Zur Sicherheit

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Von den Alpen bis zum Hindukusch, von der Kieler Förde bis in den Golf von Aden: Die Kräfte der Bundeswehr sind längst über den halben Globus

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Die Deutsche Presse-Agentur hat einen kundigen Autor, der über die Isaf-afghanische Operation in Helmand geschrieben hat (Berichtigung: Er ist...

Die Deutsche Presse-Agentur hat einen kundigen Autor, der über die Isaf-afghanische Operation in Helmand geschrieben hat (Berichtigung: Er ist nicht „eingebettet“, wie ja schon die Ortsmarke zeigt). Wir dokumentieren seinen lesenswerten Bericht hier. Autor ist, auch wenn die eine oder andere Zeitung in den heutigen Ausgaben einen anderen Eindruck erweckt, Can Merey. Wir wollen ihm in einem sachlichen Punkt widersprechen oder zumindest anders nuancieren: Knackpunkt wird nicht erst die Frage des „build“ sein, sondern vor allem des „hold“. Dass da einige Tage oder auch Wochen nicht reichen, hat ja die Vergangenheit gezeigt; der Autor verweist auf das Beispiel der Operation „Adler“ im Norden. Aber werden einige Monate reichen? Werden dann die Afghanen wirklich übernehmen können? Die Fragen zu stellen, heißt nicht, sie vorweg zu verneinen. Aber das wird der Knackpunkt sein, und der wird bedacht werden müssen, wenn derzeit die große Friedensdividende verheißen wird, der baldige Abzug.

 Verheerender Auftakt der Schlacht im „Herzen der Finsternis“ Von Can Merey, dpa

Neu Delhi (dpa) – Vor Beginn der Operation „Muschtarak“ schwor der Kommandeur einer britischen Pioniereinheit seine Soldaten auf eine schwierige Mission ein. „Es ist verdammt gefährlich dort draußen“, sagte Oberstleutnant Matt Bazeley. „Wir gehen in das Herz der Finsternis.“ Dann rollte am Samstag in der südafghanischen Provinz Helmand die größte Offensive gegen die Aufständischen seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 an. „Muschtarak“ („Gemeinsam“) kommt weitaus mehr Bedeutung zu als einer reinen Militäroperation. Geht es nach dem Willen der Staatengemeinschaft, soll die Offensive den Auftakt für eine Wende zum Guten in Afghanistan bilden. Doch der Beginn der Operation hätte schlechter kaum laufen können.
Anders als in der Vergangenheit wurde die jüngste Offensive, an der 15 000 afghanische und ausländische Soldaten beteiligt sind, Tage vorher angekündigt. Die Internationale Schutztruppe ISAF und die afghanische Regierung nahmen in Kauf, das Überraschungsmoment zu vergeben. Ihr Ziel: Mitläufer der Taliban sollten dazu bewogen werden, nicht zu kämpfen. Vor allem aber sollten Zivilisten vorgewarnt werden. Zivile Opfer, die dem Image der ausländischen Truppen in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren schwer geschadet haben, sollten unbedingt vermieden werden. Doch dann verfehlten am Sonntag nach ISAF-Angaben zwei Raketen der Truppen ihr Ziel um 300 Meter. Sie trafen keine Taliban-Stellung, sondern das Haus einer Familie. Zwölf Zivilisten starben.
ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal entschuldigte sich beim afghanischen Präsidenten Hamid Karsai für den Tod der Unschuldigen.
Doch für die Taliban – die alles darum geben, die ausländischen Soldaten als Besatzer darzustellen – ist der erneute Vorfall Wasser auf ihre Mühlen. Karsai hatte die Streitkräfte zu Beginn der Operation, bei der vor allem Afghanen, Amerikaner und Briten kämpfen, unmissverständlich aufgefordert, keine Zivilisten zu gefährden. Auch die Vereinten Nationen appellierten noch am Sonntag an die Konfliktparteien, Unbeteiligte zu schützen. Ohne Erfolg.
Dabei hatte McChrystal seine Soldaten schon vor Monaten auf einen neuen Kurs eingeschworen: Priorität hat der Schutz der Bevölkerung, nicht das Töten von Taliban. Doch nicht nur die jüngsten zivilen Opfer beweisen, dass die Bevölkerung unter der Offensive leidet.
Hunderte Zivilisten flohen vor der Gewalt aus Mardscha, jenem Distrikt, den die Truppen der Kontrolle der Taliban entreißen wollen.
Was für den britischen Offizier das „Herz der Finsternis“ ist, ist für die Menschen dort ihre Heimat, aus der die Gewalt sie nun vertrieben hat. Unter den Flüchtlingen, die in der Provinzhauptstadt Laschkarga Zuflucht gesucht haben, ist wenig Zuversicht zu spüren, dass die Offensive ihnen dauerhaften Frieden bringen könnte.
„Dieser Krieg wird weder von den Taliban noch von den Ausländern gewonnen werden“, meint der Flüchtling Abdul Wali. Die Taliban seien Teil der Bevölkerung, sie würden während der Offensive untertauchen und ihre Waffen verstecken. Die Flüchtlinge treibt die Sorge um, dass die Truppen wieder abziehen könnten – und die Taliban das Machtvakuum dann erneut füllen. Operationen seien nur sinnvoll, wenn die Gegend gehalten werde und Wiederaufbau stattfinden würde, sagt Wali. „Aber sie (die Ausländer und die afghanische Regierung) machen das nicht.
Es ist, als würde man eine medizinische Operation durchführen und dem Patienten danach keine Medikamente zur Heilung verschreiben.
Natürlich wird man nach einiger Zeit eine neue Operation benötigen.“ Genau das aber wollen die afghanischen Truppen und die ISAF diesmal anders machen – die Streitkräfte haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt. Etwa aus der Operation „Adler“ der Bundeswehr in der nordafghanischen Provinz Kundus im vergangenen Sommer: Bei der Offensive im Distrikt Char Darah vertrieben deutsche und afghanische Soldaten zwar die Taliban, waren aber zu dünn besetzt, um die freigekämpften Gebiete dauerhaft zu halten. Als sich die Truppen in ihre Feldlager zurückzogen, sickerten die Taliban wieder ein. Danach, so hieß es in Kundus, kursierten Todeslisten der Aufständischen mit den Namen derjenigen Afghanen, die mit den Soldaten zusammenarbeiteten.
Im Militärjargon heißt die nicht ganz neue, bislang aber zu wenig in die Realität umgesetzte Strategie „shape, clear, hold and build“.
Kleinere Operationen bereiten das Feld für Offensiven wie „Mushtarak“ (shape), mit denen die Taliban vertrieben werden (clear). Dann wird das Gebiet gehalten (hold). Am wichtigsten aber: Sofort nach dem Ende der Kämpfe müssen der Wiederaufbau beginnen und Regierungsstrukturen geschaffen werden (build). So sollen die viel beschworenen Herzen und Köpfe der Menschen gewonnen werden, ohne deren Unterstützung – diese =Erkenntnis ist auch bei den Militärs längst angekommen – der Kampf gegen die Taliban nicht zu gewinnen ist.
So soll es nun bei „Muschtarak“ und bei künftigen Operationen geschehen. Militärisch haben die Taliban gegen die hochgerüsteten Truppen keine Chance, die die umkämpften Gebiete über kurz oder lang einnehmen werden und bei der jüngsten Offensive bislang auf wenig Gegenwehr stoßen. Knackpunkt wird sein, ob es der Staatengemeinschaft und vor allem der afghanischen Regierung gelingt, danach auch zu ihrem Wort zu stehen und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Bislang gelten afghanische Beamte im Volk als weitaus korrupter als die Taliban – denen wiederum viele Afghanen eher als den Truppen zutrauen, für Sicherheit sorgen zu können.
„Muschtarak“ dürfte auch zum Ziel haben, den Druck auf die Taliban zu erhöhen, sich an den Verhandlungstisch zu setzen – und das nicht aus einer Position der Stärke heraus. Karsai rief die Aufständischen nach Beginn der Offensive dazu auf, nun die Gelegenheit zu nutzen, der Gewalt abzuschwören. Bis dahin dürfte es allerdings noch ein weiter Weg sein. Dabei tickt die Uhr gegen die Staatengemeinschaft.
US-Präsident Barack Obama hat angekündigt, im Sommer kommenden Jahres mit dem Truppenrückzug aus Afghanistan zu beginnen. Das Zeitfenster für Großoffensiven wie „Muschtarak“ schließt sich langsam.


6 Lesermeinungen

  1. "US-Präsident Barack Obama...
    „US-Präsident Barack Obama hat angekündigt, im Sommer kommenden Jahres mit dem Truppenrückzug aus Afghanistan zu beginnen. Das Zeitfenster für Großoffensiven wie „Muschtarak“ schließt sich langsam.“
    Es wird immer wieder vergessen: Diese Ankündigung ist abhängig der Lage vor Ort. Nur wenn es 2011 besser aussieht, wird mit dem Abzug begonnen.
    pi

  2. adolar sagt:

    Die Russen haben damals...
    Die Russen haben damals Afghanistan auch nicht „geschafft“, US- Geheimdienstunterstützung des Gegners hin oder her.
    Wieso soll die „Befriedung“ dieses Landes ausgerechnet der ISAF gelingen? Was man Zielführendes stattdessen tun soll, weiß ich allerdings auch nicht so recht.

  3. Bukowski sagt:

    Tja, wie sich die Bilder...
    Tja, wie sich die Bilder gleichen: In Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“ hieß es nach Anweisung des Presseoffiziers auch nicht mehr „Sichten & Vernichten“ (engl.: „Search & Destroy“), sondern „Klären & Säubern“ (engl.: „Clear & Clean“).

  4. Micha sagt:

    "Die Russen haben damals...
    „Die Russen haben damals Afghanistan auch nicht „geschafft““
    Ich versteh diese Vergleiche nicht. Afghanistan hat sich vielleicht seit dem ersten Anglo-Afghanischen Krieg nicht stark verändert, die Kriege der Engländer und den der Sowjets aber mit der ISAF Mission gleichzustellen zeugt von geschichtlicher Unkenntnis. Absicht, Strategie, Taktik und auch Legitimation sind nicht vergleichbar.

  5. Quidde sagt:

    Lieber Micha,
    erklären Sie...

    Lieber Micha,
    erklären Sie uns den Unterschied.
    Ich sehe v.a. einen: Die heutigen Aufständischen werden von keiner Weltmacht mit Flugabwerkanonen und dergleichen ausgerüstet.

  6. Zivi sagt:

    @Quidde
    Dieser Unterschied...

    @Quidde
    Dieser Unterschied macht doch schon ganz schön was aus. Schon allein damit sind die Karten anders verteilt, weil Taliban&Konsorten über weniger Fahigkeiten verfügen und andererseits die ISAF auch ein paar Probleme weniger hat. Das ergibt unterm Strich mehr Spielraum. Die ISAF-Krankheit bestand/besteht doch eher darin, dass erreichte Ergebnisse (wohl in erster Linie aus PR-politischen Rücksichtnahmen) nicht abgesichert wurden.
    So hab ich das bisher jedenfalls verstanden. Falls dies Bild schief ist, bitte ich die Fachleute um ein klärendes Wort.

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