Zur Sicherheit

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Von den Alpen bis zum Hindukusch, von der Kieler Förde bis in den Golf von Aden: Die Kräfte der Bundeswehr sind längst über den halben Globus

General Kneip will reinvestieren

Aus Mazar-i-Scharif haben wir ein Interview mit Generalmajor Markus Kneip mitgebracht. Kneip ist Regionalkommandeur Nord (RC North) der...

Aus Mazar-i-Scharif haben wir ein Interview mit Generalmajor Markus Kneip mitgebracht. Kneip ist Regionalkommandeur Nord (RC North) der internationalen Afghanistantruppe Isaf und zugleich Kontingentführer der rund 5000 eingesetzten deutschen Soldaten.

Herr General, wie ist die Lage?

Die Stimmung hier ist recht gut. Wir erzielen kleine Fortschritte in unserer Arbeit und einige Soldaten sind nach Ende ihres Kontingentzeitraumes kurz vor ihrer Rückkehr nach Deutschland, das trägt natürlich auch dazu bei. Der Aufwuchs der afghanischen Sicherheitskräfte ist quantitativ zu ca. drei Vierteln abgeschlossen, auch wenn das letzte Viertel noch schwierig wird. Während bisher vor allem Infanteristen und Polizisten ausgebildet wurden, wird es in Zukunft darum gehen, vermehrt Spezialisten, unter anderem Logistikkräfte, oder auch Kräfte zur Abwehr von Sprengfallen auszubilden. Heute kann ich feststellen, dass die Qualität der afghanischen Sicherheitskräfte in den Bereichen Planungsarbeit, Training und  auch im Führen von Operationen im Gelände, spürbar besser wird. Aber es gibt durch die Insurgents weiterhin Angriffe und Anschläge. Jeder einzelne Anschlag oder Angriff treibt uns um und macht mich tief betroffen. Bei den Selbstmordanschlägen gab es im Norden bis zur Jahresmitte eine sehr besorgniserregende Entwicklung. Das hat sich jetzt etwas beruhigt. Man weiß aber nie, ob das von Dauer ist. Wir sind vorsichtig. Positiv ist auch, dass die Angriffe auf hochgestellte Persönlichkeiten nicht so extrem zugenommen haben, wie das zu befürchten war. Dennoch stehen staatliche Amtsträger weiterhin im Fokus der Angriffe durch die Aufständischen. Große Sorgen bereiten uns dabei die Sprengfallen, die willkürlich gelegt werden und vor allem afghanische Menschen töten. Sie sind auch unser größter Feind. Vom Jahresbeginn bis Anfang Herbst ist die Zahl der gelegten Sprengfallen deutlich gestiegen, während offene Kampfhandlungen und  Angriffe mit Raketen etwas zurück gegangen sind. Diesen Trend bei den gelegten Sprengfallen haben wir anhalten können – ich will noch nicht sagen umkehren, das wäre viel zu früh.

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Wie erklären Sie sich, dass die Isaf vor allem in einigen Gegenden bei Kundus recht erfolgreich war?

Ich bin vorsichtig mit dem Begriff „erfolgreich“. Erfolg wäre erst zu sehen, wenn wir im gesamten Norden ein gleichmäßig niedriges Angriffsniveau des Gegners hätten, zudem nachhaltig. Das haben wir noch nicht. Vielleicht lässt sich in einem Jahr bewerten, ob man von Erfolg sprechen kann. Ich spreche von Fortschritten in kleinen Schritten, die aber gibt es. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Bundeswehr und die Alliierten, und hier vor allem die Amerikaner, viel mehr draußen in der Fläche des Nordens präsent sind als früher. Sowohl in der Beratung, als auch im Kampf und im Aufbau sind wir stärker präsent als 2009 und 2010. Ferner kann ich erkennen, dass Afghanen in Führungspositionen – Kommandeure der Polizei und Armee – Verantwortung übernehmen. Nicht nur mitlaufen oder mitgezogen werden, sondern mit nach vorne gehen. Das dritte ist, dass sowohl wir, als auch die Afghanen versucht haben, auch in schwierigen Zeiten nicht überzureagieren. Nach dem Tod Rabbanis oder den Angriffen in Taloqan und auf die Unama in Mazar-i-Scharif gab es keinen Ruf nach Vergeltung von afghanischer Seite. Wir haben auch Ruhe bewahrt, haben uns aber auch nicht zurückgezogen. Wir sind weiterhin präsent geblieben.

Die Fortschritte scheinen eher punktuell zu sein. Es bleibt in einigen Regionen auch im Norden schwierig. Aufständische weichen aus, wenn Druck auf sie ausgeübt wird. Ist die Erwartung auf flächendeckende Beruhigung eine Illusion?

Die Fortschritte sind distrikt- und regionengebunden. Um ganz Nordafghanistan abzudecken, reicht die Stärke der Koalitionstruppen natürlich nicht aus. Mit dem Aufwuchs der afghanischen Sicherheitskräfte  haben die Afghanen in diesem Jahr damit begonnen, die Lücken, die wir haben, zu schließen. Daher sind wir gemeinsam mit den Afghanen nicht in der Lage, in den mehr als 100 Distrikten in den neun Provinzen des Nordens gleichzeitig das gleiche Maß an Leistung zu bringen. Diese Regionen nützt der Gegner, unserem Druck auszuweichen und sich dort festzusetzen. Wir wissen das. Ich bin mir aber sicher, dass die befriedeten Räume einen Ausstrahlungseffekt haben, wie Tintenkleckse, die sich ausbreiten. Deshalb dürfen wir dort nicht zu früh weggehen, damit der erzielte Fortschritt  kein Strohfeuer bleibt. Und wir zeigen der Bevölkerung: Wir bleiben bei euch, wir lassen euch nicht im Stich. Auch nach dem Kampf unterstützen wir mit Aufbauprogrammen, Aufbau der Armee, Beratung und Betreuung der örtlichen Bevölkerung. Mit dem Reintegrationsprogramm wird den Aufständischen angeboten, den Kampf zu beenden und ehrenhaft in die afghanische Zivilgesellschaft zurück zu kehren. Lehnen sie dies ab und führen weiterhin Angriffe und begehen Anschläge, bekämpfen wir die Aufständischen mit aller Konsequenz. Damit ist klar, dass unser Ziel nicht darin besteht alle Gegner gefangen zu nehmen oder zu töten. Vielmehr ist Aussöhnung oder wie es hier heißt Reconciliation, die richtige, weil nachhaltige Strategie. Auf unserer Ebene tragen wir durch Reintegrationsangebote für ehemalige Taliban dazu bei.

Im Frühjahr hieß es noch, dass die Bundeswehr auch im Westen ihres Zuständigkeitsbereiches tätig wird, in Faryab. Ist das nicht gekommen, weil die Operationen in der Provinz Baghlan schwieriger sind als erwartet?

In der Provinz Faryab haben wir zu Jahresbeginn ein sehr strammes Programm auferlegt bekommen. Die Koalitionskräfte sollten hier den Schutz für die Fertigstellung des letzten Teilstücks des Highway 1 übernehmen, einer Schnellstrasse, die ganz Afghanistan umrundet. Die zeitlichen Vorgaben für den Bau des Teilstücks waren durch eine afghanische Vertragsgestaltung getrieben, die durch die Afghanen aber nicht so schnell realisiert werden konnte. Zugleich müssen wir in den Provinzen Baghlan und Kundus immer noch Operationen durchführen, die unsere Kräfte weiter binden. Die Bedeutung der Forderung, Kräfte zu verlegen, hat deutlich abgenommen gegenüber der Erkenntnis, dass man nicht ohne Not Raum und Fortschritte preisgeben sollte.

Kommen diese punktuellen Fortschritte, weil Sie dort so stark auftreten, oder weil der Gegner einfach abwartet? Er kennt ja das politisch gesetzte Abzugsdatum 2014.

Die lokalen Führer der Aufständischen, mit denen wir es im Norden vor allem zu tun haben, sind teils in den Stammesstrukturen verwurzelt, teils Kriminelle. Denen traue ich einen solch strategischen Ansatz nicht zu. Sie müssen vielmehr sichtbare Macht und Gewalt ausüben, Präsenz zeigen und Gelder eintreiben, um sich zu beweisen und ihre Gefolgschaft zu sichern. Die Führung der Aufständischen im Ausland kann eher solchen Einfluss ausüben. Sie vergibt Geld und Weisungen. Denen traue ich es zu, über Jahresschritte hinauszudenken. Ich hoffe, dass man sich in Kabul um diese Leute kümmert und versucht, sie im Rahmen der Reconciliation an den Tisch zu bekommen oder auszuschalten.

In den Regionen im Süden und Südwesten Afghanistans gibt es zwanzigmal so viele Sicherheitsvorfälle wie im Norden, da relativieren sich auch die Fortschritte hier. Die Operation in Kandahar sollte längst Erfolge zeitigen, verläuft aber zäh. Wie beurteilen Sie die Lage insgesamt?

Ich kenne das nur als Beobachter. Richtig ist, dass der Norden durch die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, die Größe und die Lage der Region, eine strategische Bedeutung hat. Glücklicherweise spiegelt sich das nicht in der statistischen Anschlagshäufigkeit. Obwohl weder das persönliche Leid, noch die strategische Bedeutung der Region von einzelnen aufsehenerregenden Anschlägen, wie dem auf die Unama im Frühjahr diesen Jahres in Mazar-i-Sharif, durch eine Statistik ausgedrückt werden kann und auch nicht sollte. Wenn ich die anderen Regionen betrachte, höre ich vor allem zwei Sorgen, die der Kommandeur der Isaf und Präsident Karsai öffentlich geäußert haben und die ich teile. Das eine ist die Lage an der Grenze zu Pakistan. Dort gibt es Grenzverletzungen und viele Sicherheitsvorfälle. Das andere ist die Sicherheitslage in Kabul. Es gab in der  Hauptstadt in diesem Jahr zahlreiche Anschläge von großem Profil, zuletzt den schlimmen Anschlag auf den Isaf-Konvoi.

Was bedeutet der Tod von Rabbani, dessen Position als Vorsitzender des Friedensrats offenbar nur schwer besetzt werden kann?

Die Ermordung von Professor Rabbani hat in zweierlei Hinsicht Bedeutung für uns im Norden. Er kam aus der Provinz Badachschan. Dort war zu befürchten, dass die Bevölkerung ihre Bestürzung in gewalttätigen Demonstrationen artikuliert. Das ist aber nicht eingetreten. Die Begräbnisveranstaltungen sind friedlich verlaufen. Das zweite ist der Reintegrationsprozess. Rabbani betrieb zum einen die politische Aussöhnung zwischen den Konfliktparteien: – das betrifft Kabul. Er war aber auch für die lokale Wiedereingliederung von Aufständischen zuständig. Da sind wir im Regionalkommando Nord im Vergleich zum übrigen Afghanistan führend. Mehr als 2000 Menschen haben den bewaffneten Kampf beendet und das Programm jetzt schon in Anspruch genommen. Dafür war Rabbani der geistige Vater. Aber das Ministerium, das er dafür geschaffen hat, hat feine Verästelungen und viele lokale Mitarbeiter. Daher hat das Programm durch seinen Tod zwar geruckelt, wurde aber nicht angehalten. Wir können seitdem nicht erkennen, dass sich weniger Aufständische melden, die dem Kampf entsagen und in die Zivilgesellschaft zurück kehren wollen. Im Gegenteil. Ich hoffe, dass das Programm durch Kabul weiter gefahren wird.

Die Isaf operiert gezielt mit Spezialkräften, wir hören hier fast jede Nacht Hubschrauber herausgehen. Führer oder Spezialisten der Aufständischen werden gefangengenommen oder öfter noch getötet. Ist dieses Vorgehen wirklich hilfreich oder wird dadurch nicht eine immer jüngere, radikalere Führungsschicht herangezüchtet?

Spezialoperationen finden nahezu jede Nacht statt. Sie dienen dazu, klar identifizierte Planer und Anführer von Anschlägen und Angriffen gegen afghanische und internationale Zivilisten und Isaf-Soldaten so zu bekämpfen, dass von ihnen keine unmittelbare Gefahr mehr ausgeht. Dabei ist das Ziel nicht das Töten, sondern die Gefangennahme.

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Umgekehrt unternehmen die Aufständischen Angriffe auf „Hochwertziele“ vor allem in den afghanischen Sicherheitskräften und der Regierung. Wie groß ist die Schwächung durch diese Verluste, wie groß ist der terroristische Effekt?

Das ist ein perfides Spiel des Gegners: Er versucht einzelne, für die Zukunft Afghanistans wichtige Menschen  zu identifizieren  und zu töten oder einzuschüchtern und damit die weitere Entwicklung des Landes zu verhindern.   Strategisches Ziel dieses Gegners ist es auch, uns von den Afghanen zu trennen. Auch wenn man menschliche Verluste nicht mit Statistik aufwiegen kann: Das zeigt, dass es dem Gegner nicht darum geht, die Administration zahlenmäßig personell zu schwächen, sondern er will über einzelne spektakuläre Angriffe möglichst medienwirksam Terror verbreiten. Der Gegner möchte diejenigen, die jetzt gemeinsam an der Zukunft Afghanistans arbeiten, isolieren. Damit will er erreichen, dass wir nicht mehr zu unseren afghanischen  Partnern  gehen und sie nicht mehr zu uns kommen und dass die afghanischen Offiziellen den Kontakt zu ihrer Bevölkerung abbrechen. Diese Isolierung haben wir bisher nicht zugelassen. In keinen Fall sind wir zu einem Gouverneur nicht gegangen, hat ein PRT-Kommandeur eine Schura nicht durchgeführt. Was mir Sorge macht, ist die Verunsicherung bei den Persönlichkeiten in der Administration. Da ist nicht jeder stark oder gut vernetzt. Manche lassen sich dadurch in ihrer eigenen Arbeit verunsichern, wollen sich eher verstecken, gehen nicht raus. Den Kontakt von uns zu unseren afghanischen Partnern, den habe ich in der Hand. Aber den Kontakt unserer Partner zu ihrer Bevölkerung, den kann ich nur vermitteln.

Sie sind selbst bei einem solchen Angriff verwundet worden, bei dem Bombenanschlag in Taloqan. Hat man die Hintermänner bereits gefasst?

Die Ermittlungen haben ergeben, dass die Kräfte nicht ausschliesslich aus der Provinz Takhar kamen. Der Anschlag hat sich gegen den Polizeichef Nordafghanistans gerichtet, der auch getötet wurde. Die Fahndungen laufen.  

Wie lange werden Sie noch die Unterstützung durch amerikanische Kräfte im Norden haben, vor allem durch die Hubschrauber?

Die Amerikaner stellen Unterstützungskräfte und Unterstützungsmittel, über die wir Deutsche nicht oder nicht im ausreichenden Maße verfügen und die daher derzeit unersetzlich sind. Das sind zuvorderst die Rettungshubschrauber, die Angriffshubschrauber, Überwachungsmittel und Räummittel gegen Sprengfallen. Die sind für unseren Einsatz so wichtig, wie beispielsweise das Krankenhaus oder die Transportflugzeuge, die wir als Deutsche alleine für den Norden stellen. Die Amerikaner haben zugesagt, sie mindestens bis zum Herbst nächsten Jahres hier zu belassen. Der jetzt von den Amerikanern angekündigte Abzug von Bodentruppen bis zum Jahresende, betrifft vor allem die Polizeiunterstützungskräfte.

Auch die deutsche Politik wünscht sich eine Abzugsrendite. Welche Ihrer Kräfte sind überflüssig und können gehen?

Das deutsche Kontingent zählt derzeit rund 5000 Soldaten. Es wäre unredlich zu sagen, dass die bis zum allerletzten Mann und zur allerletzten Frau unabänderlich ausgeplant seien. Das gibt es in keiner Großorganisation. Drei Dinge gilt es zu bedenken. Das eine ist, was machen die Amerikaner. Da dürfen andere Veränderungen nicht unkoordiniert und im gleichen Raum stattfinden. Diese Abstimmung läuft gerade. Das zweite ist die Transition, die Übergabe der Verantwortung an die Afghanen. Hier erwarten wir in den nächsten Tagen und Wochen eine weitere Entscheidung des afghanischen Präsidenten. Im Norden hat die Bundeswehr mehrere Standorte. Sie deutlich auszudünnen oder ihre Aufgaben auszudehnen würde zu einer Gefährdung der Sicherheit führen. Aber man kann mittel- und langfristig einzelne Standorte an die Afghanen übergeben und so durchaus Kräfte freimachen. Drittens gebe ich aber zu bedenken, dass wir in manchen Regionen noch Defizite haben. Die können wir beseitigen, indem man aus dem einen Bereich Kräfte herausnimmt und in dem anderen reinvestiert. Beispielsweise sind noch nicht alle Kräfte der afghanischen Armee gepartnert. Und wenn die Amerikaner ihre Polizeiunterstützung reduzieren, gibt es auch hier Lücken.

Wie haben Sie die Aussage von Herrn Karsai aufgenommen, der sinngemäß erklärt hat, die letzten zehn Jahre hätten keinen Fortschritt gebracht?

Solche Äußerungen, afghanisch und auch international, die die bisherige und aktuelle Arbeit drastisch in Frage stellen, sind nicht hilfreich für uns. Sie sind schwer dem afghanischen Bürger und dem einzelnen Soldaten zu vermitteln, weil er nicht unbedingt erkennt, dass eine innenpolitische Botschaft damit verbunden ist. Ich habe versucht, das den Soldaten zu erklären. 

Wie soll es nach 2014 weitergehen? Es wird ja dann kaum alles an internationaler Militärpräsenz abgezogen. Wird es nur noch ein paar große, eingeigelte Basen wie Kandahar, Bagram, Kundus, Mazar-i-Scharif oder Schindad geben, von denen aus die afghanischen Regierungskräfte Unterstützung durch Aufklärung, Luftmacht und Spezialkräfte erhalten?

Zunächst ist die Präsenz der Koalitionstruppen abhängig von dem entsprechenden afghanischen Wunsch,  und von den politischen Entscheidungen der internationalen Staatenwelt. Aus heutiger Sicht wäre es danach wichtig, zwei Bereiche zu realisieren: Die weiterführende Beratung und Begleitung der Sicherheitskräfte durch Mentoren – weniger das Mentoring des Einzelschützen, sondern die Beratung und Begleitung der Führer und der Spezialisten. Spezialbereiche wie Aufklärung und Pionierwesen, – bei solchen Hochwertfähigkeiten könnte eine Beratung wichtig sein, wichtiger als bei taktischen Tätigkeiten oder bei der Infanterie. Und ich könnte mir vorstellen, dass die afghanische Armee und Polizei mit Fähigkeiten unterstützt werden, die sie selbst noch nicht haben: Luftunterstützung, Aufklärung, mobile wie stationäre medizinische Versorgung.

Und dafür würde es reichen, eine handvoll Basen als „Flugzeugträger“ zu betreiben?

Wenn man einen solchen Weg gehen wollte, sollte man die Nähe zu den Menschen, den Afghanen, nicht außer acht lassen. Mit Führungsberatung meine ich tatsächlich die Nähe zu den Verantwortlichen wie Polizeichefs und Armeekommandeuren; ich könnte mir das auch bei den Gouverneuren durch Verbindungskommandos gut vorstellen. Videokonferenzen aus dem Ausland oder aus Kabul reichen nicht. Trotzdem könnte dieses Konzept eine deutliche Reduzierung des Aufwandes bedeuten Wohlgemerkt, hier sprechen wir von einer langfristigen Vision für die internationale Präsenz jenseits von 2014.

Afghanische Militärs möchten von den Alliierten gerne Kampfjets, Panzer und Artillerie geliefert bekommen. Eine gute Idee?

Die afghanische Armee fordert schon seit langem dieses technische Gerät, das eher zur Verteidigung der Grenzen geeignet erscheint. Ich will das sehr vorsichtig beantworten. Hauptaufgabe ist erst einmal, die Armee aufzubauen, das Vertrauen der Bevölkerung noch weiter zu gewinnen und die Gegner im eigenen Land zur Rückkehr in die Zivilgesellschaft zu bewegen oder aber, falls notwendig, zu bekämpfen. Kampfpanzer, Flugzeuge und dergleichen muss man dagegen bewerten. Hier geht es um infanteristische, logistische Fähigkeiten, Pionierfähigkeiten, um Aufklärungsmöglichkeiten und um Mittel zur Beseitigung von Sprengfallen. Zu all dem, gleichzeitig noch eine hochmobile und hochtechnisierte Armee aufzubauen, wäre jetzt sicherlich eine Überforderung.

Bei den Afghanen kommen solche Argumente womöglich als paternalistisch an.

In den Planungen für die afghanische Armee ist für einige dieser Elemente bereits Vorsorge getroffen worden. Das müssen wir den afghanischen Führern vielleicht noch einmal verdeutlichen: Sie haben Geschütze, sie haben Mörser,  Hubschrauberfähigkeiten werden aufgebaut. Und Deutschland wird ab Februar nächsten Jahres ein Einsatzbataillon mit gepanzerten Fahrzeugen als mobile Reserve partnern, also unterstützen. Die Fahrzeuge sollen nach meinem Kenntnisstand amerikanische Modelle mit einer Waffenstation sein, vergleichbar mit unserem Dingo. Man hat vor vielen Jahren entschieden, dass man erst die Infanteriekräfte aufbaut, dann die Logistik und erst am Ende die technisch hochwertigen Fähigkeiten für den mobilen Kampf gegen andere hochmobile Kräfte. Wir sind jetzt sozusagen beim Übergang von den Fähigkeiten des Infanteristen zu den Hochwertfähigkeiten in den afghanischen Sicherheitskräften.

Wie stark ist das 209. Korps?

Wir liegen bei ca. 80 Prozent quantitativ. Drei Brigaden, in Kundus, Mazar-e-Sharif und Faryab werden durch weitere Kräfte ergänzt. Die Fähigkeit zur Minenabwehr wird gerade aufgebaut, dazu beispielsweise die Fähigkeit einer Militärpolizei. Ein Logistikbataillon befindet sich in der Ausbildung durch deutsche Kräfte in Kabul.

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Wann können die Afghanen die Raumverantwortung und die Sicherheitsverantwortung übernehmen?

Von der Führungsleistung her sind viele Kommandeure zunehmend in der Lage, das eigenverantwortlich zu machen. Ihnen fehlen hier und dort noch ausreichende Kräfte und Techniken und Verfahren, um sie mit Erfolg gegen den Gegner einzusetzen. Die Afghanen sollten am Erfolg lernen, nicht am Misserfolg. Erstens versuchen wir dazu  in laufenden Operationen regelmäßig die Führung an die afghanischen Sicherheitskräfte zu übergeben oder sie zumindest stark einzubinden.  Zweitens erfolgt die Übergabe der dauerhaften Raumverantwortung. Da sie dafür nicht in allen Bereichen richtig aufgestellt sind, weil ihnen Logistik und Führungsfähigkeiten fehlen, bietet sich hier die stufenweise Übergabe im Rahmen der Transition an. Begonnen hat das schon.

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(Stephan Löwenstein und Christoph Grabenheinrich vom Saarländischen Rundfunk führten gemeinsam das Gespräch mit General Kneip. Fotos: löw.)