Schlaflos

Schlaflos

Das Familienblog der F.A.Z.

31. Jan. 2023
von Sonia Heldt
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„Bei Ihrer Tochter ist es besonders schwierig“, sagt der Kieferorthopäde

Meine Tochter ist happy. Ihre festsitzende Zahnspange ist Vergangenheit. Über Unverständnis und Einsicht, Qual und Konsequenz – und die Entscheidung, nicht noch einmal acht Monate dranzuhängen.

Gesundes Zahnfleisch und weiße Zähne, ohne Defekte und Fehlstellungen, sind mehr als ein Schönheitsideal. Die Zähne beeinflussen die Gesundheit unseres gesamten Körpers – und das Selbstbewusstsein. Das alles hat man längst erkannt, die Aufklärung ist groß. Schon in der Kita kommt der Zahnarzt, um die Zähne aller Kinder unter die Lupe zu nehmen.

Denn manche Eltern nehmen es trotz Aufklärung nicht so genau mit der Mundhygiene ihrer Kinder – nach dem Motto: „Die Milchzähne sind nicht wichtig, sie fallen ja eh aus.“ In Laras Kindergartengruppe mussten einem Jungen zahlreiche Kronen eingesetzt werden, weil der Großteil seiner Milchzähne stark kariös und zerstört war. Die Erzieherin setzte sich mit Nachdruck dafür ein, dass der Junge behandelt wurde.    

Kinder haben anfänglich keinen Einfluss auf ihre Zahnpflege. Das ist ab dem ersten Milchzahn Aufgabe der Eltern und der bricht bei Babys in der Regel zwischen dem vierten und siebten Monat durch. Ich weiß noch, wie süß ich es fand, als Maja (heute 15) auf meinem Schoß saß, auf meinem Finger nuckelte und ich die Spitze ihres ersten unteren Schneidezahns spürte.

Ein paar winzige Frontzähnchen zu putzen bedeutet keinen Aufwand. Es wird erst schwieriger, wenn sich der Mund füllt. Übermüdete Kleinkinder verspüren häufig keine Lust auf die tägliche Prozedur und mögen es nicht, wenn man ihnen im Mund rumfummelt.

Wir waren streng und taten alles, um unseren Töchtern die Zahnpflege schmackhaft zu machen, zu erklären und zu erleichtern. Einige Bücher halfen uns: „Mein erstes Zahnputzbuch“; „Jakob und seine Zahnbürste“; „Karius und Baktus“. Besonders letztere Geschichte mochten meine Töchter gerne, so alt sie auch war. 

Wir gingen regelmäßig zum Kinderzahnarzt, ließen die Fissuren versiegeln, benutzten Zahnseide, hingen lustige Spiegel im Bad in Kinderhöhe auf, kauften kleine Sanduhren und elektrische Zahnbürsten mit ihren Lieblings-Disneymotiven. Wir putzen so lange nach, bis die Kinder motorisch weit genug waren. Heute gibt es etliche Apps, um die Zahnputzzeit für Kinder kurzweilig und effektiv zu gestalten.  

In gesunde Kindergebisse haben wir einiges investiert. Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt, zum Beispiel, nur die Versiegelung der letzten beiden bleibenden Backenzähne. Sind weitere tiefe Fissuren auf den vorderen Zähnen vorhanden, empfehlen viele Zahnärzte, sie vorsorglich ebenfalls zu versiegeln.  Die Kosten von etwa zwanzig Euro pro Zahn waren für uns zur Prophylaxe tragbar. Aber der richtig große Kostenfaktor stand noch an! Ich rede hier nicht von der Zahnfee, die war bescheiden und gab sich mit ein oder zwei Euro zufrieden, die sie in unserem Namen unter das Kissen legte. Ich rede von der kieferorthopädischen Behandlung.

Nicht alle Zahnspangenträger zeigen ihr Gebiss so ungeniert vor der Kamera.
Nicht alle Zahnspangenträger zeigen ihr Gebiss so ungeniert vor der Kamera.
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31. Jan. 2023
von Sonia Heldt
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19. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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„Darf man in der Schule so sein wie zuhause, Papa?“

Manchmal gibt es unversehens Situationen, in denen uns unser Kinder ganz besonders nah sind. Näher als morgens beim Frühstück oder bei den Hausaufgaben, beim Zähneputzen oder Uno Spielen. Solche Momente kommen einfach so. Vorausahnen kann man sie nicht und herbeirufen schon gar nicht. Es sind Momente, in denen eine Tür aufgeht, die sich selten öffnet. Selbst, wenn das Verhältnis zwischen Kind und Elternteil noch so innig und vertraut ist. Ich liebe diese Situationen, diese Magic Moments.

Neulich abends saß ich lesend im Wohnzimmer, als unsere Tochter Frida (8) die Treppe herunterkam. Ich bemerkte gleich, dass ihr etwas auf dem Herzen lag. Langsam und zögerlich, aber trotzdem bestimmt kam sie zu mir. Ich legte mein Buch zur Seite. „Was ist los, mein Schatz?“, fragte ich. Sie setzte sich und fragte leise: „Papa, darf man in der Schule so sein wie zuhause?“ Ich stutzte. „Wie meinst du das?“ Sie überlegte kurz: „Naja, weißt du, hier bin ich so wie ich bin. Ich tanze und bin verrückt. In der Schule bin ich nicht so. Da wäre mir das peinlich.“ Ich nickte. „Um was geht es denn? Warum bist du in der Schule anders?“ Sie zögerte. „Ich bin verliebt.“ „Oh“, ein großes Wort für eine Zweitklässlerin, dachte ich, antworte aber stattdessen: „Das ist doch schön.“ „Ja, aber ich weiß nicht, ob ich es dem Jungen sagen soll oder besser nicht. Er heißt Tom.“ „Hm, das ist auch nicht leicht zu beantworten. Wenn dir das unangenehm ist, dann warte ab. Du musst es Tom doch auch nicht sagen.“ Sie sah mich unglücklich an. „Weißt du, ich habe es Greta gesagt.“ „Dass du in Tom verliebt bist?“ Sie nickte und sah noch unglücklicher aus. „Oh, und Greta hat es Tom gesagt?“ Frida sah mich empört an. „Nein, hat sie nicht!“ Jetzt stand ich auf dem Schlauch. „Was ist dann das Problem?“ „Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn toll findet und er hat sie auf die Wange geküsst. Und mich nicht!“ Jetzt kullerten ein paar Tränen. „Jetzt versteh ich“, seufzte sich. „Weißt du, Frida, das ist eines der schwierigsten Dinge, die es gibt – auch für Erwachsene.“ Ich strich ihr über den Kopf. „Wir können nie wissen, wem wir vertrauen können. Wir lernen das, je älter wir werden, mit jedem neuen Freund oder Freundin, die wir kennenlernen.“ Sie hörte mir aufmerksam zu. „Manchmal wird man enttäuscht von Menschen. Man verrät ihnen ein Geheimnis, und sie sagen es weiter. Das ist dann doof und tut weh. Aber so bekommen wir nach und nach ein Gefühl dafür, wem wir etwas anvertrauen können und wem nicht. Verstehst du?“

Zum Steinerweichen: küssende Kinder als Figuren für den Garten
Zum Steinerweichen: küssende Kinder als Figuren für den Garten
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19. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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10. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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Elternzeit ist nichts für Romantiker

Dirk ist ein alter Freund. Mit Mitte vierzig wird er zum ersten Mal Vater. Wie jeder moderne Mann spielt auch Dirk mit dem Gedanken, Elternzeit zu nehmen. Die Frage ist: wie lange und wann? Dirk hat mich nach meinen Erfahrungen gefragt. Bei unseren Kindern Theo (heute zehn Jahre alt) und Frida (acht) habe ich jeweils ein halbes Jahr Elternzeit genommen. Im Rückblick bin die Sache damals sehr naiv angegangen.

Manchmal ist es ganz schön viel. Meistens mehr, als man gedacht hat.
Manchmal ist es ganz schön viel. Meistens mehr, als man gedacht hat.
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10. Jan. 2023
von Matthias Heinrich
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03. Jan. 2023
von Maria Lobrecht
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Mehr Zeit für mich. Nur für mich.

Ich will hier raus. Immer wieder mal. Und das ist kein Fluchtreflex, sondern eher ein guter Vorsatz für das neue Jahr. Raus aus der Doppelrolle, in der ich mich oft gefangen fühle. Zum einen als Managerin auf dem aufsteigenden Karrierepfad, zum anderen nicht weniger als Hausfrau und Mutter, zumindest in meiner gefühlten Wirklichkeit.

In einer alten Fernsehwerbung, ich weiß nicht mehr für welches Produkt, strahlt eine gutaussehende Blondine in die Kamera und sagt in einer fiktiven Vorstellungsrunde, sie sei erfolgreiche Managerin eines kleinen Familienunternehmens. Gemeint war die Organisation ihres Familienalltags. Platt, aber irgendwie auch ziemlich zutreffend. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass die Rolle als Mutter und Hausfrau nicht weniger wertvoll und vor allem intensiv ist und die berufliche Seite durchaus kompensiert. Bei mir prallen beide Seiten aufeinander.

Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick in die Ferne oder nach vorne
Ein Blick aus dem Fenster, ein Blick in die Ferne oder nach vorne

Der Weihnachtsbaum steht in der Ecke zwischen der Vitrine und der Terrassentür. Er sieht immer noch schön aus. Mein Mann und meine Tochter haben ihn Mitte Dezember in einem kleinen Weihnachtsbaumwäldchen ausgesucht und selbst geschlagen. Gestern nun hatte mein Mann die Idee, ihn abzuschmücken und zu entsorgen, weil er Weihnachten allmählich leid sei. Aber ich möchte den Baum noch ein paar Tage behalten. Vielleicht, weil er mich an die entspannten Weihnachtsfeiertage erinnert.

Draußen strahlt die Sonne. Sofort fallen mir die striemigen Fenster auf. Sie müssten dringend geputzt werden. Keine Zeit – und eigentlich auch keine Lust.

Morgen kommt schon wieder der nächste Besuch. Meine Schwägerin und ihre Mädchen wollen die letzten Ferientage bei uns genießen. Einfach mal raus aus dem Alltag, sagte sie. Bis gestern hatten wir über Silvester Besuch von Freunden aus Hamburg. Auch sie haben Ferien und brauchten mal einen Tapetenwechsel. Es war schön, aber vier Tage können eine lange Zeit sein.

Kochen, einkaufen, Spülmaschine ein- und ausräumen, die Kinder x-mal auffordern, ihre Zimmer aufzuräumen, Betten beziehen, Wäsche waschen, Staub saugen: das volle, normale Programm. Eigentlich haben mein Mann und ich jemanden, der einmal die Woche kommt und uns daheim hilft. Anders in den Weihnachtsferien, weil – man ahnt es – unsere Haushaltshilfe über die Feiertage einen Tapetenwechsel brauchte. Es sei ihr von Herzen gegönnt.

Die Waschmaschine läuft ohne Unterbrechung, erst Handtücher, dann das Bettzeug. Mein Mann muss noch einen Auftrag erledigen, den er schon längst fertig haben wollte. Die Kinder (Paul, 11, und Leni, 9) bekommen am Nachmittag Besuch von Freunden und räumen – nach endgültiger Androhung, diese Spielverabredungen sonst wieder abzusagen – endlich ihre Zimmer auf. Danach müssen sie etwas für die Schule machen, das hatten wir so für die letzte Ferienwoche vereinbart. Sie müssen den verpassten Stoff aus den beiden Krankheitswochen Mitte Dezember aufholen. So steht noch Englisch lernen mit Paul und Mathe mit Leni auf dem Programm. Da mein Mann sich in seinem Arbeitszimmer verkrochen hat, bleibt das an mir – mal wieder. Einkaufen müssen wir auch noch heute, mal sehen, wer das erledigt. Im Zweifel ich.

Es keimt wieder Frust in mir auf. Eigentlich wollte ich die Ferien auch für mich nutzen, mal abschalten von meinem stressigen Job-Alltag, Kraft und Energie für alle anstehenden Herausforderungen tanken, die neuen und die altbekannten.

Mein Mann und ich leben die umgekehrte Rollenverteilung: Ich arbeite in Vollzeit in Führungsposition in einem DAX-Konzern, mein Mann ist selbständig und kann sich seine Zeit freier einteilen. Damit ist er auch für viele Aufgaben in unserem Familienalltag zuständig. Zumindest in der Theorie. Eigentlich kriegen wir die Aufgabenverteilung und das auch in unserem Freundes- und Bekanntenkreis immer noch eher ungewöhnliche (und für viele auch unverständliche) Rollenmodell gut hin. Aber heute ist wieder so ein Tag, an dem ich hadere: Warum kriegen es Männer in der Hauptverdiener-Rolle eigentlich besser hin, sich nicht auch noch zu Hause für alles und jeden verantwortlich zu fühlen?

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03. Jan. 2023
von Maria Lobrecht
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27. Dez. 2022
von Chiara Schmucker
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Warme Herzen, kalte Häuser

„Tür zu“, brülle ich meinem Sohn hinterher, als er vom Wohnzimmer ins Treppenhaus schlüpft, um in seinem Spielzimmer weiter zu puzzeln. „Und dreh dir oben die Heizung auf 5 und setz dich auf den Teppich.“ Ich lausche, tapp, tapp, tapp auf der Treppe. „Hast du die Heizung an?“, rufe ich. „Jaaa“, kommt es von oben. „Guhut! Dann mach die Zimmertür zu, damit es warm bleibt.“

Unterhalte ich mich gerade wirklich mit einem Vierjährigen übers Energiesparen? Könnte man meinen. Es geht aber vor allem um seine Gesundheit. In diesem Winter ist es in unserem Haus nämlich in vielen Zimmern so kalt, dass man sich leicht erkälten könnte, wenn man sich länger dort aufhält. Wir heizen nur noch das Wohn- und Esszimmer, das ist für uns jetzt die Bauernstube geworden. Hier steht unser Kamin und auch der Herd mit Backofen, der nach dem Backen noch schön viel Restwärme abstrahlt. In den anderen Zimmern ist es oft so frisch, dass an den Scheiben Kondenswasser steht, das ich mit sorgenvoller Miene jeden Morgen abwische.

Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?
Mit Handschuhen und Mütze auf dem Sofa: eine Option für die ganze Familie?

Dieser Winter hat es in sich – für uns alle. Wir als Familie haben unseren Energieschreck schon im Oktober erlebt, als unsere Vermieterin mit der Nebenkostenabrechnung vor der Tür stand. „Eigentlich wollte ich euch Weingummi mitbringen, weil es wirklich schlimm ist, was ich euch jetzt mitteilen muss“, sagte sie. 1500 Euro Nachzahlung für die Gasheizung, ein gestiegener Abschlag um 250 Euro im Monat. Wir kippten fast hinten über. Klar, wir haben seit vergangenem Jahr ein weiteres Baby im Haus, saßen fast das ganze Jahr im Homeoffice, und die Energiepreise sind seit dem Angriff auf die Ukraine explodiert. Aber so krass? Und das war ja noch die Rechnung für 2021. Nach dem ersten Schock sah ich mir die Zusammenstellung in Ruhe an und stellte fest, dass unsere Vermieterin sich verrechnet hatte. Aber der Schreck sitzt tief. Das Gefühl, auf einmal mehrere Tausend Euro mehr für Energie bereithalten zu müssen, bleibt ja bestehen. Wenn nicht mit dieser, so vielleicht mit der nächsten Abrechnung. Wir haben es oft genug in den Medien gehört.

Seither sparen wir Energie – und in unserem Haus ist es kalt geworden.

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27. Dez. 2022
von Chiara Schmucker
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22. Dez. 2022
von Chiara Schmucker und Sonia Heldt und Matthias Heinrich
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Das Fest, ein Kraftakt

Mit Weihnachtsbaum auf dem Nachhauseweg
Mit Weihnachtsbaum auf dem Nachhauseweg

Weihnachten mit hohem C

Wir hatten es uns so schön ausgemalt: Das erste halbwegs normale Weihnachten seit Beginn der Pandemie, die Großeltern im Haus, der Baum bei einem gemeinsamen Adventsevent mal wieder selbst geschlagen und nicht verschämt mit FFP2-Maske schnell im Baumarkt gekauft. Die Kinder gesund, das Haus geputzt, doch wir haben die Rechnung ohne das hohe C gemacht. „Der Papa hat Corona, da ist ein zweiter Strich auf seinem Test“, rief meine Mutter am 17. Dezember aufgeregt ins Telefon. „Chiara, ich muss aufhören, das erwischt uns grade eiskalt.“ In meinem Kopf rattere ich die Daten zusammen, 17 plus X ist gleich … Mist, auf jeden Fall zu wenig Zeit, um zusammen Weihnachten zu feiern. Inzwischen liegen beide Eltern flach, und wenn sie so lange positiv sind, wie wir es im Sommer waren, dann mindestens bis Silvester.

Seit der Pandemie ist bei uns weihnachtsmäßig der Wurm drin. 2020 haben wir uns allesamt zerstritten, weil ich schwanger mit unserem zweiten Sohn und sehr vorsichtig in Bezug auf Corona war. Testen war noch nicht üblich. Als meine Schwester, die im Gesundheitssektor arbeitete, spontan bei meinen Eltern vor der Tür stand, weil sie sich mit ihrem Freund verstritten hatte, ergriff ich panisch die Flucht. Lauter Wortwechsel, traurige Gesichter, ein verschnupftes Weihnachten.

Im vergangenen Jahr eröffnete uns mein Schwiegervater beim ersten Biss in den Weihnachtsbraten, dass er am Morgen einen positiven Test gehabt hatte, die zwei Tests danach seien aber negativ gewesen. Auch hier: Tränen, fluchtartiger Aufbruch, böse Worte und Enttäuschung auf beiden Seiten. Unser Baby hatte gerade zehn Tage das RS-Virus hinter sich, das auch in diesem Jahr wieder grassiert und die Kinderstationen in den Ausnahmezustand versetzt.

In diesem Jahr sind wir schon abgestumpft. Wir haben die Geschenke für meine Eltern in ein großes Paket verpackt und ein paar Smileys obendrauf gemalt. Wir haben gelernt, mit dem Virus zu leben, so traurig das ist. Wir haben akzeptiert, dass es unberechenbar ist, dass es schlummert und angreift, noch bevor Tests zwei Striche zeigen. Dass ein keine Garantie gibt, sich nicht zu infizieren, wenn man sich in einer Gruppe trifft. Wir werden es uns Weihnachten trotzdem schön machen, extra laut singen und mit einem Videoanruf die fehlende Nähe zumindest ein wenig ersetzen. Und vielleicht feiern wir nächstes Jahr einfach im Sommer.

(Chiara Schmucker)

Könnte bitte jemand eine Decke über mich und die Weihnachtszeit werfen?

Früher habe ich mich darüber aufgeregt, wenn es den Großeltern zu lästig war, die Weihnachtsgeschenke einzupacken. Dabei hatten sie es super bequem. „Kauft ihr etwas in unserem Namen für die Kinder? Wir geben euch das Geld zurück.“ Taten wir. Sie mussten es nur einpacken, an die glücklichen Enkelkinder übergeben und sich an ihren strahlenden Gesichtern erfreuen. Aber das Einpacken schien sie zu überfordern. In einem Jahr wünschte Lara sich ein FurReal-Pferdchen. Am ersten Weihnachtstag stand es unter dem Christbaum und meine Schwiegermutter hatte einfach lieblos eine Decke darüber geworfen. Ein anderes Jahr war es ein kleinerer Rucksack, der gefaltet problemlos hätte verpackt werden können und über den ebenfalls nur eine Decke geworfen wurde. Damals habe ich mich geärgert. Für Kinder gehört das Auspacken zum Weihnachtszauber dazu. Der spannendste Moment überhaupt! Man will das Päckchen schütteln und drücken. Ist wirklich das darin, was ich mir gewünscht habe? Man will die Sekunden der Enthüllung zelebrieren. Obwohl es schon so viele Jahre her ist, kann sich Lara (18) an ihre Enttäuschung, dass man ihr diese Vorfreude genommen hatte, noch sehr genau erinnern.

Meine eigene Mutter machte es nicht besser. Sie verwendet bis heute mit Vorliebe Geschenktüten und verzichtete ebenfalls größtenteils auf das zusätzliche Einpacken. Also versorgte ich für alle die Geschenke, packte sie ein und beschriftete die Päckchen mit Namen, um Verwechslungen zu vermeiden. 

In diesem Jahr kann ich meine Schwiegermutter und meine Mutter verstehen. Weihnachtsdeko aus dem Keller holen. Geschenke kaufen und einpacken. Plätze zum Verstecken finden und – noch wichtiger – sich an diese Plätze später wieder erinnern können. Einkäufe im vollen Supermarkt erledigen. Den Baum schmücken. Nach all den Jahren – die Kinder inzwischen groß, der Zauber der Weihnacht verflogen – empfinde ich diese jährlich wiederkehrenden Tätigkeiten als ermüdend und anstrengend. Tradition hin oder her.

Wenn es nach mir ginge, würde ich dieses Jahr am liebsten über die gesamte Weihnachtszeit eine Decke werfen. Ich bin so schrecklich müde und erschöpft. Die Weihnachtsgeschenke für meine Töchter habe ich fast alle online bestellt. Ich bat Maya (15) um Hilfe: „Kannst du wenigstens Laras Geschenke einpacken? Ich muss hier noch so viel tun.“  Doch Maya schüttelte den Kopf. „Weißt du wie gestresst ich gerade bin? Ich habe wirklich keine Zeit.“

Seit November grassieren die Viren in allen möglichen Varianten. Irgendjemand im Haus ist immer gerade verschnupft, fühlt sich unwohl, hustet oder ist heiser. In einer Woche saßen in Mayas Klasse von neunundzwanzig gerade mal zehn (halbwegs) gesunde Kinder. Den kompletten versäumten Unterrichtsstoff nachzuarbeiten, ist so gut wie unmöglich.  Maya schrieb in der letzten zwei Schulwochen vier Arbeiten. Der ständige Unterrichtsausfall durch kranke Lehrer nervt, weil dadurch die Arbeiten teilweise verschoben wurden und sich stauten. Neben der Schule liefen andere wichtige und zeitaufwendige Dinge. Maya betreibt Kunstlauf im Verein. Das gesamte letzte Wochenende war sie bei den Aufführungen eingespannt, für die Wochen und Monate vorher intensiv geprobt wurden. Drei Tage voller Adrenalin, ohne Zeit für irgendetwas anders.

Lara macht nächstes Jahr Abi und steckte im Dezember in der Klausurphase. An ihrer Zimmerwand hängen riesigen Plakate über Chromosomenmutationen, DNA-Informationen und Zuckermoleküle. An den Wochenenden geht sie arbeiten, um sich etwas dazuzuverdienen. Wenn sie dann nachmittags nach Hause kommt, ist sie meistens so kaputt, dass sie bis abends schläft. Ich arbeite zurzeit die Nächte durch, weil ich meine Abgabetermine sonst nicht schaffe. Die gesamte Familie pumpt sich mit Vitaminen voll und hofft, nicht komplett schlappzumachen. Von besinnlicher Vorweihnachtszeit ist in unserem Haus nichts zu spüren. Gemütliches Adventsfrühstück? Plätzchen backen? Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt schlürfen? Dazu fehlte uns bisher allen die Zeit und Energie. Es gab kurze Einheiten, wie der Weihnachtsmarktbesuch mit Maya nach dem Kieferorthopäden-Termin. Sie verdrückte ihr Crêpe und drängelte dann: „Mama, ich muss unbedingt heute noch Französischvokabeln üben, und du hast versprochen, mir bei Mathe zu helfen.“

Vor zwei Wochen nahm ich mir die Zeit, die ich eigentlich nicht hatte, und fuhr zu meiner Mutter. Wir waren frühstücken, und anschließend beriet ich sie beim Geschenkeeinkauf. Es war ein verregneter Montagvormittag. Die Stadt war menschenleer und alles entspannt. „Soll ich ihnen die Sachen weihnachtlich verpacken?“, fragte die Verkäuferin an der Kasse. Meine Mutter und ich nickten dankbar. „Ja, sehr gerne und wenn sie die Päckchen noch mit Namen beschriften könnten, wäre das großartig.“

(Sonia Heldt)

Gnadenbringende Weihnachtszeit

Ehrlich gesagt, kann mir Weihnachten dieses Jahr jetzt gerade gestohlen bleiben. Am Montag habe ich erfahren, dass ein Projekt, in das ich seit anderthalb Jahren sehr viel Energie und Enthusiasmus gesteckt habe, am Jahresende eingestellt wird. Angeblich finden sich keine Investoren, Ukraine-Krieg und Corona sind schuld. Die Geschäftsführung hat das den freien Mitarbeiter in einer Mail mitgeteilt, die so kalt formuliert war, dass Wladimir Putin wahrscheinlich anerkennend genickt hätte.

Wenn ich an meine Kollegen denke, von denen einige rechnerisch meine Kinder sein könnten, wird mir übel. Sie haben kurz vor Weihnachten diese Hiobsbotschaft bekommen und wissen nicht, wie sie ab Januar ihre Miete bezahlen sollen. Einer ist erst im November Vater geworden. Der Schlag in ihr Kontor ist so viel härter als bei mir. Darüber könnte ich froh sein und denken, nun sei mal happy mit dem, was du hast. Aber so bin ich nicht. Nein, bei mir kommt keine Weihnachtsstimmung auf.

Dabei sind wir in diesem Jahr so gut vorbereitet wie lange nicht. Die Adventskalender für unsere Kinder hingen tatsächlich schon vor dem 1. Dezember – komplett gefüllt. Die Weihnachtsgeschenke sind schon im Sack, die Essensfrage ist mit Raclette für alle zufriedenstellend beantwortet, und den Weihnachtsbaum haben meine Tochter und ich schon vor Wochen besorgt. Die Weihnachts-Playlist von Rolf Zuckowski bis George Michael läuft bei uns in Dauerschleife. Alles paletti, die Infrastruktur funktioniert. Dumm nur, dass unsere komplette Familie – meine Frau, unsere beiden Kinder (8 und 10 Jahre alt) und ich – in der Vorweihnachtszeit fast zwei Wochen krank zuhause waren. Alle waren nölig, genervt und verschnupft. Die Aussicht, in ein paar Wochen endlich Quality Time mit der Familie zu haben, war für mich ähnlich verlockend wie eine Nebenhöhlenentzündung …

Angesichts von Hiobsbotschaften kommt der Mensch ins Grübeln. Ich zumindest tue das, wenn ich aus heiterem Himmel erfahre, dass ich einen mir sehr wichtigen Job verloren habe. Dann kommen mir merkwürdige Dinge in den Sinn. Ich frage mich, welcher Impuls die Erinnerung an ganz konkrete Situationen auslöst. Ich habe keine Antwort darauf. Diese kam mir auf einer Fahrt zur Autowerkstatt. Im Radio lief keine Weihnachts-, sondern eine 80s-Playlist, vielleicht war es das.

Vor fast dreißig Jahren, kurz vor dem Abitur, hatten wir ein Kurstreffen mit unserer Mathe-Lehrerin. Die Frau war fast 60 und in ihrem Job weder gut noch beliebt. Ihr schlechter Ruf eilte ihr voraus. Weil wir aus irgendeinem Grund auf dieses Kurstreffen drängten, lud sie uns schließlich zu sich nach Hause ein. Sie lebte allein in einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus. Sie hatte sich richtig ins Zeug gelegt. Unter anderem servierte sie uns eine köstliche Gazpacho, die erste meines Lebens. In ihrer Küche hingen viele Urlaubspostkarten aus den unterschiedlichsten Ländern. Mensch, die gute Frau kennt ja doch einige Leute, dachte ich. Dann sah ich mir die Karten genauer an. Sie hatte sich alle selbst geschrieben, von jeder einzelnen ihrer einsamen Reisen. Nicht eine einzige war von jemand anderem. Jede begann mit den Worten „Liebe Erika…“

Das menschliche Gehirn sucht sich einen Weg, um mit einer bestimmten, unangenehmen Situation klarzukommen. Davon bin ich überzeugt. Unser Sohn Theo geht seit dem Sommer aufs Gymnasium. Seit dem Sommer hat er ein Handy. Seit dem Sommer hat er sich verändert. Seit einigen Wochen spielt er wieder mit Dingen, die er seit fast zwei Jahren nicht mehr in die Hand genommen hat, mit Drachen und Schleich-Figuren. Auf seinem Wunschzettel fürs Christkind, an das er selbst nicht mehr glaubt, seiner Schwester zur Liebe aber mitmacht, stehen entsprechende Geschenkewünsche. Sein Leben ist neu, sein Alltag anders. Darum greift der Junge zwischen dem Berechnen von Termen und den Englisch-Vokabeln auf Bekanntes zurück, um wieder etwas fester auf dem Boden zu stehen.

Seine Schwester Frida zählt seit Wochen die Tage bis zum Heiligabend: „Wann stellen wir den Baum auf, Papa?“ Als wir am Sonntag die vierte Kerze angezündet haben, hat sie vor Freude gejuchzt. Gleich werde ich in den Keller gehen und den Weihnachtsbaumständer hochholen. Wir stellen ihn heute Abend auf, geschmückt wird er am Heiligabend, während im Hintergrund die Weihnachts-Playlist laufen wird. Was ist es für ein Glück, Weihnachten nicht allein zu sein.

(Matthias Heinrich)

22. Dez. 2022
von Chiara Schmucker und Sonia Heldt und Matthias Heinrich
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13. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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Zu krumm, zu kahl, zu klein – der ewige Streit um den Weihnachtsbaum

Vater, Tochter und der Weihnachtsbaum Privatfoto von Matthias Heinrich
Eine heikle Wahl: Nachdem der Weihnachtsbaum geholt wurde, haben Vater und Tochter das erlebte in Bildern festgehalten. (Privataufnahme)

Bei uns in der Familie gilt beim Thema Weihnachtsbaum Teamwork. Meistens suchen wir (zwei Erwachsene, zwei Kinder) gemeinsam einen Baum aus. In unserer Berliner Zeit haben wir aus Verlegenheit schon einmal bei einem Baumarkt zugegriffen. Aber seit wir in Franken leben, steuern wir immer den gleichen Christbaumhof an. Hier gibt es nicht nur Nordmanntannen und Blaufichten in Hülle, Fülle und allen Größen, sondern auch heiße Waffeln und Glühwein. Wir lassen uns Zeit. Das sollte man bei der Wahl des Baumes immer tun. Vier, sechs oder acht Augen sehen mehr als zwei. Gerade in Sachen Weihnachtsbaum ein Rat, den ich gerne teile.

Stressig, aber vor allem schön. Das waren die Weihnachten meiner Kindheit. Kurz vor den Feiertagen ging es in der Bäckerei meines Vaters im wahrsten Sinne des Wortes heiß her. Es duftete nach Stollen und Spekulatius, die Konditoren hatten – damals wirklich noch mit den eigenen Händen – kleine Kunstwerke wie Würfel und Schneemänner aus Marzipan geformt und mit dunkelbrauner Kuvertüre verziert.

Das war für Kinder paradiesisch, wie sich die Leserinnen und Leser denken können, bedeutete für meinen Vater und seine Leute aber harte Arbeit. Am Tag vor Heiligabend ging es um acht Uhr abends los in der Backstube. Die ganze Nacht hindurch wurde geschuftet, damit die Kunden, wie mein Vater immer zu sagen pflegte, über die Feiertage genug Kuchen, Brot und Brötchen hatten. Bis zwölf Uhr hielt der Trubel an, dann schlossen unsere Backläden. Mein Vater machte die Abrechnungen, dann legte er sich erstmal schlafen, bis kurz vor der Bescherung.

Ich weiß nicht genau, wie er es angestellt hat, auf alle Fälle besorgte mein Vater jedes Jahr auch unseren Weihnachtsbaum. Zwischendurch, von irgendeinem Hof irgendeines Kunden. Warum er das nicht schon Tage eher tat, wie meisten anderen Väter, oder warum nicht unsere Mutter einfach losging, um den Baum zu organisieren, sind gute Fragen, die ich im Nachhinein nicht klar beantworten kann.

Feststeht: An jedem Heiligabend stand mittags ein Tannenbaum in unserem Wohnzimmer. Bevor meine zwei jüngeren Geschwister (Schwester und Bruder) und ich mit dem Schmücken begonnen, inspizierte unsere Mutter den Baum kritisch. Sie fand immer etwas, das ihr nicht passte: „Der Baum ist krumm, guck mal, wie schief der ist.“ Oder: „Einen kleineren konntest du wohl nicht finden?“ Oder: „Schaut mal, wie kahl der ist. Der hat oben überhaupt keine Zweige. Da gibt es nichts zu schmücken.“ Mein Vater nahm das meistens kommentarlos hin. Manchmal antwortete er aber: „Es gab keinen anderen Baum mehr. Das war der schönste, den sie hatten.“ „Das kann ich mir nicht vorstellen“, antwortete unsere Mutter. „Du kannst ihn ja nächstes Jahr gerne besorgen.“ „Das mach ich auch.“ Machte sie aber nie – zumindest nicht, bevor ich erwachsen wurde. Der Weihnachtsbaumstreit setzte sich all die Jahre fort, bis wir irgendwann nach dem Tod meines Großvaters in dessen riesiges Bauernhaus umzogen.

In meiner Erinnerung war der Streit um den Baum harmlos. Ein wiederkehrendes Spiel, das zu unserem Heiligabend gehörte wie das „Oh du Fröhliche“ beim Gottesdienst, das helle Glöckchen, das zur Bescherung läutete und die Bockwurst mit Kartoffelsalat. Ich vermute, dass meine jüngeren Geschwister diese Streitereien bedrohlicher fanden. Meine Schwester beteuerte jedem gnadenlosen mütterlichen Urteil entgegen, wie schön sie den Baum fände, und stellte sich damit demonstrativ an die Seite unseres Vaters. Es besteht kein Zweifel daran, dass unsere Mutter es genoss, meinen Vater wegen der für ihren Geschmack krummen, kahlen und kleinen Bäume alljährlich aufzuziehen. Ob ihr die Bäume tatsächlich missfielen, bleibt ihr Geheimnis.

Dann kam das Weihnachten, bei dem ich die Sache in die Hand nahm. Es sollte der – neudeutsch – Gamechanger sein. „Mama, dieses Jahr besorgen wir den Weihnachtsbaum“, sagte ich eines Tages noch vor dem Heiligabend entschlossen. Bevor sie sich versah, saßen wir schon in ihrem alten Volvo. Das war ein Schiff von einem Auto, mit Platz genug für den Weihnachtsbaum der Weihnachtsbäume, der stattlich, üppig begrünt und kerzengerade sein sollte. Sogar die Rücksitzbank hätte ich schon eingeklappt. Es sollte nichts schiefgehen.

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13. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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06. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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„Ich komme nur zu deinem Geburtstag, wenn Franzisca nicht an meinem Tisch sitzt!“

Ein Kindergeburtstag ist eine tolle Sache – für die Kinder. Für die Eltern bedeutet eine Feier bei aller Freude immer Stress. Man muss den Aufwand im Blick halten und hat – über das Kuchenbacken hinaus – eine Menge zu organisieren. Eine gute Vorbereitung ist (fast) alles. Aber es gibt Dinge, auf die haben Eltern keinen Einfluss. Das betrifft vor allem die Partygäste, wie meine Frau und ich jetzt feststellen durften.

Unsere Kinder haben eine Woche nacheinander Geburtstag. Mit Theo ging es los. Er ist zehn geworden. Nachdem seine Partys coronabedingt zweimal ins Wasser fielen, gingen wir in die Soccerhalle. Erst Kuchen, dann anderthalb Stunden Fußball spielen, zum Abschluss Pizza.

Dann eine Woche später war unsere Tochter Frida dran. Entgegen aller Vorschläge mit Trampolinhalle oder Indoor-Kletterwand wollte sie ihren achten Geburtstag partout zu Hause feiern. Das Programm stand schnell. Nach dem Begrüßungskuchen sollte es eine Schatzsuche geben, danach Disco im Keller und zum Abendessen Hot Dogs und Spaghetti.

An dieser Stelle dürfen Leserinnen und Leser gerne einen Tipp abgeben, welche der beiden Veranstaltungen – Soccerhalle oder Schatzsuche – eskalierte. Long Story short: Die Fußballer waren es nicht. Dabei hatte ich ziemlichen Respekt vor dem Geburtstagskick. Denn ich war allein mit zehn zehnjährigen Jungen. Darunter sehr starke Charaktere, die schnell mal sauer werden, wenn es nicht so läuft wie sie es gerne hätten – allen voran Theo selbst.

Kindergeburtstage aus Elternsicht? Augen zu und durch!
Kindergeburtstage aus Elternsicht? Augen zu und durch!

Diese Sorgen waren unbegründet. Das Geburtstagskind stellte zwei absolut gleichstarke Teams auf. Es ging heiß und laut zu, natürlich gab es ein paar Meinungsverschiedenheiten, und die mitgebrachten Kühlpacks kamen zwei-, dreimal zum Einsatz. Aber meine Aufgabe während der neunzig Minuten Spielzeit bestand im Grunde nur daran, den Eifer der Jungen alle Viertelstunde für die vorher vereinbarte Trinkpause zu unterbrechen. Zum Schluss durfte ich ein paar Minuten mitspielen, weil es in der riesigen Halle ziemlich kalt war. Darum musste ich intensiv betteln. Beim Pizzaessen wurde es nochmal laut und trubelig. Aber am Ende des Abends meldete ich meiner besorgten Frau: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Das gleiche Fazit erwartete ich, auch eine Woche später nach Fridas Party ziehen zu können. Ehrlich gesagt, hatte ich daran keinen Zweifel. Zumal meine Frau und ich die Sache dieses Mal gemeinsam in die Hand nahmen. Sie bereitete Kuchen, den zu findenden Schatz und die Disco vor. Ich erarbeitete in zwei Stunden konzentrierter Arbeit – wie ich unbescheiden feststellen möchte – eine ziemlich gute Schatzsuche. Diese führte uns quer durch unser Städtchen und letztlich zu einem Spielplatz, wo die Mädchen den Schatz unter Triumphgeheule aus seinem Laubversteck bergen sollten. So hatten wir uns das zumindest vorgestellt.

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06. Dez. 2022
von Matthias Heinrich
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21. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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Kinder und Qatar: Warum wir mit reinem Gewissen die WM gucken

Thomas Müller, Joshua Kimmich und Youssoufa Moukoko beim Training in Al Shamal

Theo hat bald Geburtstag. Er wird zehn Jahre alt. Nachdem die letzten beiden Geburtstagsfeiern Corona-bedingt ausgefallen sind, wird dieses Jahr wieder richtig gefeiert. Mit zehn Jungs geht´s in die Soccerhalle. Erst anderthalb Stunden kicken, dann Pizza essen. Am Wochenende hat er die Einladungen gebastelt. Jeder Gast bekommt eine ganz individuell gestaltete. Dafür hat Theo ein paar seiner heißgeliebten Fußball-Sammelkarten geopfert. Jeder Gast bekommt eine Einladungskarte, auf die ein Spieler geklebt wurde. „Felix spielt gerne in der Mitte, der bekommt Kimmich. Mbappé ist für Miguel, der ist schnell und fummelt immer. Und Peter, der alte Bayernfan, bekommt Müller“, so hat Theo seine Auswahl begründet.

Und so kommt es, dass wir bald mit einer Fußball-Weltauswahl Theos Geburtstag feiern. Kicken und danach Pizza und Papageienkuchen essen. Der Junge kann sich nichts Schöneres vorstellen. Natürlich interessiert er sich für die WM. In seinem Zimmer hängt der Spielplan, jeden Morgen checkt er bei „kicker“, was es Neues gibt in der Fußballwelt. Er spielt Fußball im Verein. Manchmal freut er sich schon morgens beim Frühstück: „Heute ist endlich wieder Training. Papa, ich muss dir nachher einen neuen Trick zeigen.“

Die WM in Qatar steht aus so vielen Gründen unglaublich berechtigt in der Kritik. Wir kennen alle die Dinge, die in dem kleinen Land in der Wüste im Argen liegen: Menschenrechte, Unterstützung von Terroristen, Diskriminierung von Minderheiten, fehlende Gleichberechtigung, Korruption, Energiepolitik. Mehr als die Hälfte der Deutschen will sich einer Umfrage zufolge die Spiele der Fußball-WM darum nicht anschauen. Erst einmal beeindruckende Zahlen. Das Eröffnungsspiel haben gut sechs Millionen Menschen in Deutschland gesehen, vor viereinhalb Jahren in Russland waren es mehr als zehn Millionen.

Ich mache es wie immer. Aller Missstände zum Trotz, werde ich so viele WM-Spiele wie möglich ansehen. Das mach ich, seit ich acht Jahre alt bin. Seit der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Seitdem gab es bei uns zu Hause keinen Streit mehr zwischen meinem Vater und mir, ob wir samstags die Sportschau oder die Sesamstraße schauen. Seit dieser WM 1982 bin ich Fußballfan: Skandalspiel, Fallrückzieher, Elfmeterschießen, Endspielniederlage. Ich liebe den Sport. Seit über zwanzig Jahren bin ich außerdem Sportreporter und schaue die Weltmeisterschaften allein schon deshalb.

Jetzt habe ich einen Sohn, der den Fußball liebt wie ich. Wie ich es mir immer gewünscht habe, ehrlicherweise. Der im Verein spielt und dessen Trainer ich bin. In Theos Zimmer hängen Fußballer-Poster, Haaland und Sané. Er hat ein kleines Tor und einen Schaumstoffball. Damit spielt er stundenlang seine eigenen Weltmeisterschaften, die er auf einem Zettel dokumentiert. Für Theo gibt es nichts Schöneres als gemeinsam mit seinem Vater samstagabends die Sportschau zu schauen. Er hält mir sogar einen Platz frei, obwohl außer uns eh keiner schaut.

Theo geht in die fünfte Klasse eines Gymnasiums. Ihn interessiert, was in der Welt passiert. Natürlich haben wir darüber gesprochen, dass Qatar auf dem größten Erdgasfeld der Welt liegt und die Qataris darum sehr viel Geld haben, ohne dass sie die Weltmeisterschaft höchstwahrscheinlich nicht bekommen hätten. Geld, mit dem sie riesige Stadien gebaut haben, die nach der WM niemand mehr brauchen wird.

Wir haben darüber gesprochen, dass beim Bau der Stadien viele Arbeiter gestorben sind, dass diese Bauarbeiter aus ärmeren Ländern kamen. Viele aus Nepal, wo der Mount Everest ist, aber halt kein Gas. Dass diese Menschen nach Qatar gekommen sind, um Geld für ihre Familien zu verdienen.

Theo hat erfahren, dass die Qataris, obwohl sie reich sind, den Arbeitern wenig Geld bezahlt haben, viel weniger als Bauarbeiter in Deutschland verdienen. Und dass sie unter Bedingungen gearbeitet haben, unter denen niemand in Deutschland freiwillig arbeiten würde und dass viele Arbeiter auf den Bauställen in der Hitze der Wüste gestorben sind. Theo wollte wissen, warum niemand etwas dagegen macht. Ich habe ihm erklärt, dass die halbe Welt das weiß. Auch der Fußball-Weltverband, die FIFA, die aber nichts dagegen unternimmt, weil sie so unglaublich viel Geld mit dieser Weltmeisterschaft verdient.

Theo und ich haben ein paar Mal über Gastgeber Qatar gesprochen, auch noch einmal bevor ich diesen Text geschrieben habe. Auch in der Schule und bei seiner Fußballmannschaft war Thema, was in Qatar passiert. Er fand es irre, dass in Deutschland Energie gespart werden muss, Turnhallen kälter sind als sonst, während in Qatar in den Stadien die Klimaanlagen laufen, ohne die niemand bei der Hitze Fußball spielen könnte.  

Sonntag haben wir das Eröffnungsspiel zwischen Ecuador und Qatar geschaut. Es war eher ein langweiliger Kick, aber dann wurde der Emir von Qatar eingeblendet. „Ist das der Mann, der die Bauarbeiter hat sterben lassen?“ fragte Theo. „Naja, das ist der Mann, der die WM in sein Land geholt hat.“ Neben ihn saß ein kahlköpfiger Mann im Anzug und lächelte, Fifa-Präsident Gianni Infantino.

Am Samstag lächelte Infantino nicht. Da holte er bei einer Pressekonferenz zur Generalwatschen gegen das demokratische Europa aus. Gegen die Länder, die die Dinge, die in Qatar zu kritisieren sind, immer wieder kritisieren. Außerdem sprach Infantino von Doppelmoral und Geschichte. Das war schon peinlich, er steigerte es aber noch, indem er sagte: „Heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert. Heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant“.

In einem einzigen Satz verspottet der Mann alle Minderheiten dieser Welt. Ein Mann, der, wenn er sich nicht gerade als etwas „fühlt“, was er nicht ist, dem reichsten und skrupellosesten Sportverband der Welt vorsteht, der in Korruptionsskandale verwickelt war und der eine Fußball-WM in die Wüste vergeben hat. Infantino selbst wohnt seit ein paar Monaten mit seiner Familie in Qatar. Er hat sich seine Macht gesichert, in dem er sich gut mit Despoten und Tyrannen stellt, die in ihren Ländern auf die Rechte der Menschen pfeifen, als die sich Infantino bei seiner Rede „gefühlt“ hat.

Seine Wiederwahl als Fifa-Präsident kommendes Jahr gilt als sicher. Vier der sechs Fußball-Kontinentalverbände hat er hinter sich, nur Europa (UEFA) und Südamerika (COMEBOL) sind skeptisch. Es gibt keinen Gegenkandidaten, weil sich niemand traut, gegen den Schweizer anzutreten. Der konnte sich am Montag plötzlich nicht mehr an all das erinnern, als das er sich am Samstag „gefühlt“ hatte. Wohl auf Druck Qatars drohte die Fifa Strafen für den Fall an, wenn die Kapitäne europäischer Teams mit den „One Love“-Binden auflaufen, mit denen sie ein Statement für sexuelle Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit setzen wollten. Die Binden bleiben jetzt im Schrank.  

All diese Machenschaften, diese Zusammenhänge sind einem Zehnjährigen schwer zu vermitteln. Aber allesamt sind sie gute Gründe, diese Weltmeisterschaft zu boykottieren, diesem kaputten Fußballsystem die kalte Schulter zu zeigen, den Fernseher aus zu lassen. Aber trotzdem werden mein Sohn und ich uns das ansehen. Weil es geht, weil es stattfindet, weil Fußball trotz gekaufter Weltmeisterschaften und Fans sowie Hochglanzstadien, an denen Blut klebt, noch immer ein wunderbareres Spiel ist, das verzaubern kann.

Diese Haltung mag mancher für egoistisch oder ignorant halten. Die Frage ist, ob wir all das Schlechte ausblenden können, ob das für mich funktioniert, diese WM wirklich mit gutem Gewissen zu verfolgen? Ja, das funktioniert, weil ich mir und meinem Sohn klargemacht habe, dass die Umstände, wie diese WM zustande gekommen ist, skandalös sind. Kindern geht es beim Fußball nur um Fußball. Um nichts mehr.

21. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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15. Nov. 2022
von Naima Nebel
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Entlastung beim Geburtstagskuchen

In unserem fünfköpfigen Haushalt fallen drei Geburtstage auf den November, einer auf den Juni und einer auf den September. Da ich gerne backe und auch gerne Gastgeberin bin, bedeutete dies lange Zeit für mich, dass ich mich komplett austoben kann.

Mit der freundlichen Unterstützung von Pinterest und Instagram habe ich je nach Alter und individueller Präferenz Dinosaurier-, Piraten-, Starwars- und auch Eisköniginnen-Feiern ausgerichtet. Dabei haben Samra, Malik und Amir ihre Einladungen für die Freundinnen und Freunde selbst gebastelt und auch die Mitgebsel gepackt.

Unser erstgeborener Amir feiert seinen Geburtstag mit der Familie, mit seinen Freunden und im Turnen, Malik feiert seinen Geburtstag mit der Familie, mit seinen Klassenkameraden und dann noch mal mit der Fußballmannschaft. Und was die großen Jungs können, kann das Nesthäkchen Samra schon lange. Sie nimmt Kuchen mit in den Kindergarten, mit zu ihrer Turngruppe und auch für ihre Feier mit ihren Freundinnen wird gebacken. Um es auf den Punkt zu bringen, im November komme ich gefühlt aus dem Backen, Dekorieren und Verpacken nicht raus.

Während ich mich glücklich in meiner Perfect-Mom-Bubble von einer Feier zur anderen hangele, hat mein Mann Basti dafür nur ein müdes Lächeln übrig. Sein Beitrag zu der Partyorganisation beschränkt sich auf das Benennen verschiedener Optimierungsmöglichkeiten und die Last-Minute-Besorgungen.

Hätte er mal lieber Klartext gesprochen, welche Geister ich da herbeibeschwöre.

Denn jetzt liegt die Messlatte für Geburtstage doch leider ziemlich hoch und die Anzahl der Feiern pro Kind lässt sich nur schwer reduzieren. Gleichzeitig gab es bei mir aber durch die coronabedingte Feierpause einen Reality-Check. Braucht es wirklich drei Feiern pro Kind und: muss ich drei Mal pro Kind backen?  

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15. Nov. 2022
von Naima Nebel
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01. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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Nur mit Handy bist du candy

Bevor einer meckert: Der Reim „Candy“ auf „Handy“ ist geklaut. Die österreichische Popband Bilderbuch singt in ihrem Jahrhunderthit „Bungalow“. Er geht so:

„Dann rufst du an auf meinem Handy,

Und dann bist du wieder candy“

Der Song ist seit Jahren fester Bestandteil unserer Urlaubs-Playlist. Unsere Kinder singen die Zeilen immer laut und begeistert mit. Es gibt weitere Musiker, Künstler und Autoren, die sich dieses Reims bedient haben. Ich gehöre dazu.

Unser Sohn Theo (in wenigen Wochen zehn Jahre alt) gehört seit kurzem auch dazu. Und zwar zu den Kindern, die ein eigenes Mobiltelefon besitzen. Seit Mitte September besucht er ein Gymnasium, eine weiterführende Schule. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein: Kinder, die in die fünfte Klasse kommen, kriegen ein Handy. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber das sind wenige. Dabei sind Marke und Zustand des Telefons absolut zweitrangig. Wichtig ist zuallererst, dass kind mobil ist.

„Sonst wird er ausgeschlossen“, hörten meine Frau und ich, als wir uns im Sommer informierten, wie Freunde die Sache mit dem Handy handhaben. „Er kriegt dann viele Dinge nicht mit“, sagten andere. Wir hatten unsere Bedenken und wollten uns dem allgemeinen Druck nicht einfach so ergeben, ohne vorher zumindest ein paar Fragen abgeklopft zu haben.

Schließlich war unser Sohn bisher ziemlich gut ohne Handy durchs Leben gekommen. „So lernt er schon früh, mit Technik umzugehen und smarte Devices zu benutzen“, brachte ein alter Freund ein weiteres Argument und fügte breit grinsend hinzu: „Vielleicht kann er seinem technisch überschaubar talentierten Vater ja den Umgang mit hilfreichen Apps erklären.“

Um es kurz zu machen: Ein langer Entscheidungsprozess war es letztlich nicht. Im engsten Freundeskreis wäre Theo der einzige ohne Smartphone gewesen. Also bekam er eins.

In den ersten ein, zwei Wochen bestätigten sich unsere Vermutungen. Er legte das Ding nicht aus der Hand. Stattdessen chattete er mit seinen KlassenkameradInnen, einzeln und in Gruppen. Schnell hatten sie raus, wie man Chat-Gruppen auf den entsprechenden Apps erstellt. Zeitweise gab es vier unterschiedliche Gruppen, in denen mehr oder weniger alle Schüler seiner Klasse waren. Jeder musste halt ausprobieren, wie man so eine Gruppe zusammenstellt. Finde ich zwar anstrengend, aber durchaus nützlich.

Wofür ich nach wie vor kein Verständnis habe, ist die Frequenz, in der manche Kinder Nachrichten verschicken. Theo spielt Fußball und ich bin sein Trainer. Als wir einmal nach anderthalb Stunden wieder zuhause waren, hatte er über 250 neue Nachrichten – in einem Chat! 250 neue Nachrichten in 90 Minuten – irre, dachte ich. „Das ist völlig normal“, beruhigte mich meine Schwester, als ich ihr aufgeregt davon erzählte. Sie hat zwei Söhne, beide älter als Theo. Beide hatten seit der fünften Klasse ein Smartphone. „Das mit den Nachrichten gibt sich, das wird weniger.“ Sie sollte recht haben.

Eine Erfahrung hätte sich Theo sparen können. Er schrieb einem Mädchen, dass er sie ganz toll findet. Leider nicht persönlich, sondern in einem der Klassenchats. Als ich ihn fragte, ob das so eine gute Idee sei, gleich allen zu erzählen, dass er sie mag, antwortete er: „Wieso? Es hätten doch eh alle mitbekommen.“ Der Shitstorm (das Shitstörmchen) war wie die meisten Social-Media-Shitstorms nach ein, zwei Tagen vorbei. Theo ertrug ihn tapfer.

Mit der Zeit hat er das Interesse an den Klassenchats verloren. Nicht wegen der Sache mit dem Mädchen, die sich sicher nicht wiederholen wird, sondern weil es ganz einfach langweilig wird. Übrigens nicht nur ihm, wie ich neulich an beim Elternstammtisch erfuhr: „Meine Tochter guckt da gar nicht mehre rein“, sagte mir eine Mutter. Zwei andere nickten zustimmend. Kein Wunder, denn meistens ist es die gleiche Handvoll Schüler, die vor allem Tier-GIFs und Emojis verschickt. Viel mehr kommt dann nicht. Ich frage mich allerdings, warum andere Eltern ihren Kindern dabei weitestgehend freie Hand lassen.

Das bringt uns zum nächsten Punkt, dem Zocken. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Theo, wenn er dürfte, solange mit dem Handy daddeln würde, bis ihm vor Müdigkeit die Augen zufallen. Das wird aber nicht passieren. Wir haben seine Spielzeit inzwischen stark limitiert. Maximal eine Stunde am Tag darf er zocken. Am Wochenende etwas länger. Die Spiele schauen wir uns erst genau an, bevor wir sie herunterladen. Das hat sich inzwischen ganz gut eingepegelt.

Er benutzt sein Smartphone außerdem zum Musikhören, für Hörbücher, aber auch für Lern-Apps wie etwa Anton und die Schulcloud, in der die Fachlehrer mit den Schülern kommunizieren.

Für ein Fazit ist es zu früh. Als Zwischenbilanz halte ich fest, dass das Smartphone als Kommunikationsgerät sinnvoll ist. Vieles wird einfacher, etwa Absprachen mit uns Eltern. Für die Kinder ist das Handy aber vor allem Entertainment. Hier sollten Eltern Regeln aufstellen und konsequent bleiben, sonst läuft es aus dem Ruder.

Letztlich ist ein Smartphone aber vor allem das, was Bilderbuch mit ihrem zweiten Jahrhundertsong besingen, eine „Maschin“. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Wenn wir Kindern klarmachen, dass kein Gerät Beziehungen und Erlebnisse mit anderen Menschen ersetzen kann, dass sich kein neues Level in einem Daddelspiel so anfühlt wie ein Tor beim Fußball oder Nachmittag mit einem Freund, ist alles in Ordnung.

01. Nov. 2022
von Matthias Heinrich
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25. Okt. 2022
von Matthias Heinrich
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„Papa, du schimpfst schon wieder!“

Corona hat in der Beziehung zwischen mir und meinem Sohn Spuren hinterlassen. Da bin ich mir sicher. Long Covid auf Beziehungsebene.

Es geht nicht um die Krankheit selbst. Die hatten wir beide zu unterschiedlichen Zeiten. Es geht um die endlosen Monate zuhause. Er im Homeschooling, ich im Homeoffice. Jeder für sich in seiner eigenen Isolation, aber gleichzeitig dazu verdammt, in dieser Symbiose zu funktionieren. Tag für Tag Mathe, Deutsch, Sachkunde. Jeden Morgen ein Wald an Arbeitsblättern, jedes für sich eine Zerreißprobe in A4 für unser Verhältnis. Wir haben ihm das Einmaleins beigebracht und zusammen seinen Füllerführerschein gemacht. Unterbrochen von Zoom-Calls einmal pro Woche, in denen 25 Kinderaugenpaare aus blassen Gesichtern eine Schulstunde lang den blechernen Worten ihrer Lehrerin lauschten, die die Knirpse bemüht zum Durchhalten animierte.

In dieser endlosen Zeit sind Theo und ich bei den Schulaufgaben oft aneinandergeraten. Er hatte etwas nicht verstanden, eine Aufgabe anders gesehen, und ich war oft zu ungeduldig, zu schnell und habe zu viel erwartet. Und ich war noch mehr als er gefrustet, weil ich aus dieser Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Spirale keinen Ausweg sah.

Irgendwie hat es natürlich geklappt. Wir sind da rausgekommen, wie jeder, warum auch nicht? Aber es hat Spuren hinterlassen.

Theo wird bald zehn und geht seit dem Sommer aufs Gymnasium. Bis jetzt läuft es ganz gut, es gibt wirklich nichts zu meckern. Zwar hat er auch schon eine Vier mit nach Hause gebracht, aber im Grunde sind seine Leistungen gut. Er hat Spaß an der Schule, ist motiviert und hat in den meisten Fächern Lust, etwas zu lernen.

Fünftklässler in einem Gymnasium in Baden-Württemberg
Fünftklässler in einem Gymnasium in Baden-Württemberg

Neulich kam er zu mir und sagte: „Papa, ich möchte nach den Hausaufgaben jeden Tag ein Fach für den nächsten Tag üben. Eine Viertelstunde oder so. Wollen wir das machen?“ Mein Herz machte einen Hüpfer. „Aber klar machen wir das! Sehr gerne, Theo!“ Kann man sich als Elternteil mehr wünschen als ein Kind, das mit einem solchen Vorschlag um die Ecke kommt?

Vergangene Woche starteten wir mit Mathe. Noch bevor wir loslegten, fiel mir auf, dass Theo mit dem Filzstift seines Tintenkillers schrieb. „Wo ist denn dein Füller?“ fragte ich schon etwas ungeduldig. Theo geht mit seinen Arbeitsutensilien nicht sehr pfleglich um. „Ist der kaputt? Das musst du mir doch sagen!“ „Nein, der ist hier“, antwortete er mir und öffnete sein Etui. „Aber lass mich doch mit dem Killer schreiben.“ „Na gut“, dachte ich. Darauf kommt es jetzt nicht an.

Dann widmeten wir uns der Mathematik. Es ging um Multiplikationsregeln: Eine Zahl ist durch drei teilbar, wenn auch ihre Quersumme durch drei teilbar ist. Beispiel ist die 12. Wenn man die Ziffern Eins und Zwei addiert, kommt drei raus. Die Regel gilt auch für die Neun. Da muss die Quersumme halt neun ergeben. Für andere Zahlen, die Vier, die Acht, die Fünf, gelten andere Regeln.

Ich erinnerte mich an meinen Matheunterricht beim alten Herrn Wohlfahrt in der Orientierungsstufe (die es in Achtzigern in Niedersachsen noch gab) und war sofort Feuer und Flamme. Diese Regeln hatte ich begeistert angewandt.

Theo hatte sie sich zwar notiert, sie aber noch nicht verinnerlicht, was ich schnell merkte: „Das ist doch ganz einfach: Du musst es so und so machen“, sagte ich. „Ist ja gut, Papa, ich versuche das jetzt erstmal.“

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25. Okt. 2022
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18. Okt. 2022
von Matthias Heinrich
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„Wir machen jetzt Teller abräumen advanced“

Hier muss mal jemand aufräumen. Kinder und Ordnung: Eine der großen elterlichen Herausforderungen

„Guck mal, was ich Tolles gefunden habe!“ Unsere Tochter Frida hat ein erstaunliches Talent entwickelt. Die bald Achtjährige ist unschlagbar darin, lange verschollene Dinge – meist Spielsachen – wieder aufzuspüren und uns diese lang verschollenen Dinge dann mit großem Enthusiasmus zu präsentieren. Dieses Mal war es ein hölzerner Spielkreisel, den sie in irgendeiner Kiste im Keller gefunden hatte und mir erwartungsvoll vor die Nase hielt. „Toll“, sagte ich und betrachtete das kleine Ding, das unsere Tochter prompt auf dem Boden rotieren ließ, ratlos. Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern, das blaue Teil jemals gesehen, geschweige denn, vermisst zu haben. Aber das mag an meiner väterlichen Ignoranz liegen.

Woran ich mich aber genau erinnere: dass jener wunderbare, kleine, blaue Kreisel keine fünf Minuten später achtlos neben unserem Esstisch lag. Ich wäre beinahe draufgetreten. Unsere Tochter hörte ich oben in ihrem Zimmer vor sich hin summen. Aus den Augen, aus dem Sinn. So läuft das leider fast immer. Sie findet etwas, begeistert sich dafür und verliert kurz darauf das Interesse. So ein bisschen wie ein Energieschub aus Zucker, der ja auch ruckzuck in sich zusammenfällt.

Ihr zwei Jahre älterer Bruder Theo steht ihr in nichts nach. Nur ist er nicht auf Spielsachen spezialisiert, sondern ein Allround-Talent: Er lässt einfach alles liegen. Und das macht vor allem mich wahnsinnig. Die meisten Eltern kennen das. Alles landet irgendwann im Meer, heißt es ja. Bei uns ist das Meer das Wohnzimmer. Wie viel Energie meine Frau und ich schon aufgebracht haben! Wie oft wir uns mit den Kindern auseinandergesetzt, Dinge immer wieder erklärt und Aufgaben verteilt haben! Ein bisschen ist das so wie Heizen mit offenem Fenster. Oft haben wir resigniert und schließlich selber aufgeräumt, weil wir das Chaos nicht ertragen konnten. Die Aufwand-Ertrag-Rechnung ist ernüchternd, geändert hat sich wenig.

Letztlich ist es wie immer: Der Weg zum Ziel führt über Schmerzen (keine körperlichen wohlgemerkt) und Entbehrung, über Bestechung und Erpressung. Wenn du deine Bude nicht aufräumst, darfst du nicht Fernsehen. Wenn du deine Klamotten nicht in den Schrank räumst und die schmutzigen nicht in den Wäschekorb wirfst, statt sie akribisch in deinem Zimmer zu verteilen, kürze ich deine Handyzeit. Meiner Frau und mir macht es keinen Spaß, in diese Rolle zu schlüpfen.  

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18. Okt. 2022
von Matthias Heinrich
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11. Okt. 2022
von Naima Nebel
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Tigermom trifft auf Hippie-Dad: Wie viel Hilfe braucht das Kind?

Zwischen Sommerferien und Herbstferien liegen in Hessen in diesem Schuljahr exakt sieben Wochen Unterrichtszeit. Dann heißt es für die Schüler*innen noch mal siebeneinhalb Wochen ackern, bevor die Weihnachtsferien losgehen, und schließlich noch vier Wochen Unterricht im neuen Jahr. Schon ist das erste Halbjahr rum. Ich weiß das so genau, weil ich mir diese Zeit strategisch einteilen muss, um dem Lernerfolg unseres Ältesten auf die Sprünge zu helfen.

Mein Wunscherziehungskonzept ist sehr nah an dem der Tigermom, aber mein Durchhaltevermögen reicht leider nicht aus. Außerdem gibt es in meiner Erziehung noch Einflüsse des kürzlich verstorbenen dänischen Familientherapeuten Jesper Juul und gewaltfreier Kommunikation, beides torpediert irgendwie das Durchziehen strenger Konsequenzen meinerseits, wie Tigermoms es schaffen. Mein Mann Basti spielt erziehungstechnisch eher so in den Teams Hippie und Laissez-faire.

Unser Erstgeborener, der elfjährige Amir, reagiert auf die Ansätze von Tigermom und Hippie genauso wie auf die Ansätze von Juul und Co.: Er sitzt sie aus. Amir lässt sich nicht davon abhalten, die Schule als Grundübel anzusehen. Schule scheint für ihn – positiv gesehen – der Ort zu sein, an dem er seine Verabredungen für den Nachmittag macht. Und realistisch betrachtet der Ort, an dem er sich a) langweilt, b) nicht weiß, was zu tun ist, und c) Misserfolge sammelt.

Im vergangenen Schuljahr haben wir es mit dosierter Strenge versucht und nahezu alle Hilfsangebote sowohl der Schule, als auch extern in Anspruch genommen. Montags gab es 90 Minuten Mathe mit Raoul, mittwochs Deutsch und Englisch bei Mandy, Dienstag und Donnerstag haben wir für Verabredungen freigehalten. Freitags ging es zum Turnen.

Beim Wäschezusammenlegen kann so mancher Kompromiss gefunden werden.

Die genannten Zeiträume zwischen den Ferien sind in meinem Kopf noch mal eingeteilt in Phasen, in denen ich bzw. wir – wenn ich meinen Mann dafür gewinne – mit Amir für die einzelnen Fächer lernen. Verstehen Sie mich nicht falsch, liebe Leserin, lieber Leser: Bevor ich Online-Portale wie Sofatutor und unterschiedliche Nachhilfeformate gefunden habe, dachte ich auch, unser Kind könnte einfach in die Schule gehen, zu Hause seine Hausaufgaben machen und die Schule so irgendwie hinter sich bringen. Im besten Fall hat Amir dort Spaß und das Lernen bereitet ihm Freude, andernfalls zieht er einfach durch. So unsere naive Vorstellung von Schule aus Elternperspektive. Leider gestaltet sich das nicht so einfach. Amir hasst Lernen, hasst Schule und hat dort auch keine gute Zeit. Punkt. Kurz vor den Arbeiten dämmert aber auch ihm, dass die Lücken sehr groß sind. Er sieht die Zeit davonrennen, findet keinen Zugang zum Lernstoff und ist so gestresst, dass er kaum schlafen kann. Sitzenbleiben, Schule wechseln? Alles keine Option, ein Leben ohne seine jetzigen Klassenkameraden als Klassenkameraden sieht er als Super-GAU.

Der Stress, den Amirs schulisches Sein und mein dazugehöriges Engagement in unser Leben bringt, ruft meinen Mann auf den Plan.

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11. Okt. 2022
von Naima Nebel
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04. Okt. 2022
von Matthias Heinrich
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Elterntaxis: Auf dem Highway ist die Hölle los

„Auf dem Highway ist die Hölle los“ (im amerikanischen Original „Cannonball Run“) ist ein klamaukiger Actionstreifen aus den frühen Achtzigern. Als Kind habe ich ihn geliebt. Es geht um ein sinnloses Autorennen mit irren Verfolgungsjagden, durchbrochenen Polizeisperren, jeder Menge zerstörtem Blech und noch mehr zotigen Sprüchen. Möglich, dass man ihn als Vorgänger von „The Fast and The Furious“ betrachten könnte. Ich habe keine Ahnung, von denen habe ich keinen gesehen. Die Stärke von „Auf dem Highway ist die Hölle los“ ist seine Besetzung: Die Darsteller reißen ihr eigenes Image vom Sockel. Dean Martin gibt einen trunksüchtigen Pfarrer, Roger Moore spielt sich selbst als Pseudo-Bond mit heilloser Selbstüberschätzung, Jackie Chan einen kampfwütigen Ninja-Raser und der wunderbare Burt Reynolds ist wie sooft die fleischgewordene Selbstironie.

Der Fürther Weg ist eine ganz normale Straße in unserem Städtchen. Er hat nicht einmal einen Mittelstreifen, dafür ist er nicht breit genug. Mehr als 23 Stunden am Tag geht es auf dem Fürther Weg ausgesprochen ruhig zu. Wenn jemand auf die Idee käme, hier einen Film zu drehen, dann sicher kein Actionstreifen. Eher etwas mit Bjarne Mädel, der auf einer Mofa mit Tempo 15 durch die einsame Gegend tuckert.

Am Morgen allerdings, zwischen halb acht und acht Uhr, würde Bjarne Mädel mit seiner Mofa das Weite suchen oder sich wünschen, sein Bock könnte fünfzig fahren, damit er schnell von hier wegkäme. Morgens zwischen halb acht und acht verwandelt sich der Fürther Weg in einen proppevollen Highway – nicht „to Hell“, sondern „zur Schule“. Aber die Hölle ist hier trotzdem los. Stoßstange an Stoßstange schieben Autos den Berg hinauf. Am Fürther Weg liegt das Schulzentrum. Realschule, Grundschule und Gymnasium – rund zweitausend Schüler kommen allmorgendlich hierher, aus der Stadt und den umliegenden Siedlungen. Bevor jemand fragt: Ja, es gibt Busse, reichlich sogar. Sternförmig fahren sie den Hügel zum Schulzentrum hinauf. Trotzdem stauen sich die Elterntaxis jeden Morgen auf dem Fürther Weg.

Der Schulweg zu Fuß hat seine Tücken. Die meisten heißen Autos.
Der Schulweg zu Fuß hat seine Tücken. Die meisten heißen Autos.

Jeden Morgen bringe ich unsere Tochter Frida bis zur Schulpforte. Das hat sich zu einem Ritual entwickelt. Der Weg ist nicht weit. Von unserer Haustür bis zur Schule sind es ein paar hundert Meter. Dabei müssen wir einmal über den Fürther Weg, also den Highway. Wenn Frida, die in die zweite Klasse geht, alleine drüber müsste, würde sie jeden Morgen zu spät kommen. Es braucht oft elterliche Energie, gestählt durch sechs Jahren im Berliner Großstadtdschungel, um über die Straße zu kommen. Allein möchte ich das dem Kind nicht zumuten. Es gibt zwar Schülerlotsen, die die Kinder über die Straße leiten. Aber die stehen Hunderte Meter weiter hinten vor dem Gymnasium und nicht an der Grundschule, wo es sinnvoller wäre.

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04. Okt. 2022
von Matthias Heinrich
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