Zur Sicherheit

Chardara

Vier Feuerüberfälle binnen einer guten Woche auf Bundeswehrpatrouillen bei Kundus geben einen unguten, aber nicht unerwartbaren Vorgeschmack auf die Vorwahlzeit (die afghanische wie die deutsche). Sie haben sich alle in dem Distrikt Chardara (Chahar Dara) im Süden und Westen von Stadt und Feldlager ereignet, oder die Angreifer schienen von dort aus zu kommen.

Dass diese von Paschtunen besiedelte Gegend ein Problem darstellt, ist seit längerem bekannt. Nicht zuletzt deshalb waren beim letzten Besuch des deutschen Ministers Jung eine Reihe von Führern und Würdenträgern aus Chardara ins Feldlager zu einem denkwürdigen Treffen eingeladen worden (siehe unten aus unserem Bericht in der F.A.Z. vom 14.3.2009). Die Botschaft lautete damals: Wir haben verstanden, dass wir Aufbauleistungen direkt mit den örtlichen, auch den traditionellen Gewalten vereinbaren müssen, um sie für uns zu gewinnen; nicht (nur) über Kabul. Und: Maßnahmen müssen schnell ins Werk gesetzt werden, damit die Leute sehen, dass sie etwas von unserer Präsenz haben. Jung sagte: „Wir haben umgesteuert.“ Die Strategie „mit Ihnen gemeinsam“ sei der bessere Weg.

Nun, die berühmte Brücke über den Kundus ist endlich energisch ins Werk gesetzt worden. Mit den örtlichen Gewaltigen wird der Dialog gesucht. Doch Ruhe herrscht an dieser Sicherheitsfront deswegen offensichtlich nicht.

Wir wollen keinen Kurzschluss begehen: Das Umsteuern weg vom Nadelöhr Kabul war deswegen nicht falsch, bloß spät. Vertrauen zu bilden, kostet Zeit. Niemand durfte erwarten, dass da nur ein Schalter umgelegt werden muss. Und: Die berühmte „vernetzte Sicherheit“ besteht eben nicht nur aus Brückenbauen und malerischen Zeltkonferenzen. Den Militärs dort unten musste man das nicht erst erzählen, im Gegenteil. Die Neuigkeit besteht darin, dass robuste eigene Wehrhaftigkeit inzwischen auch hier kommuniziert wird. Das ist gut.

 

(14. März.) Aus diesem Distrikt (Chardara) nun wurden gut dreißig Clanführer und Dorfälteste in das PRT gebeten, zum Gespräch mit dem obersten Clanführer der Soldaten aus Deutschland. Zuvor sprechen sie mit einigen „Dorfältesten“ von dort, nämlich einer Gruppe von Bundestags- und Europaabgeordneten mit Polenz als Vorsitzendem des Auswärtigen Ausschusses an der Spitze.

    Da sitzen sie einander gegenüber auf roten Plastikstühlen, und vielleicht ist es diese Anordnung, die zu einer merkwürdigen Zuspitzung des Gesprächs beiträgt, an der auch die übersetzungsbedingten Pausen nichts ändern. Die Menschen in Chardara seien enttäuscht, weil von all dem Geld, das die Regierung in Kabul erhalte, nichts ankomme, beginnt der „Distriktmanager“, also der eingesetzte Verwaltungschef, ein Mann mit Brille und noch sattschwarzem Bart. Die internationale Gemeinschaft solle direkt helfen. Polenz entgegnet, Hauptansprechpartner sei die Regierung in Kabul. Der Distriktmanager hört mit verschränkten Armen zu. Ein älterer Mann ergreift das Wort: „Von dieser Regierung haben wir nichts gesehen.“ Eine Brücke über den Kundus-Fluss sei seit Jahren versprochen worden, nichts sei geschehen. „Wir sind es leid.“ Polenz geht darauf nicht ein, sondern verweist wieder auf Kabul: In wenigen Monaten hätten die Afghanen ja die Wahl, wen sie als Präsidenten haben wollten. Da springt ein Graubart auf und antwortet in scharfem Ton, zum beifälligen Nicken der Umsitzenden: Gleich, welche Kandidaten zur Wahl stünden, wenn sie an die Macht kämen, würden sie sich alle nur selbst die Taschen füllen. Und ein anderer – da Polenz in immer belehrenderem Tonfall auf die Wahl verweist – ruft aus, man habe es mit Wahlen probiert, doch habe das nicht funktioniert: „Die Bösen haben die Macht übernommen.“

    Als der deutsche Minister kommt, wird es plötzlich ein anderes Gespräch. Denn jetzt kommt das Konkrete. Zunächst aber darf der Repräsentant der Polizei darlegen, um wie viel besser die Sicherheitslage geworden sei, zumal in den letzten Monaten, seit die Deutschen mit der Polizei von Kundus eine gemeinsame Operation in Chardara durchgeführt hätten. Und wenn ab und zu ein paar Raketen aufs Lager geschossen würden, fügt der Polizist treuherzig hinzu, dann sei das kein grundsätzliches Problem; schließlich könne wahrscheinlich auch in Deutschland nicht immer verhindert werden, dass mal Raketen abgeschossen werden. Da blicken die deutschen Soldaten etwas sparsam drein, denn erst am Vorabend waren wieder drei Raketen auf das Camp abgeschossen worden, sozusagen zur Begrüßung des Ministers. Zwar werden diese Geschosse von provisorischen Lehmrampen irgendwo im Gelände aus nur grob gezielt und haben eine hohe Blindgängerquote; doch dass unter dem ständig wiederkehrenden Beschuss noch kein Soldat zu Schaden kam, ist dennoch dem Glück zu verdanken, ganz abgesehen von der psychologischen Last für die Männer und Frauen, immer wieder abends unter Alarm in die Bunker hasten zu müssen.

    Dann aber melden sich wieder die bärtigen Männer aus der Runde zu Wort, und im Nachhinein wirkt es fast wie orchestriert, wie sie nach und nach ihre Anliegen vorbringen. Zunächst der Distriktchef, der schildert, wie schwierig die Lage im Großen und Ganzen sei, doch der größte Schmerz sei die fehlende Brücke. Jung, der den Sachverhalt offensichtlich kennt, spricht nicht von der Regierung in Kabul, sondern verspricht, die Brücke werde kommen, es seien nur noch wenige Fragen zu klären. Ein anderer greift mit weit ausholender Gestik ein Wort des deutschen Ministers auf, wie wichtig der „Wiederaufbau“ sei (wobei die besagte Brücke durchaus, wie so vieles hier, ein Neubau wird), und dann unter allgemein zustimmendem Gemurmel einflicht: Was man verspreche, das müsse man halten. Der Nächste legt dar, dass die Provinz Kundus mit ihrer ethnischen Vielscheckigkeit im Kleinen sei wie Afghanistan insgesamt. Was fehle, sei vor allem Bildung, zum Beispiel eine Hochschule, damit „unsere Jungen und Mädchen“ zum Studieren nicht in andere Provinzen müssten; womit er nebenbei zeigt, dass er ein Mann mit moderner Gesinnung ist, oder zumindest, dass er weiß, was die ausländischen Adressaten gerne hören. Dann erhebt sich ein jüngerer Mann, auch mit Turban und traditioneller Kleidung, und erklärt in geschliffener Rede, Afghanistan sei ein landwirtschaftlich geprägtes Land, achtzig Prozent seien abhängig von der Landwirtschaft. Doch für die Bauern werde überhaupt nichts getan. Die Traktoren seien alte russische Hinterlassenschaften, und Schaufeln müsse man sich aus herumstehenden russischen Panzerwracks zusammenbasteln. Bevor der deutsche Minister entschwindet, bringt einer noch einen wichtigen Wunsch an: Der Flugplatz in Kundus solle so ausgebaut werden, dass größere Maschinen landen können, damit man von hier aus die Hadsch antreten könne, die doch die wichtigste Reise sei.

    Jung geht auf alle Fragen ein, durchaus differenziert: Die Brücke werde kommen; über die Hochschule müsse die Regierung in Kabul entscheiden, aber er werde das Anliegen in seinen Gesprächen dort anbringen; den Wunsch nach Traktoren „nehme ich mit“, und ebenso das Anliegen mit dem Flugfeld. Eher ungnädig wird sein Verweis auf Mazar-i-Scharif aufgenommen, wo gerade der Flugplatz ausgebaut wird. Was ist davon bei den Zuhörern angekommen? Man habe viele Versprechen gehört, sagen die Männer hinterher; und jetzt sei man gespannt, was davon kommen werde.

    Sie sind wichtig, ja entscheidend, die Ältesten und Clanführer, wenn man für Ruhe und eine gewisse Stabilität im Distrikt sorgen will. Sie warten ab, wie der Vorteil aussehen wird, den sie von einer Zusammenarbeit haben. Ist er hinreichend, werden sie wohl dabei sein. Zumindest solange sie den Eindruck haben, dass der Vorteil die Nachteile überwiegt. Nur so sind Jahrhunderte von Fehden und zuletzt dreißig Jahre Krieg zu überdauern.

 

 

(Fotos: Stephan Löwenstein)

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