Corona is in the house.  Nach einem anstrengenden Wochenende, an dem Lara viel unterwegs war, klagt sie über Hals- und Kopfschmerzen. Sie holt sich einen Schnelltest aus der Küche und legt sich zurück ins Bett. „Gestern war dein Corona-Test negativ. Man kann sich ja auch so mal eine Erkältung holen“, sage ich zuversichtlich. Zehn Minuten später schickt sie mir eine WhatsApp. „Ich bin positiv, Mama.“

Super, denke ich, war ja abzusehen bei den aktuell hohen Inzidenzwerten. Die Jugendlichen wollen ihr Leben zurück. Sich treffen. Etwas unternehmen. Spaß haben. Sich verlieben. Erfahrungen sammeln. Das funktioniert nicht mit Abstand und Vermeidung von Körperkontakt.

Meine Tochter hat die Pandemie in den letzten zwei Jahren verantwortungsbewusst mitgetragen. Ihre Freunde und sie haben das Beste aus der Situation gemacht. Wenn ich so darüber nachdenke, wie meine Jugend ausgesehen hat, möchte ich mit Laras Generation definitiv nicht tauschen. Spazierengehen oder viel Zeit zu Hause verbringen: Das geht gut, wenn man über vierzig ist und einen Partner an seiner Seite weiß. Der junge Mensch aber, für den Erfahrungen und soziale Kontakte immens wichtig sind, kann sich nicht weitere zwei Jahre mit Spaziergängen, Netflix-Serien und Computerzocken über Wasser halten. Zumindest empfinde ich das als extrem ungesund. Irgendwann ist die soziale Vereinsamung programmiert.   

Nun kamen endlich die ersehnten Lockerungen der Corona-Maßnahmen. „Wurde auch Zeit. Mensch, wir haben uns die letzten zwei Jahre genug eingeschränkt. Jetzt ist echt mal gut“, kommentierte Lara die Nachrichten. Es darf wieder mit offizieller Erlaubnis gefeiert werden. Auch wenn der ein oder andere darüber die Nase rümpfen mag („In der heutigen Zeit, wo Europa gerade Kopf steht und wir immer noch in der Pandemie stecken...“): Ich finde es verständlich, dass junge Menschen ausnutzen, was geht. Und wenn der Magen vorher lange geknurrt hat, neigt man eventuell dazu, sich erst einmal zu überfressen.

Karneval hielt Lara sich zurück. „Ich habe keine Lust, mir wegen Karneval Corona zu holen. So toll ist es nicht, auf der Straße irgendwo mit Bierflasche in der Hand blöd rumzustehen und nirgendwo rein zu dürfen.“ Die Feiermöglichkeiten waren ihr Ende Februar noch zu unattraktiv. Das Angebot für die unter 18-jährigen war schon vor der Pandemie sehr dünn. Discothekensterben und immer strengere Auflagen haben dazu geführt, dass Minderjährige in den letzten Jahren auf öffentliche Plätze ausgewichen sind. Rumstehen. Abhängen. Trinken. Ohne Musik und Disco-Atmosphäre. Da lobe ich mir die guten alten Achtziger-, Neunzigerjahre, als man mit sechzehn noch die große Auswahl genoss.

„Ich warte, bis Anfang März die Clubs wieder öffnen und ich achtzehn bin. Darauf freue ich mich total. Ich will Clubfeeling. Ich will endlich bei guter Musik tanzen und Spaß haben.“ Das hat sie dann auch getan.

Inzwischen haben so einige Jugendliche aus dem Umfeld meiner Töchter eine Corona-Infektion hinter sich oder sind aktuell infiziert. Die erste große Welle ging nach Karneval los. Der Großteil der Jugendlichen war geimpft, in Laras Altersgruppe so gut wie alle dreifach. Wo ist da der Ausgang aus der Pandemie? Wo ist da der Sinn, sich weiterhin einzuschränken, fragen sich die jungen Leute, die meistens nur von mehr oder weniger heftigen, grippeähnlichen Symptomen geplagt werden? Die Coronainfektion ist für sie kein Gespenst mehr, vor dem sie sich fürchten. Langzeitfolgen? Graue Theorie. Sie haben die letzten zwei Jahre ihren solidarischen Beitrag geleistet: Sie blieben zu Hause, ließen sich für die ältere Generation impfen, müssen nun mit Bildungsnachteilen leben, verzichteten auf Partys, auf Reisen und die in dem Alter so wichtigen sozialen Offline-Kontakte.

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22. Mrz. 2022
von Sonia Heldt
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15. Mrz. 2022
von Patrick Franzen
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Bloß nicht mit dem Struwwelpeter in den Kindergarten!

Das Struwwelpeter Bücher im Museumsshop in der neuen Altstadt in Frankfurt.

Als Deutscher in Frankreich muss man heute eigentlich nicht mehr befürchten, aufgrund der Ereignisse im Weltkrieg mit Ablehnung oder Distanz konfrontiert zu werden. Ich bin häufiger in Deutschland gefragt worden, ob das noch ein Problem sei, als dass ich in Frankreich historisch begründeter Zurückhaltung begegnet wäre. Allerdings ist die belastende Vergangenheit sehr präsent: Das öffentliche Gedenken der Gefallenen aus den beiden Weltkriegen ist in Frankreich eine Selbstverständlichkeit.

Am 11. November versammeln sich in den Gemeinden die Honoratioren zu einer zeremoniellen Kranzniederlegung. Das Leben und Sterben der letzten überlebenden Soldaten des Ersten und des Zweiten Weltkriegs sind Ereignisse, die große mediale Aufmerksamkeit erzielen. Die Tage, die das Ende der beiden Kriege in Erinnerung rufen, eben der 11. November sowie der 8. Mai, sind nationale Feiertage, es ist schulfrei. Historische Dokumentationen über Themen und Personen aus diesen Kriegen kann man im französischen Fernsehprogramm nahezu täglich finden.

Französische Kinder kennen aus dem Fernsehen am ehestens die deutschen Worte „Achtung!“ und „Schnell, schnell!“, eben was Wehrmachtssoldaten im französischen Spielfilm so rufen – man denke nur an La Grande Vadrouille mit Louis de Funès! Es gibt die Sachbuchserie Mes P’tits Docs d‘Histoire für Kinder ab drei, die eine Reihe typischer Themen wie Ritter und Piraten behandelt, aber eben auch zwei ganz kindgerechte Darstellungen der Schützengräben von Verdun und des Hitlerschen Terrorkriegs in Europa im Angebot hat. In diesem Kontext entwickelt man als Deutscher eine gewisse Sensibilität mit Blick auf das Thema.

Wie ich schon an früherer Stelle erwähnte, war mir daran gelegen, dass unser Sohn Max in Frankreich auch die deutsche Sprachwelt kennenlernt. Ich las ihm also regelmäßig Kinderbücher auf Deutsch vor, den ökologisch inspirierten Maulwurf Grabowski etwa oder die Geschichte von Max bei den Wilden Kerlen (die ja wirklich mysteriös ist – achten Sie einmal auf den Mond!), die Geschichte von Frederick, der mit Kunst und Literatur im kalten Mäusewinter Sinn stiftet, die Geschichte vom Kleinen Bär und Kleinen Tiger, zwei Männchen, die glücklich zusammenleben, und natürlich die Geschichte vom Grüffelo, die ja eigentlich die Geschichte einer sehr klugen Maus ist.

Man muss wissen, dass Frankreich das absolute Kinderbuchland ist. Es gibt jedes Jahr eine Fülle von Titeln verschiedener Verlagshäuser. Das Kinderbuch ist ein eigenes Genre der Hochkultur und erfährt auch seitens der öffentlichen Hand erhebliche Förderung. So ist es üblich, dass schon in der Ecole maternelle, also dem Pendant zum hiesigen Kindergarten, die Eltern für ihre Kinder ein Verlagsabonnement abschließen können. Gegen ein geringes Entgelt erhalten die ganz jungen Abonnenten dann monatlich ein Kinderbuch, zum Beispiel aus dem Haus Ecole des loisirs.

Sie müssen sich also meine Situation vorstellen: Überall wunderschöne französische Buchläden mit riesigen Regalflächen nur für Kinderbücher, eine Fülle an poetischen Titeln in liebevoller grafischer Gestaltung und davon dann noch ein staatlich subventionierter monatlicher Nachschub. So wurden Omas, Tanten und Patenonkel in Deutschland zum Buchschenken animiert; wenn die Ferien nach Deutschland führten, kümmerte ich mich um den Einkauf von Kinderbuchvorräten; aber ich griff auch auf meine eigenen Bestände zurück, die seit Mitte der Achtziger Jahre bei der Oma eingelagert waren und dort nun vom Dachboden und aus Kellerregalen hervorgeholt wurden. Darunter auch zwei deutsche Kinderbuchklassiker: Max und Moritz sowie Der Struwwelpeter.

Ich bin mir nicht sicher, ob Wilhelm Busch Max und Moritz wirklich als Kinderbuch gedacht hat, wirkt das Ganze aus heutiger Sicht doch eher als die Satire einer Gesellschaft, die – auf soliden moralischen Werten gegründet – zu deren Verteidigung nicht vor dem bestialischen Mord an zwei Kindern zurückschreckt. Aus kindlicher Sicht jedoch erhalten die beiden Übeltäter Max und Moritz, die insbesondere der Witwe Bolte und dem Lehrer Lämpel böse mitspielen, ihre gerechte Strafe, wenn sie der Müller am Ende von der Mühlmaschine zu Schrot zerkleinern lässt.

Der Struwwelpeter war eindeutig als Kinderbuch gedacht und bot Eltern des 19. Jahrhunderts sicher manche Hilfestellung, wenn es um die Ausrichtung des moralischen Kompasses ihrer Kinder ging. Als Kind habe ich dieses Buch so geliebt, dass ich mehrere Geschichten auswendig hersagen konnte. Beide Bücher konfrontieren die Kinder mit der Welt des Bösen. Max und Moritz handeln zweifellos böse: Sie quälen Hühner zu Tode und nehmen in Kauf, dass ihr Lehrer schwerste Brandverletzungen davonträgt. Bei Heinrich Hoffmann ist es der „Böse Friederich“, der Katzen totschlägt und Fliegen die Flügel ausreißt, oder die drei Mobber, die sich über einen Mann mit dunkler Hautfarbe lustig machen.

Während diese Übeltäter ihre „gerechte Strafe“ erhalten, gibt es aber auch die Geschichte vom Paulinchen, von der – nach dem Spiel mit den Zündhölzern – nur zwei Schuhe und ein Haufen Asche übrig bleiben, oder die Tragödie vom Suppenkaspar, der nach vier Tagen Weigerung, seine Suppe zu essen, verhungert. Beide Kinder erleiden die Konsequenzen ihres Ungehorsams. Ungehorsam ist schließlich auch Thema der schlimmsten dieser Bildergeschichten, jener von Konrad, dem Daumenlutscher, dem der Schneider mit der großen Schere schnipp-schnapp die Daumen abschneidet. Ungehorsam, unbotmäßiges Verhalten, drakonische Strafen, heute kann man über die zugrunde liegenden Erziehungsideale lächeln.

Bei der Wiederentdeckung im französischen Kontext jedoch wurde mir mulmig zumute. Auf einmal beschlich mich Unbehagen: Kann man zwischen dem Autoritarismus und der Brutalität dieser Kindergeschichten und der dominanten Geisteshaltung der deutschen Gesellschaft im Vorfeld der beiden Weltkriege einen Zusammenhang herstellen? Der Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf, dass ein Franzose, der Max und Moritz oder den Struwwelpeter liest, sich womöglich nicht mehr über den Absturz der „Kulturnation“ Deutschland in Autoritätsgläubigkeit, Aggression und Massenmord wundern würde.

Im Kindergarten durften die Kinder immer mal wieder ihre Lieblingsbücher von zuhause mitbringen. Ich achtete darauf, dass unser Max nicht auf die Idee käme, den Struwwelpeter mitzunehmen. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich in meiner interkulturellen Sensibilität womöglich ein bisschen zu sensibel war.

Unser Sohn liebte die Geschichten, vor allem den Struwwelpeter. Jetzt zurück in Deutschland denke ich: es sind einfach gute Geschichten! Man kann sie sehen als Horrorgeschichten für Kinder – zum wohligen Gruseln, nach deren Lektüre man sich versichern kann, dass die eigene Realität doch nicht so schlimm ist. Eine der absolut liebsten Geschichten von Max war übrigens die von Konrad, dem Daumenlutscher.

15. Mrz. 2022
von Patrick Franzen
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08. Mrz. 2022
von Matthias Heinrich und Sonia Heldt und Chiara Schmucker
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Unsere Kinder und der Krieg

Ausdruck des Entsetzens: von Kindern gemaltes Plakat bei einer Demonstration am 27. Februar in Berlin
Ausdruck des Entsetzens: von Kindern gemaltes Plakat bei einer Demonstration am 27. Februar in Berlin

„Wir sollten sie einladen“ – mit den Augen eines Kleinkinds

„Mama, warum ist das Haus kaputt“, fragte mein dreijähriger Sohn mich neulich, die neue Ausgabe des Spiegel-Magazins in der Hand. „Mmh, manche Häuser sind nicht gut gebaut“, sagte ich ausweichend und linste verstohlen auf das Titelbild eines zerstörten Häuserblocks in Kiew, in dessen Mitte ein schreckliche Lücke klafft. „Vielleicht ein Erdbeben“, sage ich. Von Erdbeben hat Max schon gehört, er verbindet sie mit einem Vulkanausbruch und Dinosauriern. Doch diesmal kann ich mit meiner Notlüge nicht landen: „Opa hat mir gesagt, dass eine Rakete das Haus kaputt gemacht hat – wieso können Raketen so etwas?“

Ich habe mir vorgenommen, meine Kinder nicht anzulügen. Aber Max ist erst ein Kindergartenkind. Er beginnt gerade erst, seine eigene Welt zu begreifen. Er interessiert sich für Wasser, Vulkane und wilde Tiere. Raketen sind in seiner Welt dazu da, zum Mond zu fliegen, vom Kindergeburtstag hat er neulich eine mitbekommen, die war bunt und mit Süßigkeiten gefüllt. Von Krieg hat er noch nie gehört, von Zerstörung durch Menschenhand, von Tod, Leid und Flucht.

Mein Mann und ich haben uns entschieden, dass das noch eine Weile so bleiben darf. Wir schauen momentan keine Nachrichten, wenn die Kinder dabei sind, und wir sprechen nicht vor ihnen über Putin und unsere Ängste. Doch Max hat feine Antennen, und das Thema Krieg ist überall. In der Mediathek der Öffentlichen Fernsehprogramme sieht man Panzer und Granatwerfer, wo sonst die kleinen Vorschaubilder für unsere Naturdokus stehen. Max schnappt Wörter im Radio auf, „Panzer“, „festgenommen“, „Helme“, er sieht den Kleintransporter, der vor dem Kindergarten Säcke voll Kinderkleidung abholt. Neulich ist er in die Küche geplatzt, als mein Mann und ich fassungslos die Nachrichten über eine mögliche atomare Eskalation anhörten. „Was ist denn“, fragte er besorgt und schaute in unsere erschrockenen Gesichter. „Es ist alles in Ordnung, mein Schatz“, habe ich gesagt und ihn fest in den Arm genommen. „Wir haben nur gerade im Radio gehört, dass es einen Unfall auf der Straße gegeben hat. Aber alles ist schon wieder gut.“

Unsere Freunde waren in den vergangenen Tagen mit ihren Kindern demonstrieren. „Kein Kind will in der Metro schlafen“, hatten sie auf eines ihrer Schilder gepinselt. Und: „Krieg ist“, dazu das braune Kack-Emoji. Meine Mutter schrieb mir, dass sie bei den vielen kleinen Kindern, die man jeden Tag in den Nachrichten sieht, an ihre Enkelkinder denken muss. Und auch ich nehme meine zwei Jungs in diesen Tagen öfter in den Arm, streichle ihre feinen Gesichter und bleibe beim Einschlafen länger als sonst neben ihnen liegen. Ich lausche ihrem Atem und schwöre mir, sie vor allem Bösen zu beschützen. Auch wenn das bedeutet, für sie im Moment noch eine alternative Wahrheit zu entwickeln, bis sie das Thema ein wenig begreifen und verstehen können.

Ich suche Erklärungen für Max aus seiner Lebenswirklichkeit. „Nicht alle Kinder haben so viele Kleider wie Lenny und du, diese Frau bringt ihnen deshalb welche“, erkläre ich die Kleiderspende. Und auch die Rakete konnte ich letztlich umlenken. „Ich glaube, Raketen fliegen zum Mond“, sagte ich. „Du hast doch deine Rakete sogar noch am Schreibtisch stehen. Das Loch hier sieht mir eher aus wie von einer Abrissbirne.“ „Ja, das stimmt“, sagt Max, „und die Leute, die da wohnen, haben sich sicher sehr geärgert.“ „Ja, das haben sie“, sage ich. „Wenn du magst, können wir ihnen bald einmal einen Brief schreiben oder ein Päckchen schicken.“ „Oder sie zu uns einladen“, sagt Max. „Ja, vielleicht auch das“, sage ich. Wieder einmal staune ich, wie untrüglich das Herz meines Sohns uns oft den richtigen Weg weist.

(Chiara Schmucker)

Fahnen und Furcht – mit den Augen von Grundschulkindern

Große Symbole, große Solidarität: Eine 300 Meter lange Ukraine-Fahne. (Foto: privat)

Bis auf eine Sendung „logo!“ im Kika hatten unsere Kinder Theo (9) und Frida (7) zunächst nicht viel mitbekommen vom Krieg in der Ukraine. Denn dann kamen die Faschingsferien in Bayern, und wir machten Urlaub in Norddeutschland. Eine Hochzeit stand auf dem Programm, Besuche bei den Großeltern und bei der Tante sowie ein paar Tage an der Nordsee. An sich schöne Dinge, das genaue Gegenteil von Krieg. Natürlich haben wir mehrmals täglich die Nachrichtenlage gecheckt, die Kinder aber wenig teilhaben lassen. Ob bewusst oder unbewusst, weiß ich nicht mehr. Ist Krieg denn ein Thema für Grundschüler? Die Frage wirkt zynisch, wenn man an die Kinder in der Ukraine denkt, für die jemand anderes als ihre Eltern sie auf grausamste Weise beantwortet hat.

Der Krieg war an den ersten Ferientagen kein Thema, bis wir plötzlich vor einer 300 Meter langen Ukraine-Fahne standen. Jemand hatte das Gradierwerk von Bad Rothenfelde, einem Kurort in Niedersachsen, damit illuminiert. „Das ist, damit wir an die Menschen in der Ukraine denken“, sagte Theo beeindruckt. „Genau“, antwortete ich: „Damit sagen wir: Ukrainer, wir denken an euch. Wir akzeptieren es nicht, dass Russland euch angreift. Damit sagen wir, wir wollen Frieden.“ Klar sind solche Fahnen und solche Bekundungen in erster Linie nur für das eigene Gefühl gut. Wie das Klatschen für das Klinikpersonal zu Beginn der Corona-Pandemie: Es hilft den Absendern mehr als den Adressaten. Für Kinder, besonders im Grundschulalter, sind diese Fahne aber wichtige Symbole. Sie machen den Krieg auf die unblutigste Weise sichtbar, sie lehren, wie man friedlich Solidarität mit den Opfern zeigt.

„Guck mal, Papa, schon wieder eine Ukraine-Fahne“, rief Theo wenige Tage späte an der Nordsee. Überall, in den Windfängen von Restaurants oder vor Modegeschäften, hingen blau-gelbe Fahnen. In einem kleinen Geschäft in einem Nordseebad bekam ich zufällig mit, wie ein Kunde die Verkäuferin fragte, ob sie noch Ukraine-Fahnen habe. „Leider sind alle weg, aber ich habe neue bestellt. Sollen nächste Woche kommen.“

Für unsere Tochter Frida war der Krieg kein Thema – dachte ich zumindest bis gestern. Als ich in ihr Zimmer kam, war ihr Reiterhof verwüstet. Die Pferde, die sonst ordentlich auf ihrer Weide stehen, lagen überall herum. „Nanu, was ist denn hier los?“ fragte ich sie. „Hier ist Krieg, Papa“, antwortete nüchtern. Ich war entsetzt: „Krieg? Wer führt denn hier Krieg?“ „Die Tierärztin.“ „Gegen wen führt sie Krieg?“ „Gegen drei Mädchen und alle Pferde.“ „Oh Mann, dann hoffe ich, dass sie sich bald wieder vertragen“, sagte ich beim Rausgehen ziemlich hilflos. Als ich eine Viertelstunde wieder nach ihr sah, atmete ich auf: Alles stand wieder an seinem Platz, die Pferde auf der Weide, die Tierärztin unterhielt sich mit den Kindern. Als Frida meinen erleichterten Blick sah, sagte sie: „Du weißt doch, ich bin für glücklich sein.“

Die eignen finsteren Gedanken teile ich nicht mit mit meinen Kindern. Niemals hätte ich wie so viele gedacht, dass noch einmal jemand so einen Krieg in Europa anzettelt, dass ein Land ein anderes grundlos angreift und die Bedrohung – für uns Deutschland – so nah sein wird. Als wir Erwachsene abends in den Ferien zusammensaßen und über den Krieg sprachen, sagte meine Schwester zu mir: „Sei froh, dass Du Zivildienst gemacht hast.“   

(Matthias Heinrich)

Bloß keine Was-wäre-wenn-Szenarien – Mit den Augen von Jugendlichen

Lara (17) kam bereits durch die Pandemie psychisch stabil. Sie geht mit der aktuellen Situation in der Ukraine pragmatisch und recht erwachsen um. Sie hilft in der Schule bei der Spendenaktion mit, ist betroffen, aber malt sich keine Horrorszenarien aus. Maya (14) aber haben bereits die letzten zwei Jahre zugesetzt. Sie ist ein Mensch, der unglaublich anfällig für Ängste ist. In ihrem Kopf hämmert gerne der Satz: „Was wäre, wenn…“ Was wäre, wenn ich auch so eine Krankheit bekommen würde? Was wäre, wenn im Aufzug gleich ein Seil reißen würde?

Als ein Germanwings-Pilot 2015 zahlreiche Menschen mit sich in den Tod riss, war Maya sieben Jahre alt. Selbst wenn man es will, man kann diese Dinge nicht von den Kindern fernhalten. Spätestens auf dem Schulhof tauschen sie sich aus, hören von irgendjemanden: „Hast du schon gehört?!“ Was uns bleibt, ist, mit den Kindern offen über schlimme Ereignisse zu sprechen und sie mit ihren Gedanken nicht allein zu lassen. Auch jetzt. Kinder und Jugendliche wollen ehrliche Erklärungen von uns Erwachsenen. Aber manchmal haben auch wir Erwachsenen keine befriedigende Antwort auf ihre Fragen. Manchmal sind auch wir rat- und sprachlos.

Seit dem Germanwings-Absturz leidet Maya unter extremer Flugangst, weil sie den fremden Personen im Cockpit nicht traut. Diese Angst hat sie inzwischen auf Bus- und Taxifahrer übertragen. Natürlich nehme ich ihre Ängste ernst, sage, dass wir jeden Tag mit gewissen Risiken leben müssen. Dass wir nicht anfangen dürfen, jedem fremden Menschen zu misstrauen, nur weil ein einzelner durchgedreht ist.

Nun ist wieder jemand durchgedreht. Die ganze Welt schaut ihm entsetzt zu und hat keine befriedigende Erklärung für sein Verhalten. Das ist für Kinder unsagbar bedrohlich. „Ich habe mit Lilly und Mona in der Schule überlegt, was wäre, wenn wir im Krieg wochenlang in den Keller müssten und irgendwann nichts mehr zu essen hätten? Wir haben uns gefragt, ob man sich dann gegenseitig aufessen würde“, erzählte Maya vor ein paar Tagen. Dann fragte sie meinen Mann, ob er im Falle eines Krieges für Deutschland kämpfen müsste. Maya sieht die Soldaten praktisch schon bei uns einmarschieren.

Es erschreckt mich, dass meine Tochter ihre kindliche Unbeschwertheit verloren zu haben scheint. Sie hat in den letzten zwei Jahren so oft gehört und gehofft, dass unser Leben bald wieder in normalen Bahnen verlaufen würde. Stattdessen zieht und zieht sich die Pandemie unendlich in die Länge. Und nun gerät unser Leben hier noch weiter aus den Angeln. Ich kann ihr diese Sorgen nicht nehmen. Ich kann einer Vierzehnjährigen weder die Nachrichten vorenthalten noch sie verharmlosen. Ich kann nicht alles kontrollieren, was sie googelt oder auf TikTok sieht. Aber ich versuche, ihre schrecklichen Gedankenspiele zu stoppen, wann immer es geht. Wenn Maya abends bei meinem Mann vor dem Fernseher sitzt und der sich zum x-ten Mal über die aktuelle Lage in der Ukraine informiert, nehme ich die Fernbedienung und schalte um. Stoppe den Informationsfluss, der auch mich durch die sozialen Medien viel zu sehr triggert. Starte einen Wohlfühlfilm, unterhalte mich mit Maya über schöne Dinge. Plane schöne Dinge.

Ich denke, man muss in seinem eigenen kleinen Umfeld versuchen, positiv zu bleiben und eine gewisse Normalität walten zu lassen. Den Kindern zuliebe. Niemandem ist geholfen, wenn Kinder die Sorgen der Welt mit ins Bett nehmen, um dann mit Bauchschmerzen im Dunkeln an die Decke zu starren und sich zu fragen: Was wäre, wenn…? Denn sie haben nur diese eine Kindheit. Wir können heute nicht abschätzen, was die aktuellen Ereignisse mit ihrer Psyche langfristig anstellen werden. Die Vorstellung, dass aus Maya einmal eine ängstliche Erwachsene werden könnte, die hinter jedem Baum Böses vermutet, ist schrecklich.

(Sonia Heldt)

08. Mrz. 2022
von Matthias Heinrich und Sonia Heldt und Chiara Schmucker
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22. Feb. 2022
von Chiara Schmucker
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Stadt oder Land? Vom Glück des Rodelhügels

Kosmopolitisch in der Garküche in Singapur? Oder spießig mit Garten außerhalb der Stadt? Was für Kinder am besten ist, lässt sich nicht leicht entscheiden.

„Mama, wo bin ich geboren?“, fragte unser Sohn Max mich neulich auf dem Rückweg vom Kindergarten. „Hier in der Nähe, mein Schatz, in einem Krankenhaus mitten im Wald.“ „In einem Wald?“ fragte Max erstaunt. „Aber ich habe den anderen Kindern doch gesagt, dass ich in Australien geboren worden bin.“ Ich musste lächeln. Der kleine Weltenbummler. Max ist mit seinen drei Jahren tatsächlich weiter gereist als meine Eltern und viele unserer Freunde. Er planschte als Säugling mit uns ins Singapur im Meer, er umrundete schlafend in seiner Trage den Ayers Rock in Australien. Er probierte Muscheln in Nordfrankreich und schipperte mit uns in einem Boot über den Zürisee.

Vor seiner Geburt lebten wir in einer kleinen loftigen Neubauwohnung mitten in der Stadt und bereisten in unserer freien Zeit die Welt – Indien, Malaysia, Amerika und weite Teile der arabischen Welt. Es konnte uns kaum trubelig genug sein, es war uns nie zu wuselig und selten zu laut.

Doch kaum zurück aus Australien, als Familie mit Kleinkind, war uns alles in unserem Stadtleben zu lärmend, zu eng, zu betoniert, zu hellhörig, zu stressig. Wir schliefen schlecht und fanden keine Ruhe in unserer Wohnung. Um Ruhe für Max zu finden, mussten wir einmal das ganze Viertel durchqueren. Kaum kamen wir mit dem Kinderwagen zu Hause an, schlug er die Augen wieder auf.

„Rausziehen ins Grüne“ – diese Vorstellung fand ich bis dahin so unattraktiv wie abstoßend. Die leere Weite Brandenburgs aus den Büchern von Juli Zeh, die fehlende Anbindung, die belächelten Spießer, die kurz nach der Geburt der Kinder in den Speckgürtel ziehen und sich in viel zu großen Häusern das Pendeln wie das Leben im Neubaugebiet schönreden („schon in 25 Minuten in der Stadt und im Ort gibt es sogar einen Bäcker“). Die sich in den immer vier gleichen Wänden langweilen, Netflix schauen und Pauschalurlaube buchen. Jetzt bin ich eine von ihnen.

Auch wir sind rausgezogen, weil wir unseren Kindern ermöglichen wollten, draußen Verstecken zu spielen und gute Luft zu atmen. Kino, Großstadt und Abwechslung haben wir gegen Platz, Ruhe und einen Garten mit Sandkiste und Kletterbaum eingetauscht. Direkt hinter dem Grundstück beginnen Felder und kurz dahinter der Wald. Max liebt es, dem Bauern in der Nachbarschaft eine Stippvisite abzustatten und saust mit seinem kleinen Roller energisch drauf los. Er kennt alle Vogel- und Wildtierarten und in der Nacht leuchtet über uns der Sternenhimmel.

Auch wir brauchen „nur“ 25 Minuten in die Innenstadt (mit den Öffis zugegebenermaßen leider 45), sind Mitglieder im Sportverein und freuen uns, dass es im Ort nicht nur einen Bäcker, sondern auch einen Supermarkt, ein italienisches Restaurant und in der Nähe ein Schwimmbad gibt. Auch wenn unsere Nachbarn ein bisschen kauzig sind und gefühlt die Zeit stoppen, wie lange ein fremdes Auto im Hof parkt oder wer als letztes die geleerte Mülltonne reinholt, hätten wir vor allem in den vergangenen beiden Pandemiejahren an keinem anderen Platz sein wollen. Dachte ich.

Bis Max mir vor kurzem ein Treffen mit einem neuen Kindergartenfreund aus den Rippen leierte. Wir trafen uns auf dem Waldspielplatz, setzten an zum üblichen Elterntalk – wo wohnt ihr, was macht ihr,  wie lange seid ihr schon hier – als das Gespräch eine lange nicht mehr eingeschlagene Wendung nahm. „Wir waren jetzt drei Jahre in Singapur“, sagte die Mutter. „Sind erst im Herbst zurückgekommen.“ Singapur! Wie schnell waren die Spielplatzthemen vergessen, und wir schwärmten gemeinsam von den kleinen und großen Foodständen, den Gardens by the Bay und dem Klima, in dem T-Shirt und Flipflops eine angemessene Garderobe sind.

Sie erzählte vom Alltag in einer internationalen Community, Sportkursen im Botanischen Garten und digital aufgerüsteten Kindergärten und Schulen – und mein Herz gab mir einen Stich. Auch wir hatten vor einigen Jahren überlegt, einige Jahre ins Ausland zu gehen, einfach, um noch einmal etwas anderes zu erleben, flexibel zu bleiben, mit neuem Wind durchgepustet zu werden.  Wir hatten den Plan verworfen, weil Max Schwierigkeiten mit Veränderungen hatte. Wir wollten ihn nicht aus seiner gewohnten Umgebung reißen, weg von Oma und Opa, hinein in eine Millionenmetropole mit vollgestopften U-Bahnen, neuer Sprache und anderer Erziehungsmentalität.

Und dennoch fühlte sich nach dem Treffen auf dem Spielplatz mein Leben hier draußen plötzlich grau und langweilig an, weit weg von allem Lebendigen, dem Quirligen der Stadt und Flexibilität der Stadtkinder, die mühelos U-Bahn fahren oder in Malls Eis essen, während hier jedes Lastenrad, jedes Flugzeug und jede Kehrmaschine für Entzücken sorgt und schon ein Besuch im Supermarkt manchmal zu Überforderung führt.

Ich fühlte mich behäbig und spießig mit unserer kleinen Welt aus selbstgeschnippelter Hühnersuppe und Kuchen aus Sandkastensand, aus strengen Schlafengehzeiten und Diskussionen ums Zähneputzen. Ich ärgerte mich über die noch spießigeren Nachbarn und die Vereinzelung in den Häusern und wünschte mich weit weg beziehungsweise: mitten hinein ins „echte“ Leben.

Eine Woche lang war ich ziemlich deprimiert, schaute missmutig auf den im Winterschlaf befindlichen Garten, die wegen Personalengpass geschlossene Pizzeria und den alltäglichen Rushhour-Verkehr auf der Autobahn, den wir von einem der matschigen Feldwege beobachteten. Bis mich eines Morgens unser Garten voller Schneeglöckchen begrüßte, ich auf dem Weg zur Kita einen Vogel singen hörte und ein neues koreanisches Café in der Nähe des Spielplatzes entdeckte.

Ich setzte meine verspiegelte Sonnenbrille auf, setzte mich auf eine Parkbank und sah meinem großen Kind zu, wie es sich glücklich in seinem Skianzug einen Matschhang hinunterkugelte, sich hinter den dicken Bäumen versteckte und dann Boote aus Blättern im Bach schwimmen ließ. „Komm, wir spielen Verstecken, Mama.“ Das Glück durchflutete mich, noch bevor ich es merkte.

Ich weiß, dass wir hier am richtigen Platz sind, nah an der Natur mit viel Raum und spießigen Routinen. Es werden andere Zeiten kommen – und darauf freue ich mich. Bis dahin lebe ich nach dem Motto: „Stadt ist, was du draus machst“ und suche mir hier im Ländlichen meine „Stadt“-Inseln – ein Café, einen Bücherschrank, einen asiatischen Supermarkt. Mein Mann und ich haben bald wieder gemeinsam Elternzeit. Dann wollen wir mit beiden Kindern wieder losreisen. Städte, eine Fähre und einige Abenteuer stehen auf der Liste. Doch ich weiß jetzt, dass ich mich auch schon wieder freue, danach hierher zurückzukehren.

22. Feb. 2022
von Chiara Schmucker
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15. Feb. 2022
von Sonia Heldt
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„Die Mama kommt gleich“

Es ist mir schon wieder passiert. Unbewusst. Dabei war ich diese Unart fast los! Und nun ein neuerlicher Rückfall …

Maya und ich waren einkaufen. Nun sitzt meine Vierzehnjährige neben mir auf dem Auto-Beifahrersitz und packt genüsslich den Schokoladenriegel aus, den sie sich eben an der Kasse geschnappt hat. Neidvoll schaue ich zu ihr herüber. Als sie meinen Blick sieht, bietet sie mir ein Stück an. „Willst du auch?“ Klar möchte ich. Aber meine Hände haben den schmierigen Einkaufswagen geschoben, im Supermarkt alles angepackt und umfassen gerade das Steuer. Außerdem muss ich mich auf den Verkehr konzentrieren. „Kannst Du ein Stück abbrechen und der Mama in den Mund stecken?“, frage ich und erstarre augenblicklich. Verdammt nochmal! Ich habe tatsächlich schon wieder in der dritten Person von mir selbst gesprochen! Dabei befinden sich lediglich zwei Personen im Auto! Maya und ich. „Kannst du das der Mama in den Mund stecken“, äffe ich mich selbst schimpfend nach. „Wie rede ich denn? Du bist doch kein Kleinkind mehr. Blöd. Richtig blöd.“

Ich habe schon oft darüber nachgedacht, warum ich – teilweise geht es auch meinem Mann so – in alte Sprachmuster verfalle. Wie wir dort hingekommen sind, weiß ich: Intuitiv nutzen Eltern, wenn sie mit ihrem Baby kommunizieren, einfache Wörter und eine schlichte Grammatik, wiederholen das Gesagte sehr oft, ziehen Silben in die Länge und nutzen eine übertriebene Mimik. Das hilft den Kindern beim Spracherwerb. Erst im Laufe des dritten Lebensjahres, nach Entwicklung der Selbstwahrnehmung, sind Kinder in der Lage, von sich selbst in der Ich-Form zu sprechen. Vorher gebrauchen sie meist die dritte Person: „Maya hat Hunger.“ Eltern spielen den Ball dann zurück: „Die Mama kocht gleich.“ Das ging uns irgendwann so in Fleisch und Blut über, dass es uns gar nicht mehr auffiel. Dass wir weiterhin in Gegenwart der Kinder das Wort „Ich“ wegließen – und zwar selbst dann, als die sich sprachlich längst weiterentwickelt hatten und problemlos von der dritten in die erste Person geswitcht waren. Maya sagte zum Beispiel: „Ich will noch nicht ins Bett.“ Und ich antwortete: „Der Papa liest dir gleich noch etwas vor, aber dann wird geschlafen.“

"Mama macht gleich was zu essen": Ehe wir uns versehen, eignen wir uns Kleinkindern gegenüber seltsame Redeweisen an – und werden sie dann nicht mehr los.
„Mama macht gleich was zu essen“: Ehe wir uns versehen, eignen wir uns Kleinkindern gegenüber seltsame Redeweisen an – und werden sie dann nicht mehr los.

Warum behält man diese Art, mit den Kindern zu reden bei? Geben wir einen Teil unserer Identität an der Garderobe ab, wenn wir Eltern werden? Sind wir dann keine Individuen mehr? Definieren wir uns zu viel über die Kinder?

Haben Sie kleine Kinder? Wie stellen Sie sich im Kindergarten, in der Schule oder im Turnverein anderen Eltern oder Kindern vor? Sagen Sie: „Guten Tag, ich bin Herr Tim Mayer, der Vater von Lisa Mayer“? Oder sagen sie: „Ich bin der Papa von der Lisa“? Variante 2 ist heutzutage definitiv die gängigere. „Ich bin der Manager von Rihanna“ – keine weiteren Fragen. Manager von Rihanna. Trainer von Mannschaft XY. Papa oder Mama von Lisa. Jedem ist sofort klar – sie bilden eine Einheit. Sie sind ein Team. Ein Herde.

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15. Feb. 2022
von Sonia Heldt
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08. Feb. 2022
von Patrick Franzen
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Wenn ein britischer Feuerwehrmann einem deutsch-französischen Kind sprechen beibringt

„Ich bin bereit“, sagt Feuerwehrmann Sam vor einem Einsatz. Es wurde der erste deutsche Satz des Kinds unseres Autors.

Als Vater in der muttersprachlichen Diaspora war mir im besonderen Maße daran gelegen, meinem Kind die Chance zu geben, möglichst viel von meiner Sprache kennenzulernen. Max wurde in Frankreich geboren, und wir lebten die ersten Jahre nach seiner Geburt in der französischen Provinz. Die einzige Verbindung zur deutschen Sprache stellte der Papa für ihn da, zumindest solange er als Baby und Kleinkind völlig auf die Eltern angewiesen war.

Ich habe ihm viele, viele Bilderbücher gezeigt, einfache Kinderbücher vorgelesen und aus Liederbüchlein alle möglichen Lieder vorgesungen. Meine Bitte an Freunde und Verwandte, die sich erkundigten, womit sie dem kleinen Max denn eine Freude machen könnten, war stets: „Schenkt ihm deutschsprachige Bilder- und Kinderbücher!“ Mein Bemühen, der französischen Sprachflut unseres Alltags ein bisschen Deutsch entgegenzusetzen, führte schließlich dazu, dass Max‘ erstes deutsches Wort „Buch“ war. Kein Witz.

In meinem einsamen Kampf bekam ich aber dann doch irgendwann Hilfe, und zwar ab dem Moment, als Max sich die Welt zu erkrabbeln begann und auf eigene Faust Papas Arbeitszimmer ansteuerte, um zu schauen, auf welch eigenartig flimmernde Scheibe er da stundenlang starrte, aus der auch noch Musik und Stimmen erschallten. Manchmal höre ich beim Arbeiten Musik übers Internet, deutsche Radiosender zum Beispiel.

Nun kam mein kleiner Besucher vorbei, zog sich an meinem Bürostuhl hoch und machte deutlich, dass er gerne auf Papas Schoß Platz nehmen würde, um diese leuchtende Scheibe genauer zu inspizieren. Und da ihm die Musik offensichtlich gefiel, denn er wippte ganz begeistert mit, ließ ich ihn manchmal Musikvideos auf Youtube schauen. (Den größten Erfolg erzielte übrigens Pharrel Williams mit „Happy“.)

Mit der Mediennutzung ist es freilich so eine Sache. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung beispielsweise rät davon ab, Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren irgendwelchen Bildschirmmedien auszusetzen, egal ob Smartphones, Computer oder Fernsehgeräte. Und für Kinder im Kindergartenalter zwischen 3 und 6 Jahren wird eine tägliche Bildschirmmediennutzungszeit von höchstens 30 Minuten für alle Geräteklassen zusammen empfohlen.

In Frankreich gelten ähnliche Regeln, hier klärte uns schon der Kinderarzt über die 3-6-9-Regel des französischen Psychiaters Serge Tisseron auf, die zu beachten Eltern auch von einem regierungsamtlichen Internetportal zu Sucht und Drogen nahegelegt wird: Bis zur Vollendung des dritten Lebensjahres sollen alle nicht interaktiven Bildschirmmedien vermieden werden. Ab dem Alter von drei Jahren wird eine halbe Stunde Bildschirmzeit am Tag als akzeptabel eingestuft. Diese Zeitspanne kann, so die offizielle Empfehlung, langsam gesteigert werden bis hin zu einer Stunde täglich im Alter von sechs Jahren.

Der Grund für die restriktive Begrenzung der Bildschirmzeit: Bei Kleinkindern, die zu lange Zeit Bildschirmmedien konsumieren, können unter anderem kognitive Entwicklungsstörungen auftreten. Eine mögliche Folge: eine erhebliche Verlangsamung des Spracherwerbs. Es verwundert also nicht, dass meine Frau Léna, die als Grundschullehrerin die verheerenden Folgen übermäßigen Medienkonsums bei einigen ihrer Schüler tagtäglich erleben musste, nicht begeistert war, als sie Max und mich erwischte, wie wir am Computerbildschirm Musikvideos schauten.

Einige Monate später besuchten wir einen Freund in der deutschen Heimat, der einen Sohn im gleichen Alter wie Max hat, und wir diskutierten mit ihm über das richtige Maß an Bildschirmzeit. Mein Gedanke war, dass Max‘ große Neugier auf die flimmernden Scheiben auch zum Guten genutzt werden könnte, da er auf diese Weise ganz unkompliziert dazu zu motivieren wäre, deutschsprachige Sendungen zu schauen und so das Deutsche nicht nur durch mich zu erleben. Da gab der Freund einen guten Tipp: „Schaut euch mal den Kleinen roten Traktor an; das wird Max gefallen, ist für sein Alter genau richtig, und ihr könnt auf Youtube viele Videos auf Deutsch schauen.“

„Kleiner roter Traktor“ ist eine Serie in Stop-Motion-Technik von 2004; sie kommt aus Großbritannien und läuft hierzulande auf Kika. Sie handelt von den Abenteuern eines beseelten Traktors und seines Fahrers Jan, die in einer kleinen Landgemeinde alle möglichen Abenteuer zu bestehen haben. Zurück in Frankreich probierten wir es aus, und Max war sofort begeistert.

Auch Mama ließ sich darauf ein, solange es in der Woche bei maximal drei der zehnminütigen Episoden blieb. Auch sie fand, dass der Kleine rote Traktor meine Bemühungen unterstützen konnte, Max an die deutsche Sprache heranzuführen. So kam es, dass wir dem Rat der Experten zuwiderhandelten und Max den Bildschirm schon vor Vollendung des dritten Lebensjahrs zugänglich machten.

Youtubes Algorithmen schlugen uns bald weitere Videos für Kinder vor. So entdeckten wir die Kurzgeschichten von Feuerwehmann Sam in der Version von 2005, also jene Episoden, die vor der heute überall vermarkteten digitalen Version produziert und die wie der „Kleine rote Traktor“ in Animationstechnik gedreht worden waren. Die Stop-Motion-Trickserie mit Figuren aus Knetmasse, wiederum aus Großbritannien, erschien ebenfalls in Zehnminutenfolgen.

Der Erfolg war umwerfend: ich hatte nun fast täglich Besuch in meinem Arbeitszimmer und musste, um ein Überhandnehmen des Bildschirmkonsums zu vermeiden, Max‘ Verlangen nach der Feuerwehrmannschaft aus Pontypandy stark bremsen – was die ganze Sache natürlich nur noch interessanter für ihn machte.

Und wenn er dann an den zwei Nachmittagen in der Woche mit Papa die Abenteuer von Sam und den nach römischen Göttern benannten Einsatzfahrzeugen schauen durfte, dann wusste er auch sehr schnell, bis drei zu zählen, denn einige Zeit später waren maximal drei Folgen hintereinander erlaubt. Es waren also zunächst ein britischer Traktor, dann eine britische Feuerwehrmannschaft, die dem deutsch-französischen Elternpaar in Frankreich dabei zu Hilfe kamen, dem kleinen Max die deutsche Sprache, seine Vatersprache, näher zu bringen.

Hat es geholfen? Nun, zunächst ging der Spracherwerb in Deutsch langsamer als der in Französisch voran. Während Max mehr und mehr französische Worte bilden und anwenden konnte, blieben wir auf Deutsch im Wesentlichen bei „Papa“, „Buch“, „Traktor“ und „Sam“. Ich begann schon mich zu fragen, ob ich mit meiner Strategie falsch gelegen und stattdessen die Büchse der Pandora geöffnet hatte.

Doch eines Samstagsmorgens, früh um sechs, im späten, ungemütlich kalten Herbst, geschah es, dass ich noch halb im Traum aus der Finsternis heraus plötzlich eine helle Stimme neben meinem Bett vernahm und zwei kleine Kinderhände an meiner Schulter rüttelten: „Papa, Papa! Ich bin bereit!“

„Ich bin bereit!“ Das ist wohl der wichtigste Satz aus dem Mund von Feuerwehrmann Sam, der in keiner Episode fehlen darf. Wann immer ein Notfall eintritt: Sam ist bereit. Als Max diese Worte im klarsten, reinsten Deutsch in meine verschlafenen Ohren rief, wusste ich in all meiner Schlaftrunkenheit: Meine Rechnung war aufgegangen.

Links:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Empfehlungen zur Mediennutzung durch Kinder: https://www.kindergesundheit-info.de/themen/medien/alltagstipps/mediennutzung/hoechstdauer

Informationsportal der französischen Regierung zur Drogensucht:
https://www.drogues.gouv.fr/comprendre/ce-qu-il-faut-savoir-sur/lexposition-aux-ecrans

08. Feb. 2022
von Patrick Franzen
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01. Feb. 2022
von Chiara Schmucker
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Russisch Roulette in der Kita

Für die Kinder der Autorin liegen alle Freizeitaktivitäten brach – auch das Kinderjudo.

Vor einigen Tagen ist die Seuche in meinen Träumen angekommen. Ich habe geträumt, dass wir auf einem Kindergeburtstag waren und die Kinder plötzlich Bauchschmerzen bekamen. Kurz darauf die Botschaft, dass ein Geschwisterkind positiv getestet wurde. Ich habe die Angst gefühlt, die mich sonst am Tag begleitet, die Hilflosigkeit und die Schuldgefühle: Wie konnten wir nur so leichtsinnig sein, auf einen Kindergeburtstag mit drei (!) anderen Kindern zu gehen.

In Wirklichkeit waren wir in den vergangenen zwei Jahren auf keinem einzigen Kindergeburtstag. Wir waren nicht im Kino und haben uns nur mit Freunden getroffen, wenn sich alle vorher getestet hatten. Meistens draußen, selbst bei Regen oder Schnee. Wir waren nicht bei der Einschulung meiner Nichte und haben keine Taufe gefeiert. Und seit einigen Wochen sind wir zu einer Schattenfamilie geworden.

Wir sind eine Familie mit zwei Kleinkindern in selbstgewählter und doch unfreiwilliger Isolation. Wir sind dazu gezwungen, weil die Politik es seit zwei Jahren nicht schafft, ein tragfähiges Konzept für Kitas, Kindergärten und Schulen zu entwickeln, in dem Kinder sich nicht unweigerlich infizieren oder in Winterjacken und mit Masken viele Stunden ausharren müssen. Oder in denen Erzieher mit FFP2-Masken Kleinkinder betreuen, die auf Mimik noch mehr angewiesen sind als auf das gesprochene Wort.

Wir sind dazu gezwungen, weil jede Kita selbst entscheiden kann und muss, ob sie das Testen der Kinder für sinnvoll erachtet und unsere Einrichtung dafür leider keinen Bedarf sieht. Anders als die Nachbarstadt zahlt unsere Kommune keinen Zuschuss zu solchen Tests. Pech gehabt.

Und wir sind zur unfreiwilligen Isolation gezwungen, weil einige Menschen, gerade der Altersgruppe 60plus, die Pandemie für sich als beendet sehen, seit sie geboostert sind und sich beispielsweise weigern, sich vor den Treffen testen zu lassen („sind doch geboostert“) oder auf liebgewonnene Freizeitaktivitäten zu verzichten. Dass sie damit eine Ansteckung von Menschen riskieren, die uns nahestehen und unseren Kindern nahekommen, scheint ihnen egal zu sein.

Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie zerbröselt die Solidarität. Oder war sie nie da?

Im Dezember hat sich unser kleiner Sohn Lenny mit dem RS-Virus infiziert, ein Erreger, der momentan die Kinderstationen in den Kliniken mit infizierten Kindern füllt, der die Lungenbläschen verklebt und kleine Kinder am Atmen hindert. Er ist wieder gesund, doch seine Lunge hat gelitten. Eine Corona-Infektion käme Russisch-Roulette gleich.

Ich habe mit der Kita-Leitung gesprochen und darum gebeten, ein Testkonzept zu entwickeln. Vergeblich. Ich habe in der Whatsapp-Gruppe der Einrichtung darum gebeten, die Kinder regelmäßig freiwillig zu testen. Drei Eltern waren einverstanden, einer schrieb mir: „Da machen wir keinesfalls mit. Omikron ist für Kinder nicht schlimmer als eine Erkältung.“ Der Rest blieb stumm.

Uns blieb keine andere Option, als den großen Bruder Anfang Januar aus der Kita zu nehmen, um den kleinen Bruder vor einer Ansteckung zu schützen. Drei Tage später hatte sich das erste Kind aus seiner Gruppe mit Omikron infiziert und mit ihm zwei weitere. Seither ist die Gruppe immer mal wieder ein paar Tage geöffnet und dann wegen des nächsten Positiv-Tests wieder für fünf Tage geschlossen.

Denn auch wenn Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach eine Durchseuchung in Kitas und Schulen als „unethisches Experiment“ bezeichnet und regelmäßig vor Long Covid und anderen Folgeerkrankungen warnt, so ist eine Durchseuchung momentan das, was in den Krabbelstuben, Kindergärten und Grundschulen passiert. Die Inzidenzen liegen bei Kindern und Jugendlichen in manchen Bundesländern über 5000.

Dass der Generationenvertrag offenbar einseitig geschlossen wurde, schmerzt uns sehr. Wir haben unseren damals zweijährigen Sohn im ersten Lockdown viele Wochen lang völlig allein betreut, irgendwie, neben der Arbeit her – die Kita wurde auf Anordnung des Staates geschlossen, Oma und Opa zu treffen war aus Sicht der Virologen so unverantwortlich wie unethisch. Wir taten unser Bestes, die vulnerable Gruppe der 60plus zu schützen.

Jetzt sind die Alten in weiten Teilen geimpft und geboostert – und zur vulnerablen Gruppe werden die Kinder, für die es momentan noch keine Impfungen gibt oder die noch nicht den vollständigen Impfschutz haben. Die sich oft nicht einmal durch Masken schützen können und der Seuche jetzt hilflos ausgeliefert sind.

Deren Verläufe meist mild sind, aber die Spätfolgen wie Long Covid oder PIMS noch weitgehend unerforscht. Für sie könnten die hohen Infektionszahlen gefährlich werden – doch kaum noch jemanden scheint das zu kümmern, liegt die Inzidenz doch in der Gruppe der 60 plus bei unter 200 und Lauterbach nennt die Pandemie „gut unter Kontrolle“.

Viele unserer Freunde jonglieren seit der Omikron-Welle wieder mit Kinderbetreuung durch Quarantäne und der eigenen Arbeit. Hat die Kita wieder offen, bleibt ihnen oft keine Wahl, als die Kinder hinzuschicken. Während sie also wie wir vor dem Dilemma stehen, arbeiten zu gehen oder die ungeimpften Kinder an einen Ort zu schicken, an dem sie sich unweigerlich über kurz oder lang mit Covid infizieren werden, Ausgang unbekannt, spucken uns viele der 60plus ihre Pandemiemüdigkeit entgegen.

Halten an der Supermarktkasse keinen Abstand statt eine Minute zu warten, bis wir aus dem Weg gegangen sind, treffen sich zu Kartenabenden oder verabreden sich zu Geburtstagsfeiern im Restaurant. Was für die Jungen seit Beginn der Pandemie selbstverständlich ist (Verzicht und ständiges Testen selbst der Kleinsten, alles, um die Alten zu schützen), scheint andersherum nun vermessen.  

Ich weiß nicht, wie lange wir noch durchhalten, und ob wir verhindern können, dass Lenny sich ansteckt. Doch ich weiß, dass Soziologen und Politiker vor den Folgen der Isolation warnen. Es ist nicht kindgerecht, den ganzen Tag nur mit Mama und Papa zu spielen und zu allen anderen Kindern auf Abstand zu bleiben, wir haben das im ersten Lockdown gemerkt. Max fing an zu rennen, sobald er in hundert Metern Entfernung ein Kind erblickte. Er wollte dorthin.

Lenny absolviert seinen Pekip-Kurs online, für Max gibt es diese Angebote nicht. Er darf  nicht ins Kinderturnen, nicht zum Zwergenjudo und nicht in ein Spielwarengeschäft. Ich hoffe, dass wir eines Tages rückblickend sagen können, dass unsere Entscheidung die richtige war. Es ist momentan die einzige, die uns bleibt.

01. Feb. 2022
von Chiara Schmucker
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25. Jan. 2022
von Matthias Heinrich
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Hat mein Kind keine Freunde?

Jeden Tag um kurz nach drei klingelt es Sturm. Unsere Tochter Frida (7) kommt nach Hause. Sie verabschiedet sich von unserem Nachbarsjungen, mit dem sie den Vier-Minuten-Heimweg von der Schule bestreiten. Gut fünfzehn später kommt ihr Bruder Theo (9) nach Hause. Mit beiden Kindern habe ich Tag für Tag den gleichen Minidialog: „Hallo Papa.“ „Hallo! Wie war´s in der Schule?“ „Gut.“

Zugegeben, diese unbestimmte Frage enthält schon ein gewisses Maß an Bräsigkeit. Wenn ich mich richtig erinnere, haben meine Eltern mich das auch immer gefragt. Ziemlich sicher habe ich auch jedes Mal mit „gut“ und ohne weitere Ausführung geantwortet. Und höchstwahrscheinlich fanden meine Eltern diese nichtssagende Kommunikation irgendwie unbefriedigend. Wie wir heute, hatten meine Eltern damals sicher auch ein aufrichtiges Interesse an unserem Schulalltag. Der Frage, warum wir unsere Kinder, obwohl wir es besser wissen müssten, genau wie unsere Eltern damals bräsig und unbestimmt fragen, wie es in der Schule war, wäre es sicher mal Wert auf den Grund zu gehen. Allerdings nicht heute und nicht in diesem Text.  

Nach der Begrüßung verkrümeln sich Theo und Frida meistens für etwa dreißig Minuten in ihre Zimmer. Die eine spielt mit ihrem Pferdehof, der andere macht ein Hörbuch an und bolzt einen Schaumstoffball quer durch sein Zimmer. Irgendwann tauchen die beiden dann wieder auf und machen Hausaufgaben. Und wenn sie damit fertig sind, kommt jeden Nachmittag das Gleiche: „Papa, dürfen wir fernsehen? Papa, darf ich Fifa und Frida mit ihrem Tablet spielen?“ Seit den Weihnachtsferien geht das so. Jeden Tag. Spielekonsole oder Fernsehen, etwas anderes scheint sie nicht zu interessieren. Andere Kinder schon gar nicht.

Natürlich kommen sie damit nicht (immer) durch. Ich animiere die beiden zu anderen Dingen. Aber das ist ungeheuer anstrengend, und außerdem nervt es mich. Ich frage mich, ob die zwei wirklich nichts mit sich anfangen können und vor allem, warum sie sich nicht verabreden. Ob sie keine Freunde haben?

Ein einsam wirkendes Kind ist ein schwer erträglicher Anblick.
Ein einsam wirkendes Kind ist ein schwer erträglicher Anblick.

Frida ist von ihrem Wesen her schüchtern. Sie hat inzwischen Freundinnen in der Schule gefunden. Wenn sie sich verabredet, müssen wir sie unterstützen. Außerdem konnte sie sich schon immer stundenlang allein beschäftigen. Aber Theo? Der spielt Fußball im Verein, kennt viele Kinder in seiner Schule, ist offen, selbstbewusst und geht auf Leute zu. Manchmal habe ich Zweifel, ob diese Einschätzung noch stimmt. Der Junge hat sich verändert. Er ist ruhiger geworden. Anders als früher erzählt er kaum noch von der Schule. Man muss es ihm förmlich aus der Nase ziehen. Bedrückt ihn was? Hat er Sorgen oder gar Kummer? Warum ist er so oft allein?

Wenn ich an meine Grundschulzeit denke, denke ich an Sven. Sven war mein bester Freund. Er hatte einen großen Garten und dazu eine riesige Wiese am Wald. Jeden Tag haben wir stundenlang Fußball gespielt, zwischendurch Wasser aus einem rostigen Hahn in der Waschküche seiner Großmutter getrunken und Beeren vom Busch gegessen. Eine Bilderbuchkindheit mit einem Bilderbuchfreund. So einen Sven hat Theo nicht.

Vielleicht hätte er ihn in Berlin gehabt, aber wir sind vor ein paar Jahren weggezogen. Zwei, dreimal im Jahr treffen wir seine alten Freunde noch. Mit denen versteht er sich immer noch blendend. Besser als mit seinen Freunden hier, bilde ich mir ein. Oder kommt mir das nur so vor, weil ich die Zeit mit den Freunden bewusster erlebe als unseren Alltag? Da sind wir im Urlaub, seinen Schulalltag bekomme ich ja nicht mit. Sehe ich ein Problem, wo gar keins ist? Mache ich mir unnötig Gedanken?

Meiner Frau habe ich neulich bei einer Wanderung von meinen Sorgen erzählt. Auch sie hat Theos Veränderung bemerkt, aber meine Skepsis teilt sie überhaupt nicht. „Der Junge ist von acht bis fünfzehn Uhr in der Schule“, rechnete sie mir vor. „Das sind sieben Stunden, in denen er ununterbrochen mit seinen Leuten zusammen ist. Er lernt mit denen, sie essen gemeinsam Mittag und spielen. Der freut sich doch, wenn er um kurz vor halb vier zu Hause ist und seine Ruhe hat. Du kannst das nicht mit früher vergleichen. Wir kamen in der Grundschule um zwölf Uhr nach Hause. Da stand das Mittagessen auf dem Tisch.“ Ich nickte. Sie war aber noch nicht fertig. „Außerdem spürt er den Druck, die Noten sind wichtiger geworden. Im Sommer geht er auf eine neue Schule. Das beschäftigt ihn natürlich.“ Sie seufzte. „Und außerdem haben wir Januar, den längsten Monat der Welt. Es ist Corona und das Wetter ist Mist. Warte ab, wie es im Frühling aussieht. Da rennt er wieder draußen rum.“ Ich grummelte irgendwas und dachte nach.

Am Wochenende habe ich Theo geholfen, seine Schulsachen zu sortieren. Dabei fiel mir ein bunter Zettel in die Hände. „2022 – worauf ich mich freue und worauf ich mich nicht freue“. Den hatten sie vor Weihnachten bekommen. Theo freute sich auf Silvester mit seinen Cousins, auf die neue Schule und ist aber traurig, dass er dann einige seiner Freunde aus der Klasse nicht mehr sehen wird. Also doch, Kinder in seiner Klasse bedeuten ihm was und umgekehrt scheint es auch so zu sein.

Seit ich vergangene Woche beschlossen habe, diesen Text zu schreiben, hat er sich mit drei Kindern verabredet. Auch Frida hatte eine Freundin zu Besuch. Unsere Kinder verändern sich. Das ist wohl das, was man Entwicklung nennt. Sie machen Phasen durch, sind laut, wild, und selbstbewusst, dann plötzlich wieder sensibel, zerbrechlich und haben auf einmal wie vor Jahren Angst im Dunkeln. Sie sind gesellig und dann wieder gerne allein. Warum neigen wir dazu, uns vorzumachen, dass früher alles besser war? Warum hängen wir dem nach und verklären unsere eigene Kindheit zum Paradies, wenn die der eigenen Kinder anders läuft? Theo wird seinen Weg gehen, mal mit Freunden, mal alleine und ganz selten genauso, wie sein Vater es sich wünscht.

Ich denke an Sven. Im Januar war seine Wiese zu nass zum Fußballspielen, und an den Sträuchern wuchsen keine Beeren. Was er wohl macht? Nach dem Wechsel von der Grundschule auf die Orientierungsstufe kam André, später auf dem Gymnasium Tobias, Marcus und Michael …

25. Jan. 2022
von Matthias Heinrich
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18. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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„Hatte ich dir nicht streng verboten, auf einem Motorrad mitzufahren?“

Lara hat sich mit ihrem besten Kumpel Finn zum Essen in der Stadt verabredet. „Danach treffen wir uns mit den anderen bei Jule. Kannst du mich später bei Jule abholen?“, sagt sie.

Ich habe heute Abend eigentlich keine Lust, nochmal ins Auto zu steigen, um ans andere Ende der Stadt zu gondeln – Jule wohnt weit außerhalb.

 „Wie kommst du zum Restaurant und dann zu Jule? Mit dem Bus?“, forsche ich nach.

Lara schüttelt den Kopf. „Nö, Finn nimmt mich auf dem Motorrad mit. Aber der will bei Jule früher abhauen.“

Sie hat das böse Wort gesagt! Motorrad! In meinem Kopf schrillen augenblicklich sämtliche mütterliche Alarmglocken. Winter! Nasse Straßen! Dunkelheit! Ein sechzehn Jahre alter Teenager auf einem Motorrad! Mit meiner Tochter hinten drauf! Finns Motorrad hatte ich vergessen, oder sagen wir eher: verdrängt. Wie ein Kind, das hofft, etwas wäre nicht da, wenn man es nicht sieht, hatte ich die Augen davor verschlossen. Ich wollte Lara bisher nicht fragen, ob sie bei Finn mitfährt und schon gar nicht die autoritäre Keule rausholen. Ich muss an eine Szene aus dem Film La Boum denken, in der Vic von ihrer Mutter auf Mathieus Moped erwischt wird. Françoise, die Mutter von Vic, herrscht ihre Tochter daraufhin sauer an: „Hatte ich dir nicht streng verboten, auf einem Moped mitzufahren?

Und schon ist sie weg.

Damals, als ich so alt wie Lara war, habe ich über Françoise nur den Kopf geschüttelt. Wie spießig und albern von ihr! Mütter! Das war doch nur ein Moped. Die Jungs meiner Clique waren früher alle motorisiert. Ich war froh, wenn ich dadurch von A nach B kam und nicht den Bus nehmen musste. Die meisten fuhren Roller (Vespa), einige 80er. Bis zum Jahr 2013 durften unter 18 Jahre alte Fahrer maximal 80 km/h fahren. Heute kann man mit einem A1-Führerschein ein 125ccm-Motorrad mit bis zu 110 km/h fahren. Nicht nur deshalb würde ich mich heute auf Françoises Seite schlagen, ihr zustimmen und Lara am liebsten genauso untersagen, bei Finn mitzufahren. Und überhaupt: Vic trug nicht mal einen Sturzhelm.

Da ich weiß, wie gerne Jugendliche genau das tun, was man ihnen verbieten möchte – allein aus Trotz und zu beweisen, dass sie man ihnen „überhaupt nichts mehr zu sagen hat, wenn sie doch bald schon achtzehn und erwachsen sind und auf sich selbst aufpassen können“ – versuche ich es gar nicht erst, Lara die Mitfahrt zu verbieten. Stattdessen hoffe ich auf ihre Empathie und ihr Mitleid:

„Das ist mir aber nicht recht, wenn du auf dem Motorrad mitfährst. Da habe ich Angst um dich und den ganzen Abend keine Ruhe. Die Straßen sind heute besonders nass“, jammere ich.

Ich ernte weder Mitleid noch Empathie, nur verdrehte Augen. „Hä? Ich bin schon voll oft bei Finn mitgefahren. Außerdem ist das meine Sache, ich bin fast achtzehn. Und du, sei lieber mal ganz, ganz still. Ich weiß genau, dass du früher auch auf Motorrädern mitgefahren bist hast, als du in meinem Alter drauf warst.“

Dem habe ich nichts entgegenzusetzen. Aber ein Versuch war es wert. Ich muss mit meinem mulmigen Gefühl im Magen leben, wie so oft, wenn Lara oder Maya alleine unterwegs sind. Alle Eltern müssen das. Die Angst fängt an, wenn die Kinder alleine mit dem Rad am stockdüsteren Morgen zur Schule radeln, und hört dann den Rest des Lebens nicht mehr auf. Wahrscheinlich lässt sie ein bisschen nach, wenn die Kinder ausziehen und man nicht mehr so viel von ihrem Leben mitbekommt. Solange sie aber unter unserem Dach wohnen, zucken wir zusammen, wenn wir draußen die Sirene eines Krankenwagens hören. Wir seufzen erleichtert auf, wenn der Fünft- oder Sechstklässler zum ersten Mal in seinem Leben alleine mit dem Rad die lange Strecke in die Stadt gefahren ist, um Freunde zu treffen, und uns endlich seine Nachricht erreicht: „Bin angekommen, Mama.“ Dann fällt uns ein kleiner Stein vom Herzen und wir schreiben zurück: „Ich wünsche Dir viel Spaß beim Shoppen! Pass auf dich auf.“

Meine Töchter müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, und ich kann nur hoffen, dass sie Gefahren erkennen und sich vernünftig verhalten. Nicht nur im Straßenverkehr. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: „Warte mal ab, wenn du selbst Kinder hast, dann erfährst du am eigenen Leib, wie das ist, wenn man nicht schlafen kann, weil das Kind unterwegs ist.“ Sie hat Recht behalten. Aber davon wollte ich als Jugendliche genauso wenig wissen, wie Lara heute.   

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18. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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11. Jan. 2022
von Patrick Franzen
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Die Muttersprache als Heimat

Über die eigene Nationalität und Sprache denken Eltern fern der eigenen Heimat neu nach.

Die ersten Jahre im Leben unseres Sohnes Maximilien haben wir in Frankreich gelebt; meine Frau arbeitete damals in einer Grundschule; ich als Deutscher hatte das Glück, einen passenden Job in ihrer Stadt zu finden. Es ist eine eher ruhige Region, geprägt von Landwirtschaft und klassischen Industriebetrieben, reich an naturbelassenen Landschaften und idyllischen Dörfern: la France profonde, das tiefe Frankreich, wie die Franzosen es selbst nennen.

Wie wir uns kennengelernt haben? Wir sind ein typisches Erasmus-Produkt, eines jener binationalen Paare, die dank des Studienaustauschprogramms der Europäischen Union zueinander gefunden haben. Meine Frau und ich hatten beide die gleiche englischsprachige Universität für das Erasmus-Jahr ausgesucht.

Der Sprache, in der sich zwei Menschen verlieben, bleiben sie als Paar treu, sagte mir einmal jemand, der sich in einer ähnlichen Lage wie ich befand. In unserem Fall ist es das Englische, das wir nach wie vor miteinander sprechen. Und das, obwohl wir inzwischen ganz gut auch die Sprache des anderen beherrschen. Wir sind unserer ersten gemeinsamen Sprache treu geblieben, weil, so vermute ich, wir auf Englisch zuerst Vertrauen und Zuneigung zueinander aufgebaut haben.

Es war die Sprache, die wir beide in gleicher Weise mehr oder weniger gut beherrschten, in der wir unsere Gedanken und Gefühle ähnlich präzise zum Ausdruck bringen konnten. Sobald einer von uns beiden in die eigene Muttersprache wechselte, war sofort ein Gefälle da, das uns irgendwie Unbehagen bereitete. Zuweilen empfinden wir das heute noch so. Mit ihrer Familie spreche ich Französisch, meine Frau spricht mit meiner Familie Deutsch, doch wenn wir zwei miteinander allein sind, dann doch am liebsten und häufigsten auf Englisch. 

All das wurde indes zu einem fragwürdigen Arrangement genau zu dem Zeitpunkt, als unser Sohn Maximilien geboren wurde. Als ich ihn am Tag seiner Geburt das erste Mal in den Armen hielt, redete ich ihm instinktiv auf Deutsch zu, meine Frau sang ihm behutsam französische Schlaflieder vor. Als Eltern sprachen wir miteinander zwar noch einige Tage Englisch, aber schnell wurde uns klar, dass wir so nicht weitermachen wollten.

Es ist ein großes Glück für Kinder, wenn ihre Eltern unterschiedliche Muttersprachen sprechen, denn damit haben sie die Chance, beide Sprachen von Beginn an zu lernen. In einem Ratgeber zum Thema zweisprachige Erziehung erfuhren wir, dass es wichtig für das Kind ist, dass es jede Sprache klar einem Elternteil zuordnen kann. So sprach meine Frau von da an in Maximiliens Gegenwart nur noch Französisch und ich nur Deutsch, was dazu führte, dass wir inzwischen, sobald unser Sohn dabei ist, auch miteinander in unseren jeweiligen Muttersprache sprechen: Meine Frau fragt etwas auf Französisch und ich antworte auf Deutsch.

Einzige Ausnahme: Wenn wir die Familie des jeweiligen Elternteils besuchen. Erst wenn der Kleine schläft, kehren wir wieder in den vertrauten Englisch-Modus zurück. Wir praktizieren dies nun seit einigen Jahren so, und bislang sieht es so aus, als funktioniere unsere Methode. Max spricht beide Sprachen akzentfrei und kann sich mit Franzosen und Deutschen gleichermaßen gut verständigen, auch wenn er immer wieder Wörter der einen Sprache nutzt, um Sätze in der anderen Sprache zu vervollständigen. „Je veux un cholocalat boire“ – „ich möchte trinken einen Kakao“, solche deutsch-französischen Mischungen kommen auch noch immer vor.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass wir dieses Jonglieren mit drei Sprachen rein rational praktizieren, allein zum Wohle des Kindes und seiner Bildungschancen. In meinem Fall spielte auch ein gewisses Eigeninteresse eine Rolle: Ich gestehe, dass ich mich in den Jahren, in denen ich in Frankreich lebte und arbeitete, öfters etwas einsam fühlte – nicht weil ich keinen Kontakt zu anderen Menschen gehabt hätte, sondern weil mir im Alltag die eigene Muttersprache fehlte. Mit meiner Frau sprach ich Englisch, mit ihren Eltern, Geschwistern, mit Nachbarn und Bekannten, mit Kollegen und Einzelhändlern Französisch. Wir schauten französisches Fernsehen.

Das Deutsche aber spielte kaum eine Rolle mehr, es sei denn bei Telefongesprächen nach Deutschland oder bei der Lektüre von Büchern oder Onlinenachrichten. So von meiner eigenen Sprachheimat getrennt zu sein, war für mich ein unschönes Gefühl, auch deshalb, weil ich Französisch relativ spät erlernt habe und mit hörbarem Akzent spreche. Selbst nach einigen Jahren habe ich nicht immer alle Ausdrücke und Wörter parat, die ich in einem bestimmten Augenblick benötige. Ich kann mich gut verständigen, aber immer und immer wieder fühle ich mich ein bisschen wie ein Fisch in Schlammwasser, in der Beweglichkeit eingeschränkt, in der Fähigkeit zur präzisen Aussage gehemmt.

Mit meinem Sohn stets und ganz konsequent nur Deutsch sprechen zu müssen, war mir daher höchst willkommen. So konnte ich nicht nur für ihn ein deutschsprachiges Zuhause schaffen, sondern auch für mich. Deutsch mit ihm zu sprechen, bedeutete, mir selbst ein Stück Heimat zu kreieren, für mich in der „Diaspora“ in Frankreich eine Sprachoase zu gewinnen.

Während meines Studiums hatte ich angefangen, mich für migrationspolitische Fragen zu interessieren. Damals war oft die Forderung zu hören, Einwanderer, die ihre Kinder in Deutschland auf die Schule schickten, sollten zuhause mit ihnen Deutsch sprechen, um ihnen die Integration zu erleichtern. Ich gestehe, dass ich dieser Forderung in jenen Jahren einiges abgewinnen konnte. Meine eigene Migrationsgeschichte als deutscher Papa in Frankreich hat meine Einstellung in dieser Frage geändert.

Die eigene Muttersprache ist so etwas wie die Heimat, die wir in uns tragen; sie zu praktizieren, gibt Halt, Sicherheit, Geborgenheit – ganz besonders in einem fremden Land und in fremder kultureller Umgebung. Ich glaube heute, es ist zu viel verlangt, von Einwandererfamilien zu erwarten, im Schutzraum des eigenen Zuhauses auf die eigene Muttersprache zu verzichten und so zu den eigenen Kindern eine künstliche Distanz zu schaffen. Persönlich habe ich das Gefühl, dass ich meinem Sohn am besten Geborgenheit vermitteln kann, wenn ich es in meiner Muttersprache tue. Ich meine, so kann ich ihm Halt geben.

11. Jan. 2022
von Patrick Franzen
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04. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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Heimathafen Familie

Dieses Jahr verbringt Lara die Silvesternacht nicht mit uns, der Familie, sondern mit Freundinnen. So muss es sein für eine Siebzehnjährige, wenn auch ein zweites coronabedingt mit Einschränkungen. Die Gästeliste der ursprünglich geplanten Silvesterparty musste stark gekürzt werden. Geblieben ist ein Mädchenabend. Aber immerhin, es ist eine deutliche Spaß-Steigerung im Vergleich zum Vorjahr. Silvester 2020 hockte Lara mit Freundin Gina am Silvesterabend bei meinem Mann, Maya und mir notgedrungen zu Hause am Küchentisch.

Jetzt freut sich Lara trotz Einschränkung auf den letzten Abend des Jahres 2021. „Ach, das wird nett, auch ohne Party, nur wir Mädchen“, ist sie sicher und fragt dann, wie wir den Abend zu verbringen gedenken. „Wie immer“, antworte ich. „Es gibt Raclette und Knabberkram, wir spielen Brettspiele und brennen Tischfeuerwerk ab. Nichts Besonderes.“

„Ihr macht Raclette?“, fragt Lara gedehnt. „Ohne mich?“

Ich schaue verwundert, denn soweit ich es mitbekommen habe, startet die Mädelsrunde ebenfalls mit Raclette. Und Trinkspiele á la Wahrheit oder Pflicht bringen doch ebenfalls viel mehr Fun als Spiel des Lebens oder Tabu. Darauf angesprochen, findet Lara: „Das ist einfach etwas anderes.“ Dann überlegt sie, ob sie zu Hause schlafen soll oder nicht. „Du machst doch Neujahrsfrühstück, oder? So wie jedes Jahr?“

Es ist nicht so, dass mein Neujahrsfrühstück etwas Besonders darstellt. Nichts, auf das man nicht verzichten könnte. Ich decke den Tisch am ersten Tag des Jahres etwas netter als üblich, mit Neujahrs-Servietten, Kerzen, Streukonfetti, und jeder bekommt sein Neujährchen. Letztes Jahr gab es Marzipanfiguren, dieses Jahr ein kleines Porzellanschweinchen. Und Raclette ist doch Raclette! Überall gleich!

Ich wundere mich ein wenig über meine Tochter. Ich fand es letztes Jahr traurig, dass Lara den Silvesterabend mit uns verbringen musste. Eigentlich ist Lara doch immer für eine Party zu haben?! Sie verfügt über einen großen Freundeskreis, ist alles andere als eine Stubenhockerin und immer gerne unterwegs. Soziale Kontakte sind ihr sehr wichtig. Ihre Freiheit noch mehr! Und jetzt macht sie ein langes Gesicht, weil sie zu Hause Raclette und Frühstück verpasst?

Mit sechzehn würden manche gern die Welt umsegeln. Laura Dekker hat es gemacht – und dabei immer gewusst, wo ihr Heimathafen ist.
Mit sechzehn würden manche gern die Welt umsegeln. Laura Dekker hat es gemacht – und dabei immer gewusst, wo ihr Heimathafen ist.

Manchmal, wenn ich ihr mit meiner Anwesenheit oder zu vielen Fragen oder Befehlen („Räum gefälligst die Küche auf, nachdem du gekocht hast“; „Sag mal, musst du nicht langsam was für deine Facharbeit tun?“; „Jetzt liegen im Bad schon wieder deine nassen Handtücher auf dem Boden“) auf die Nerven falle, seufzt sie, dass sie es gar nicht erwarten kann, endlich von zu Hause wegzukommen und auszuziehen. Voller Vorfreude erzählt sie dann von ihren Zukunftsplänen. Dass sie davon träumt, nach dem Abi einige Work-und-Travel-Monate in Afrika zu verbringen oder eine längere Sprachreise und ein Praktikum in den USA zu absolvieren oder für ein Studium in eine coole Stadt wie Hamburg oder München zu ziehen – ach was, nicht Hamburg oder München, lieber direkt New York oder San Francisco. Welt, ich komme, sobald du mich nur lässt! Lara will raus. Abenteuer und Neues erleben. Reisen. Heimweh kennt sie nicht.

Im Sommer war sie mit einer Freundin für ein paar Tage allein auf Städtetour. Dieses Jahr soll es endlich ein größerer Urlaub mit Freundinnen werden. Busreise nach Spanien. Das Virus lässt es hoffentlich zu. Die Anzahlung hat sie bereits zusammengespart. „Aber in den Familienurlaub komme ich trotzdem mit“, sagt sie, selbst, wenn sie sich mit Maya ein Zimmer teilen muss. Letztes Jahr noch betonte meine Große, dass sie zum allerletzten Mal mit uns in den Urlaub fahren würde. Sie wäre nun zu alt, um sich mit der drei Jahre jüngeren Schwester ein Zimmer zu teilen und mit den Eltern am Strand abzuhängen. Ich nickte zustimmend und freute mich, als sie in den Sommer- und Herbstferien doch mitwollte. Wir hätten sie nicht gezwungen, denn nichts kann einem den Urlaub mehr vermiesen als ein dauerhaft nörgelnder Teenager. Sicher, teilweise war ihre Entscheidung der Pandemie geschuldet, die Jugendlichen im Moment kaum bis gar keine Planungssicherheit bietet. Aber im Großen und Ganzen fühlt sich Lara im Kreise unserer kleinen Familie, in der alles so vertraut ist und wo sie sich ungezwungen bewegen kann, einfach wohl (zumindest die meiste Zeit) und außerdem kostet sie Unterkunft und Verpflegung keinen Cent. Das weiß Lara, seitdem sie arbeiten geht, inzwischen ebenfalls zu schätzen.

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04. Jan. 2022
von Sonia Heldt
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28. Dez. 2021
von Matthias Heinrich
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Gewappnet für das neue Jahr – komme, was wolle

Auch nach längerem Überlegen kann ich mich an kein ähnlich entspanntes Weihnachten erinnern. Wir haben viel gemacht. Leute getroffen, gefeiert, getanzt, gespielt, gut gegessen und Gespräche geführt. Alles unter 2 G plus – bevor einer fragt. Heute steht gar nichts auf dem Programm. Die Kinder spielen mit ihren Weihnachtsgeschenken, meine Frau und ich sitzen in unseren Lesesesseln. Nebenbei läuft harmonische, ruhige Musik. Ich bin etwas erschöpft, fühle mich im Großen und Ganzen aber gut und bin – entspannt. „Zwischen den Jahren“ soll man ja zur Besinnung kommen. Sich sammeln, über das Gewesene sinnieren, an das Kommende denken und sich überlegen, was besser laufen soll. Dem zweiten Punkt widmet sich meine Frau, die im Internet nach Urlaubsunterkünften für den Sommer stöbert. Ja, zur Besinnung kommen – das ist mir für diesen Moment jedenfalls ganz gut gelungen. Das liegt am abwechslungsreichen Weihnachtsprogramm, an der ruhigen Musik und vielleicht auch an dem Krimi des Schweden Hakan Nesser, den ich gerade lese, in dem der Kommissar regelmäßig mit Gott spricht, darin nicht immer Glück, aber immerhin innere Ruhe findet.

Wenn die Festtagskerzen runterbrennen, kommen wir langsam zur Ruhe.
Wenn die Festtagskerzen runterbrennen, kommen wir langsam zur Ruhe.

Diese Beschreibung unseres nachweihnachtlichen Setups schicke ich vorweg, weil es im so großen Kontrast zur Vorweihnachtzeit steht, in der dieser Text eigentlich entstehen sollte. Im Kopf stand er da auch schon. Jetzt bin ich froh, mich dagegen entschieden zu haben, ihn auf Teufel komm raus noch zwischen einem Frühdienst und den Einkaufsstress zu quetschen. Wenn ich an meine angespannte Stimmung vor ein paar Tagen denke, hätte der Text meine Hektik aufgesogen. Ich wäre zu emotional und unbarmherzig mit mir selbst gewesen. Wenngleich die Dinge im Text die Gleichen geblieben sind.

Was waren im Rückblick die Ereignisse und Dinge, die uns „schlaflos“ gemacht haben? Zum einen die Einschulung unserer Tochter Frida. Sie kam in die Schule, ohne ein einziges Kind in ihrer Klasse zu kennen. Wegen ihrer Schüchternheit tat sich Frida schwer, Anschluss zu finden und den Bezugspersonen in der fremden Umgebung zu vertrauen. Aber, wie konnte es auch anders sein, es hat sich nach ein paar Monaten alles eingespielt. Sie hat Freundinnen gefunden (mit Jungs tut sie sich noch etwas schwer), verabredet sich und geht inzwischen gerne zur Schule. Nur den grummeligen Lehrer, der den Computerunterricht gibt, den mag sie nicht. Aber ehrlich, das gehört dazu. Die Schule ist ja nicht das Paradies.

Einen kleinen Schock und ein mindestens mittelgroßes schlechtes Gewissen bekamen wir kurz vor den Ferien. Wie wir in ihrem Deutsch-Arbeitsheft sahen, hat Frida ihre Hausaufgaben weniger sorgfältig erledigt als gedacht. Sie ist nach dem Unterricht in der Mittagsbetreuung. Dort sollen die Kinder unter Aufsicht ihre Hausaufgaben erledigen. Es gibt sicher Eltern, die sich aufregen würden, dass da jemand seinen Job nicht richtig macht. Letztlich sind aber wir für unser Kind verantwortlich. Wir haben das, wie gesagt, in der Vorweihnachtszeit festgestellt und uns Vorwürfe gemacht. Ich habe mich gefragt, was für ein mieser Vater ich bin, der seine Erstklässler-Tochter gleichgültig ihrem schulischen Schicksal überlässt. Jetzt sage ich mir: Da warst du nachlässig, aber jetzt wirfst du künftig einen Blick auf ihre Aufgaben, und damit ist es auch gut.

Ruhe und Besinnlichkeit können Wunder wirken. Das gilt auch für unseren Sohn Theo. Anders als bei seiner Schwester hatten wir seine schulischen Leistungen voll im Fokus. Bei ihm entscheiden die Noten in diesem Jahr, welche weiterführende Schule er ab dem Sommer besucht. Es ist kein Gerücht: In Bayern sind die Anforderungen höher und anspruchsvoller als in anderen Bundesländern. Es vergeht keine Woche, in dem die Viertklässler nicht mindestens eine Probe schreiben. Das Wort Probe klingt niedlich, bedeutet aber nichts anderes als Klassenarbeit. Allein in Deutsch waren es von September bis Weihnachten sechs, wenn ich mich nicht verzählt habe. Da gehen schon mal ganze Sonntage drauf, wenn in der folgenden Woche eine Probe ansteht. Nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern, die ihren Nachwuchs unterstützen und natürlich auf dem Gymnasium sehen wollen.

Eine Mutter sprach neulich angesichts der engen Leistungsnachweis-Taktung vom „Bayerischen Grundschulabitur“. Der Ausdruck trifft es leider ziemlich gut.

Theo macht es gut. Er ist erst vor vier Wochen neun Jahre alt geworden und mit Abstand der Jüngste in der Klasse. Wie fast alle Eltern wollen wir manchmal nicht begreifen, dass unser eben noch so kleiner Junge eben kein ganz kleiner Junge mehr ist. Wir müssen ihn auch im kommenden Jahr etwas zur Disziplin ermahnen und regelmäßig abfragen, aber er wird seinen Weg gehen. Ich hoffe, dass ich meine über die Feiertage gewonnene Gelassenheit mit ins nächste Jahr nehmen kann. Es passiert so viel.

Am ersten Weihnachtstag hat mir eine Freundin ein Foto gezeigt: Ihre komplette Familie, versammelt um eine weihnachtliche Festtafel – etwa zwanzig Leute. Die Einzige, die fehlte, war sie. Sie durfte wegen Corona das zweite Weihnachtsfest nacheinander nicht nach England reisen. Eine ihrer Schwestern hat inzwischen geheiratet, eine andere ein Baby bekommen. Bei der Hochzeit fehlte sie, das Baby hat sie noch nie gesehen. Sie hat das Foto angeschaut und geweint.

Am zweiten Weihnachtstag hat eine Corona-Leugnerin bei einer illegalen Demo ihr vierjähriges Kind bewusst als Schutzschild gegen eine Polizeisperrung benutzt. Das war gar nicht weit von hier, in Schweinfurt. Das Kind wurde mit Pfefferspray verletzt und der Mob hat die Polizei dafür verantwortlich gemacht.

Seit Weihnachten werden Medien nicht müde, Vertreter von Lehrerverbänden zu zitieren, die angesichts der Ausbreitung der Omikron-Variante den nächsten Lockdown fordern – die Aussichten sind düster: Homeschooling, mindestens bis Mitte Januar.

Wir werden auch im kommenden Jahr wieder klagen, uns über Politiker und Lehrer, Kindergärtner, schlechte Noten, schräge Eltern und unsere Kinder ärgern, auch mal weinen, auch mal zweifeln – aber wir werden für alles gewappnet sein. Mit dem Glauben an Gott wie der Kommissar bei Hakan Nesser oder dem Glauben an unsere Kinder oder einfach mit dem Glauben an uns selbst. Kommen Sie gut ins neue Jahr.

28. Dez. 2021
von Matthias Heinrich
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